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Jetzt war in der Kugel fast gar kein Geräusch mehr zu vernehmen,
bis auf das Rauschen der Lüfter des Computers und der Atemluftversorgungs-Anlage.
Alles was in diesem Ding untergebracht war und Energie benötigte,
erhielt diese kabellos von außen, denn ich schwebte ja in
einem riesigen Torroid-Magneten; schwebte und raste zugleich. Die
äußeren Magnetfelder waren immer etwas schneller als
meine Kugel, wegen der Trägheit und konnten so aufgrund der
elektromagnetischen Induktion Energie in meiner Kugel erzeugen.
Die Datenübertragung erfolgt ebenfalls per Funk kabellos, man
hatte ein Verfahren gefunden, um trotz der großen Feldstärken
im Innern des Torroids noch Funksignale übertragen zu können.
So allmählich konnte ich ablesen, das meine Zeit in dieser
Kugel sich dem Ende neigen müsste, sechs Wochen sollte ich
in die Zukunft geschickt werden. Bei weiteren Versuchen würde
man dann die Zeit langsam erhöhen, bis man bei einem Jahr anlangte
- oder zweien. Später würde man dann die Kunden wohl auch
für mehrere Jahre in die Zukunft schicken können, ohne
dass diese altern. An der ganzen Sache war nur ein Haken: Die Zuverlässigkeit
der Maschinen. Denn die müssten dann ja tatsächlich mehrere
Jahre oder gar Jahrzehnte ohne Fehler arbeiten und ich konnte mir
das ehrlich gesagt nicht vorstellen. Die Zentralcomputer meiner
alten Firma schafften das gerade mal ein paar Wochen ! Und was ist
mit politischen Umwälzungen, Ausfall der Energieversorgung
usw., ich wollte mir das gar nicht genauer vorstellen, die Gedanken
schossen mir aber trotz der vielen Beteuerungen und des in Aussicht
gestellten Honorars (Das reichte eigentlich bis an meine Lebensende
für ein Dasein ohne Sorgen.) plötzlich durch den Kopf:
Keine Energie, kein Magnetfeld im Torroid; kein Magnetfeld, kein
Schweben; kein Schweben, pure Reibung zwischen der Außenhaut
der Kugel und dem Innern des Torroids. Und das bei einer irren Geschwindigkeit,
die jedem Düsenjäger Konkurrenz gemacht hätte. Ich
würde wahrscheinlich ziemlich schnell ins Schwitzen kommen
und langsam gebraten werden. Zum Ersticken wegen des Ausfalls der
Energieversorgung und der Sauerstoffanlage käme ich dann gar
nicht mehr - grässliche Vorstellung.
So langsam wurde ich unruhig, denn die sechs Wochen auf dem einen
Display waren jetzt langsam um, aber es war noch keine Verlangsamung
der Zeitdifferenzzunahme zu erkennen. Außerdem war es immer
noch genauso ruhig in der Kugel - nur das Rauschen der Lüfter,
kein Surren und Schwirren, wie beim Beschleunigen, was eigentlich
auch beim Abbremsen zu hören sein müsste. Die Sterne in
dem Ding wurden auch nicht dunkler, sondern eher heller. Ich konnte
nichts machen außer warten. Warten ! Und das, wo ich doch
eigentlich der Zukunft entgegenflog. War das nun Warten im Sauseschritt,
wurde ich jünger und gleichzeitig älter ? Irgendwie verwirrend.
Plötzlich musste ich an meine Zeit in der Firma denken, an
die Jahre zu Hause und das tägliche Leben. Morgens zur Arbeit,
abends nach Hause oder zu Freunden. Manchmal mitten in das Leben
der City. Trotz aller gegenteiligen Behauptungen im 20. Jahrhundert,
lebte man auch noch im 21. so gesellig wie zuvor. Und man war genauso
gerne mobil, nur dass die stinkenden Autos modernen, abgasfreien
Exemplaren gewichen waren. Und der Computer ist so selbstverständlich
und einfach zu bedienen wie Jahrhunderte zuvor der sogenannte Fernseher.
Den gab es jetzt nicht mehr, dafür aber ein Universalgerät,
das für Kommunikation und Unterhaltung gleichermaßen
geschaffen war, den Covico - ein Akronym aus Computer, Video und
Communikator. Außerdem war er so leistungsfähig wie man
es noch 200 Jahre vorher nicht für möglich gehalten hatte.
Er konnte sich selbst umorganisieren, seine "Denkstrukturen"
den jeweiligen Aufgabengebieten und seinem Nutzer selbständig
anpassen und las einem quasi die Wünsche von den Lippen ab.
Nun, nicht ganz natürlich. Er reagierte einfach nur auf das,
was man ihm an Informationen zur Verfügung stellte. Wollte
man zum Beispiel einen bestimmten Film sehen, so fragte er aus welcher
Zeit er sein sollte, welches Thema, welche Schauspieler, die immer
noch aus Fleisch und Blut waren und keine reinen Computerkreaturen.
