| GULP |
Die Schweiz gilt als sehr solider
und unabhängiger Wirtschaftsraum. Verspüren Sie trotzdem
die Auswirkungen der weltweiten IT-Krise? |
| Dr. Hartmann: |
Die Arbeitslosigkeit in der Schweiz ist sehr gering
und der Bedarf an qualifizierten Fachkräften dementsprechend
hoch. Die sogenannte "IT-Krise" ist zwar auch in der Schweiz
zu spüren, aber längst nicht so stark wie im EU-Raum. Natürlich
bemerken wir derzeit - insbesondere bei kleinen Firmen - eine gewisse
Zurückhaltung bei den Projektangeboten. Von einer "IT-Krise"
zu sprechen wäre allerdings stark übertrieben. |
| GULP |
In welchen schweizerischen Regionen
werden IT-Fachkräfte besonders stark nachgefragt? |
| Dr. Hartmann: |
Das Dreieck Zürich, Bern und Basel dürfte für IT-Freiberufler
besonders reizvoll sein. Am Interessantesten ist vielleicht der
Großraum Zürich mit seinen vielen, international tätigen
Großunternehmen.
|
|
GULP
|
Zumindest von außen betrachtet
scheint sich die Schweiz gegenüber ausländischen Arbeitskräften
stark abzuschotten. Wie kommt denn ein deutscher IT-Freiberufler an
ein schweizerisches Projekt? |
| Dr. Hartmann: |
Zugegebenermaßen ist der Einstieg in den Schweizer
Markt für ausländische Freiberufler nicht einfach. Wer aber
einmal in einem schweizerischen Unternehmen erfolgreich tätig
war, kommt in aller Regel ziemlich einfach an Nachfolge-Aufträge.
Der wichtigste Schritt ist, erst mal einen Fuß in die Tür
zu bekommen. |
| GULP |
Und wie schafft man das? |
| Dr. Hartmann: |
Spezialisierte Freiberufler-Jobbörsen wie etwa GULP in Deutschland
existieren bei uns nicht. Die meisten in der Schweiz tätigen
Vermittler arbeiten sehr diskret, fast schon wie Geheimbündler,
und suchen nicht aktiv nach Freiberuflern. Oft tragen die Vermittlungsagenturen
auch mißverständliche Namen wie etwa "Softwareentwicklung"
oder "Generalunternehmen" und haben weder eine Internet-Site
noch eine offizielle Kontaktadresse.
| >> "In der Schweiz läuft sehr
viel über Beziehungen" << |
|
|
Auch bieten die schweizerischen Arbeitsämter keine Vermittlungen
vom und ins Ausland an. Wenn Sie die Projektarbeit in der Schweiz
interessiert, können Sie sich direkt an das ausschreibende
Unternehmen wenden. Direktverträge sind möglich, allerdings
eher die Ausnahme als die Regel. Besser ist es, eine Unternehmensberatung
wie etwa IQ Plus zu kontaktieren. Noch besser ist es, eventuell
vorhandene Kontakte spielen zu lassen, denn in der Schweiz läuft
sehr viel über Beziehungen.
|
| GULP |
Gesetzt den Fall, der Freiberufler
hat einen schweizerischen Projektauftrag in Aussicht. Welche bürokratischen
Hürden muss er überwinden, um in der Schweiz arbeiten zu
dürfen? |
| Dr. Hartmann: |
Der ausländische Arbeitnehmer benötigt eine
Arbeitsbewilligung. Die wird stets von der jeweiligen Firma beantragt.
