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Der Frauenmangel in der Computerbranche schien bislang vorprogrammiert.
Zahlreiche Initiativen unterstützen weibliche Informatik-Cracks
jetzt bei der Aufholjagd.
Wo sind nur die Frauen hin? Entgegen weitverbreiteter Ansichten
war Programmieren früher reine Frauenarbeit, im Fachbereich Informatik
blieben die Studentinnen fast unter sich. Seitdem die Computerbranche
boomt, ist es mit der Dominanz vorbei. Die Europäische Union hat
1998 Inventur gemacht ("Women's Qualification for New Technologies
and New Forums of Work Organisation") und fand nur noch jede vierte
Stelle weiblich besetzt.
Dabei, das wusste schon Freud, sind Frauen für den Umgang mit Netzwerken
prädestiniert. Der Vater der Psychoanalyse erklärte, dass Frauen
im Grunde nur eine Fähigkeit besäßen - zu weben. Die britische Informatikerin
Sadie Plant, die an der Warwick University das Fach "Neue Technologien"
lehrt, folgert daraus, dass Generationen von Frauen in "weiblichen
Berufen" wie Weben, Tippen, Vernetzen das Know-how erworben haben,
das die westliche Welt revolutioniert. Denn wer vernetzen kann,
fühlt sich auch in den nichtlinearen Strukturen der neuen Cyberwelt
heimisch, betont Plant in ihrem 1997 erschienen Buch "Nullen und
Einsen". Immerhin hat eine Frau, Lord Byrons Tochter Ada Lovelace,
zusammen mit Charles Babbage den Urahn des heutigen Computers erfunden.
Trotz ihrer guten Startposition sind Frauen heute in den zukunftsträchtigen
Informatik-Berufen klar in der Minderheit. Lutz Görtz vom Deutschen
Multimediaverband (DMMV) schätzt ihren Anteil in der Multimedia-Branche
(Agenturen, Dienstleister und Produktionsfirmen) auf rund 20 Prozent:
"Dabei arbeiten deutlich mehr Frauen in Tätigkeitsfeldern wie der
Projektleitung als in der Programmierung oder vergleichbaren Bereichen."
Informatikerin Veronika Oechtering von der Universität Bremen, die
mit der "Informatica Feminale" einmal im Jahr die größte Frauen-Computertagung
Deutschlands organisiert, beobachtet: "Der Anteil der Informatikerinnen
an den Universitäten steigt kaum an, und die Abbruchquoten sind
noch immer immens."
Der Ursache für den Frauenschwund ist Britta Schinzel, Direktorin
des Instituts für Informatik und Gesellschaft an der Universität
Freiburg, auf die Spur gekommen: Solange Programmieren als geistig
weniger anspruchsvoll galt, stürzten sich die Männer auf Hardware
und Computerentwicklung. Seitdem die Softwareentwicklung Imagepunkte
dazu gewonnen hat, machen sich die Herren der Schöpfung hier breit.
Anne Brüggemann-Klein, Informatikprofessorin aus München geht ergänzt:
"Der Computer ist zu einem Symbol für Männlichkeit, die Beherrschbarkeit
der Technik geworden"
Schinzel sieht die Wurzel der "Geschlechtertrennung" vor dem PC
schon in der Kindheit: Der Computer ein Spielzeug für Jungen. Die
Hersteller von Computerspielen haben lange die weibliche Kundschaft
völlig ignoriert. In den meisten Spielen geht es um Agression und
Zerstörung. Mädchen spielen da nicht mit und verlieren die Lust,
sich überhaupt mit der Welt der Computer auseinander zu setzen.
Kein Wunder, dass der weibliche EDV-Nachwuchs ausbleibt: In den
70er und 80er Jahren war immerhin ein Viertel der Informatik-Neulinge
an den Universitäten weiblich. Bis 1993 sank ihr Anteil auf 7,3
Prozent.
Unter diesen Umständen sind weibliche EDV-Karrieren eine Ausnahme.
"Die meisten Frauen in der Branche arbeiten in den Bereichen Kundenbetreuung,
Beratung und Projektakquise", erläutert Veronika Oechtering. "Die
Hardware-Entwicklung überlassen sie weitgehend den Männern und beim
Ringen um den firmeninternen Aufstieg ziehen sie oft den Kürzeren."
Das bestätigt die Statistik.
Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) erklärte vor zwei
Jahren, dass Frauen nur zwei bis drei Prozent der weltweiten Topjobs
in der Branche besetzen. In Deutschland ist unter 100 Spitzenleuten
sogar nur eine Frau anzutreffen. Das Institut für Arbeitsmarkt-
und Berufsforschung (IAB) der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg
fand heraus, dass immerhin 6,8 Prozent der Informatikerinnen - doppelt
so viele wie bei den männlichen Absolventen - im vergangenen Jahr
trotz Universitätsdiploms überhaupt keinen Job fanden. Über die
Ursachen kann Franziska Schreyer vom IAB nur spekulieren: "In diesem
Bereich ist Teilzeit ein Fremdwort, Familie und Beruf lassen sich
nur schwer vereinbaren. Einige Vorgesetzte trauen Frauen nicht zu,
in die gnadenlose Workaholic-Kultur einzutauchen und das Klischee,
dass Frauen nichts von Technik verstehen, scheint sich auch immer
noch zu halten."
Damit sich das ändert, hat die Bundesregierung der Förderung von
Frauen in IT-Berufen bei ihrem "Aktionsprogramm für Innovation und
Arbeitsplätze im 21. Jahrhundert" Platz eingeräumt. Initiativen
wie "Frauen ans Netz" sollen helfen, die Hürden in High-Tech-Arbeitswelt
abzubauen. Ziel ist es, den Anteil der Studienanfängerinnen in Informatikstudiengängen
bis zum Jahr 2005 von derzeit 11, 5 Prozent auf 40 Prozent anzuheben.
Bei einem Projekt "Frauen geben Technik neue Impulse" arbeitet das
Bundesforschungsministerium mit der Telekom und der Bundesanstalt
für Arbeit zusammen, um Informations- und Weiterbildungsangebote
für den Informatikerinnen-Nachwuchs zu koordinieren. Auch einige
große Unternehmen, wie etwa Volkswagen oder die Telekom, haben Frauenbeauftragte
erfolgreich eingesetzt und versuchen gezielt, Frauen langfristig
in bisherige Männerdomänen und obere Führungsetagen zu lotsen -
zum Beispiel, indem sie sich an der Fortbildungsinitiative "Deutschland
21" beteiligen. Das Gros der Firmen hält sich aber noch zurück.
Deshalb nehmen viele Informatikerinnen nun die Zügel in Sachen Ausbildung
und Karriere selbst in die Hand. Ein Beispiel für erfolgreiche Eigenitiative
ist das 1984 von Leiterin Renate Wielpütz gegründete Frauen Computer
Zentrum in Berlin (www.fczb.de
). Die Berliner Computer Frauen werden von Unternehmen nicht nur
wegen ihrer ausgeprägten Teamfähigkeit gerne beschäftigt. Sie denken
vernetzt, so das Urteil ihrer Arbeitgeber, arbeiten gern unabhängig
und sind nicht fixiert auf Hierarchien. Außerdem stimmt bei ihnen
die Mischung zwischen konzeptionellen und kommunikativen Fähigkeiten.
Neuen Schwung hat der weiblichen Vernetzung das Internet gebracht.
So hat die amerikanische Informatikerin Aliza Sherman unter www.femina.com
einen Suchdienst speziell für Frauenthemen eingerichtet. Auf ihrer
Webside www.webgrrls.com finden sich Tipps und Tricks in Sachen
Computer ebenso wie Ideen zum Basteln einer eigenen Homepage. Frauen
sollen sich, so die Initiatorin, im Internet weiterbilden und ermutigt
werden, selbst Internetfirmen zu gründen. Darüber hinaus haben sie
die Chance, Kontakte zur Computerindustrie zu knüpfen. Mehr als
100 webgrrls-Gruppen (in Deutschland www.webgrrls.de ) treffen sich
inzwischen in aller Welt. Nicht nur virtuell, sondern auch ganz
real: zu Diskussionen, Vorträgen und um Karrieretipps auszutauschen.
Auch hierzulande gibt es Hilfestellungen aus dem Web: Unter http://frauen-technik-impulse.de
finden Informatikerinnen neben den Angeboten der Bundesforschungsminsteriums
und seiner Kooperationspartner Gründerlinks und die Adressen von
Ansprechpartnerinnen aus der Branche - genug virtuelle Unterstützung,
um sich in der Männerdomäne EDV durchzusetzen. Schließlich sollen
Carly Fiorina (Hewlett-Packard Corp.), Kim Polese (Marimba Inc.)
und Carol Bartz (Autodesk. Inc.) in den Vorstandsetagen mächtiger
Computerfirmen nicht allein bleiben.
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