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Indernet und Vater Staats Fünfjahresplan

"wie wir waren" von Constantin Gillies, Teil 5: Mehr Subventionen bitte!

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(Oktober 2004)


Aufbruchstimmung, alles ist möglich und nur der einfache, schnelle Weg! Die Dotcom-Boomjahre waren zu Beginn unabhängig und euphorisch. Bis der Staat kam und "helfen" wollte. Die Folgen beschreibt Constantin Gillies in seinem Buch „wie wir waren. die wilden Jahre der web-generation“:

Irgendwann merkte auch Vater Staat, was die forsche Jugend da unter seinen Fittichen anstellte. Kapiert hatte die Politik, wie wir später sehen werden, im Grunde genommen nichts. Doch irgendwie wollte man auch dabei sein. Also beschloss die öffentliche Hand, den Gründern unter die Arme zu greifen – meist allerdings mit eher durchwachsenem Erfolg.

In Erinnerung geblieben ist noch die Sache mit den Greencards. So nennt man in den USA jene Papiere, die es Ausländern erlauben, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu arbeiten. Ganze Belegschaften hat das grüne Scheinchen angeblich ins Silicon Valley gelockt – Menschen aller Nationen.

Bei uns wurde das Thema aus irgendwelchen Gründen nur auf Inder verengt: Also, es ging darum, „Greencard-Inder“ zum Programmieren von Webseiten anzuheuern.

10.000 Persilscheine bewilligte die Bundesregierung großzügig.

Ungewollter Nebeneffekt: Die Maßnahme kam auch inländischen Arbeitssuchenden entgegen. Schon nach kurzer Zeit stellte sich nämlich heraus, dass man neben dem Gastarbeiter noch eine zweite, muttersprachliche Person einstellen musste, die den Papierkram in Sachen Greencard übernahm.

In den meisten Fällen war die Indernet-Aktion ohnehin ein Riesenreinfall. Es gab zwei Szenarien:
1. Der Inder kommt, hockt im Hochsommer bei 30 Grad in der Daunenjacke da, wird binnen drei Monaten halb krank vor Heimweh und reist kurz darauf ab.
2. Der Inder kommt und programmiert auch fachmännisch – allerdings so genial, dass ein Deutscher die Hälfte seiner Arbeitszeit damit verbringt, den Code für teutonische Hirne herunterzukochen. Das merkt der Inder irgendwann und reist ebenfalls ab.

Für einen Lacher gut waren auch immer öffentliche Fördertüten: So sagte die Investitionsbank Berlin (IBB) seinerzeit einem ortsansässigen Start-up 86.000 Euro Zuschuss für zusätzliches Personal zu. Freudig erregt plante der junge Chef schon, von der Staatsknete neue Mitarbeiter einzustellen – vor allem Spezialisten, die sein Produkt, eine Wissensdatenbank für Firmennetze, fertig stellen sollten.

Aber die Rechnung hatte der Gründer ohne Vater Staat gemacht. Der verlangte nämlich, dass mindestens die Hälfte aller neuen Programmierer Frauen sind und fünf Jahre im Unternehmen verbleiben. Bei Verstößen würde man das Kapital zurückfordern.

Angesichts des nicht existenten Angebots an weiblichen Codern war das Thema gegessen.

Fast.

Denn unser verzweifelter Gründer hatte noch einen Ausweichplan parat: „Na gut, dann kaufe ich von dem Geld halt Computer.“ Was er nicht wusste, aber bald erfahren musste: Auch für Hardware galt die gleiche bizarre Regel – die Computer hätten mindestens fünf Jahre im Betrieb benutzt werden müssen.

Spätestens dieser Fünfjahresplan zeigt, wie total ahnungslos die Behörden der Internetwelt gegenüberstanden – schließlich taugte ein PC schon beim damaligen Fortschrittstempo nach diesem Zeitraum höchstens noch als Lichtschalter.

Einige Firmen gingen übrigens auf die Bedingung ein – mit schildbürgerartigen Folgen: So mietete die renommierte Firma ID-Media eigens Räume an, in denen jene veralteten, staatlich bezuschussten Rechner gelagert wurden, die man weder verkaufen noch verschrotten durfte.

