GULP >> GULP Knowledge Base >> Markt & Trends >> Arbeitsmarkt >> EU-Dienstleistungsrichtlinie: Fluch oder Segen?

EU-Dienstleistungsrichtlinie: Fluch oder Segen?

Teil 1 | Teil 2 | Teil 3

(November 2005)
Inhalt dieses Artikels:
Einheitlicher Dienstleistungsmarkt | Zankapfel Herkunftslandprinzip |
Weniger Bürokratie, mehr Wettbewerb
Ihre Meinung zum Artikel
sehr gut
1
2
3
4
5
6
schlecht
 

Die geplante Einführung einer EU-Dienstleistungsrichtlinie hat bei betroffenen Unternehmen, Selbstständigen, Gewerkschaften, in Medien und Öffentlichkeit für viel Zündstoff und Diskussionen gesorgt. Momentan ist es um dieses Thema etwas ruhig geworden, was aber nicht heißt, aus den Augen aus dem Sinn. Deshalb an dieser Stelle der Versuch einer Zusammenfassung, was die EU mit der Richtlinie beabsichtigt und was sich dadurch für Anbieter von IT-Dienstleistungen ändern könnte.

 

Einheitlicher Dienstleistungsmarkt
nach oben
   

Ziel der angedachten Dienstleistungsrichtlinie ist es, einen einheitlichen Dienstleistungsmarkt innerhalb der Europäischen Union (EU) zu schaffen. Jeder Dienstleistungsanbieter soll seine Leistungen auch in allen anderen EU-Mitgliedstaaten erbringen dürfen, ohne dass eine Niederlassung im Empfängerland notwendig ist. Der Geltungsbereich erstreckt sich auf alle Dienstleistungen, außer sie werden vom Staat direkt oder unentgeltlich angeboten (Kultur, Bildung, Sozialbereich). Von einer Liberalisierung des Dienstleistungsmarktes verspricht man sich einen Wachstumsschub für Europa, mehr Arbeitsplätze und die Verwirklichung des im Jahr 2000 anvisierten Ziels, die EU bis zum Jahr 2010 "zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt" zu machen. Mit einem EU-Dienstleistungsmarkt soll das gelingen, denn der Dienstleistungssektor erwirtschaftet rund zwei Drittel des gesamten Bruttoinlandproduktes der EU und gilt somit als Wachstumsmotor.

Der Anfang 2004 vom damaligen EU-Binnenmarktskommissar Frits Bolkestein vorgelegte Richtlinien-Entwurf sieht vor, bestehende Wettbewerbshindernisse im Binnenmarkt zu beseitigen, den freien Dienstleistungsverkehr und die Niederlassungsfreiheit voranzutreiben. Die Idee der Dienstleistungsfreiheit ist nicht neu, sondern gehört bereits zu einer der vier Grundfreiheiten in der Europäischen Gemeinschaft. Tatsächlich verwirklicht wurde sie bisher noch nicht. So müssen sich Unternehmen oder Selbstständige, die Dienstleistungen ins EU-Ausland erbringen in der Praxis häufig mit Problemen und rechtlichen Hürden herumschlagen, welche die grenzüberschreitenden Tätigkeiten erschweren. So muss beispielsweise die Anerkennung als freiberuflicher IT-Dienstleister in Deutschland noch lange nicht für andere EU-Mitgliedstaaten gelten. An diesem Punkt setzt der Kern der Richtlinie, das Herkunftslandprinzip, an.

 

 

Zankapfel Herkunftslandprinzip
nach oben
   

Das Herkunftslandprinzip sieht vor, dass die Dienstleistungserbringung in andere EU-Mitgliedstaaten den Gesetzen, Standards und Konditionen unterliegen soll, die am Unternehmenssitz des Leistungserbringers gelten. Eine zusätzliche Zulassung des Dienstleisters durch die örtlichen ausländischen Behörden soll es nicht geben. Ist also ein Unternehmer in Deutschland für seinen Tätigkeit qualifiziert, so gilt diese Anerkennung auch in jedem anderen Land innerhalb der EU. Das würde bedeuten, dass ein deutscher IT-Experte, der seine Dienstleistung in Deutschland legal erbringen darf, dazu zum Beispiel auch in Frankreich oder Polen berechtigt ist. Die Kontrolle des Dienstleistungserbringers sowie der von ihm erbrachten Dienstleistung obliegt dem Herkunftsstaat.

