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Schwierige Zeiten für "Berater aus Leidenschaft"

Banken Spezial: Interview mit Michael Neuffer, IT-Berater im Bankenbereich

(Juni 2003)

Michael Neuffer

Michael Neuffer

 

Das Angebot ist größer als die Nachfrage, die Goldenen Zeiten für externe IT-Berater sind auch in der Banken-Branche weitgehend vorbei. Im Gespräch mit GULP erläutert IT-Spezialist Michael Neuffer seine Sicht der gegenwärtigen Entwicklung.

Der Mainzer Michael Neuffer, 32, ist seit über zehn Jahren professionell als externer IT-Berater tätig. Seine Laufbahn hat ihn von der ISP- über die Telekom- zur Bankenbranche gebracht. Er ist Spezialist für unternehmenskritische Infrastruktur und Handelssysteme.

 

GULP Herr Neuffer, Sie sind ja bereits lange im Geschäft. Wie sehen Sie die Entwicklung des IT-Projektmarktes in der Bankenbranche?
Neuffer Für alle sicht- und spürbar ist der IT-Arbeitsmarkt in den vergangenen zwei Jahren kontinuierlich schlechter geworden. Das Jahrtausendwechsel-Problem und die Euro-Einführung haben ihn zunächst angeheizt, weil Technik und Software auf den aktuellen Stand gebracht werden mussten. Doch das Ende des Internet-Booms hat die strukturellen Probleme der Banken dann wieder aufgedeckt und zu noch immer andauernden Überreaktionen geführt.
GULP Und nachdem diese Aktualisierungen geschafft worden sind, gibt es keine Projekte und Aufträge mehr?
Neuffer Im Moment stimmt das nicht ganz, denn die damals neu eingeführten Systeme sind inzwischen in die Tage gekommen und werden wieder wartungsintensiver. Das hat eine leichte Belebung des Marktes zur Folge.

GULP

Nur eine leichte Belebung?
Neuffer

>> Die Banken denken vor allem darüber nach, wie Kosten gespart werden können. <<

Nun, die Banken denken vor allem darüber nach, wie Kosten gespart werden können, z. B. mit Outsourcing. Dabei wird das Kostensparen oftmals so weit getrieben, dass die Funktionsfähigkeit der IT gefährdet und die notwendigen Innovationen nicht mehr gewährleistet sind.
GULP Ist Outsourcing denn die Lösung?
Neuffer Es wird nach meiner Meinung noch einige Zeit dauern, bis die Bankenvorstände merken, das ihre Firmen durch Outsourcing unflexibler werden und im Endeffekt langfristig meist höhere Ausgaben haben als vorher. Erste Studien bestätigen inzwischen diese Einschätzung. Erst wenn diese Erkenntnis sich auch bei den Banken durchsetzt, wird sich der IT-Markt im Bankenbereich für Freiberufler wieder verbessern.
GULP Eine Thema, über das derzeit rege diskutiert wird, sind Basel II und seine Auswirkungen. Welche Folgen wird die internationale Kapitalvereinbarung auf die IT-Struktur in den Banken haben?
Neuffer Der Einfluss auf die Organisationsstruktur der IT-Abteilungen ist eher gering. Innerhalb der Banken wurden zwar neue Projekte zur Umsetzung von Basel II aufgesetzt, die aber zumeist in bestehende Strukturen integriert werden.
GULP Also keine Probleme mit Basel II?
Neuffer

Im Gegenteil, denn da es in Folge von Basel II für viele Unternehmen schwieriger wird, sich Kredite zu beschaffen, wird künftig wohl auch weniger Geld für IT-Projekte außerhalb des Bankenbereichs zur Verfügung stehen. Und das belastet den Markt für IT-Freiberufler.

Interessant aus mehrerer Hinsicht ist das 4. Finanzförderungsgesetz, das unabhängig von Basel II alle Banken und Finanzdienstleister verpflichtet, vollständige Informationen über Kunden, Konten- und Depotbewegungen an das BAFin zu liefern. Dadurch werden die Kerndaten der Banken offengelegt und an einer Stelle konzentriert.

>> Kein Bankgeheimnis mehr. <<

Damit existiert in Deutschland –zumindest dem Staat gegenüber- kein Bankgeheimnis mehr. Für den IT Markt hat das Gesetz positive Auswirkungen, da die Banken große Anstrengungen unternehmen müssen um dieses Gesetz erfüllen zu können und selbst externe Dienstleister heranziehen, um die Transaktionen in Richtung BAFin abzuwickeln.

