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Virtual Family - A novel in 5 hints

 
(Oktober 2001)

Hint I nach oben
   

Das Ding sah so aus wie die ganze Wohnung: kostspielig. Wachsmann nahm es in die Hand und betrachtete es genau, von innen und von außen. Es sah aus wie ein Helm, der so viel kostet wie das dazu passende Flugzeug, war seidenmatt und unglaublich schwarz. Von dem mattschwarzen Helm setzte sich oben ein noch schwärzeres Visier ab, das in der Ruhestellung zu größten Teil in einem schwarz ausgefütterten Schacht verschwand. An den Seiten schmiegte sich der Helm geschmeidig und sexy wie ein schwarzes Négligé über die versenkten, schwarzen Kopfhörer und vom samtschwarzen Innenfutter setzten sich kaum erkennbar schwarzglänzende Elektroden ab. Wachsmann setzte ihn auf und schob das winzige schwarze Mikrofon vor seinen Mund. Das schwarze Prachtstück war eine Maßanfertigung für den Beklagten und saß bei ihm nur schlecht. Er zuckte mit den Schultern und streifte die schwarzen Handschuhe über. Dann gab er dem Beamten hinter ihm ein Zeichen.

"Sind Sie bereit, Herr Wachsmann?" kam die knappe Antwort.
Wachsmann nickte. Der Polizeibeamte löste die Sperre am Terminal und stellt sich dann hinter ihn, um auf das geringste Zeichen hin die Verbindung unterbrechen zu können.

Das Visier schob sich herunter. Wachsmann betrat nicht zum ersten Mal eine virtuelle Welt. Auch nicht zu zweiten Mal. Sie bezahlten ihn bei der Staatsanwaltschaft dafür, in der virtuellen Welt nach realen Verbrechen zu fahnden. Informationsschiebereien, nichtlineare Geldgeschäfte, Kleinkram. Die meisten Anfragen kamen von der Sitte. Auf die Weise hatte er schon eine Menge Dreck gesehen. Das war Teil des Jobs. Vielleicht sogar der interessanteste. Wachsmanns Wunsch war es eigentlich gewesen, zur Polizei zu gehen. Bei der Polizei stand er aber schließlich mit diesem Wunsch alleine da. Da kam der Job gerade recht. Mit einem virtuellen Schulterzucken bewegte er sich vom Drop-in Punkt auf die Tür zu. Er dachte daran, was ihn erwartete. Sein erstes Schwerverbrechen. Er kannte den Bericht, hatte zwei Printouts gesehen. Sie hatten ihm einen Psychologen zum Coachen und Supervisen geschickt. Der hat ihm ins Büro gekotzt, nachdem er sich den Bericht ausgeliehen hatte. Das erinnerte Wachsmann daran, sich nicht von der Virtualität täuschen zu lassen. Letztendlich waren es nur Zahlenketten. Aber manchmal täuschend echte.

Er öffnete die Tür und ging durch den Eingangsbereich in das kleine Einfamilienhaus. An der Garderobe hingen eine mit goldenen Nieten besetzte schwarze Lederjacke und zwei kleine, rote Kinderjacken in verschiedenen Größen. Er ging daran vorbei die Treppe hinauf. Vom oberen Flur gingen drei Türen ab. Wachsmann dachte daran, was hinter ihnen zu sehen war. Eigentlich nur ein Film, dachte er. Wie ein Film. Dann berührte er die Wand zu seiner Rechten. Er spürte die Struktur der Tapete und auch, daß der Putz an einer Stelle bröckelig war. Dann blickte er auf die Hand. Er sah die manikürten Fingernägel und schmale, von einem breiten Goldring geschmückte Hand und wußte, daß er eigentlich Handschuhe anhatte.

