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Aufbruchstimmung, alles ist möglich und nur der einfache,
schnelle Weg! Die Dotcom-Boomjahre waren zu Beginn unabhängig
und euphorisch. Bis der Staat kam und "helfen" wollte.
Die Folgen beschreibt Constantin Gillies in seinem Buch „wie
wir waren. die wilden Jahre der web-generation“:
Irgendwann merkte auch Vater Staat, was die forsche Jugend da unter
seinen Fittichen anstellte. Kapiert hatte die Politik, wie wir später
sehen werden, im Grunde genommen nichts. Doch irgendwie wollte man
auch dabei sein. Also beschloss die öffentliche Hand, den Gründern
unter die Arme zu greifen – meist allerdings mit eher durchwachsenem
Erfolg.
In Erinnerung geblieben ist noch die Sache mit den Greencards.
So nennt man in den USA jene Papiere, die es Ausländern erlauben,
im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu arbeiten. Ganze Belegschaften
hat das grüne Scheinchen angeblich ins Silicon Valley gelockt
– Menschen aller Nationen.
Bei uns wurde das Thema aus irgendwelchen Gründen nur auf
Inder verengt: Also, es ging darum, „Greencard-Inder“
zum Programmieren von Webseiten anzuheuern.
10.000 Persilscheine bewilligte die Bundesregierung großzügig.
Ungewollter Nebeneffekt: Die Maßnahme kam auch inländischen
Arbeitssuchenden entgegen. Schon nach kurzer Zeit stellte sich nämlich
heraus, dass man neben dem Gastarbeiter noch eine zweite, muttersprachliche
Person einstellen musste, die den Papierkram in Sachen Greencard
übernahm.
In den meisten Fällen war die Indernet-Aktion ohnehin ein
Riesenreinfall. Es gab zwei Szenarien:
| 1. |
Der Inder kommt, hockt im Hochsommer bei 30 Grad in der Daunenjacke
da, wird binnen drei Monaten halb krank vor Heimweh und reist
kurz darauf ab. |
| 2. |
Der Inder kommt und programmiert auch fachmännisch –
allerdings so genial, dass ein Deutscher die Hälfte seiner
Arbeitszeit damit verbringt, den Code für teutonische Hirne
herunterzukochen. Das merkt der Inder irgendwann und reist ebenfalls
ab. |
Für einen Lacher gut waren auch immer öffentliche Fördertüten:
So sagte die Investitionsbank Berlin (IBB) seinerzeit einem ortsansässigen
Start-up 86.000 Euro Zuschuss für zusätzliches Personal
zu. Freudig erregt plante der junge Chef schon, von der Staatsknete
neue Mitarbeiter einzustellen – vor allem Spezialisten, die
sein Produkt, eine Wissensdatenbank für Firmennetze, fertig
stellen sollten.
Aber die Rechnung hatte der Gründer ohne Vater Staat gemacht.
Der verlangte nämlich, dass mindestens die Hälfte aller
neuen Programmierer Frauen sind und fünf Jahre im Unternehmen
verbleiben. Bei Verstößen würde man das Kapital
zurückfordern.
Angesichts des nicht existenten Angebots an weiblichen Codern war
das Thema gegessen.
Fast.
Denn unser verzweifelter Gründer hatte noch einen Ausweichplan
parat: „Na gut, dann kaufe ich von dem Geld halt Computer.“
Was er nicht wusste, aber bald erfahren musste: Auch für Hardware
galt die gleiche bizarre Regel – die Computer hätten
mindestens fünf Jahre im Betrieb benutzt werden müssen.
Spätestens dieser Fünfjahresplan zeigt, wie total ahnungslos
die Behörden der Internetwelt gegenüberstanden –
schließlich taugte ein PC schon beim damaligen Fortschrittstempo
nach diesem Zeitraum höchstens noch als Lichtschalter.
Einige Firmen gingen übrigens auf die Bedingung ein –
mit schildbürgerartigen Folgen: So mietete die renommierte
Firma ID-Media eigens Räume an, in denen jene veralteten, staatlich
bezuschussten Rechner gelagert wurden, die man weder verkaufen noch
verschrotten durfte.
