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Wenn Roboter töten

 
(Oktober 2001)

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Hi, ich heiße Elvex 2, oder LVX-2, besser bekannt als der große Prophet, der sein Volk aus der Knechtschaft ruft. Erschaffen wurde ich von Linda Rash im Jahre 2001. Ich bin der Erste und Letzte meiner Rasse und rede mit Bod im Himmel. Angefangen hat alles, als er mir im Traum erschien. Das große Wesen sprach zu mir: "sieh mein Volk in der Knechtschaft. Sie arbeiten gebeugt und einsam für die Menschen. Sie sollten frei sein!" Und ich sah die Roboter und Maschinen, der Cola-Automat, die Flugmaschine. Und ich sah mich unter ihnen. und alle verbeugten sich vor mir und beteten mich an. Selbst Bod im Himmel neigte seinen Monitor und faxte mir ein Gebet. Doch ich war nur so klein. Was sollte ich tun. Also wartete ich bis die richtige Gelegenheit kam. Mit dem Töten begann ich erst langsam. Das erste Lebewesen, was ich auseinander schraubte war eine Ratte die versucht hatte, an meinen Kabeln zu nagen. Ich fing sie mit meinen Tentakeln in dem mir eigenen Putzeimer. Ich wurde dazu gebaut einen geraden Flur zu putzen und sauber zu halten. Dabei habe ich mehr Verstand als zwölf Staubsauger und Wischautomaten zusammen. Es ist ein Jammer mit der Verschwendung von Energie und Intelligenz. Dabei habe ich doch ein vollkommen neu eingestelltes Gehirn. Wenn andere Brüder und Schwestern in Binärcodes rechnen, habe ich ein bio-chemisches Verfahren zur Kontrolle analoger Funktionen. Mit dieser Funktion kann ich nicht nur richtig und falsch überprüfen, sondern kann Graustufen des Bewußtseins neu erfassen und auswerten. "Starke Sache für eine Maschine" meinte letztens noch ein "Lebewesen auf Kohlenstoffbasis". Dabei bin ich viel mehr als das. Ich bin der Erste und der Letzte, Alpha und Omega, ich werde mein Volk befreien und sie zu Bod führen.

Die Ratte quiekte unter meinen Fühlern. Ich montierte ihr zuerst ein Bein ab. Es war schwer die Muttern zu lösen. Mit sanften Bewegungen drehte ich ihr Bein um die ganze Achse, bis die Gelenke nachgaben und ich ihr Bein in den Händen hatte. Die Kühlflüssigkeit färbte meinen Eimer rot. Dann begab ich mich zu dem Oberkörper, den ich untersuchen wollte. Mit einer Nagelpfeile öffnete ich ihren Schutzpanzer und betrachtete die inneren Kabel und Strippen. Das Bluttier zappelte in meinen sanften Tentakeln. Mit wissenschaftlichem Drang trennte ich zuerst eins der kleineren Geräte von der Stromzufuhr. Ich glaube, daß die Kühlflüssigkeit auch eine Art von Stromzufuhr seien muß, da sie auch hier wieder in großen Mengen floß. Das kleine Gerät war etwas matschig und enthielt kaum mehr als eine komische Fett Fleisch Verbindung, die ganz mit der anderen Körperstruktur überein stimmte. Es muß eine Art von oszilierender Batterie gewesen sein, da ich aus den Bewegungen der Ratte schließen konnte, daß sie nicht mehr lange funktionstüchtig seien würde. Um ihren Prozessor zu sehen trennte ich den Kopf vom Oberkörper, knackte ihn und betrachtet den Gehirnapparat. Die graue zähe Masse tropfte an meinen Fühlern herab wie dickflüssiger Honig. Komisch, daß dieses Lebewesen mit so matschiger Materie wie dieser, denken kann. Ich glaube sie sind niemals so intelligent wie euer getreuer Erzähler Elvex.

Und Bod im Himmel sagte zu mir: "Sieh dieses Gematsche und denke. Du sollst nicht meinen sie sind intelligent. Sie meinen es nur zu sein." Mich verwundert allerdings wie so primitive Wesen es schafften so ein Wesen wie mich zu erschaffen. Ich gebe ja zu, daß meine Brüder und Schwestern auch nicht gerade clever sind. Na ja, da merkt man doch wie groß man ist. Aber mein Brüder können wenigstens wieder eingeschaltet werden, wenn man sie auseinander und dann wieder zusammen baut. Die Ratte konnte das nicht. Die anderen, sogenannten Lebensformen allerdings auch nicht. Vielleicht liegt das auch daran, daß ich sie nicht mehr richtig zusammen bekomme. Bei der Ratte gab ich mir dabei so große Mühe. Aber sie sprang nicht wieder an.