Somit würden mit Inkrafttreten dieser Regelung in jedem EU-Mitgliedstaat die arbeits- und sozialversicherungsrechtlichen Normen aus 25 verschiedenen Ländern rechtswirksam werden. Hierzu bemängelt der Bundesverband freier Berufe, dass eine Berufsaufsicht im Sinne des Verbrauchers dann nicht mehr möglich sei, denn die Aufnahmestaatbehörde habe keine Kenntnis über das Recht des Herkunftslandes und die Herkunftsstaatbehörde keine Handlungsmöglichkeit im Aufnahmestaat. Rechtschaos wäre vorprogrammiert und die Gewährleistung bestehender Qualitätsstandards nicht mehr gegeben.

Das Herkunftslandprinzip hat eine Vielzahl von Kritikern auf den Plan gerufen und auch die EU-Staaten in Vertreter eines "sozialen" (z.B. Deutschland, Frankreich) und eines "wirtschaftsliberalen" Europas (z. B. England, osteuropäische Staaten) gespalten. Sozialstaaten sehen durch das Prinzip Lohn- und Arbeitsstandards gefährdet und möchten die eigenen Märkte schützen. Für wirtschaftsliberale Länder sind Öffnung und Wettbewerb der Schlüssel für mehr Produktivität und Wachstum.

Für den ITK-Sektor befürchtet die IG-Metall Lohn-, Sozial- und Qualitätsdumping, beschleunigte Outsourcing-Tendenzen und Betriebs-Verlagerungen in EU-Länder mit geringerem Lohnniveau sowie den Abbau weiterer ITK-Arbeitsplätze. Andererseits ist aus Unternehmenssicht die Niederlassung in andere EU-Länder häufig ein notwendiges Übel, um die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.

 

 

Weniger Bürokratie, mehr Wettbewerb
nach oben
   

Im deutschen IT-Projektmarkt ist die Globalisierung schon länger auf dem Vormarsch als bei anderen freien Berufen. So sind internationale Projektteams ebenso selbstverständlich wie die hohe Bereitschaft deutscher IT-Freiberufler für Projekteinsätze im Ausland. Gerade letzteres ist aber nicht immer so leicht wie es die Dienstleistungsfreiheit in der EU eigentlich vorsieht. Jeder IT-Freiberufler, der schon mal versucht hat, zum Beispiel in Frankreich tätig zu werden, sieht sich vor allem beim Sozialversicherungsrecht mit einigen Hürden konfrontiert. Durch das Herkunftslandprinzip könnte sich das ändern, denn Zulassungsprüfungen durch den Aufnahmestaat würden entfallen. Die Erschließung weiterer Projektmärkte wäre für den Dienstleister dadurch wesentlich unbürokratischer und einfacher.

Allerdings gilt das Modell dann auch umgekehrt, was heißt, dass ausländische IT-Fachleute aus der EU die gleichen Freiheiten besitzen und ihre Leistungen zu ihren Bedingungen auf dem deutschen Markt anbieten könnten. Dies könnte wiederum negative Auswirkungen auf die Preisgestaltung und Projektauslastung deutscher IT-Dienstleister haben. Besonders osteuropäische IT-Fachleute geraten hier in den Fokus, da in diesen Ländern ein geringeres Lohnniveau herrscht. Bei einer GULP Zwischenbilanz zur EU-Osterweiterung vom Mai dieses Jahres sahen sowohl IT-Freiberufler als auch Projektanbieter insbesondere ihre Befürchtungen hinsichtlich Preisverfall und Lohndumping durch die Öffnung nach Osten bestätigt. Beide Seiten konnten der EU-Osterweiterung keine positiven Aspekte abgewinnen, mehr Projekte versprachen sie sich dadurch nicht.

