| GULP |
Herr Hesse, wie würden Sie
die Entwicklung des IT-Projektmarktes in den vergangenen Jahren und
Monaten beschreiben? |
| Hesse |
Als verrückte Zeiten. 1999, als die Jahrtausendwende
immer näher rückte, gab es plötzlich überall
ein großes Erwachen, dass man ja was für die Umstellung
tun müsse. Daraufhin brach im IT-Beratermarkt die Hölle
aus – keiner wollte mehr Angestellter sein, jeder wollte als
Freiberufler das große Geld verdienen. |
| GULP |
Und trafen Sie auch mehr oder weniger
unvorbereitet auf die Jahrtausendwende? |
| Hesse |
Wir waren damals glücklicherweise in unseren
Vorbereitungen schon ziemlich weit fortgeschritten, was allerdings
nichts daran änderte, dass wir ab 1999 ebenfalls mit horrenden
Stundensatzforderungen von IT-Beratern konfrontiert worden sind. |
| GULP |
Und haben Sie diese akzeptiert? |
| Hesse |
Ich erinnere mich an einen IT-Berater, der einen Stundensatz
von 330 Pfund verlangt hat. Wir sind dann ohne seine Mitarbeit ausgekommen.
Aber es stimmt schon, dass wir manche Stundensätze zähneknirschend
akzeptieren mussten, weil die Nachfrage nach bestimmten Skills viel
höher war als das Angebot. |
| GULP |
Wie ging es weiter? |
| Hesse |
>> In Spitzenzeiten über
150 externe IT-Spezialisten. <<
|
|
Die Aufregung im IT-Projektmarkt hielt sich geraume
Zeit, weil ja danach gleich die Euro-Umstellung folgte und auch das
Investment Banking boomte und schnell IT-Kapazitäten hierfür
aufgebaut werden mussten. Allein unser Bereich beschäftigte
zu Spitzenzeiten über 150 externe IT-Spezialisten. Die Trendwende
bzw. Konsolidierung der IT in der Bankenbranche setzte dann im Oktober
2002 ein. |
| GULP |
Was heißt das? |
| Hesse |
Nun, in dem Fachbereich, den ich bei der Commerzbank
verantworte, haben wir frühzeitig eine innerbetriebliche Bedarfsanalyse
angestellt, die Strukturen beizeiten angepasst und Linienaufgaben
von externer Betreuung in interne Aufgaben umgewandelt. |
| GULP |
Es gibt also keine externen IT-Berater
mehr in Ihrem Fachbereich? |
| Hesse |
Tatsächlich sind es nur noch vier IT-Spezialisten,
die auf freiberuflicher Basis bei uns tätig sind. Diese betreuen
ganz spezielle Systeme, deren Skills zur Zeit ebenfalls auf interne
Mitarbeiter übertragen werden. |
| GULP |
Es hat also wenig Sinn, heute
mit Ihnen über laufende externe Unterstützung für IT-Projekte
zu sprechen. Wird Basel II den Zustand ändern? |
| Hesse |
Ich kann nur für meinen Bereich sprechen, aber
wir sind auch hier von den Plattformen her sehr gut aufgestellt,
so dass ich in absehbarer Zeit keine größeren Infrastruktur-Projekte
rund um Basel II sehe. |
| GULP |
Herr Hesse, welche Themen sind denn
derzeit in Ihrem Bereich akut? |
| Hesse |
>> Es gilt das Primat der
Betriebswirtschaft. <<
|
|
Dass das vorrangigste Thema die Reduzierung von Kosten
ist, kann nicht verwundern, denn dies trifft ja mittlerweile auf
fast alle Unternehmen in Deutschland zu. Es gilt das Primat der Betriebswirtschaft,
womit das Controlling natürlich eine herausragende Stellung
eingenommen hat. |
| GULP |
Zum Schaden der Fachabteilung? Gibt
es dadurch bei Ihnen den viel beschworenen Investitionsstau? |
| Hesse |
