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"Fast jedes Problem hat man schon einmal irgendwo erlebt."

Interview mit Manfred Selck, IT-Berater mit viel Erfahrung

(Juli 2003)

Manfred Selck

Manfred Selck
IT-Berater


Mit 56 Jahren kann Manfred Selck auf mittlerweile 31 Jahre IT-Erfahrung zurück blicken. Im Gespräch mit GULP berichtet der studierte Physiker davon, welchen Veränderungen sich ein IT-Berater seiner Generation stellen musste und wie er heute im schwierigen Markt seine Qualitäten einsetzt.

Der Diplom-Physiker Manfred Selck, geboren 1947, ist seit 1972 in der Softwareentwicklung. Nach seiner Tätigkeit als Labor- und Abteilungsleiter bei AEG-Telefunken wechselte er 1980 in die Selbstständigkeit. Seine IT-Schwerpunkte sind embedded systems sowie enterprise computing.

 

GULP Herr Selck, Sie sind 56 Jahre alt. Spielt Ihr Alter generell eine Rolle bei der Gewinnung von Projekten?
Selck Bis vor kurzem spielte es keine Rolle und die Projektgewinnung war eigentlich unproblematisch. Ich war mir aber darüber klar, dass ich ein Angestelltenverhältnis – wenn ich es denn gewollt hätte – in meinem Alter nur schwer bekommen würde – auch bei den Firmen, die mich gerne als Freiberufler hatten. Für mich ist das ein Beweis, dass die Schwierigkeit, die ältere Arbeitnehmer haben, einen neuen Arbeitsplatz zu bekommen hauptsächlich auf den gesetzlichen Arbeits-Regelungen – wie z. B. Kündigungsschutz – beruhen, die bei mir ja Gott sei Dank keine Rolle spielen und nicht auf verringertem Nutzen für die Unternehmen.
GULP Sie sagten "bis vor kurzem"?
Selck Na ja. Da die Zeiten generell schwieriger geworden sind, macht man sich schon etwas Gedanken darüber.

GULP

Gibt es konkrete Erfahrungen?
Selck Vor kurzem hatte ich eine Projektausschreibung erlebt, die von meinem Skill sehr gut gepasst hätte, die aber ausdrücklich auf Kollegen unter 45 Jahren ausgeschrieben war. Das löste auch bei den Vermittlern ziemliches Kopfschütteln aus.
GULP Wie erklären Sie sich diese Anforderung?
Selck Für mich gibt es da zwei mögliche Gründe: Entweder wurden diese Anforderungen statt von der Einkaufsabteilung von der Personalabteilung aufgestellt, die dann ihre Anforderungen für Festanstellungen da rein geschrieben hatte - oder man war der Meinung, ein Team aus Gleichaltrigen würde besser funktionieren.
GULP Die meinten, die würden sich besser untereinander verstehen?
Selck

>> Teams leben gerade von Unterschieden. <<

So etwa. Man kann dann beim Essen eher über gemeinsame Themen, wie Hausbau oder Kindererziehung, reden. Themen also, die für mich inzwischen schon erledigt sind.
Aber so funktionieren Teams ja nicht. Teams leben gerade von unterschiedlichen Interessen und von Unterschieden. Teams sind auch immer bereit, unterschiedliche Mitglieder zu integrieren, egal ob es Unterschiede im Alter, Geschlecht oder in sonst was gibt. Man muss natürlich den Willen mitbringen, sich zu integrieren.

GULP Sich integrieren? Was muss man da zum Beispiel tun?
Selck (lacht) Also, ich habe mir zum Beispiel mal die Kindersendung "Teletubbies" angesehen, weil ein Kollege immer erzählte, wie begeistert sein Sohn davon war. Da meine Kinder aus dem Alter heraus waren, kannte ich sie natürlich nicht.
GULP Aber das kann doch nicht das Wesentliche sein?
Selck Natürlich nicht. Wichtig ist, dass man sich fachlich versteht.
GULP Welche Vorteile haben Sie da in Ihrem Alter?
Selck Wir Freiberufler müssen uns immer wieder schnell in neue Projekte einarbeiten. Dazu muss man bestehende Designs verstehen, sich die benutzte Vorgehensweise aneignen und sich in ein unbekanntes Team hineinfinden. Da ist ein Fundus an Erfahrungen natürlich sehr wertvoll. Obwohl jedes Projekt einzigartig ist, gibt es doch genügend Anknüpfungspunkte an vorherige Projekte. Fast jedes Problem hat man schon einmal irgendwo erlebt.
GULP Aber die IT-Welt ändert sich doch sehr schnell, wie kann da alte Erfahrung noch von großem Nutzen sein?
Selck