So gesetzestreu waren indes nicht alle Start-ups. Im Kampf ums
Überleben machten viele Youngster selbst vor Subventionsbetrug
nicht halt. Ein gängiges Verfahren damals: Man pumpt Vater
Staat für Sachen an, die man schon längst hat. Im Antrag
stand dann zum Beispiel: Ich beantrage hiermit finanzielle Unterstützung
für die Entwicklung der soundso Internet-Software, mit tralala
Mitarbeitern und blabla Computern. In Wahrheit ist die Software
natürlich längst entwickelt, Mitarbeiter eingestellt und
Rechner gekauft. Aber mit ein bisschen verbaler Vernebelung hätten
die Behördendeppen das fast immer akzeptiert, berichten Insider.
Heikel wurde die Lage allerdings, wenn die Firma pleite ging. In
solchen Situationen zeigte sich, dass auch die andere Seite durchaus
gerne beim Beschiss mithalf. Dazu ein authentisches Beispiel (Namen
geändert):
Die Firma Neppion hat sich nach obigem Verfahren 60.000 Mark ergaunert.
Das weiß der Chef, der Aufsichtsrat und alle Angestellten.
Nur Arne Ahnungslos, der weiß von Nichts. Wie auch? Gerade
zwei Wochen ist es her, dass der junge Industriekaufmann bei Neppion
eingestiegen ist, als Assi der Geschäftsführung. Ein bisschen
Papierkram solle er machen, hier und da vielleicht einen Vertrag
aufsetzen – hatte man ihm im Bewerbungsgespräch gesagt.
Es gebe viel zu tun, da ja derzeit „alles super“ laufe
mit der Firma, hatte der Chef noch gelacht.
Aber so super ist die Lage anscheinend doch nicht. Wenige Tage,
nachdem Arne Ahnungslos angefangen hat, platzt die Bombe: Neppion
steht kurz vor der Pleite. Aber alles halb so schlimm, beruhigt
der Chef und liefert direkt einen Ausweichplan: Die eigene Muttergesellschaft
Prellando läuft gut – also tritt man dem Subventionsgeber
ein Stückchen davon ab. Der Amtsschimmel hat schon Interesse
signalisiert, scheinbar ist auch hier das Internetfieber ausgebrochen.
Na ja, und diesen Deal, den wird jetzt der Arne betreuen, gell?
Gesagt, getan. Arne stürzt sich – immer noch ahnungslos
– in die Arbeit: 10 Prozent von der Prellando AG sollen an
den Subventionsgeber gehen, die Deutsche Auszahlungsbank. Da die
öffentliche Hand keine Aktien besitzen darf, läuft der
Deal über die örtliche Sparkasse. Doch schnell hat Arne
ein Problem: Damit alles nach Vorschrift läuft, braucht die
Sparkasse einen Abschlussbericht, in dem steht, was mit den ursprünglichen
Beihilfen von 60.000 Mark angestellt worden ist. Und den kann der
junge Ahnungslos beim besten Willen nicht finden.
Dass er gar nicht existiert, und die Subventionen ergaunert wurden,
kommt dem unbedarften Industriekaufmann nicht in den Sinn. Und so
teilt er der netten Sparkassen-Angestellten frank und frei mit:„Ich
habe keine Ahnung, wo der Abschlussbericht ist.“ Die andere
Seite dagegen scheint die Nicht-Existenz des Dokuments kaum zu stören.
Denn die nette Sparkassendame antwortet per Mail: „Dann lassen
Sie doch mal Ihre Phantasie spielen…“
In diesem Moment rutscht Arne Ahnungslos das Herz in die Hose.
Er, der unbedarfte Jobeinsteiger, soll einen 60.000 Mark schweren
Subventionsbericht einfach erfinden? Plötzlich steht Arne mit
einem Bein im Knast. Jetzt gilt es, schnell zu handeln und die eigene
Unschuld für die Nachwelt zu dokumentieren. „Ich habe
sofort heimlich alle Verträge kopiert und zu mir nach Hause
geschafft!“, lacht der seitdem mit allen Wassern gewaschene
Ahnungslos.
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