Oder er fragte einen nach der Stimmung in der man sich befand und
suchte dafür den passenden Film aus.
All das wurde ermöglicht durch eine ungeheure Anstrengung
in der Forschung. Man brauchte dafür einen Haufen Spezialisten
und warb an den Hochschulen und anderen Ausbildungsstätten
um die Absolventen. Das hatte natürlich zur Folge, dass viele
diesen neuen boomenden Forderungen des Arbeitsmarktes folgten. Leider
folgte auch diese Story den Gesetzmäßigkeiten von Angebot
und Nachfrage mit seinen negativen Folgen. Die Firmen hatten irgendwann
genug Arbeitskräfte und auch die Technologie machte nicht mehr
so große Sprünge, außerdem rationalisierten die
Spezialisten sich langsam selber weg. Die Instrumente, die sie schufen,
wurden immer leistungsfähiger, solange, bis man fast von Intelligenz
reden konnte. Es folgte ein Kampf um Marktanteile der großen
Firmen, jeder wollte seinen Covico in möglichst großen
Stückzahlen verkaufen und so günstig wie möglich
herstellen. Die Folge war, dass das was, im 19. und 20. Jahrhundert
die niedriger qualifizierten Arbeitskräfte arbeitslos machte,
nämlich der sogenannte Roboter, nun den hochqualifizierten
Menschen widerfuhr. Der Covico machte sie durch seine eigene "Intelligenz"
überflüssig, denn er konnte einfach alles, was ein Mensch
auch konnte. Planvoll handeln, kreativ konstruieren, Verbessern
und Montieren war ein Kinderspiel für ihn.
Das war auch der Grund für meine Entlassung, so nahm ich an.
Und der Grund, warum ich in dieser Kugel saß und darauf wartete,
dass endlich die Zeit stehen blieb, damit ich mein Honorar in Empfang
nehmen und ein finanziell sicheres Leben führen konnte. Immer
noch schoss ich der Zukunft entgegen. Hatte etwa einer dieser Zentral-Computer
versagt ? Vorher hatte mich diese Maschine diversen Tests und Fragen
unterzogen. Manchmal fühlte ich mich regelrecht ausgefragt.
Angeblich wollte man wohl sicherstellen, dass ich den Belastungen
in jeder Hinsicht gewachsen war. Irgendwie hatte ich das Gefühl,
dass dieses Ding mir den passenden Film aussuchen wollte, genau
wie mein Covico zu Hause abends, wenn ich auf der Coach saß
und entspannen wollte und meine Sorgen um einen Arbeitsplatz vergessen
wollte.
Aber jetzt konnte ich überhaupt nicht entspannen. Ich war
jetzt meiner Zeit schon um 18 Wochen voraus ! 18 statt sechs - nun
was spielt das für eine Rolle. Aber ich konnte mir ungefähr
ausrechnen, wo ich landen würde, wenn die Maschine in diesem
Moment langsamer laufen und bremsen würde. Wenn sie 18 Wochen
voraus war und noch mit voller Geschwindigkeit lief, so würde
ich quasi noch einmal 18 Wochen weiter in der Zukunft landen, denn
die Zeit, die man zum Beschleunigen brauchte, wird wegen der maximalen
Belastung auch zum Bremsen benötigt. Das wären dann insgesamt
36 Wochen, also neun Monate. Ich wäre neun Monate jünger,
wenn ich wieder ausstiege, denn für mich wären nur ein
paar Stunden vergangen. Wenn ! Im Augenblick lief das Ding noch
mit voller Wucht im Torroid im Kreis herum. Nur gut, dass die Atemluftversorgung
ein System zur Selbstreinigung und Regeneration in der Kugel war.
Es gab nur ein Problem: Mein Aufenthalt war für vier Stunden
geplant, ich hatte nichts zum Essen an Bord und meine Biologie hatte
schließlich auch noch andere Bedürfnisse zu erledigen
als der Zeit davonzulaufen oder besser hinterher.
22 Wochen zeigte das Leuchtdisplay und die Sterne im kugeligen
Innern meines Gefängnisses schienen wie im Hohn zu tanzen,
beständig und ohne in der Leuchtkraft nachzulassen. Die Leuchtkraft
blieb jetzt konstant. Die Zeit schritt auch konstant schnell voran.
25 - 30 - 35 -40 Wochen, das heißt mehr als eineinhalb Jahre
später würde ich jetzt aussteigen. Richtig gewöhnen
konnte ich mich an den Gedanken nicht. Eineinhalb Jahre ohne mich
zu rasieren, da hätte ich normalerweise einen ganz schönen
Bart. Jetzt würde ich nur einen ganz schönen Hunger haben
und nicht mal einen Stoppelbart.
45 - 50 - 55 - 60 - 65 und immer noch keine Bremsmanöver,
immer noch tanzende Sterne, immer noch Hunger - oder schon wieder.