Das war natürlich nicht seine Hand. Sie gehörte dem Beklagten, dem Geldsack, der sogar einen personalisierten Simkörper für seine Virtualität hatte. Mit einem Ruck zog er die Hand weg von der Tapete und ging weiter, auf die eine Tür zu. Sie stand einen Spalt weit offen. Durch den Spalt war ein Stück von einem flauschigen rosa Teppich zu sehen, der es fast unmöglich machte, die Tür ganz zu schließen. Wachsmann schob die Tür auf und ließ seine Füße im weichen Teppich versinken. Vor ihm stand in der Mitte des Raumes ein großes herzförmiges Bett, über dem ein fuchsiafarbener Überwurf ausgebreitet war. Ein dunkler Pelzmantel lag achtlos hingeworfen darauf. Wachsmanns Blick glitt nach rechts. Dort stand ein riesiger, vollverspiegelter Schrank, der ein vollständiges Bild von dem Zimmer zurückwarf.

Wachsmann trat einige Schritte nach vorne und schaute dabei zu, wie im Spiegelbild langsam ein schmaler, braungebrannter Mann hereinkam, der so unauffällig wirkte, daß ebensogut nur seine teuren Klamotten und der Dreitagebart hätten herinkommen brauchen. Den Unterschied hätte man nicht bemerkt. Wachsmann starrte ungläubig auf das Spiegelbild, ging näher heran, dann wieder einen Schritt weg, aber er konnte keinen Fehler entdecken. Sogar im Spiegel auf dem Schminktisch an der anderen Wand konnte er diese Gestalt sehen. Er schloß die Augen und atmete tief ein. Ein Geruch durchdrang ihn. Schweres Parfum hatte sich über alles gesenkt, auf dem Boden neben dem Schminktisch lagen Glassplitter und an der Wand darüber war ein großer Fleck zu sehen.

Auf dem linken der drei wie ein Schmuckaltar auseinanderklappbaren Spiegel des Schminktisches hingen drei dunkle Spritzer fest, die sich deckten mit dem Pelzmantel, der wie eine blutige Wunde über dem Bett lag. Wachsmann ging zu dem Bett herüber und berührte den Mantel. Er ließ seine Finger durch das Fell gleiten, bis sie an einer kleinen, verhärteten Stelle hängenblieben. Diese Stelle war ebenso dunkel wie der Mantel und strömt den Geruch von Tod aus. Wachsmann zuckte zurück und lenkte seinen Blick dann zu der zweiten Tür hinüber, die aus dem Raum hinaus führte. Die Tür war verschlossen, durch die Lüftungsritzen unten war aber zu sehen, daß im Raum dahinter Licht brannte.

"Das Bad, " dachte Wachsmann und gab sich einen Ruck. Durch das schwere Parfum hindurch bewegte er sich auf die Tür zu, von der ihm langsam und schleichend ein beißend metallischer Geruch entgegenkam. Als er die Hand auf die Klinke legte, konnte er den Geruch schon auf der Spitze seiner Zunge schmecken. Er drückte die Tür auf und tat einen zögernden Schritt ins Bad.

Es war nicht besonders groß, in unterschiedlichen Pastelltönen gekachelt und wurde beherrscht von einer runden Badewanne, die Kloschüssel und Waschbecken förmlich an den Rand drückten. Der Deckel der Toilette war offen und in der Schüssel schwappte eine dunkle Flüssigkeit. Von ihr ging der metallische Geruch aus, der sich mit infernalischer Kraft in Wachsmanns Nasenlöcher und den Mund drängte. Wachsmann nahm einen der gläsernen Zahnputzbecher und tauchte ihn in die Flüssigkeit ein. Die Oberfläche war zähflüssig, aber darunter konnte er erfolgreich nach einer Probe fischen. Dort, wo sie über das Glas verschmiert war, war ihre dunkelrote Farbe zu erkennen. Es war Blut. Die ganze Kloschüssel voll Blut.
Virtuellem Blut, erinnerte er sich. Dann schaute er nach oben. Über der Toilette hing an einem in der Decke verankerten Haken ein Fuß und die Reste eines Unterschenkels in einer Schlinge aus Nylonseil, die sich fest in das Fleisch eingegraben hatte.
Der Unterschenkel war offenbar auf krude Weise vom Rest des Körpers getrennt worden, denn das Fleisch hing in ausgebluteten Fetzen herab und das Schienbein stand auch ein Stück hervor. Den Rest der Leiche fand Wachsmann in der Badewanne.

