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Elmshorn. Rund 20.000 IT-Spezialisten braucht die deutsche
Wirtschaft im Jahr. Prof. Dr. Johannes Brauer (50), Leiter des Fachbereichs
Informatik an der Elmshorner Nordakademie rechnet, dass die Hochschulen
im gleichen Zeitraum knapp 6.000 Informatiker ausbilden. "Ein weites
Feld für qualifizierte Quereinsteiger und private Schulungsunternehmen",
sagt der Wissenschaftler. Seit 1994 bereitet die Nordakademie Wirtschaftinformatiker
in einem dualen Ausbildungssystem auf die Arbeitswelt vor.
Das Studium gliedert sich zu gleichen Teilen in eine theoretische
Ausbildung und Unternehmens-Praktika. So erreicht das Institut eine
bedarfsorientierte Verflechtung zur Wirtschaft . Gleichzeitig haben
Seminaristen die Chance, erste Berufserfahrung zu erwerben. "90
Prozent unserer Studenten haben nach erfolgreicher Prüfung einen
Job. Die meisten werden noch während der Studienzeit angeworben",
sieht Brauer das Konzept bestätigt.
Dennoch bleibt ein Defizit von 14.000 IT-Spezialisten. Ein breites
Feld für erfahrene IT- und EDV-Fachleute. Einer von denen, die ihre
Kompetenz für den Schritt in die Selbständigkeit genutzt haben ist
Dietmar Thiel. Der 56-Jährige erzählt: "Ich war 35 Jahre bei der
Hamburger Fördertechnik, habe noch die Lochkarten kennen gelernt.
Dann ging das Unternehmen pleite." Ein Angestelltenverhältnis war
nicht mehr drin. Thiel: "Die Unternehmen fragten nicht nach Qualifikationen,
sondern sahen nur das Alter."
Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Existenzgründung des ‚Seniors'
war das Know-how. Dabei orientierte sich Thiel an den individuellen
Bedürfnissen kleiner und mittelständischer Unternehmen. "Qualifikation
und die Bereitschaft, immer weiter zu lernen, bestimmen die Chancen
auf dem Arbeitsmarkt", bestätigt Peter Ahrendt (44), Firmenberater
der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kiel. Für die Beratung von
Existenzgründern verantwortlich, unterscheidet der Betriebswirt
zwei Lager potenzieller IT-StartUps. Auf der einen Seite stehen
studierte Informatiker. Ahrendt: "Das sind die Schöpfer. Die wollen
einen technischen Bereich hervorbringen, der den Anforderungen der
Wirtschaft gewachsen ist." Aber ohne ein entsprechendes Studium
sei der Schritt in die Welt der kreativen Informatik kaum möglich.
Die Chance der Älteren sieht der Consultant auf Seiten der Systembetreuer.
Netzsysteme müssen erhalten und den wechselnden Anforderungen angepasst
werden. "Da ist Systempflege gefragt, damit das Ganze am Leben bleibt",
beschreibt Ahrendt. Auf diesen Zug sprang auch Dietmar Thiel. Der
gelernte Maschinenbauer gründete die U.B.T.-Unternehmensberatung.
Das nötige Wissen erwarb er bei Fort- und Weiterbildungen.
Thiels Tipp für ‚Nachahmer': Angaben über Qualifizierungsmaßnahmen
müssen unbedingt in einem detaillierten beruflichen Lebenslauf erscheinen.
Arbeitsamt, IHK und Förderungsstellen erwarten den Nachweis von
Kenntnissen. Und auch im Blick auf den eigenen Erfahrungsschatz
gilt es, sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen "Auf dem
freien Markt regiert die Selektion. Wer sich nicht weiterbildet,
bleibt auf der Strecke", bestätigt Diplom-Soziologe Andreas Boes.