So gesetzestreu waren indes nicht alle Start-ups. Im Kampf ums Überleben machten viele Youngster selbst vor Subventionsbetrug nicht halt. Ein gängiges Verfahren damals: Man pumpt Vater Staat für Sachen an, die man schon längst hat. Im Antrag stand dann zum Beispiel: Ich beantrage hiermit finanzielle Unterstützung für die Entwicklung der soundso Internet-Software, mit tralala Mitarbeitern und blabla Computern. In Wahrheit ist die Software natürlich längst entwickelt, Mitarbeiter eingestellt und Rechner gekauft. Aber mit ein bisschen verbaler Vernebelung hätten die Behördendeppen das fast immer akzeptiert, berichten Insider.

Heikel wurde die Lage allerdings, wenn die Firma pleite ging. In solchen Situationen zeigte sich, dass auch die andere Seite durchaus gerne beim Beschiss mithalf. Dazu ein authentisches Beispiel (Namen geändert):

Die Firma Neppion hat sich nach obigem Verfahren 60.000 Mark ergaunert. Das weiß der Chef, der Aufsichtsrat und alle Angestellten. Nur Arne Ahnungslos, der weiß von Nichts. Wie auch? Gerade zwei Wochen ist es her, dass der junge Industriekaufmann bei Neppion eingestiegen ist, als Assi der Geschäftsführung. Ein bisschen Papierkram solle er machen, hier und da vielleicht einen Vertrag aufsetzen – hatte man ihm im Bewerbungsgespräch gesagt. Es gebe viel zu tun, da ja derzeit „alles super“ laufe mit der Firma, hatte der Chef noch gelacht.

wie wir waren
Aber so super ist die Lage anscheinend doch nicht. Wenige Tage, nachdem Arne Ahnungslos angefangen hat, platzt die Bombe: Neppion steht kurz vor der Pleite. Aber alles halb so schlimm, beruhigt der Chef und liefert direkt einen Ausweichplan: Die eigene Muttergesellschaft Prellando läuft gut – also tritt man dem Subventionsgeber ein Stückchen davon ab. Der Amtsschimmel hat schon Interesse signalisiert, scheinbar ist auch hier das Internetfieber ausgebrochen. Na ja, und diesen Deal, den wird jetzt der Arne betreuen, gell?

Gesagt, getan. Arne stürzt sich – immer noch ahnungslos – in die Arbeit: 10 Prozent von der Prellando AG sollen an den Subventionsgeber gehen, die Deutsche Auszahlungsbank. Da die öffentliche Hand keine Aktien besitzen darf, läuft der Deal über die örtliche Sparkasse. Doch schnell hat Arne ein Problem: Damit alles nach Vorschrift läuft, braucht die Sparkasse einen Abschlussbericht, in dem steht, was mit den ursprünglichen Beihilfen von 60.000 Mark angestellt worden ist. Und den kann der junge Ahnungslos beim besten Willen nicht finden.

Dass er gar nicht existiert, und die Subventionen ergaunert wurden, kommt dem unbedarften Industriekaufmann nicht in den Sinn. Und so teilt er der netten Sparkassen-Angestellten frank und frei mit:„Ich habe keine Ahnung, wo der Abschlussbericht ist.“ Die andere Seite dagegen scheint die Nicht-Existenz des Dokuments kaum zu stören. Denn die nette Sparkassendame antwortet per Mail: „Dann lassen Sie doch mal Ihre Phantasie spielen…“

In diesem Moment rutscht Arne Ahnungslos das Herz in die Hose.

Er, der unbedarfte Jobeinsteiger, soll einen 60.000 Mark schweren Subventionsbericht einfach erfinden? Plötzlich steht Arne mit einem Bein im Knast. Jetzt gilt es, schnell zu handeln und die eigene Unschuld für die Nachwelt zu dokumentieren. „Ich habe sofort heimlich alle Verträge kopiert und zu mir nach Hause geschafft!“, lacht der seitdem mit allen Wassern gewaschene Ahnungslos.



Nähere Informationen zu Autor und Buch (Verlag Wiley-VCH, 279 Seiten, 19,90 Euro) unter www.wiewirwaren.de extern.
Der Autor behält sich alle Rechte am Artikel vor. © 2004 Constantin Gillies

 

Kommentare zu diesem Artikel:

"Sehr gut recherchiert ! (Oktober 2004)"

"Der schwächste Teil der Auszüge aus dem Buch, weil hier ein wenig die Selbstironie verlorenging zugunsten der üblichen sarkastischen Abrechnung mit dem Staat. Aber immer noch gut. (Oktober 2004)"


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