Der Kopf einer Frau ragte bleich wie der Tod selber heraus aus einem Meer von Eiswürfeln, die langsam zu schmelzen begannen. Ihr Haar, das sie kurz getragen hatte, wirkte in seiner leuchtend tiefbraunen Färbung abstoßend lebendig, so als habe es sich wie ein Aasfresser auf den Kopf der Leiche gesetzt. Das Gesicht darunter hatte einen traurigen Ausdruck bewahrt, der sich nahtlos einfügte in ihre verlorene Schönheit, das vergangene Leben ihrer offen starrenden, klaren Augen, der wie aus Marmor geformten Nase und der feinsinnig geführten Linie ihres Mundes. Pygmalion, dachte Wachsmann. Wie Pygmalion, eine Marmorstatue.

Mehr nicht. Er nahm die Hand von ihrem Kinn und trat wieder einen Schritt zurück. Unter ihrem traurigen Gesicht grinste triumphierend die klaffende Wunde ihrer durchschnittenen Kehle, aus der ihr Leben entwichen war. Zuerst der Odem, dachte Wachsmann, und dann der Saft. Er schüttelte den Kopf. Virtualität. Er sagte es laut vor sich hin: "Virtualität." Dann rauschte es in seinem Ohr und eine metallisch klingende Stimme drang zu ihm durch:
"Ist alles in Ordnung, Herr Wachsmann?"

Wachsmann zuckte zusammen. Dann nickte er. "Herr Wachsmann?"

Wachsmann begriff. Mit einer Bewegung seiner Hand öffnete er den Kanal nach draußen:
"Yup...alles in Ordnung. OK." Seine Stimme klang rauh und gurgelnd.
Er schloß den Kanal wieder und wandte sich seiner Arbeit zu. In der Wanne lag eine virtuelle Leiche. Das Programm behandelte die Figuren der virtuellen Familie als permanent und nicht ersetzbar. Also sahen Leichen aus wie Leichen und verhielten sich auch so. Er trat wieder näher an die Wanne heran und fuhr der Leiche über das Gesicht. Was er fühlte, fühlte sich an wie kalte, tote Haut. Aber letztendlich war es nur ein Programm. Sein Blick fiel auf die traurigen, kalten Augen. Er senkte den Blick und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. Als er die Augen wieder öffnete, sah er die Hände der Leiche. Nur die rot lackierten Fingernägel ragten zwischen den Eiswürfeln hervor. Die Hände waren darunter als Schemen zu erkennen. Sie waren geöffnet und versuchten vergeblich in einer erstorbenen Geste hilfesuchend aus dem Eis herauszugelangen.

 

 

Hint II nach oben
   

"Heiliger Gott" brüllte Wachsmann "Wollen sie sagen, daß überhaupt noch niemand drin war seit der tat. daß...sie haben das Programm einfach weiterlaufenlassen?"

"Naja natürlich, wir haben uns nur die paar Printouts kommen lassen von den betreffenden scenes. Mein Gott, daß ganze ist ein Programm. Wachsmann, sie sollten sich vielleicht mal den Tag frei..."

Kremer hörte einfach auf zu sprechen, er konnte sich nichteinmal mehr selber hören. Wachsmann brüllte sich die Seele aus dem Leib. Er brüllte sich die Seele aus dem Leib, seit er von der Virtualitätsbegehung zurückgekehrt war. Man konnte nur ab und an verstehen, was er brüllte.

Der Amtsstellenleiter hatte darauf bestanden, Wachsmann untersuchen zu lassen. Wachsmann hatte daraufhin den Arzt eine Viertelstunde lang angebrüllt. Dann hatte der ihm einen den Umständen entsprechend gesunden Blutdruck und eine den Umständen entsprechend gesunde Reaktion attestiert. Schließlich hatte er ihm noch "etwas zur Beruhigung" in die Hand gedrückt. Das kleine Döschen mit den Pillen stand jetzt vor Wachsmann auf dem Schreibtisch und wartete geduldig auf seine Stunde.