Nein, den gibt es bei uns nicht, was daran liegt,
dass wir im Rahmen der Konsolidierung zum Beispiel die Solaris-Architektur
auf den neuesten Stand gebracht haben. Überhaupt sind wir im
ganzen Bereich der UNIX/VMS- Systeme auf der Höhe der Zeit,
weshalb ich guten Mutes bin. |
| GULP |
Sie sehen also auch in Zukunft
keine bzw. fast keine IT-Berater in Ihrem Fachbereich? |
| Hesse |
Zumindest auf absehbare Zeit werden wir keine weiteren
IT-Berater einsetzen. Ich will aber auch mal grundsätzlich dazu
feststellen, dass wir die Fehler der Vergangenheit nicht mehr wiederholen,
als wir Freiberufler in Linienfunktionen eingesetzt haben. Neben
dem Kostenaspekt vergisst man hier oftmals den sozialen Zündstoff,
wenn sich Angestellter und Freiberufler über einen längeren
Zeitraum gegenüber sitzen. Der eine bekommt zwar ein ordentliches
Gehalt, die Stundensätze des anderen sind aber oftmals deutlich
höher. Natürlich muss der Freiberufler seine Sozialabgaben
selbst bezahlen und trägt auch ein größeres Risiko – aber
allein die Tatsache, dass in einer solchen Konstellation der Verdienst
permanent ein unterschwelliges Thema darstellt, erschwert das Miteinander
und verringert die Produktivität. |
| GULP |
Und wann würden IT-Berater
zum Zug kommen? |
| Hesse |
Wenn, dann für kurze Projekte, in denen ihr fachliches
Know-how gefragt ist. |
| GULP |
Ist Outsourcing bei Ihnen ein Thema? |
| Hesse |
Wir haben für unseren Bereich schon selektives
Outsourcing geprüft - also begrenzte in sich geschlossene Teilbereiche,
die nach außen vergeben würden. Allerdings hat bislang
noch kein Outsourcer in meinem Verantwortungsbereich tatsächlich
unter dem Strich ein wirtschaftlich attraktives Angebot machen können.
Aktuell steht die Bank mit IBM in Due Dilligence Verhandlungen, um
ihre IT-Einheit für das Investment Banking vielleicht „outzusourcen“ – wenn
das Paket stimmt. |
| GULP |
Wenn wir einmal davon ausgehen,
dass Ihr Fachbereich wieder IT-Berater verpflichten würde – wird
der Einkauf oder das Controlling darüber entscheiden, wer genommen
wird? |
| Hesse |
>> Der neue Kollege muss
auch ins Team passen. <<
|
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Das Procedere steht fest und wurde ja bereits erprobt.
Was heißt, dass das Controlling das generelle Budget festgelegt
und der Einkauf die Rahmenverträge mit bestimmten Agenturen
ausgehandelt hat. Unter diesen Rahmenbedingungen wird dann bei uns
entschieden, ob wir einen IT-Freiberufler einstellen oder nicht.
Schließlich muss der neue Kollege nicht nur fachlich qualifiziert
sein, sondern auch ins Team passen. |
| GULP |
Und wie läuft das Procedere
im Detail ab? |
| Hesse |
Die Arbeitsteams, die Bedarf haben, setzen sich mit
einer Agentur, mit der die Commerzbank einen Rahmenvertrag hat, in
Verbindung und lassen sich dann Profile von eventuell passenden
IT-Beratern zuschicken. Die werden dann von dem Team ausgewertet,
woraufhin zwei oder drei IT-Berater zum Interview eingeladen werden.
Passt es fachlich und menschlich, wird die Entscheidung des Teams
mir zur Genehmigung vorgelegt. |
| GULP |
Sind die Agenturen bei den Interviews
dabei? |
| Hesse |
Das hängt von der Agentur ab und von dem IT-Berater.