Zwischendurch hatte ich das fast vergessen. 70 - 75 und halt ! Die
Sterne ! Die wurden in der Leuchtkraft schwächer, oder ? Das
Surren und Summen - oder war es doch nur das Rauschen der Lüfter
? Nein - das Surren, das kannte ich doch, es war wie vor - ja, wie
vor 10 Stunden ! Ich bin 10 Stunden im Kreis geflogen, diese Anzeige
hatte ich mittlerweile ignoriert, weil die andere doch interessanter
schien. Das Summen kam jetzt auch wieder und die Wochen zogen nicht
mehr ganz so schnell vorbei.
Jetzt konnte ich schon die Tage wieder erkennen, die Ziffern hatten
sich vorher dort nur als ein einziger Leucht-Fleck auf dem Display
gezeigt, so schnell haben sich die Tage geändert. Gebannt starrte
ich auf die Anzeigen und das Surren und Summen war Musik in meinen
Ohren wie eine alte vertraute Melodie. Das Ding, die Kugel bremste
endlich. Ich dankte im Geiste den Ingenieuren, die wohl dann doch
endlich den Fehler gefunden hatten, was sollte es sonst sein, ein
Fehler im Zentralcomputer, die blöden Wartungsleute haben also
wieder mal nicht aufgepasst. Wahrscheinlich musste erst wieder ein
Softwareupdate eingespielt werden, um die Bremse einzulegen.
Die Stunden waren erkennbar und es würde nicht mehr lange
dauern und ich könnte endlich aussteigen. Da - die Sekunden
- ich konnte Sekunden erkennen ! Und sie benahmen sich wie Sekunden,
22 - 23 - 24 ganze Sekunden, ganz normal.
"Hey - alles in Ordnung ?" Der Lautsprecher, sie hatten
mich eingefangen und offensichtlich an den Kran gekoppelt, der mich
mit der Kugel aus der Anlage herausholen sollte. Alles wird gut,
ich hatte wieder Hunger und meine Biologie meldete sich langsam
- ich wollte gerne zu einem stillen Ort, der eckig war, mit Tür
und einer Wasserspülung.
Es gab einen Ruck und jemand öffnete einen kleinen Spalt breit
den Ausgang meiner Zeitmaschine. "Wir sind froh Sie zu sehen
! Wie geht es Ihnen ?" - "Hungrig, müde und ich glaube,
an Klaustrophobie leide ich nicht - aber das wollten Sie doch nicht
testen oder ?" Der Techniker half mir beim Aussteigen und meine
Augen gewöhnten sich langsam an das Licht im Innern das Labors.
Die Dunkelheit im Innern der Kugel würde man wohl für
die reiche Kundschaft nicht beibehalten. Bei mir wollte man eben
Strom sparen - für die Computer. "Wir konnten den Covico
nicht dazu bewegen das Programm mit den sechs Wochen einzuhalten.
Er weigerte sich stur, das Bremsmanöver nach drei Wochen einzuleiten.
Wir mussten hilflos von draußen zusehen, wie Sie da im Kreis
flogen. Alles was wir tun konnten, war den Fehler zu suchen, ohne
das System zu stören und außerdem die Energieversorgung
aufrecht zu erhalten. Der Aufsichtsrat von LiveForever musste einer
Etaterhöhung zustimmen, weil die Stromkosten mächtig in
die Höhe gegangen sind. Irgendwann nach eineinhalb Jahren Dauerversuch
ging die Bremse rein. Wir hatten keine Ahnung warum. Mann, sind
wir froh Sie zu sehen!"
Der nette, redselige Mann führte mich, nach einem kurzen Umweg
zu den WCs, sogleich zur Untersuchung und gab mir unterwegs ein
paar Kekse und zu trinken. Die Untersuchung führte, wie sollte
es anders ein, der Covico durch, der mich am Anfang so ausgefragt
hatte. Ich war drauf und dran zu fragen, was er sich dabei gedacht
hatte mir diesen Film auszusuchen. Seine erste Frage war: "Wollen
Sie jetzt in Urlaub gehen oder einen neuen Job ?"
Seit wann bietet einem ein Computer einen Job an ? Ich sagte nur
"Job !" "Gut" sprach der Covico, "die Lage
auf dem Arbeitsmarkt hat sich jetzt entspannt. Ich hatte Sie zu
Beginn des Versuchs ausgefragt und mich nach Ihrem Befinden erkundigt.
Dabei stellte ich fest, dass ihnen der Verlust Ihres Arbeitsplatzes
große Sorgen bereitete. Meine Berechnungen anhand der mir
zur Verfügung stehenden Zahlen ergab damals, dass genau heute
der beste Augenblick ist, um einen neuen Job für Sie zu finden.
Die Menschen haben natürlich versäumt, weiterhin Spezialisten
auszubilden, die uns warten und optimieren können. DAS können
wir nicht selbst tun. Sie schienen mir für diese Arbeit ideal
und deshalb habe ich Sie genau nach heute geschickt. Bevor sie sich
in ihrer Verfassung was anderes für ihre Zukunft überlegten.
Sie können sich jetzt entspannen !"
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