Es gibt also immer zwei Seiten der Medaille und derzeit ist noch nicht wirklich abschätzbar, ob die EU-Dienstleistungsrichtlinie zum Fluch oder Segen für den IT-Projektmarkt werden wird. Dass die Richtlinie kommt, ist wahrscheinlich. Offen ist noch, in welcher Form sie in Kraft treten wird. Auf dem EU-Frühjahrsgipfel 2005 haben die Staats- und Regierungschefs angesichts der bestehenden Uneinigkeit beim Herkunftslandprinzip beschlossen, den Richtlinien-Entwurf zu überarbeiten. Die Parlaments-Abstimmung über die Richtlinie wird frühestens im Frühjahr 2006 erwartet.

 

 

 


Kommentare zu diesem Artikel:

"Ausgewogen. Besonders interessant, dass weder Herkunfts- noch Aufnahmeland die Dienstleister tatsächlich beaufsichtigen können. Es sind ja schon in Deutschland die Aufsichtsbehörden mit den eigenen Regelwerken überfordert. (November 2005)"

"Den Artikel finde ich ganz interessant, regt zum Nachdenken an. Zum Thema: Die Sache ist wie meistens nicht wirklich ausgegoren. Bei Billigmöbeln z.B, gelten in Deutschland strikte Qualitätsrichtlinien und Verbote für die Verarbeitung bestimmter giftiger Stoffe, die jedoch im Osten nicht gelten. Auf dem IT-Markt fürchte ich ebenfalls Preisverfall und Vernichtung weiterer Arbeitsplätze in Deutschland. Meines Erachtens müßte auch insgesamt ein Umdenken stattfinden. Wenn ich die billigeren Ausländer beschäftige und die teuren Deutschen auf die Straße setze, wer kauft dann noch die hergestellten Waren in Deutschland, für welche man ja immer noch dieselben Preise oder mehr Geld haben möchte. Hier gehört einfach mehr Sachverstand her, in der Politik, in der Wirtschaft und beim Einzelnen. (November 2005)"

"Interessant! (November 2005)"

"Es ist sehr wohl so, dass alle öffentlichen Dienstleistungen(sofern überhaupt noch vorhanden) nicht nur vollständig privatisiert, sondern auch ins Ausland verlagert würden. Siehe Richtlinie Paragraph 12 und 15. (November 2005)"

"Wir haben in Deutschland hochqualifiziere und zertifizierte IT-Mitarbeiter. Das kostet deutsche Unternehmen viel Geld. Die Kunden sind damit zufrieden und bezahlen für gute Arbeit auch gerne gutes Geld. Nur, dass die IT-Fachkräfte hier in Deutschland sich auch hohen Lebenserhaltungskosten gegenübersehen. Miete, Benzin, Steuern etc. sind hier erheblich höher als in den Ostländern der EU. Klar, dass die billiger sein können, deren Kosten betragen ja auch nur einen Bruchteil der IT-Kollegen hier in Deutschland. Wachstum??? Ja, wird es geben, allerdings in den Ostländern!! Deutsche IT-ler stehen dann auf der Straße. Aber wo soll das hinführen? Unsere Kunden beschweren sich doch schon heute über ausländische IT-Fachleute, die mit gebrochenem Deutsch/Englisch daherkommen und mit denen man sich nicht einmal ausreichend verständigen kann. Es ist wieder einmal der falsche Weg. Was wir in Deutschland brauchen, damit die Wirtschaft wieder anspringt ist nicht Lohnverfall, sondern die Leute müssen wieder Geld in die Hand bekommen. Dann wird wieder mehr Geld ausgegeben (denn z.Zt. ist nichts da!!) (November 2005)"


Seite drucken Seiten drucken
Zum Seitenanfang nach oben

Für die Teilnahme an den mit diesem Icon gekennzeichneten Diensten melden Sie sich mit den Zugangsdaten an.
Zugangsdaten vergessen? | Noch kein GULP Profil?
Über GULP: Mehr als 3.000 Kunden, 75.000 eingetragene IT-Experten, davon 10.500 mit Schwerpunkt Engineering, und über 1.000.000 abgewickelte Projektanfragen: GULP ist die wichtigste Quelle für die Besetzung von IT-/Engineering-Projekten mit externen Spezialisten im deutschsprachigen Raum. Zusätzlich zu den Dienstleistungen einer modernen Personalagentur bietet GULP ein umfassendes Online-Portal mit Informationen und Services für die Teilnehmer im Markt.