Wenn es ein erfahrener Spezialist ist, braucht der keine Agentur
mehr, damit ein Interview gut läuft. Bei jungen IT-Beratern
kann es schon vorkommen, dass sie einen Mitarbeiter aus der Agentur
zur moralischen Unterstützung dabei haben. |
| GULP |
Was ist wichtiger bei einem IT-Berater,
die Fachlichkeit oder der Preis? |
| Hesse |
Es muss der beste Berater sein und natürlich
der Günstigste. Aber Spaß beiseite, allein die Frage beinhaltet
die „Quadratur des Kreises“, die bekanntlich nicht lösbar
ist. Es muss das Package stimmen. |
| GULP |
Greifen Sie lieber auf bekannte
IT-Berater zurück? |
| Hesse |
Wenn sie gute Arbeit zu einem vernünftigen Preis
geleistet haben, natürlich. In der Praxis rufen meine Mitarbeiter
bei dem IT-Berater an und fragen ihn, bei welchem Agent er zur Zeit
ist. Wenn dieser dann einen Rahmenvertrag mit der Bank hat, beginnt
der geregelte Einkaufsprozess. |
| GULP |
Wie lange würden denn, so sie
es derzeit geben würde, IT-Projekte dauern? |
| Hesse |
>> Verträge nur noch
mit einer maximalen Laufzeit von 3 Monaten. <<
|
|
Wir schließen grundsätzlich nur noch Verträge
mit einer maximalen Laufzeit von 3 Monaten ab. Dann werden Erfolg
und Bedarf überprüft und gegebenenfalls ein Anschlussvertrag
gemacht. |
| GULP |
Wie hoch ist das Risiko, einen
unqualifizierten IT-Berater angeboten zu bekommen? |
| Hesse |
Nahezu Null, denn die Agenturen, mit denen wir zusammen
arbeiten, legen aus eigenem Interesse höchsten Wert auf die
fachliche und menschliche Qualifikation ihrer IT-Berater. Da findet
vorab, währenddessen und im Anschluss an ein Projekt eine qualitativ
hochwertige Beratung statt, die gewährleistet, dass uns nur
gute IT-Spezialisten angeboten werden. |
| GULP |
Die Commerzbank kennt also hier
keine Probleme? |
| Hesse |
>> So wie bei Deutschland
sucht den Superstar. <<
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|
Bereits Ende 2001/Anfang 2002, mit Beginn der Konsolidierung
des Marktes, hat sich die Spreu vom Weizen getrennt. Davor haben
sicherlich viele IT-Berater, die nicht die nötigen Fähigkeiten
besaßen, überbezahlte
Jobs bekommen – aber letztendlich war es so wie bei „Deutschland
sucht den Superstar“. |
| GULP |
Dem Sangeswettbewerb im Fernsehen? |
| Hesse |
Genau. IT-Berater müssen zwar nicht singen, aber
in damaligen Zeiten hatte man schon manchmal das Gefühl, dass
viele absolut überzeugt von sich waren, aber im übertragenen
Sinne nicht „singen“ konnten. |
| GULP |
Womit wir beim Thema Fremd- und
Selbstbild angelangt wären ... |
| Hesse |
Ja. Aber, wie gesagt, meines Erachtens sind diese
Zeiten weitgehend vorbei, denn wer in die nächste Runde kommen
bzw. als IT-Berater erfolgreich sein will, der muss was bieten. |
| GULP |
Und wenn er das für sinkende
Stundensätze tun muss? Lässt da die Motivation nach? |
| Hesse |
Natürlich arbeiten IT-Berater für Geld,
aber es scheint in der Regel nicht ihre Hauptmotivation. Bei den
meisten Spezialisten, mit denen ich zu tun hatte und habe, steht
das Know-how und die permanente fachliche Weiterbildung im Mittelpunkt
ihrer Tätigkeit. Nach meiner Überzeugung ist das auch
langfristig die richtige Philosophie, denn nur solche IT-Berater,
die ihre Arbeit aus Überzeugung tun und ihr Wissen fortwährend
ausbauen, werden dauerhaft erfolgreich bleiben. |
| GULP |
Werden die Zeiten für IT-Projekte
und für IT-Berater wieder besser? |
| Hesse |
>> Was macht die Volkswirtschaft? <<
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Da kann ich nur mit einer Gegenfrage antworten: Was
macht die Volkswirtschaft? Wenn hier der Motor wieder anspringt,
die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geschaffen sind, dann zieht
auch die Konjunktur wieder an. Und dann gibt es sicher auch wieder
Projekte. |
| GULP |
Herr Hesse, wir danken Ihnen
für
das Gespräch. |
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