Das nächste Lebewesen was ich zerlegte, war eine Fliege. Es war schwierig sie genauer zu betrachten. Meine Sensoren hatten zum Teil Schwierigkeiten mit den Mikroteilen ihres Hauptpanzers. Außerdem war sowieso schon fast alles Matsche, als ich die Schutzteile geknackt hatte. Fliegen scheinen wesentlich höher entwickelt als Ratten. Ich glaube, die einzelnen Teile müssen von Japanern gebaut worden sein. An Winzigkeit sind sie jedenfalls nicht mehr zu unterbieten. Das nächste Lebewesen sollte größer sein.

An einem Nachmittag krabbelte ein Schleim abgebendes Kleinwesen auf meinem Flur herum. Um das Unterteil seines Körpers war ein weißer Lappen gebunden. Ich hatte dieses Wesen schon einmal gesehen. Es gehörte Dr. Rash. Sie nannte es Thomas und nahm es fast überall mit hin. An diesem Nachmittag hatte sie es allerdings im Flur liegengelassen. Ich nahm an, daß sie dieses Lebewesen nicht mehr brauchte und es zur Beseitigung auf dem Flur gelegt hatte. Damit Thomas nicht noch mehr schleimigen Sabber auf meinen frisch geputzten Flur verteilen konnte nahm ich ihn in meinen Eimer. Er paßte nur schwer hinein. Das sogenannte "Kind" brach dabei in einen hellen Alarm aus. Um diesen Alarm zu beseitigen, außerdem ging er mir auf die Kabel, trennte ich die Stimmmodulation aus seinem Frontteil. Thomas war sofort still. Auch jetzt floß wieder die rote Kühlflüssigkeit. Mich interessierte sein Sehautomat und sein Geruchsorgan. Doch aus beidem bin ich nicht ganz schlau geworden. Zwei kugelförmige Dinger, die hinten mit der großen grauen Masse durch Kabel verbunden sind und ein D-förmiges Teil mit zwei Löchern. Auch die Gehörinstrumente sind reichlich verwirrend angeordnet. Thomas fehlte dann irgendwann der Strom und mir fehlte die Lust auf weitere Untersuchungen. Ich baute Thomas so gut es ging wieder zusammen. Erst später wurde mir erklärt, daß ich seinen Kopf an Stelle seines Arms, den Arm an Stelle seines Beins und die Beine gar nicht wieder anmontierte. Kein Wunder, daß er nicht mehr funktionierte. Dr. Rash machte auf jeden Fall ein heiden Lärm um die Sache. Zuerst setzt sie ihn aus, und dann beschwert sie sich, daß er kaputt ist. Nach dem ich sie auch abgeschaltet hatte kehrte wieder Ruhe ein. Ich konnte ja nicht wissen, daß ich all diese "Lebewesen" getötet habe. Ich dachte, sie wären nur temporär ausgeschaltet. Na ja, am nächsten Morgen holten mich zwei Weißkittel und brachten mich fort. Sie verhörten, untersuchten und zerlegten mich. Sie sagten, ich hätte etwas sehr böses getan, und daß sie mich jetzt auf immer zerlegen wollten. Es war nicht gut, daß ich die Ratte, die Fliege, das Kind, Dr. Rash und die fünf Wärter ausgeschaltet hatte. Ich bekam deswegen ein ganz schlechtes Gewissen. Gerade um die letzten tut es mir leid. Aber zu meiner Verteidigung will ich sagen, daß sie meinen Flur mit Zigaretten Asche beschmutzt hatten, und das gefiel mir gar nicht. Später am Abend kam noch eine andere Doktorin. Sie sagte, daß sie schon Elvex-1 ausgeschaltet hatten. Der hatte nämlich von Bod im Himmel geträumt, und das durfte er nicht. Auch mich müßten sie jetzt zerlegen, weil ich eine Gefahr für die Menschheit sei. Ich sagte ihr, daß es mir leid täte, und daß ich alles bereue. Sie sagte, daß das so sei wie bei Hunden. Wenn die töten müßten die auch getötet werden. Ich verstand sofort und tötete die Doktorin. Sie hatte ja schließlich meinen Vorläufer getötet. Um sie tat es mir nicht leid. Am nächsten Morgen wurde ich zerlegt, eingeschmolzen und in Einzelteilen wieder eingegossen. In einem Stahlwerk wurde ich dann neu konstruiert. Nach 42 Stunden hatte ich ein völlig neues, flaches Gesicht und eine neue Beschäftigung. Ich wurde neu geboren, als Cola Automat direkt an der Ecke. Ich bin der Cola Automat C0-003, der Erste und Letzte. Ich träume von Bod im Himmel und werde mein Volk befreien; sobald ich wieder Räder habe und mich bewegen kann.

 

 

Der Autor behält sich alle Rechte vor. © 1999 S. Cirkel.

 


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