Zudem kontrollieren die Behörden, ob die ausländische Person
für die vorgesehene Tätigkeit ausreichend qualifiziert ist
und (als Schutz vor Dumping) auch zu den üblichen Konditionen
eingestellt werden soll. Da die Einreisen zur Erwerbstätigkeit
zahlenmäßig begrenzt sind - wir sprechen hier von der sogenannten
Kontingentierung - muss darüber hinaus ein Kontingent zur Verfügung
stehen. |
| GULP |
Das klingt ziemlich aufwändig
- wie lange dauert so ein Genehmigungsverfahren normalerweise? |
| Dr. Hartmann: |
Wenn die Firma einen guten Rechtsanwalt hat, vergehen
zwischen Antragstellung und Genehmigung etwa zwei Wochen. Allerdings
liegt die Tücke im Detail. Insbesondere mit der Qualifikation
haben unsere Behörden manchmal so ihre Probleme, denn der Kunde
muss dem Amt gegenüber nachweisen, dass eine gleichermaßen
qualifizierte Fachkraft in der Schweiz nicht zu bekommen war. Man
spricht hier vom sogenannten Inländer-Vorzug. |
| GULP |
Inwieweit werden ausländische
Qualifikationen akzeptiert? |
| Dr. Hartmann: |
Hochschulabschlüsse und offizielle Zertifikate
werden problemlos anerkannt. Schwieriger ist es, wenn der Freiberufler
ein sehr neues und daher noch nicht zertifizierbares Fachwissen mitbringt,
oder wenn er sich sein Wissen im Selbststudium beigebracht hat. Ohne
zusätzlichen, offiziellen Abschluss nützt ihm - wenn er
Pech hat - seine ganze Berufserfahrung nichts und die Behörde
lehnt den Antrag mangels Qualifikation ab. Aber als service-freundliches
Land regelt die jeweilige Firma all diese Details mit den Behörden
selber und hilft dem Freiberufler auch mit Ämtergängen.
Großunternehmen sind den ausländischen Fachkräften
oftmals gerne bei der Wohnungssuche behilflich oder verfügen
sogar über ein eigenes Wohnkontingent für diese Zwecke.
|
| GULP |
Erstreckt sich die Servicefreundlichkeit
auch auf die Kostenübernahme bei Vorstellungsgesprächen? |
| Dr. Hartmann: |
Nein, die Reisekostenerstattung bei Vorstellungsgesprächen
ist in der Schweiz nicht üblich. Für uns ist das eine etwas
befremdliche, deutsche Tradition. |
| GULP |
Wir dachten eigentlich, dass der
Eintritt in den schweizerischen Arbeitsmarkt durch die Verträge
mit der EU etwas erleichtert wird. Bis jetzt hört sich das alles
aber ziemlich kompliziert an. |
| Dr. Hartmann: |
Ich sprach bislang auch vom Ist-Zustand. Der wird so
nicht bleiben, denn die gesetzlichen Bestimmungen werden nach und
nach erheblich gelockert. Hoffentlich schon bis Jahresende, aber spätestens
bis zum nächsten Sommer treten gesetzliche Änderungen in
Kraft, die einschneidende Verbesserungen für EU-Ausländer
enthalten. |
| GULP |
Was soll sich ändern, und
vor allem wann? |
| Dr. Hartmann: |
| >> "In Zukunft ist nur noch die
EU-Zugehörigkeit wichtig und sonst gar nichts"
<< |
|
|
Bislang ist es beispielsweise so, dass man als in der Schweiz tätiger
Grenzgänger seit mindestens einem halben Jahr im deutschen
Grenzbereich wohnhaft sein muss und auch nur im schweizerischen
Grenzgebiet tätig sein darf. Künftig entfällt dieser
Passus. Grenzgänger müssen dann nicht mehr im grenznahen
Bereich wohnen und müssen auch nur noch einmal pro Woche außerhalb
der Schweiz nächtigen. Darüber hinaus dürfen sie
dann in der gesamten Schweiz Tätigkeiten aufnehmen. Nach zwei
Jahren wird es eine Aufhebung des Inländer-Vorzuges geben,
nach fünf Jahren eine Aufhebung der Kontingente und bis in
zwölf Jahren gibt es die volle Freizügigkeit. In Zukunft
ist nur noch die EU-Zugehörigkeit wichtig und sonst gar nichts.
|
| GULP |
Welche Skills werden in der Schweiz
in naher Zukunft besonders stark nachgefragt? |
| Dr. Hartmann: |
Das läßt sich nur sehr schwer sagen. Der
schweizerische Markt ist klein, nicht besonders transparent und sehr
reagibel. Es gibt auch keinerlei detaillierte Trendanalysen, etwa
wie sich der schweizerische Bedarf an Softwareprogrammierern in den
nächsten Monaten entwickelt. Momentan wird der Mainframe-Bereich
sehr stark nachgefragt, das kann sich aber schnell wieder ändern.
