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Alte Garde entdeckt IT-Branche als Jungbrunnen für zweite Karriere

(November 2000)
 

Elmshorn. Rund 20.000 IT-Spezialisten braucht die deutsche Wirtschaft im Jahr. Prof. Dr. Johannes Brauer (50), Leiter des Fachbereichs Informatik an der Elmshorner Nordakademie rechnet, dass die Hochschulen im gleichen Zeitraum knapp 6.000 Informatiker ausbilden. "Ein weites Feld für qualifizierte Quereinsteiger und private Schulungsunternehmen", sagt der Wissenschaftler. Seit 1994 bereitet die Nordakademie Wirtschaftinformatiker in einem dualen Ausbildungssystem auf die Arbeitswelt vor.

Das Studium gliedert sich zu gleichen Teilen in eine theoretische Ausbildung und Unternehmens-Praktika. So erreicht das Institut eine bedarfsorientierte Verflechtung zur Wirtschaft . Gleichzeitig haben Seminaristen die Chance, erste Berufserfahrung zu erwerben. "90 Prozent unserer Studenten haben nach erfolgreicher Prüfung einen Job. Die meisten werden noch während der Studienzeit angeworben", sieht Brauer das Konzept bestätigt.

Dennoch bleibt ein Defizit von 14.000 IT-Spezialisten. Ein breites Feld für erfahrene IT- und EDV-Fachleute. Einer von denen, die ihre Kompetenz für den Schritt in die Selbständigkeit genutzt haben ist Dietmar Thiel. Der 56-Jährige erzählt: "Ich war 35 Jahre bei der Hamburger Fördertechnik, habe noch die Lochkarten kennen gelernt. Dann ging das Unternehmen pleite." Ein Angestelltenverhältnis war nicht mehr drin. Thiel: "Die Unternehmen fragten nicht nach Qualifikationen, sondern sahen nur das Alter."

Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Existenzgründung des ‚Seniors' war das Know-how. Dabei orientierte sich Thiel an den individuellen Bedürfnissen kleiner und mittelständischer Unternehmen. "Qualifikation und die Bereitschaft, immer weiter zu lernen, bestimmen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt", bestätigt Peter Ahrendt (44), Firmenberater der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kiel. Für die Beratung von Existenzgründern verantwortlich, unterscheidet der Betriebswirt zwei Lager potenzieller IT-StartUps. Auf der einen Seite stehen studierte Informatiker. Ahrendt: "Das sind die Schöpfer. Die wollen einen technischen Bereich hervorbringen, der den Anforderungen der Wirtschaft gewachsen ist." Aber ohne ein entsprechendes Studium sei der Schritt in die Welt der kreativen Informatik kaum möglich.

Die Chance der Älteren sieht der Consultant auf Seiten der Systembetreuer. Netzsysteme müssen erhalten und den wechselnden Anforderungen angepasst werden. "Da ist Systempflege gefragt, damit das Ganze am Leben bleibt", beschreibt Ahrendt. Auf diesen Zug sprang auch Dietmar Thiel. Der gelernte Maschinenbauer gründete die U.B.T.-Unternehmensberatung. Das nötige Wissen erwarb er bei Fort- und Weiterbildungen.

Thiels Tipp für ‚Nachahmer': Angaben über Qualifizierungsmaßnahmen müssen unbedingt in einem detaillierten beruflichen Lebenslauf erscheinen. Arbeitsamt, IHK und Förderungsstellen erwarten den Nachweis von Kenntnissen. Und auch im Blick auf den eigenen Erfahrungsschatz gilt es, sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen "Auf dem freien Markt regiert die Selektion. Wer sich nicht weiterbildet, bleibt auf der Strecke", bestätigt Diplom-Soziologe Andreas Boes.

Schon 1997 mahnte der Sozialwissenschaftler, dass IT-Fachkräfte verstärkt unter den Druck des Marktes geraten würden. Hauptprobleme der Branche sind neben Fragen der Qualifikation extrem lange Arbeitszeit und die fehlende Bereitschaft der Unternehmen, an die Lern- und Entwicklungsfähigkeit Älterer zu glauben. Boes: "Der Altersdurchschnitt bei IT-Beschäftigten liegt deutlich unter 40 Jahren." Gleichzeitig wird die Fülle der benötigten Kompetenzen unüberschaubar. "Niemand kann pauschal sagen, welche Qualifikationen und Weiterbildungen in der Zukunft sinnvoll sind." Darum ist eine klare Konzeption für den Gründer mehr als wertvoll. Dietmar Thiel rät, klare Vorstellungen darüber zu entwickeln, welche Dienstleistungen der potenzielle StartUp der Branche anbieten will. Wichtig sind ehrliche Antworten auf die Fragen, welche Zielgruppe angesprochen wird? Wie sieht der Finanzierungsplan aus und wie steht es mit der Ertragsvorschau für die ersten zwölf Monate?