GULP Kommen wir zu den bankenspezifischen Anforderungen an IT-Freiberufler. In welchen Betriebssystemen sollte er sich auskennen?
Neuffer Bei Betriebssystemen werden im Serverbereich Solaris, AIX, Windows 2000/XP und zunehmend auch Linux eingesetzt. Auf der Client Seite löst derzeit Windows noch immer die Unix basierenden Workstations ab, wobei erste Tendenzen sichtbar werden, aus Kostengründen Linux als Thinclient einzusetzen.
GULP Und welche fachlichen Skills erhöhen sonst noch die Chancen auf ein Projekt?
Neuffer Bevorzugte Programmiersprachen sind C, C++, Java, Perl und andere Sprachen in Abhängigkeit vom Einsatzgebiet. Als Datenbanken schließlich werden meist Sybase, Oracle und DB2 eingesetzt.
GULP Warum werden eigentlich externe IT-Spezialisten eingesetzt?
Neuffer

>> Häufig nicht bereit, sich als Interne binden zu lassen. <<

Bestimmte Spezialisten sind oftmals nur auf dem Freien Markt zu erhalten. Ein wichtiger Grund, externe Spezialisten einzusetzen, ist auch, dass sie teilweise nur befristet gebraucht werden. Häufig sind die gesuchten Spezialisten auch nicht bereit, sich als Interne binden zu lassen.
GULP Thema Outsourcing – beschränkt sich diese Tendenz nur auf standardisierte Leistungen oder auch auf Anwendungsentwicklung?
Neuffer Wenn Outsourcing, dann sollte es sich meiner Meinung nach auf standardisierte Leistungen beschränken. Anwendungsentwicklung und -betreuung sollten nur dann outgesourced werden, wenn sichergestellt werden kann, dass kein fataler “Braindrain” entsteht und das Fachwissen verloren geht. Das aber findet in der Praxis oft statt.
GULP Der Weg zum Projekt – führt er den IT-Freiberufler direkt zum Endkunden oder über eine Agentur?
Neuffer Es ist schwierig für den Freiberufler, Projektverträge ohne Vermittlung einer Agentur abzuschließen. Oftmals scheitert dies an den Bestrebungen der Einkäufer, sich auf wenige Anbieter zu beschränken, um so über Rahmenverträge bessere Rabatte aushandeln zu können. Nur wer bei einer Fachabteilung schon gut bekannt ist, hat eine Chance direkt Verträge abzuschließen. Dazu muss sich jedoch auch die Fachabteilung gegenüber dem Einkäufer durchsetzen können!
GULP Was erwarten Sie von einer Agentur?
Neuffer

>> Wir wollen eine gute Zahlungsmoral. <<

Die Freiberufler erwarten von einer Agentur umfassende Unterstützung, auch bei Problemen mit dem Auftraggeber. Und natürlich wollen wir eine gute Zahlungsmoral.
GULP Welche Erfahrungen haben Sie bis jetzt mit Agenturen gemacht?
Neuffer Sowohl gute als auch schlechte. Und das war unabhängig von deren Größe.
GULP Ist der Markt transparent?
Neuffer Der IT-Markt an sich ist intransparent. Ohne Insider-Kenntnisse und ein gutes Netzwerk trifft man nur selten auf inhaltlich attraktive Projekte. Eine wichtige Rolle bei der Auswahl der Agentur spielt die Mundpropaganda – ein Qualitätssiegel ist sie jedoch nicht. Eine gute Hilfe ist die Weiße Liste von GULP.
GULP Und wie läuft ein gutes Interview ab?
Neuffer Eine interessante Frage, die immer wieder sehr kontrovers diskutiert wird. Ich bevorzuge ein Gespräch, in dem Ansprüche an den Berater und Erfahrungen des Beraters aus seiner bisherigen Arbeit ausgetauscht und abgeglichen werden können. Die vielfach praktizierten „Prüfungen“ oder „Verhöre“, in denen der Berater abgefragt oder auch durch Trickfragen getestet werden sollen, erzeugen nur einen schlechten Eindruck.
GULP Welche Ansprüche haben Projektanbieter an IT-Berater?
Neuffer

