Lieferantenkonsolidierung? Projektakquise nur noch über Vermittler?
Vier Thesen zur Zukunft des IT-Projektmarkts
Teil 1 | Teil 2 (Mai 2011)
Inhalt dieses Artikels:
Vor allem große Unternehmen werden ihr externes Personal zunehmend ausschließlich über Vermittler rekrutieren | Immer häufiger erzielen nur IT-Freiberufler, die mit Vermittlern zusammenarbeiten, eine kontinuierliche Auslastung und hohe Stundensätze | Vermittler werden zu langfristigen Partnern der Freelancer – auf gleicher Augenhöhe | Personaldienstleister und Berater dringen immer stärker in den Markt für IT-Projektvermittlung vor
Nur eines ist sicher: Dass nichts sicher ist. Ein abgedroschener Spruch mit einem wahren Kern – auch auf dem IT-Projektmarkt. Die Beschaffung von externen IT-Dienstleistungen ist kein in Beton gegossener Mechanismus, sondern unterliegt den Gesetzen des Marktes und dem Einfluss der Marktteilnehmer: IT-Freiberufler, IT-Projektbörsen und Personalvermittler. GULP hat versucht, aus der Bestandsaufnahme und aus aktuellen Tendenzen ein Stück in die Zukunft zu blicken: Wie wird die IT-Projektvermittlung der Zukunft ablaufen?
Vor allem große Unternehmen werden ihr externes Personal zunehmend ausschließlich über Vermittler rekrutieren
Dass Unternehmen sich immer häufiger externe IT-Fachleute ins Boot holen, ist außer Frage. Sie bringen das nötige Know-how mit, haben einen Überblick über den Markt und lösen Spezialaufgaben. In großen Unternehmen müssen oft mehrere Hundert Projektleiter schnell und sicher externes Personal finden und rekrutieren. Deren Tätigkeit muss koordiniert werden – und es muss sichergestellt sein, dass jeder einzelne von ihnen alle Spezialisten findet, die er für sein(e) Projekt(e) benötigt. Deswegen setzen Unternehmen vermehrt Dienstleister ein, die sich um die Beschaffung des externen Personals kümmern – mit dem Ziel, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und den Aufwand so niedrig wie möglich zu halten. Außerdem wollen die Unternehmen durch Einsatz von Vermittlern das Risiko der Scheinselbstständigkeit reduzieren. Neben der Suche nach den benötigten Externen übernehmen die Personalvermittler als Dienstleister auch immer häufiger das Vertrags- und Rechnungsmanagement der Lieferanten, das Qualitätsmanagement oder auch die geforderten Reportings.
Lieferantenkonsolidierung als Strategie des Einkaufs
Natürlich gibt es auf jeden Fall die Selbstständigen, die seit Jahren direkte und gute Beziehungen zu Kunden unterhalten. Die wird es auch immer geben – in Zukunft vor allem bei kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU). Großunternehmen und Konzerne werden ihre Lieferanten wie erwähnt verstärkt reduzieren und konsolidieren. Die großen Projekte bei großen Kunden sind folglich immer mehr nur über Vermittler zu haben. Das gilt vor allem für Neukunden – aber Konsolidierung macht leider allzu oft auch vor einer langjährigen, guten Beziehung nicht halt.
Einkauf will Versorgungssicherheit aufrecht erhalten
Die Einkaufsabteilungen sind bestrebt, mit möglichst geringem Aufwand und zu wirtschaftlichen Kosten ihre Versorgungssicherheit aufrecht zu erhalten. Deswegen kommt es mitunter vor, dass große Unternehmen aus heiterem Himmel von ihren externen Dienstleistern fordern, ihre Stunden- oder Tagessätze um einen festgelegten Prozentsatz zu senken. Sollte unter dem Kostendruck in den Unternehmen langfristig die Qualität leiden und sollte die Nachfrage auf dem Markt weiterhin steigen – wäre es nicht überraschend, wenn die Preise wieder steigen würden.
Nicht erst seit der letzten Konjunkturdelle im Jahr 2009 ist allerdings auch klar, dass die IT-Personalvermittlung auch unter dem Einfluss der Weltwirtschaft steht. Bei schlechter Wirtschaftslage werden Projekte auf die lange Bank geschoben. Um beim Wiederaufblühen der Konjunktur allerdings verstärkt angepackt zu werden – wie im Moment.