>> Nicht alles ändert sich gleich schnell. <<

Nicht alles ändert sich gleich schnell. Es gibt schnelle und langsame Innovationszyklen. Die Erfahrung, die sich auf langsame Innovationszyklen beziehen, sind natürlich die wertvollsten.
GULP Können Sie da Beispiele geben?
Selck

Die schnellen Zyklen in der PC-Hardware sind uns ja allen bekannt. Trotzdem ist der allgemeine Aufbau des PC’s relativ konstant. Programmiersprachen haben schon ein relativ langes Leben, viele Prinzipien für die prozeduralen Sprachen waren schon zu meiner Studienzeit die gleichen wie heute. Das gilt ebenso für die Grundfunktionen der Betriebssysteme, nur dass die Betriebssysteme damals auf größerer Hardware liefen als heute.
Im Design habe ich zwei große Zyklen erlebt. Zuerst hatten wir den Strukturierten Ansatz, dann kam die Objektorientierung. Das erste Mal hörte ich 1986 über Objektorientiertes Vorgehen, jetzt haben wir so etwas wie einen Höhepunkt in OOD/OOA – es war also genügend Zeit um sich darauf einzustellen.
Die Vorgehensmodelle sind ein anderes veränderliches Feld. Ich hatte früher viel im militärischen Bereich gearbeitet, in dem eine geordnete, dokumentierte Vorgehensweise selbstverständlich war. Vergleichsweise dazu sind manche Firmen heute noch sehr chaotisch.
Dann sind da Zyklen von tools und frameworks, die sich alle paar Jahre ändern. Beide Gruppen sind so zahlreich, dass man nur einige kennen kann und sich dann auf Prinzipien verlassen muss.
Generell kann man sagen, je kürzer der Innovationszyklus ist umso leichter muss die Einarbeitung durch gute Dokumentation und Oberflächen möglich sein.

GULP Das spricht dann für den Wert der Erfahrung auf Gebieten mit langem Innovationszyklus?
Selck Genauso ist es. Den längsten Zyklus haben die Erfahrungen im Umgang mit Menschen. Wie gehe ich mit Menschen um? Wie organisiere ich mich und andere? Diese Fragen wird man immer wieder gleich beantworten. Ich glaube daher, Bismarck oder Cäsar wären auch heute noch gute Projektleiter.
GULP Welche Fehler muss man vermeiden?
Selck

>> Wichtig ist, dass man nicht den Erzählonkel spielt. <<

Wichtig ist, dass man nicht den Erzählonkel spielt und dauernd alte Geschichten zum Besten gibt. Obwohl man natürlich mit seiner Erfahrung nicht hinter dem Berg halten sollte, wenn man gefragt wird.
Eine sehr häufig gestellte Frage der Kollegen ist beispielsweise: Hast Du schon mal ein so chaotisches Projekt wie dieses erlebt?

GULP Wie reagieren Sie darauf?
Selck Dann wiegele ich meistens ab und sage, kein Projekt ist vollkommen. Solange es einigermaßen funktioniert, kann man schon zufrieden sein.
Interessant ist, dass es oft gar nicht die schlecht organisierten Projekte sind, die scheitern, sondern eher die besser organisierten.
GULP Das ist aber erstaunlich. Woran liegt das?
Selck Ich glaube das liegt daran, dass die nicht so gut organisierten Projekte in Firmen zu finden sind, die in ihrer Marktnische eine starke Stellung haben. Sie kommen aus ihrem Spezialmarkt und nicht aus der Softwareentwicklung, deshalb ist ihre Softwareentwicklung schlechter organisiert. Trotzdem können sie aber ihre Kunden glücklich machen. An die gut organisierten Software-Firmen werden auch von Kundenseite höhere Ansprüche gestellt und Projekte schneller abgebrochen.
Verstehen Sie mich recht, ich möchte natürlich nicht dem Schlendrian das Wort reden. Man würde Ursache und Wirkung verwechseln, wenn man meinen würde, eine schlechte Projektorganisation wäre förderlich. Es gibt aber eben Firmen, die eine schlechte Vorgehensweise besser verkraften und bei denen der Druck auf Verbesserungen deshalb geringer ist.
GULP Sie müssen auch Neues lernen, wie machen Sie das?
Selck