>> Die Zeit der Primadonnen ist vorbei. <<

Ein Berater sollte sein Fachgebiet kennen und auch offen zu seinen Schwächen stehen können. Wissenslücken sind nichts Schlechtes, denn niemand weiß alles, insbesondere nicht in der IT. Bereitschaft, sich ständig weiter zu bilden und Teamfähigkeit sind wichtig. Die Zeit der Primadonnen ist derzeit vorbei.
GULP Und welche IT-Freiberufler werden gesucht?
Neuffer Gesucht werden hauptsächlich Entwickler, Administratoren mit Weitblick und Berater. Spezialisierung ohne Scheuklappen ist für den Markt immer noch sehr attraktiv. Projektleiter werden dagegen eher intern gestellt. Natürlich hätten die Banken gerne den preisgünstigen 20-jährigen mit den Kenntnissen 30-jähriger Berufserfahrung.
GULP Und was ist wichtiger: Die fachliche Kompetenz oder der Preis?
Neuffer Im Moment liegt der Vorzug der Einkäufer auf dem Preis. Der für die Freiberufler ungünstige Markt gibt ihnen dabei die Chance, gute Fachleute billig einzukaufen.
GULP Ist die Chance auf ein Projekt größer, wenn man bei der Bank bereits bekannt ist?
Neuffer Wenn man einen guten Eindruck hinterlassen hat, sicher. Denn oftmals greifen die Banken bei der Projektvergabe auf bekannte Gesichter zurück. Man kann sie leichter einschätzen, die Einarbeitungszeit ist kürzer und die Zusammenarbeit meist problemloser.
GULP Ihr Tipp an Freiberufler-Kollegen?
Neuffer

>> Sich von schlechter Marktlage nicht abschrecken lassen.<<

Berater sollten sich durch die schlechte Marktlage nicht abschrecken lassen und selbstsicher und offen auftreten. Auch wenn man unter hohem Druck steht, einen neuen Auftrag zu bekommen, sollte man sich das nicht anmerken lassen.
GULP Wie lange dauern denn derzeit die Projekte?
Neuffer Im Schnitt dauern die Projekte sechs Monate bis zu einem Jahr, wobei Abweichungen nach oben und unten möglich sind. Im Moment geht die Abweichung nach meinem Eindruck eher nach unten – die Projekte werden kürzer. Die Projektdauer wird jedoch auch stark beeinflusst durch die Einstellung des Beraters: Die einen möchten lieber kurze Projekte machen, andere ziehen längere vor.
GULP Ist es nicht grundsätzlich besser, in schwierigen Zeiten längere Projekte anzustreben?
Neuffer Probleme macht hier die steuerrechtliche Behandlung längerfristiger Verträge, denn es besteht die Gefahr, als scheinselbständig eingestuft zu werden. Hier halte ich Gesetzesänderungen für dringend notwendig!
GULP Und wie ist im Alltag das Verhältnis von internen und externen IT-Spezialisten?
Neuffer Ideal wäre es, wenn Interne und Externe auf möglichst vielen Gebieten gleichrangig zusammen arbeiten würden. Oft werden Externe jedoch deutlich schlechter behandelt. Manche Auftraggeber versuchen leider, Externe wie „Fußabtreter“ zu behandeln, was nur zu bösem Blut und schlechter Arbeitsmoral der Externen führt.
GULP Ist es schlecht, wenn mehr Externe als Interne im Projekt sind?
Neuffer

>> Integrität, Professionalität und Loyalität. <<

Die Quote zwischen Internen und Externen ist letztlich egal - solange dafür gesorgt wird, dass kein Braindrain entsteht, wenn Externe den Betrieb verlassen. Ich persönlich habe schon in Firmen gearbeitet, in denen ganze Abteilungen fast nur aus Externen bestanden haben. In einem Beispiel haben allein Externe über hohe Budgets entschieden. Das hat hervorragend funktioniert, da das Vertrauen der Auftraggeber hoch und die Identifizierung der Externen mit dem Betrieb vollständig war. Das Verhalten des Beraters und auch seines Auftraggebers sollten sich durch Integrität, Professionalität und Loyalität auszeichnen. SAGE hat hierzu eine Richtschnur extern publizert, die es Wert ist gelesen zu werden.
GULP Haben Sie schon im Homeoffice an einem Projekt gearbeitet?
Neuffer Ja, und ich habe bereits sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Wenn man ohne ständige direkte Interaktion mit Kollegen sein kann und nicht ständig physikalische Dokumente, eben Papiere, bearbeiten muss, spricht nichts dagegen, von zu Hause zu arbeiten. Die Realität sieht schon heute so aus, dass System- und Anwendungsbetreuung bzw -wartung nachts und an Wochenenden meist von zu Hause aus geschehen
GULP Wenn Sie die derzeitige Situation eines IT-Beraters betrachten – lässt seine Motivation nach, weil die Stundensätze geringer werden? Oder ist er besonders motiviert, weil die Konkurrenz größer geworden ist?
Neuffer Beides. Das Ergebnis ist nach meiner Erfahrungen, dass die IT-Berater schneller ausbrennen. Auch von daher hoffe ich, dass sich der Markt für die Berater zügig erholt. Ich hoffe auch, dass die derzeitige Marktbereinigung dazu führt, dass vor allem die schlecht qualifizierten Berater, die in Boom-Zeiten von hohen Stundensätzen aus anderen Berufen angelockt worden sind, den IT-Bereich wieder verlassen. Dann bessert sich nicht nur die Qualität und das Image des Sektors, sondern auch die wirtschaftlichen Chancen der „Berater aus Leidenschaft“.
GULP Sehr geehrter Herr Neuffer, wir danken für das Gespräch.

