Zwölf Monate sind vorbei, seitdem zehn Staaten
neu in die Europäische Gemeinschaft beigetreten sind. Die auf
breiter Front vorgebrachten Befürchtungen: Die EU-Osterweiterung
wirkt sich negativ auf den IT-Projektmarkt aus. Ob es tatsächlich
auch so kam – das wollte GULP in einer Umfrage wissen, an
der insgesamt 188 Projektanbieter und IT-Freiberufler teilgenommen
haben.
Während sich viele Kritiker ausschließlich mit den Gefahren
der EU-Osterweiterung beschränkt hatten, fragte GULP vor einem
Jahr auch nach, welche Möglichkeiten die Neuordnung haben könnte.
Die wichtigsten damaligen Ergebnisse:
Über 50 Prozent der Freiberufler erwartete durch die
EU-Osterweiterung keine Projekte, aber
83 Prozent aller Freiberufler wären bei einem interessanten
Projekt sofort in eines der Beitrittsländer gegangen.
Die größten Chancen der EU-Osterweiterung würden
sich laut Umfrage ergeben durch Niederlassungen deutscher Firmen
in den Beitrittsländern sowie durch neue Aufträge
in den Beitrittsländern.
Nun, nach einem Jahr lässt sich zumindest feststellen, dass
vieles nicht so heiß gegessen wie in den Medien gekocht wird.
Das Thema EU-Osterweiterung hat sich in der Öffentlichkeit
beruhigt – dennoch sollte man sich davor hüten, diese
Ruhe automatisch als in die Praxis umgesetzten Erfolg zu interpretieren.
Zumindest nach Meinung der Teilnehmer an der Umfrage ist man von
"eitel Sonnenschein" noch weit entfernt.
Projektanbieter
IT-Freiberufler
Die Folgen der EU-Osterweiterung waren generell
…
… besser als befürchtet. 22 %
… besser als befürchtet. 8 %
… schlechter als erhofft. 17 %
… schlechter als erhofft. 26 %
… genau so wie erwartet. 26 %
… genau so wie erwartet. 25 %
... für mich nicht einschätzbar. 35
%
... für mich nicht einschätzbar. 41 %
Neben einem jeweils beachtlichen Anteil (35 bzw. 41 Prozent)
der Befragten, die sich vor einer generellen Einschätzung hüten,
und einem weiteren Viertel, das die Entwicklung nach dem 1. Mai
2004 offensichtlich vorausgesehen hat, gab es auch Umfrageteilnehmer,
deren Erwartungen nicht eingetreten sind:
Dabei sind die Projektanbieter durchweg positiver gestimmt –
im Gegensatz zu nur 8 Prozent der Freiberufler bewerten hier stattliche
22 Prozent die vergangenen zwölf Monate deutlich besser als
ursprünglich angenommen.
Welche Befürchtungen haben sich Ihrer
Meinung nach vor allem bestätigt?
Qualitätsverlust durch Niveau-Gefälle. 4
%
Qualitätsverlust durch Niveau-Gefälle. 6 %
Preisverfall und Lohndumping. 43 %
Preisverfall und Lohndumping. 45 %
Verstärkt Offshore von IT-Projekten. 26 %
Verstärkt Offshore von IT-Projekten. 27 %
Keine negativen Folgen. 27 %
Keine negativen Folgen. 22 %
Gerade mit Blick auf die jeweilige Antwortverteilung bei den
anderen Fragen überrascht die traute Einigkeit von Projektanbietern
und IT-Freiberuflern bei ihrer Beurteilung der negativen Folgen:
In erster Linie sei der Preisverfall durch die günstige Konkurrenz
aus den Beitrittsländern nicht nur eine Befürchtung geblieben
– davon sind beide Seiten überzeugt.
26 bzw. 27 Prozent sind ferner der Meinung, dass es aufgrund von
"Offshore" weniger IT-Projekte in Deutschland gegeben
hat. So oder so, ob Preisverfall oder Offshore: Nur sehr wenige
Teilnehmer an der Umfrage glauben, dass die Qualität der IT-Leistungen
durch die EU-Osterweiterung schlechter geworden ist.
Schließlich: Jeweils etwa ein Viertel sieht keine negativen
Folgen.
Bei der Frage nach den positiven Aspekten hatten Projektanbieter
und IT-Freiberufler unterschiedliche Auswahlmöglichkeiten –
zu verschieden sind hier die unternehmerischen Interessen/Möglichkeiten:
Projektanbieter: Was waren Ihrer Meinung
nach die positivsten Aspekte??
Neue IT-Projekte durch größeren Markt.
22 %
Mehr Qualität durch stärkere Konkurrenz.
9 %
Neue Möglichkeiten für Kooperationen. 26
%
Keine positiven Aspekte. 43 %
Summa summarum 57 Prozent der Projektanbieter bewertet den Beitritt
der zehn Staaten unterm Strich positiv, wobei zuallererst neue Partner
und neue IT-Projekte in der erweiterten EU für diese Einschätzung
verantwortlich sind.
Freiberufler: Was waren Ihrer Meinung nach
die positivsten Aspekte?
Neue IT-Projekte in den Beitrittsländern. 7 %
Projekte in Deutschland durch Niederlassungen in den Beitrittsländern.
6 %
Projekte durch Ansiedlung von Unternehmen aus den Beitrittsländern.
3 %
Keine positiven Aspekte. 84 %
Konkrete positive Auswirkungen – für die überwiegende
Mehrheit der IT-Freiberufler heißt es hier "Fehlanzeige".
Vor allem hinsichtlich der Niederlassungen in den Beitrittsländern
hatten sich vor einem Jahr die externen IT-Experten mehr erhofft
– und zwar genau 26 Prozent, von denen im Rückblick nur
noch 6 Prozent übrig geblieben sind.
Eine durchwachsene Bilanz?
Nach einem Jahr EU-Osterweiterung sucht man – wenig überraschend
– im deutschen IT-Projektmarkt weithin vergebens nach Euphorie.
Während die Projektanbieter der Entwicklung der vergangenen
Monate vorsichtig, aber nicht generell abgeneigt gegenüber
stehen, betrachten sich die meisten IT-Freiberufler noch als Verlierer
des 1. Mai 2004.
Zwölf Monate allerdings sind eine vergleichsweise kurze Zeit.
Und eine Zwischenbilanz kann ein paar Jahre später schon ganz
anders aussehen.
Kommentare zu diesem Artikel:
"Für mich als Berliner sind die Aussichten schlicht desaströs. (Mai 2005)"
"Die Firmen werden weiter Personal abbauen (müssen) und mit Freiberuflern (Body Leasing)die nötigsten Lücken füllen.
Des einen Leid, des anderen Freud. (Mai 2005)"
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