Infolge der Lieferantenkonsolidierung werden sich nur die großen Agenturen als Dienstleister der großen Unternehmen halten können
Auf Seite der Agenturen werden sich langfristig nur die Großen durchsetzen und zu Preferred Suppliern werden. Die Anbieterkonsolidierung schreitet laut Lünendonk-Studie seit Jahren voran: Der Anteil der Top-10-Staffing-Anbieter am Gesamtmarkt für Rekrutierung, Vermittlung und Steuerung freier Projektmitarbeiter in Deutschland wuchs von 2008 (15,7 Prozent) auf 2009 (17,7 Prozent) um zwei Prozentpunkte, so die Studie. Für 2010 prognostizierte Lünendonk eine weitere Zunahme auf 18,3 Prozent. Die endgültigen Zahlen für 2010 werden im Update der Studie bekanntgegeben, das wahrscheinlich im Sommer 2011 veröffentlicht wird. Klar ist: Das Kuchenstück für die zehn größten Agenturen wird immer größer.
Die großen Vermittler sind oder werden tendenziell die Generalisten. Die kleinen müssen sich währenddessen auf ihr Spezialgebiet konzentrieren, um dort so in die Tiefe gehen zu können, dass sie von den Unternehmen dennoch ins Boot geholt werden. Hier könnte auch eine Annäherung zu IT-Dienstleistern oder Systemhäusern stattfinden, die einerseits mit eigenen Angestellten, andererseits mithilfe von IT-Freelancern bei ihren Kunden tätig werden.
Immer häufiger erzielen nur IT-Freiberufler, die mit Vermittlern zusammenarbeiten, eine kontinuierliche Auslastung und hohe Stundensätze
So wird die Zusammenarbeit mit einem Vermittler verstärkt der einzige Weg, um an interessante Projekte bei namhaften Kunden zu kommen. IT-Freelancer profitieren dabei von der Zusammenarbeit mit Vermittlern, indem sie ihre Auslastung erhöhen können. Die Computerwoche hat im Jahr 2010 1.200 Freelancer zu ihrer Situation befragt. In einem der drei Artikel, die daraus entstanden sind, steht: „Nach Problemen befragt, nennen die Freiberufler als größte Herausforderung die Planbarkeit von Folgeprojekten (57 Prozent).“ Weiter heißt es: „Dabei können Personalvermittler der Umfrage zufolge helfen: IT-Freiberufler, die mit Agenturen zusammenarbeiten, erzielen eine höhere Auslastung als ihre Kollegen. Deutlich mehr als die Hälfte der IT-Freiberufler nutzt denn auch Agenturen, um neue Projekte zu gewinnen. Sie sind inzwischen der zweitwichtigste Vertriebsweg, nur übertroffen von den Altauftraggebern.“
30 Prozent der Projekte bei zehn Prozent der Unternehmen
In der Liste "Projekteinsätze beim Kunden" erfassen bei GULP registrierte IT-Freiberufler ihre ehemaligen Einsätze bei Kunden. Die Einträge werden nicht im GULP Profil veröffentlicht, sondern ausschließlich für die Recherche für/durch diese Unternehmen verwendet. Eine kurze Auswertung der Einträge ergab: 30,8 Prozent aller Projekte wurden in den 50 größten Unternehmen Deutschlands abgewickelt (die bis auf wenige Ausnahmen alle in der GULP Liste zu finden sind). Dabei ist die durchschnittliche angegebene Laufzeit bei den Top 50 und bei allen Unternehmen gleich (15,5 Monate). 30,0 Prozent der überhaupt in Unternehmen eingesetzten Freelancer waren für eines der 50 größten Unternehmen Deutschlands tätig. Insgesamt sind in der Liste mehr als 39.000 Projekteinsätze bei 478 Unternehmen erfasst – in zehn Prozent der Unternehmen werden also 30 Prozent der Projekte abgewickelt. Und genau die großen Unternehmen sind es, die infolge von Lieferantenkonsolidierung ihre externen Spezialisten nur mehr über einen ausgewählten Pool an Vermittlern rekrutieren.
| Liste „Projekteinsätze beim Kunden“ |
Gesamt | Top 50 | Anteil der Top 50 |
|---|---|---|---|
| Anzahl Unternehmen | 478 | 50 | 10,5% |
| Anzahl Projekte | 39.026 | 12.005 | 30,8% |
| Anzahl eingesetzte Freiberufler |
27.190 | 8.153 | 30,0% |
(Hinweis: Zu den Top 50 wurden die Unternehmen gezählt, die in der jährlich von der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Liste „Top 100 in Deutschland“ die ersten 50 Plätze einnehmen. Die Liste weist die 100 umsatzstärksten Unternehmen aus.)
