Basel II. Wenn man mit und über Banken spricht, kommt man
derzeit um diesen Begriff nicht herum. Manchmal schwingt etwas
Bedrohliches mit, immer bedeutet er auch viel Arbeit – und
nicht wenige im IT-Projektmarkt sehen auch eine Chance. Aber was
genau ist Basel II und mit welchen Auswirkungen ist zu rechnen?
GULP hat Basel II genauer betrachtet.
Effiziente Risikovorsorge nötig
Der Sinn dahinter: Eine stabile Marktwirtschaft braucht stabile
Banken. Weil diese jedoch auch im Wettbewerb stehen und deshalb
unter Umständen eine effiziente Risikovorsorge vernachlässigen
würden, ist die Europäische Union bereits 1992 den Empfehlungen
des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht (Basel 1) gefolgt
und hat Richtlinien erlassen, die vorschreiben, dass alle Kredite
an Firmen einen fixen Anteil Eigenkapital der Bank enthalten müssen.
Die Richtlinien, die in nationalem Recht Eingang gefunden haben,
sollten vor allem sicher stellen, dass Banken Kreditausfälle
mit Eigenkapital decken können, ohne selbst dabei Konkurs
zu gehen.
Schon bald zeigte sich die Hauptschwäche von Basel I für
die Banken: Kunden hoher Bonität müssen angesichts des
fixen Anteils dieselben Eigenkapitalkosten zahlen wie Kunden geringer
Bonität, was wiederum bedeutet, dass gute die schlechten Bonitäten
subventionieren.
Ein Rating für Kunden
Und so wurde im Januar 2001 der Basel II-Entwurf zur Überarbeitung
der internationalen Kapitalvereinbarung vorgelegt – mit dem
Ziel, dass die Vereinbarung zum 1. Januar 2006 in Kraft tritt.
Mit Basel II werden nun die Richtlinien neu geregelt, mit denen
Banken Kreditrisiken steuern.
In der Praxis heißt das, dass Banken die von ihr vergebenen
Kredite nach klar vorgegebenen Kriterien bewerten müssen.
Das ist dann Grundlage für die Bewertung der Bank – je
höher ihr Kreditrisiko, desto mehr Eigenkapitalquote hat die
Bank auszuweisen. Diese Richtlinien geben die Banken natürlich
an die Kunden weiter – und zwar in Form einer Bonitätsbewertung,
also eines Ratings der Kunden. Und hier liegt es im Interesse der
Banken, penibel ihre Kunden und deren Kreditsicherheit zu beleuchten.
Auswirkungen auf den IT-Projektmarkt
Für den IT-Projektmarkt hat Basel II u. a. zwei Folgen. Zum
einen müssen IT-Dienstleister künftig beachten, dass
bei Kreditanfragen eine hohe Bonität wesentlich für einen
positiven Bescheid werden kann - zum anderen müssen
die Kreditinstitute ein entsprechendes Bewertungssystem aufbauen,
was letztendlich große IT-Projekte und damit auch die Chance
von mehr Aufträgen für externe IT-Spezialisten bedeutet.
Anlass für Hoffnung gibt es also, doch muss sich der IT-Projektmarkt
noch in Geduld üben – denn in den Banken wird derzeit
eingehend geprüft, welche Maßnahmen in Frage nötig
sind und in Frage kommen. Es gibt viel zu analysieren, zumal das
Rating in die gesamte Unternehmenssteuerung samt Reporting-System
integriert werden muss. Alles zusammen hat naturgemäß immense
Auswirkungen auf die IT-Infrastruktur einer Bank.
Wie es allerdings dann endgültig kommen wird, darüber
scheiden sich noch die Geister.
Kommentare zu diesem Artikel:
"Hat mir einen guten groben Überblick über Basel II gegeben. (März 2005)"
"Der Artikel ist kurz und trotzdem informativ. Infos in
verständlicher und verdaulicher Form kann es kaum genug
geben.
Was in dem Artikel nicht beleuchtet wurde, sind die
Auswirkungen von Basel II auf die Gesamtwirtschaft.
Und diese sind ja bekanntlich tendenziell negativ!
Schließlich sorgt Basel II dafür, dass Mittelständler
und Kleinunternehmer - und wir Freiberufler gehören
dazu - in Zukunft noch geringere Chancen auf Kredite
haben werden.
Gute Ideen in mittelständischen und Klein-Unternehmen
werden in Zukunft noch häufiger an zu geringen
Sicherheiten und zu geringer Bonität scheitern - auch
in unserer Branche!
Dieser miesen Beurteilung liegen folgende Annahmen
zugrunde:
- Mittelständler haben oft kein eigenes Rating oder
können sich nicht positiv genug in einem Rating
darstellen (denn das erfordert meist jahrelange
Vorarbeit)
- Banken müssen somit überproportional viel Eigenkapital
in kleine Kredite mit ohnehin dünnen Margen (wegen
der prozentual höheren Verwaltungskosten)
investieren - das wird Banken zusätzlich abschrecken
- Startup-Unternehmen, mit meist geringerer Bonität,
sind nicht per Definition nach kürzester Zeit
"hochprofitabel" - was aber notwendig ist, um einen
entsprechend teuren Kredit befriedigen zu können
- konjunkturelle Schwankungen werden ein hochgradig
fremd finanziertes Kleinunternehmen noch härter
treffen als bisher - und das wissen die Banken auch!
Grüße Stefan (swb-spfeifer) (Mai 2003)"
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