Hauptvorteil jüngerer IT-Kräfte liegt in der Aktualität ihrer Ausbildung. Für Dietmar Thiel war das kein Problem. "Ich habe mein Augemerk auf das Betriebssystem "Linux" gelegt. Da sehe ich die Zukunft", erklärt der Senior-StartUp, der in den eigenen vier Wänden anfing und heute ein Büro im Innovationszentrum Itzehoe (IZET) betreibt. Durch den Ortswechsel nahm der Unternehmer eine weitere wichtige Hürde: fehlende Kontakte. Ebenfalls ein nicht zu unterschätzender Faktor, geht es um das Überleben am Markt. Thiel rät: "Nie dem Erstbesten glauben. Bekannte fragen, neutrale Quellen zu Rate ziehen." Ob Marketing oder Steuerberatung, in jeder Branche warten schwarze Schafe auf gutgläubige Jungunternehmer.

IHK-Berater Ahrendt nennt einen weiteren Aspekt zum Thema ‚Wo gründen?': "Standortfrage und die Wettbewerbssituation vor Ort sind wichtige Themen, wenn es um die Vergabe von Fördermitteln geht." Der Fachmann rät zum Besuch sogenannter Existenzgründer-Seminare: "Da werden die wichtigsten kaufmännischen Kenntnisse vermittelt und Rechtsfragen erörtert." Interessant ist auch das Thema ‚Werbung'. Thiel: "Das Motto lautet: Tue Gutes und sprich darüber".

Werbung und Anzeigen hatten dem Jungunternehmen keine meßbaren Erfolge gebracht. "Mundpropaganda und der Austausch in der Branche sind wichtig", weiß Thiel. Im IZET haben sich unterschiedliche Existenzgründer zusammengefunden. Unternehmensberater, Webdesigner und Systembetreuer arbeiten unter einem Dach und können bei Bedarf kooperieren. Zusätzlich entwickelte Thiel seine eigene Philosophie über den Bedarf der Branche. Individuelle Schulungsangebote sind das zweite Standbein seines Unternehmens. Die Idee ist einfach: Eigens Wissen weitergeben. Spätestens in diesem Punkt sind Senior-StartUps den Youngstern der Branche überlegen.

Für zusätzliches Detailwissen sorgen überbetriebliche Ausbildungszentren. Beispiel: das ÜAZ -Elmshorn. In einer 21-monatigen Qualifikation bietet das Institut den IHK-Abschluss zum Fachinformatiker oder Informatikkaufmann an. "Unsere Lehrgänge richtet sich an Arbeitnehmer mit EDV-Erfahrung, die aber keinen Berufsabschluss oder Studium im IT-Bereich nachweisen können", erklärt Hans-Jörg Hoffmann, Fachbereichsleiter der IT-Akademie im ÜAZ. Eine Förderung durch das Arbeitsamt ist möglich, sofern eine sechsjährige Tätigkeit in der EDV nachgewiesen werden kann.

 

Tipps für Senior-StartUps:
Ohne Angst den Sprung in die IT-Freiberuflichkeit wagen.
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Entwickeln Sie eine konkrete Idee, in welchem Spektrum Sie einen Bedarf erkennen, den Sie mit Ihrem Wissen abdecken können.

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Kontrollieren Sie die Wettbewerbssituation in der angestrebten Region. Sind Sie konkurrenzlos oder können Sie ein Joint-Venture eingehen?

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Der Dienstleistungs-Bereich bedarf geringerer Investitionen, hat aber eine längere Anlaufzeit. Drei bis sechs oder mehr Monate vergehen, bevor die Auftragslage stimmt und Gewinne eingefahren werden. Fördermittel können helfen. Scheuen Sie nicht den Gang zu einer IHK-Zweigstelle. Im Grundsatzgespräch beraten Fachleute.

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Kaufmännische Kenntnisse sind substanziell. Die IHK bietet Seminare für Existenzgründer an. Kernthemen: Fragen zu Rechtsformen, kaufmännische und steuerrechtliche Aspekte, Standortanalyse, Förderungsmodelle.

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Kleinere Investitionen gehen über die Hausbank. Die Bänker sind unter Zeitdruck. Legen Sie Ihrem Ansprechpartner eine schriftlich fixierte Konzeption vor.

> Besuchen Sie Existenzgründertreffen. Der Erfahrungsaustausch hilft eigene Fehler zu vermeiden und Sie bekommen neue Kontakte.
 

 

Autor: Gunther Sosna

 


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