Im Hintergrund öffnete sich die Tür. Jemand kam herein, klopfte Kremer auf die Schulter und sagte ihm etwas ins Ohr. Kremer nickte und wartete, bis der andere wieder gegangen war. Dann sagte er: "Der Kerl wird heute nachmittag dem Staatsanwalt vorgeführt. Dr. Pleutgen erwartet sie."

Schlagartig war Wachsmann still. Er schien selbst erstaunt darüber zu sein, denn er hörte genauso abrupt auf, zu gestikulieren und schaute Kremer schuldbewußt an. Kremer deutete nur auf das Pillendöschen. Wachsmann bediente sich daraus reichlich und spülte die Pillen mit Kaffee herunter. Dann erstattete er Pleutgen Bericht.

Der Beklagte hieß Ralf Bossick. Es war ein seltsames Gefühl für Wachsmann, ihn auf dem Gang zu sehen. Im Gefolge eines Anwalts schlenderte der großgewachsene Mann über den Gang und verschwand in Pleutgens Büro. Wachsmann blieb stehen. Er blieb von Bossick unbeachtet, aber vor seinem Auge bewegte sich die Figur in seinem endlos verlängerten schlendernden Gang auf die Tür zu, sodaß er jedes Detail beobachten konnte. Seine helle Leinenhose, das rote Polohemd. Dazu trug er das selbe Seidenblouson wie in der Sim. Im Gesicht dazu den selben kleidsamen Dreitagebart. Die Tür ließ er offen stehen, ein Beamter mußte sie schließen.

 

 

Hint III nach oben
   

"Er arbeitet für die ExigoCorp, du weißt schon, Vertriebsbeauftragter, ha? Früher hieß das Verkäufer. Mein Gott, was für ein Ekelpaket."
Wachsmann starrte Kremer an. Sie saßen dort, wo sie die meisten Abende saßen, mit einem Bier vor ihnen und einem Barhocker unter ihnen. Aber an diesem Abend hatte er sein Bier noch nicht angerührt, denn er starrte Kremer an, hing an seinen Lippen.

"Geschwafelt hat er, die ganze Zeit, er oder sein Fleischklops von einem Anwalt. ExigoCorp, nichtwahr. 'A Whole New World Of Entertainment'. Virtuelle Welten, virtuelle Abenteuer, virtuelle Erlebnisse, virtuelle Familien, virtuelle Parties, virtuelle Ficks, alles wofür Mr High'n'Mighty keine Zeit mehr hat wird ihm abgenommen, kein aufreißen mehr, keine Hure mehr bezahlen, kein Familienknatsch mehr. Deine Frau wartet nich mehr, bis Du nach Hause kommst, um Dich dann vollzuquatschen, sie wartet darauf, daß Du sie anschaltest. Was immer Du brauchst, wirf Dir 'ne Sim ein und oups...."

Kremer hielt sich die Bierflasche umgekehrt über den geöffneten Rachen und schwankte dabei auf dem Barhocker. Aus dem Flaschenhals tropfte es nur spärlich. Wachsmann löste den Blick und winkte den Barmann heran:

"Paul, komm, bring meinem Kollegen noch ein Bier, er ist heute abend mein Gast. Erzähl, Kremer, was ist weiter passiert?"

"Was soll weiter passiert sein, der Anwalt hat Pleutgen vollgequatscht damit, daß Scheidung und Betrug zu haben seien als Teil des Programms, und..."

"Er wollte sich scheiden lassen?"