Vermittler werden zu langfristigen Partnern der Freelancer – auf gleicher Augenhöhe
Damit die Freiberufler von der Zusammenarbeit mit den Vermittlern auch profitieren, werden Vermittler immer mehr zu Partnern der Freelancer. Freiberufler erwarten von Vermittlern individuelle Betreuung, aktuelle Informationen zum Status ihrer Bewerbung, Folgeprojekte und eine langfristige Zusammenarbeit. IT-Freiberufler werden es als Aufgabe des Projektanbieters ansehen, zum Beispiel den Austausch der Freiberufler untereinander zu fördern. Agenturen werden ihre Dienstleistungen auf hohem Niveau manifestieren und weiter ausbauen. Wiederum werden nur die großen Agenturen diesen Service bieten können.
Vermittler als Puffer
Die Vermittler werden so auch zum Puffer zwischen Endkunde und Freiberufler. Nicht bei allen Kunden ist die Planungssicherheit hoch – Projekte werden verschoben, verkürzt oder abgesagt. Nicht alle Endkunden zahlen alle Freiberufler-Rechnungen zuverlässig – ein guter Vermittler begleicht sie unabhängig von der Zahlung des Kunden. Projektanbieter brauchen ein gutes „Standing“ beim Kunden und einen direkten Kontakt zu ihm. Sie müssen anerkannte Partner des Einkaufs oder der Fachabteilungen der Unternehmen sein.
Die fachliche Kompetenz der Projektanbieter polarisiert: Einerseits bewerteten in einer GULP Auswertung 2010 62,7 Prozent der IT-Selbstständigen ihren Vermittler als fachlich kompetent. Das sind 3,4 Prozentpunkte mehr als 2007 (59,3 Prozent). Ein gutes Zeichen. Andererseits schätzt ein Fünftel der IT-Freelancer ihren Vermittler als nicht kompetent ein, was das Fachliche angeht. Das sind 4,2 Prozentpunkte mehr als 2007.
Zwei Drittel der Freiberufler, die im Mai 2009 an einer GULP Kurzumfrage teilnahmen, erhalten am liebsten wenige, ausgewählte Projektanfragen, die fachlich und örtlich sitzen. Ein Drittel ist aber auch offen dafür, rechts und links des Pfades Anfragen zu erhalten – lieber eine mehr und dann die guten aussuchen, als etwas verpassen.
Personaldienstleister und Berater dringen immer stärker in den Markt für IT-Projektvermittlung vor
Apropos Markt: Der Markt der IT-Projektvermittlung ist im Wachstum begriffen und damit für Außenstehende sehr attraktiv. Laut einer Lünendonk-Studie von Sommer 2010 haben die zehn führenden Anbieter von Rekrutierung, Vermittlung und Steuerung freiberuflicher IT-Experten 2009 insgesamt mehr als 1,03 Milliarden Euro Umsatz erzielt. Das entspricht einem Marktanteil von nur 17,7 Prozent am gesamten Projektumfang, den freiberufliche IT-Experten 2009 abgewickelt haben. Der Anteil am Projektumfang ist damit noch relativ klein – was neue Anbieter in den Markt lockt.
Immer mehr Akteure im Markt
In Zukunft werden immer mehr Akteure am Markt teilnehmen, um ein Stück vom wachsenden (bzw. noch nicht verteilten) Kuchen abzubekommen. Dazu gehören Personaldienstleister wie Manpower oder Randstad, Beratungsunternehmen wie Accenture oder Cirquent, IT-Systemhäuser wie Bechtle oder ADA, aber auch Hersteller wie IBM oder SAP. Einige von ihnen haben ihr Professional-Segment ausgebaut, zum Beispiel durch Zukäufe. Dabei behalten die gekauften Agenturen meist ihre Marken und ihren Namen und operieren eigenständig im Markt für IT-Projektvermittlung. Die Personaldienstleister möchten zwar mitmischen, erkennen aber, dass der IT-Projektmarkt ein eigenständiger mit Besonderheiten ist. Aber ein Markt mit Zukunft, in dem sich weitere neue Akteure einfinden werden.
Können Sie sich in diesen vier Thesen wiederfinden? Wir sind gespannt auf Ihre Kommentare.
In Teil 2 der Zukunfts-Serie werden vier Thesen zur Zukunft der IT-Freiberuflichkeit diskutiert.












