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Frühzeitig die Strukturen angepasst

Banken Spezial: Interview mit Hans-Jürgen Hesse, Commerzbank

(Juni 2003)

Foto: Hans-Jürgen Hesse

Hans-Jürgen Hesse
Commerzbank

Im Zentralen Servicebereich IT-Production der Commerzbank ist Hans-Jürgen Hesse für die Planung und den Betrieb der UNIX und VMS Systeme verantwortlich. Der Fachbereichsleiter war maßgeblich beteiligt an der Jahrtausend- und Euroumstellung in seiner Bank. Mit ihm sprach GULP über „verrückte Zeiten“ und externen IT-Beratern in Linienfunktionen.

Mit einer Konzern-Bilanzsumme von rund 400 Mrd. Euro gehört die in Frankfurt am Main ansässige und 1870 gegründete Commerzbank zu den führenden privaten Geschäftsbanken in Deutschland und Europa. Der Commerzbank-Konzern beschäftigt rund 35.000 Mitarbeiter, davon 7700 weltweit.

 

GULP Herr Hesse, wie würden Sie die Entwicklung des IT-Projektmarktes in den vergangenen Jahren und Monaten beschreiben?

Hesse

Als verrückte Zeiten. 1999, als die Jahrtausendwende immer näher rückte, gab es plötzlich überall ein großes Erwachen, dass man ja was für die Umstellung tun müsse. Daraufhin brach im IT-Beratermarkt die Hölle aus – keiner wollte mehr Angestellter sein, jeder wollte als Freiberufler das große Geld verdienen.
GULP Und trafen Sie auch mehr oder weniger unvorbereitet auf die Jahrtausendwende?

Hesse

Wir waren damals glücklicherweise in unseren Vorbereitungen schon ziemlich weit fortgeschritten, was allerdings nichts daran änderte, dass wir ab 1999 ebenfalls mit horrenden Stundensatzforderungen von IT-Beratern konfrontiert worden sind.
GULP Und haben Sie diese akzeptiert?

Hesse

Ich erinnere mich an einen IT-Berater, der einen Stundensatz von 330 Pfund verlangt hat. Wir sind dann ohne seine Mitarbeit ausgekommen. Aber es stimmt schon, dass wir manche Stundensätze zähneknirschend akzeptieren mussten, weil die Nachfrage nach bestimmten Skills viel höher war als das Angebot.
GULP Wie ging es weiter?

Hesse

>> In Spitzenzeiten über 150 externe IT-Spezialisten. <<

Die Aufregung im IT-Projektmarkt hielt sich geraume Zeit, weil ja danach gleich die Euro-Umstellung folgte und auch das Investment Banking boomte und schnell IT-Kapazitäten hierfür aufgebaut werden mussten. Allein unser Bereich beschäftigte zu Spitzenzeiten über 150 externe IT-Spezialisten. Die Trendwende bzw. Konsolidierung der IT in der Bankenbranche setzte dann im Oktober 2002 ein.
GULP Was heißt das?

Hesse

Nun, in dem Fachbereich, den ich bei der Commerzbank verantworte, haben wir frühzeitig eine innerbetriebliche Bedarfsanalyse angestellt, die Strukturen beizeiten angepasst und Linienaufgaben von externer Betreuung in interne Aufgaben umgewandelt.
GULP Es gibt also keine externen IT-Berater mehr in Ihrem Fachbereich?

Hesse

Tatsächlich sind es nur noch vier IT-Spezialisten, die auf freiberuflicher Basis bei uns tätig sind. Diese betreuen ganz spezielle Systeme, deren Skills zur Zeit ebenfalls auf interne Mitarbeiter übertragen werden.
GULP Es hat also wenig Sinn, heute mit Ihnen über laufende externe Unterstützung für IT-Projekte zu sprechen. Wird Basel II den Zustand ändern?

Hesse

Ich kann nur für meinen Bereich sprechen, aber wir sind auch hier von den Plattformen her sehr gut aufgestellt, so dass ich in absehbarer Zeit keine größeren Infrastruktur-Projekte rund um Basel II sehe.
GULP Herr Hesse, welche Themen sind denn derzeit in Ihrem Bereich akut?