 


Kommentare zu diesem Artikel:

"Dieser Artikel ist nach wie vor aktuell... leider haben die Banken noch nicht die Konsequenzen aus den Erfahrungen der letzten Jahre gezogen. (September 2005)"

"Was hier nicht erwähnt wird: der Trend zum 'Modewort-Freiberufler'.  Meine Erfahrung hat gezeigt, dass ein Studienabgänger der z.B. C# beherrscht(???) einem Entwickler mit 10 Jahren MFC- und 15 Jahren Beruferfahrung vorgezogen wird. Das kann ein gutes Ende nehmen. Es schadet dem Ruf der IT-Freiberuflern - wegen zusätzlicher Kosten durch an die Wand gefahrene oder verzögerte Projekte. (Juni 2003)"

"'100 % Übereinstimmung' - Ich habe es satt 'Beraterkollegen' die gerade eine Umschulungsmassnahme genossen haben, die Grundzüge einer Programmiersprache näherbringen zu müssen. (Juni 2003)"

"Es ist meiner Meinung nach nicht ganz richtig, was oft behauptet wird, daß es viele Berufsfremde zu IT-Beratern geworden sind. Richtig ist hingegen, daß seit vielen Jahren Arbeitslose und Umschüler generell massiv in die Computerarbeitswelt gedrückt werden, u.a. vom Arbeitsamt gefördert. Teilweise ja auch verständlich, denn man wollte dorthin, wo Nachfrage besteht. Diese Quer- und Berufseinsteiger, die auch oftmals selbst oder deren Agenturen versucht haben, sich/sie als externer Berater zu plazieren, haben aufgrund ihrer geringeren Erfahrung sicher den unteren Know-How Rand festgelegt und zu Ärger geführt, wenn die Profile nicht mit dem Skill übereinstimmten. Aber manche haben sich sicher auch durchgebissen und -gesetzt. Darüber hinaus kann man Physiker, Mathematiker oder andere Naturwissenschaftler nicht unbedingt als fachfremd bezeichnen, das Studium hat mit der Berufspraxix heute eh wenig zu tun, insofern hat mancher Physiker vielleicht z.B. mehr Ahnung vom Programmieren als ein Informatikstudent, der sein Studium schnell durchgezogen hat, und kurz vor dem Praxisschock steht. (Juni 2003)"

"Ein aussagekräftiges Gespräch mit interessanten und offenen Markteinschätzungen aus Beratersicht auf den Bankenbereich. Wir kennen Mike Neuffer seit Jahren sehr gut und schätzen diese aufrichtige klare Art - gekoppelt mit Herz und Enthusiasmus für das, was er tut.. Eben so - wie es auch in diesem Interview herauskommt. (Juni 2003)"

"Zitat: '...dazu führt, dass vor allem die schlecht qualifizierten Berater, die in Boom-Zeiten von hohen Stundensätzen aus anderen Berufen angelockt worden sind, den IT-Bereich wieder verlassen. Dann bessert sich nicht nur die Qualität und das Image des Sektors, sondern auch die wirtschaftlichen...'  Meine Erfahrung ist: Die Guten gehen zuerst. Die Deppen und die Laberköpfe bleiben übrig. Deshalb ist damit zu rechnen, dass sich das Image der Berater und die Beratungsqualität noch weiter verschlechtern. (Juni 2003)"

"Der Artikel trifft sich durchaus mit meiner Sicht der Dinge.... interessiert wäre ich an Details zu 'die schlecht qualifizierten Berater, die in Boom-Zeiten von hohen Stundensätzen aus anderen Berufen angelockt worden sind' (Juni 2003)"

"Keiner, der groß jammert, aber auch nicht die Zeiten schön redet. Ein angenehm sachliches Statement und ein guter Einblick, was gerade im Banklenbereich läuft. Weiter so! (Juni 2003)"


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