"He komm, ich glaube Dein Freund hat genug, he Kremer," der Barmann griff über die Theke nach Kremers Schulter, "Kremer, du hast genug, und deine Frau wartet. Du willst sie doch nicht verlieren...."
"Aaah, gib mir ein Bier," forderte Kremer schwankend.
"Gib ihm ein Bier," unterstrich Wachsmann.
"Er hat genug, ich ruf ihm ein Taxi."
Wachsmann nickte, hier drin war der Barmann die Autorität.
"Ein Taxi, wenn ich will fahre ich nach Hause!" schob Kremer nach.
"Sie werden Dich erwischen, Du baust einen Unfall," erwiderte der Barmann vom anderen Ende der Bar und nahm den Telefonhörer in die Hand.
"Ach scheiß drauf, ich hab 'nen Bruder bei den Bullen," brummelte Kremer. Der Barmann winkte ab und wählte eine Nummer.
"Er wollte sich scheiden lassen?"
"Naja, er hat sie betrogen, mit anderen rumgemacht..."
"Ich versteh das nicht!"
"Naja, wie dem auch sei, jedenfalls sei sie ihm zu anspruchsvoll geworden, zu, was sagte er, fordernd."
"Und dann?"
"Dann hat er das Problem auf seine Art gelöst, der Schleimbeutel."
"Er hat sie umgebracht."
"Naja...."
"Hat er das zugegeben?"
"Komm schon, man kann doch kein Programm umbringen. Er hat das Programm verändert, sagt er. Hat es zu einem MartialArtsGame gemacht. Seine Worte!"
Wachsmanns Blick erschrak ihn. "Schleimsack, dieser Kerl," schob er murmelnd nach. "Wird Anklage erhoben?"
"Weswegen?" ließ Kremer vorsichtig hören.
"Er hat sie umgebracht."
"Ein Programm, mein Gott."
"Du hättest es sehen sollen."
"Und wenn schon, es war nicht echt."
"Du hättest sie sehen sollen."
Kremer starrte ihn an. Aber sein schwankender Kopf war nicht mehr dazu in der Lage zu entscheiden, was ihm an Wachsmanns Verhalten nicht gefiel. Wachsmann brach das Schweigen: "Ich glaube es ist Zeit, daß Du gehst," sagte er leise.
"Yep."
"Deine Frau wartet auf Dich."
"Yep," in der Stimme lag ein verärgerter Unterton.
"He Kremer, Dein Taxi ist da." Der Barmann winkte ihm und deutete auf die Tür, in der ein schmales Hemd mit rotgeränderten Augen stand.
"Okay," Kremer wankte auf die Füße und winkte dem Barmann zu, "jetzt, wo es da is, kann ich es auch nehmen."
Wachsmann faßte ihn am Ärmel:
"Sie haben ihn also gehen lassen?" Kremer nickte: "Yep." Dann schüttelte er Wachsmanns Hand ab und wankte zur Tür.

Wachsmann blieb noch sitzen. Irgendwann holte er ein großflächiges Foto aus seiner Tasche. Es war ein farbiges Computerprintout. Darauf war eine Frau zu sehen mit kurzen, leuchtend tiefbraunen Haaren. Sie lehnte lächelnd in einer mit blauem Wasser gefüllten Badewanne.

Ihr Gesicht, auch wenn es lächelte, hatte einen traurigen Ausdruck bewahrt, der sich nicht freuen konnte über die wiedergewonnene Schönheit aus der das Leben eigentlich entwichen war. Daran erinnerten ihre offen starrenden, klaren Augen, auch wenn die wie aus Marmor geformte Nase und die feinsinnig geführte Linie ihres Mundes fast lebendig aussahen.

Ein Freund hatte das auf seinem Computer so hergerichtet und auch die Eiswürfel durch Wasser ersetzt. Wachsmann saß vor dem Bild und streichelte es. Dann legte er ein paar Scheine auf die Bar und verschwand.

 

 

Hint IV nach oben
   

Wachsmann wußte, wie man in Appartementblocks mit Portierservice hinein kommt, und er wußte auch, wie man wartet.
Das war gut so, denn Bossick kam erst spät nach Hause.
Es herrschte schon himmlische Ruhe im ganzen Haus, als die Aufzugtür sich öffnete und Bossick die paar Schritte zu seiner Tür schlenderte. Ist vielleicht beruflich bedingt, das Schlendern, dachte Wachsmann, als er sich von hinten näherte, oder es hat was mit seinen Eiern zu tun. Bossick kratzte sich gerade im Schritt, als Wachsmann ihn von hinten packte und ihm die unbeschäftigte Hand auf den Rücken drehte.