Hesse

>> Es gilt das Primat der Betriebswirtschaft. <<

Dass das vorrangigste Thema die Reduzierung von Kosten ist, kann nicht verwundern, denn dies trifft ja mittlerweile auf fast alle Unternehmen in Deutschland zu. Es gilt das Primat der Betriebswirtschaft, womit das Controlling natürlich eine herausragende Stellung eingenommen hat.
GULP Zum Schaden der Fachabteilung? Gibt es dadurch bei Ihnen den viel beschworenen Investitionsstau?

Hesse

Nein, den gibt es bei uns nicht, was daran liegt, dass wir im Rahmen der Konsolidierung zum Beispiel die Solaris-Architektur auf den neuesten Stand gebracht haben. Überhaupt sind wir im ganzen Bereich der UNIX/VMS- Systeme auf der Höhe der Zeit, weshalb ich guten Mutes bin.
GULP Sie sehen also auch in Zukunft keine bzw. fast keine IT-Berater in Ihrem Fachbereich?

Hesse

Zumindest auf absehbare Zeit werden wir keine weiteren IT-Berater einsetzen. Ich will aber auch mal grundsätzlich dazu feststellen, dass wir die Fehler der Vergangenheit nicht mehr wiederholen, als wir Freiberufler in Linienfunktionen eingesetzt haben. Neben dem Kostenaspekt vergisst man hier oftmals den sozialen Zündstoff, wenn sich Angestellter und Freiberufler über einen längeren Zeitraum gegenüber sitzen. Der eine bekommt zwar ein ordentliches Gehalt, die Stundensätze des anderen sind aber oftmals deutlich höher. Natürlich muss der Freiberufler seine Sozialabgaben selbst bezahlen und trägt auch ein größeres Risiko – aber allein die Tatsache, dass in einer solchen Konstellation der Verdienst permanent ein unterschwelliges Thema darstellt, erschwert das Miteinander und verringert die Produktivität.
GULP Und wann würden IT-Berater zum Zug kommen?

Hesse

Wenn, dann für kurze Projekte, in denen ihr fachliches Know-how gefragt ist.
GULP Ist Outsourcing bei Ihnen ein Thema?

Hesse

Wir haben für unseren Bereich schon selektives Outsourcing geprüft - also begrenzte in sich geschlossene Teilbereiche, die nach außen vergeben würden. Allerdings hat bislang noch kein Outsourcer in meinem Verantwortungsbereich tatsächlich unter dem Strich ein wirtschaftlich attraktives Angebot machen können. Aktuell steht die Bank mit IBM in Due Dilligence Verhandlungen, um ihre IT-Einheit für das Investment Banking vielleicht „outzusourcen“ – wenn das Paket stimmt.
GULP Wenn wir einmal davon ausgehen, dass Ihr Fachbereich wieder IT-Berater verpflichten würde – wird der Einkauf oder das Controlling darüber entscheiden, wer genommen wird?

Hesse

>> Der neue Kollege muss auch ins Team passen. <<

Das Procedere steht fest und wurde ja bereits erprobt. Was heißt, dass das Controlling das generelle Budget festgelegt und der Einkauf die Rahmenverträge mit bestimmten Agenturen ausgehandelt hat. Unter diesen Rahmenbedingungen wird dann bei uns entschieden, ob wir einen IT-Freiberufler einstellen oder nicht. Schließlich muss der neue Kollege nicht nur fachlich qualifiziert sein, sondern auch ins Team passen.
GULP Und wie läuft das Procedere im Detail ab?

Hesse

Die Arbeitsteams, die Bedarf haben, setzen sich mit einer Agentur, mit der die Commerzbank einen Rahmenvertrag hat, in Verbindung und lassen sich dann Profile von eventuell passenden IT-Beratern zuschicken. Die werden dann von dem Team ausgewertet, woraufhin zwei oder drei IT-Berater zum Interview eingeladen werden. Passt es fachlich und menschlich, wird die Entscheidung des Teams mir zur Genehmigung vorgelegt.
GULP Sind die Agenturen bei den Interviews dabei?

Hesse

Das hängt von der Agentur ab und von dem IT-Berater. Wenn es ein erfahrener Spezialist ist, braucht der keine Agentur mehr, damit ein Interview gut läuft. Bei jungen IT-Beratern kann es schon vorkommen, dass sie einen Mitarbeiter aus der Agentur zur moralischen Unterstützung dabei haben.
GULP Was ist wichtiger bei einem IT-Berater, die Fachlichkeit oder der Preis?