>> Das Lernen auf Verdacht ist meistens am Bedarf vorbei. <<

Das wesentlich Neue ergab sich für mich immer wieder aus den Projekten. Das Lernen auf Verdacht ist meistens am Bedarf vorbei. Man muss natürlich über Neues grundsätzlich informiert sein, um sich dann im Vorfeld oder Verlauf eines Projektes oder schon in der Akquisitionsphase detaillierter zu informieren. Wenn möglich sollte man auch bei der Projektauswahl daran denken, ob einen ein Projekt langfristig weiterbringt. Ein Java oder C# – Projekt ist deshalb beispielsweise einem Cobol-Projekt vorzuziehen.
Bisher hatte ich immer das Glück, dass die Projekte sowohl Altbekanntes forderten, als auch etwas Neues mitbrachten.
GULP Wie hat sich die Art der Kundengewinnung geändert?
Selck Ganz gewaltig. Meinen ersten Kunden hatte ich noch durch persönliche Kontakte aus meiner Angestelltenzeit gewonnen. Dann waren die klassischen Vertriebsmittel wie Hörensagen, Mundpropaganda, Werbebriefe, zufällige Zusammentreffen auf Veranstaltungen die Wege, die zu neuen Aufträgen führten. Leider ergaben sich immer wieder Lücken. Das war umso schmerzlicher, als ich im Rahmen von Projekten kleinere Mannschaften zusammengestellt hatte, die sich dann auf Dauer nicht halten ließen.
In den letzten Jahren ist dann der GULP Roboter das wesentliche Vertriebsinstrument geworden. Durch GULP ist der Markt sehr transparent geworden.
GULP Herr Selck, wir danken für das interessante Gespräch.

 


Kommentare zu diesem Artikel:

"Wenn Herr Selck so ist, wie er rüberkommt, sollte er es als 'business angel' versuchen. Er könnte jüngeren IT-Beratern sicher eine Menge helfen. (August 2003)"

"Wenn die jüngeren die Älteren nicht hätten! Reale Vorbilder sind was unersetzliches. (August 2003)"

"Großartiges Interview - mit meinen 46 Jahren kann ich ebenfalls auf eine lange IT-Erfahrung zurückblicken. Mit den Jahren wird man für Vieles sensibler und kann damit Probleme eher und zielgerichteter angehen als früher. (Juli 2003)"

"interessant (Juli 2003)"

"ein klasse Interview - so wie fast alle anderen, die in letzter Zeit auf Gulp zu lesen waren! (Juli 2003)"

"Danke - für diesen tollen Artikel in Form des Interviews. Ich bin 51 Jahre und viele Antworten von Herrn Selck sind auch in meinen Projekten von großer Bedeutung, ebenso die langjährige Erfahrung.  Ich bin 30 Jahre in der IT (EDV) jetzt beschäftigt und  seit 1979 selbständig. Das IT-Wissen und die Projekterfahrung mit dem damit verbundenen positiven Umgang im Projekt mit den  jüngeren Kollegen sind sehr wichtig. Die 'Chemie' im Projekt muß stimmen, Teamfähigkeit muß vorhanden sein und es darf keine Bevormundung aufgrund der  - ja so - langen Erfahrung stattfinden.  Eben aus der Basis der langjährigen Erfahrung, kann sich jeder gute Software-Spezialist, Programmierer oder wie sie unsere Berufsrichtung auch nennen wollen, sehr gut in eine neue Systeme, Architekturen, Programmiersprachen, etc. einarbeiten, vorausgesetzt das 'echte Wollen' ist vorhanden.  Dieses Interview hat mir sehr gut gefallen - Danke an GULP und an das Team für die Innovationen im kompletten GULP-Angebots-Spektrum.  Freundschaftlich Hans Sondermeier (GULP-Id 7066) (Juli 2003)"


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