Schon 1997 mahnte der Sozialwissenschaftler, dass IT-Fachkräfte
verstärkt unter den Druck des Marktes geraten würden. Hauptprobleme
der Branche sind neben Fragen der Qualifikation extrem lange Arbeitszeit
und die fehlende Bereitschaft der Unternehmen, an die Lern- und
Entwicklungsfähigkeit Älterer zu glauben. Boes: "Der Altersdurchschnitt
bei IT-Beschäftigten liegt deutlich unter 40 Jahren." Gleichzeitig
wird die Fülle der benötigten Kompetenzen unüberschaubar. "Niemand
kann pauschal sagen, welche Qualifikationen und Weiterbildungen
in der Zukunft sinnvoll sind." Darum ist eine klare Konzeption für
den Gründer mehr als wertvoll. Dietmar Thiel rät, klare Vorstellungen
darüber zu entwickeln, welche Dienstleistungen der potenzielle StartUp
der Branche anbieten will. Wichtig sind ehrliche Antworten auf die
Fragen, welche Zielgruppe angesprochen wird? Wie sieht der Finanzierungsplan
aus und wie steht es mit der Ertragsvorschau für die ersten zwölf
Monate?
Hauptvorteil jüngerer IT-Kräfte liegt in der Aktualität ihrer Ausbildung.
Für Dietmar Thiel war das kein Problem. "Ich habe mein Augemerk
auf das Betriebssystem "Linux" gelegt. Da sehe ich die Zukunft",
erklärt der Senior-StartUp, der in den eigenen vier Wänden anfing
und heute ein Büro im Innovationszentrum Itzehoe (IZET) betreibt.
Durch den Ortswechsel nahm der Unternehmer eine weitere wichtige
Hürde: fehlende Kontakte. Ebenfalls ein nicht zu unterschätzender
Faktor, geht es um das Überleben am Markt. Thiel rät: "Nie dem Erstbesten
glauben. Bekannte fragen, neutrale Quellen zu Rate ziehen." Ob Marketing
oder Steuerberatung, in jeder Branche warten schwarze Schafe auf
gutgläubige Jungunternehmer.
IHK-Berater Ahrendt nennt einen weiteren Aspekt zum Thema ‚Wo gründen?':
"Standortfrage und die Wettbewerbssituation vor Ort sind wichtige
Themen, wenn es um die Vergabe von Fördermitteln geht." Der Fachmann
rät zum Besuch sogenannter Existenzgründer-Seminare: "Da werden
die wichtigsten kaufmännischen Kenntnisse vermittelt und Rechtsfragen
erörtert." Interessant ist auch das Thema ‚Werbung'. Thiel: "Das
Motto lautet: Tue Gutes und sprich darüber".
Werbung und Anzeigen hatten dem Jungunternehmen keine meßbaren
Erfolge gebracht. "Mundpropaganda und der Austausch in der Branche
sind wichtig", weiß Thiel. Im IZET haben sich unterschiedliche Existenzgründer
zusammengefunden. Unternehmensberater, Webdesigner und Systembetreuer
arbeiten unter einem Dach und können bei Bedarf kooperieren. Zusätzlich
entwickelte Thiel seine eigene Philosophie über den Bedarf der Branche.
Individuelle Schulungsangebote sind das zweite Standbein seines
Unternehmens. Die Idee ist einfach: Eigens Wissen weitergeben. Spätestens
in diesem Punkt sind Senior-StartUps den Youngstern der Branche
überlegen.
Für zusätzliches Detailwissen sorgen überbetriebliche Ausbildungszentren.
Beispiel: das ÜAZ -Elmshorn. In einer 21-monatigen Qualifikation
bietet das Institut den IHK-Abschluss zum Fachinformatiker oder
Informatikkaufmann an. "Unsere Lehrgänge richtet sich an Arbeitnehmer
mit EDV-Erfahrung, die aber keinen Berufsabschluss oder Studium
im IT-Bereich nachweisen können", erklärt Hans-Jörg Hoffmann, Fachbereichsleiter
der IT-Akademie im ÜAZ. Eine Förderung durch das Arbeitsamt ist
möglich, sofern eine sechsjährige Tätigkeit in der EDV nachgewiesen
werden kann.
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