Hesse

Es muss der beste Berater sein und natürlich der Günstigste. Aber Spaß beiseite, allein die Frage beinhaltet die „Quadratur des Kreises“, die bekanntlich nicht lösbar ist. Es muss das Package stimmen.
GULP Greifen Sie lieber auf bekannte IT-Berater zurück?

Hesse

Wenn sie gute Arbeit zu einem vernünftigen Preis geleistet haben, natürlich. In der Praxis rufen meine Mitarbeiter bei dem IT-Berater an und fragen ihn, bei welchem Agent er zur Zeit ist. Wenn dieser dann einen Rahmenvertrag mit der Bank hat, beginnt der geregelte Einkaufsprozess.
GULP Wie lange würden denn, so sie es derzeit geben würde, IT-Projekte dauern?

Hesse

>> Verträge nur noch mit einer maximalen Laufzeit von 3 Monaten. <<

Wir schließen grundsätzlich nur noch Verträge mit einer maximalen Laufzeit von 3 Monaten ab. Dann werden Erfolg und Bedarf überprüft und gegebenenfalls ein Anschlussvertrag gemacht.
GULP Wie hoch ist das Risiko, einen unqualifizierten IT-Berater angeboten zu bekommen?

Hesse

Nahezu Null, denn die Agenturen, mit denen wir zusammen arbeiten, legen aus eigenem Interesse höchsten Wert auf die fachliche und menschliche Qualifikation ihrer IT-Berater. Da findet vorab, währenddessen und im Anschluss an ein Projekt eine qualitativ hochwertige Beratung statt, die gewährleistet, dass uns nur gute IT-Spezialisten angeboten werden.
GULP Die Commerzbank kennt also hier keine Probleme?

Hesse

>> So wie bei Deutschland sucht den Superstar. <<

Bereits Ende 2001/Anfang 2002, mit Beginn der Konsolidierung des Marktes, hat sich die Spreu vom Weizen getrennt. Davor haben sicherlich viele IT-Berater, die nicht die nötigen Fähigkeiten besaßen, überbezahlte Jobs bekommen – aber letztendlich war es so wie bei „Deutschland sucht den Superstar“.
GULP Dem Sangeswettbewerb im Fernsehen?

Hesse

Genau. IT-Berater müssen zwar nicht singen, aber in damaligen Zeiten hatte man schon manchmal das Gefühl, dass viele absolut überzeugt von sich waren, aber im übertragenen Sinne nicht „singen“ konnten.
GULP Womit wir beim Thema Fremd- und Selbstbild angelangt wären ...

Hesse

Ja. Aber, wie gesagt, meines Erachtens sind diese Zeiten weitgehend vorbei, denn wer in die nächste Runde kommen bzw. als IT-Berater erfolgreich sein will, der muss was bieten.
GULP Und wenn er das für sinkende Stundensätze tun muss? Lässt da die Motivation nach?

Hesse

Natürlich arbeiten IT-Berater für Geld, aber es scheint in der Regel nicht ihre Hauptmotivation. Bei den meisten Spezialisten, mit denen ich zu tun hatte und habe, steht das Know-how und die permanente fachliche Weiterbildung im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Nach meiner Überzeugung ist das auch langfristig die richtige Philosophie, denn nur solche IT-Berater, die ihre Arbeit aus Überzeugung tun und ihr Wissen fortwährend ausbauen, werden dauerhaft erfolgreich bleiben.
GULP Werden die Zeiten für IT-Projekte und für IT-Berater wieder besser?

Hesse

>> Was macht die Volkswirtschaft? <<

Da kann ich nur mit einer Gegenfrage antworten: Was macht die Volkswirtschaft? Wenn hier der Motor wieder anspringt, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geschaffen sind, dann zieht auch die Konjunktur wieder an. Und dann gibt es sicher auch wieder Projekte.
GULP Herr Hesse, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 


Kommentare zu diesem Artikel:

"Interessante Insider-Information! (Juli 2003)"

"gutes Interview, guter Überblick und interessante Kommentare von Hr. Hesse (Juni 2003)"

"Ich kenne Herrn Hesse aus seiner Zeit als Y2K Projekt-Leiter. Er ist seiner Linie treu geblieben und hat aus den "verrückten" Zeiten viel gelernt. (Juni 2003)"


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