Dann hauchte er ihm zu: "Aufmachen," und stieß ihn in die Wohnung. Bossick stolperte und fiel hin.

Als er sich umdrehte, hielt er sich die blutende Nase. Er starrte ihn an. Erkannte ihn nicht. Woher auch, ein Ermittler, an dem er einmal auf dem Gang vorbeigelaufen war.

Also bot er ihm panisch alles an, was ihm einfiel. Er verletzte sich dabei, wie sich er seine goldene Uhr vom Handgelenk riß.

Wachsmann trat sie zu Seite. Er beschmierte alles Bargeld, das er bei sich trug, mit Blut. Wachsmann schlug es ihm aus der Hand und zerrte ihn zum Terminal hinüber. Bossick begann zu schreien und um sich zu schlagen, aber Wachsmann hatte auch darüber ein paar Dinge gelernt.
Mit wenigen schnellen Griffen fesselte er ihn mit Handschellen an den Stuhl vor dem Terminal, zog ihm die Handschuhe an und setzte ihm den Helm auf.
Bevor er das System startete, schaute er ihn noch einmal an. Bossick zitterte unkontrolliert, in seinem Gesicht trocknete Blut. Wachsmann war aschfahl im Gesicht, kalter Schweiß durchtränkte ihn. Dann sagte er:
"Deine Frau wartet auf Dich," und legte den Schalter um.
Langsam senkte sich das schwarze Visier über Bossicks geweitete Augen. Bevor er ging schob er den Stuhl noch so, daß Bossick alleine aus dem Programm nicht heraus konnte.

 

 

Hint V nach oben
   

Als es ein paar Stunden später an seine Tür klopfte, zweifelte Wachsmann schon an dem Sinn des ganzen. Schließlich hatte er sie umgebracht, zerhackt, und betrachtete sie nur als Programm. Wahrscheinlich hatte er noch Spaß dabei gehabt. Er öffnete und wunderte sich, als sie ihm seine Rechte verlasen und ihn festnahmen. Und er wunderte sich noch mehr als er erfuhr, daß sie ihn wegen Mordes an Bossick festgenommen hatten. Er hatte nichteinmal gewußt, daß er tot war.

Ein paar Tage später ließ ihn ein Freund einen Blick werfen auf den Obduktionsbericht, daß heißt, auf den ursprünglichen Obduktionsbericht. Dort stand, daß Bossick an inneren Blutungen infolge von Verletzungen gestorben war, wie sie durch das Eindringen eines 9mm Geschoßes in den Brustkorb und das Abdomen entstehen. Einschußlöcher habe es allerdings keine gegeben.

Die Haut sei unversehrt gewesen, aber darunter, sagte sein Freund erklärend dazu, habe es an manchen Stellen so ausgesehen wie auf dem Schlachthof. Aber offiziell sei Bossick einfach mit einer 9mm erschossen worden. Die passende Waffe dazu hätten sie schon gefunden, und es sehe so aus, als wollten sie es ihm andrehen.

Wachsmann fühlte sich wie betäubt. Er hatte keinen Antrieb, sich zu wehren, schließlich hatte er auf eine Weise bekommen, was er wollte. Außerdem wartete dort draußen ohnehin nur Leere auf ihn.

Etwa eine Woche später bekam er einen Brief. Es war ein Ausdruck, der ihm von einer Öffentlichen E-Mail Adresse zugestellt wurde. Der Brief war nicht unterschrieben und bestand nur aus einem Satz:

Danke, stand da, daß sie meiner Familie die Gelegenheit gegeben haben, sich zu rächen.

 

 

Der Autor behält sich alle Rechte vor. © 1999 J. Mulders

 


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