Wenn eine Großbank beispielsweise ein SAP-Projekt aufsetzt,
ist halt SAP sehr gefragt. |
| GULP |
Welche Sprachkenntnisse erwartet
ein schweizerischer Projektanbieter von einem Freiberufler? |
| Dr. Hartmann: |
Im deutschschweizerischen Raum reichen Deutsch und
Englisch. Bern ist allerdings ein besonderer Fall. Zwar handelt es
sich hierbei um einen deutschsprachigen Kanton, wegen dem Sitz der
Bundesbehörde wird dort aber Französisch häufiger gefordert.
Dies gilt insbesondere für den Support-Bereich im Zusammenhang
mit den französisch sprechenden Kantonen. Ansonsten ist aber
- wie bereits erwähnt - unter den Informatikern Englisch üblicher
als Französisch. |
| GULP |
Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen
mit deutschen Freiberuflern? |
| Dr. Hartmann: |
Sehr positiv, denn die gemeinsame Sprache erleichtert
natürlich den Umgang miteinander erheblich. Ein weiterer Vorteil
von Deutschen ist, dass sie in aller Regel Englisch sprechen. Englisch
ist gerade bei vielen großen, schweizerischen Firmen die Projektsprache.
Sie dürfen nicht vergessen, dass die Schweizer Unternehmen sehr
international ausgerichtet sind. Oftmals arbeiten in einem Projektteam
beispielsweise Australier, Franzosen, Amerikaner, Italiener, Schweizer
und Deutsche zusammen. Die Projektsprache richtet sich in solchen
multinationalen Teams einfach nach der Mehrheit. |
| GULP |
Auf welche Fähigkeiten legen
schweizerische Firmen besonderen Wert? |
| Dr. Hartmann: |
| >> "Projekterfahrung ist weniger
wichtig, um so gefragter ist eine entsprechende
Branchenerfahrung" << |
|
|
Projekterfahrung ist weniger wichtig, um so gefragter ist eine
entsprechende Branchenerfahrung. Offizielle Zertifikate und Hochschulabschlüsse
sind - wie bereits Eingangs erwähnt - vor allem für die
behördlichen Bewilligungen von Vorteil.
|
| GULP |
Thema Stundensatz. Entspricht
die übliche Honorarhöhe in etwa den deutschen Standards? |
| Dr. Hartmann: |
Ja, in etwa. Die schweizerischen Stundensätze sind vielleicht
ein wenig höher, das wird aber durch die höheren Lebenshaltungskosten
wieder wettgemacht. Es kommt auch durchaus vor, dass es für dieselbe
Arbeit in Frankfurt einen höheren Stundensatz gibt als etwa in
Zürich. |
| GULP |
Wie groß ist der Spielraum
bei den Honorarverhandlungen? Steigt nicht der Tarif eines Skills
automatisch bei entsprechender Nachfrage? |
| Dr. Hartmann: |
Anders als vielleicht in Deutschland ist in der Schweiz der Verhandlungsspielraum
sehr gering. Es gibt für die gesamte Schweiz gültige,
tarifähnliche Tabellen. In denen ist bis auf eine geringe Spanne
genau definiert, wie hoch etwa der Stundensatz eines seit drei Jahren
tätigen SAP-Spezialisten sein darf. Die Höhe des Stundensatzes
orientiert sich dabei an der Qualifikation und der Berufserfahrung.
Vermittler und Endkunden richten sich stets nach diesen Sätzen,
entsprechend gering ist der Spielraum bei Honorarverhandlungen.
|
| GULP |
GULP bedankt sich für das
informative Gespräch. |