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Senioren im IT-Projektmarkt: 4 Fragen an den BVSI

(Oktober 2004)
 
Es werden immer mehr: Im IT-Projektmarkt sind die reiferen Semester nicht nur zahlenmäßig bereits auf dem Vormarsch. Welche Folgen, welche Chancen und Risiken diese Entwicklung birgt – dazu stellte GULP dem Bundesverband der Selbständigen in der Informatik (BVSI) e.V. extern vier Fragen – die Antworten gab BVSI-Vorstandsvorsitzender Dr. Dirk Bisping.


GULP Die aktuellen GULP Daten belegen, dass das "Alter" als Thema im IT-Projektmarkt zunehmend an Bedeutung gewinnt. Wie sind Ihre Beobachtungen?
Dr. Bisping

Die Erfahrungen von langjährigen Beratern sind durchaus unterschiedlich, wenn es um die Akzeptanz ihres Alters geht. Ich weiß von Verbandsmitgliedern, denen der Kunde die rote Karte gezeigt hat, weil sie über 45 sind. Leider setzen manche Unternehmen Altersgrenzen und stellen grundsätzlich keinen Berater über 50 mehr ein. Andere IT-Berater haben wiederum die Erfahrung gemacht, dass ihr Alter für die Anbieter von sekundärer oder sogar tertiärer Bedeutung ist. Ihre Erfahrung und ihr Skill sind ausschlaggebend für die Projektvergabe, das Alter spielt überhaupt keine Rolle.

Seit einiger Zeit lässt sich auf dem Arbeitsmarkt ein Bewusstseinswandel beobachten, der sich auch in der IT-Branche niederschlägt. Viele Unternehmer haben erkannt, dass es ihnen schadet, auf das Know-how älterer IT-Spezialisten zu verzichten. So ist es für manche Banken und Versicherungen schwierig, einen Nachfolger für den älteren Großrechnerspezialisten zu finden, der ihnen nach dessen Ausscheiden die Schnittstellen programmiert oder das System wartet. Die Sachkompetenz eines gestandenen Beraters lässt sich eben nicht so einfach ersetzen.

Auf dem IT-Markt zeichnet sich ein positiver Trend ab, der vom BVSI e. V. begrüßt wird: Die Kunden stellen zunehmend wieder die tatsächliche Kompetenz und den Skill von Beratern in den Vordergrund und messen dem Alter nicht mehr eine solche Bedeutung zu.

 
GULP Wo sehen Sie Chancen, wo Risiken dieses Trends? Welche Auswirkungen hat dies für den Standort Deutschland?
Dr. Bisping

Seit den Neunzigern verfielen IT-Unternehmen mehr und mehr in einen Jugendwahn und stellten vorrangig jüngere IT-Fachkräfte ein. Grundsätzlich haben aber ältere IT-Experten, sofern sie ihr Wissen aktuell halten, mehr Erfahrung als junge Leute und sind deshalb äußerst wertvolle Mitarbeiter. Leider wollten viele IT-Unternehmen diese Tatsache nicht wahrnehmen und drängten vielfach ältere IT-Freiberufler aus dem Markt.

Zur Zeit sieht die Branchenlage so aus, dass ein älterer IT-Freiberufler, der länger als zwei Jahre ohne Projekt ist, kaum noch Chancen auf Anschlussaufträge hat. Wir beobachten diese Entwicklung zur Zeit sehr deutlich und mit Sorge.

Die Unternehmen tun sich mit dieser Einstellungspolitik aber keinen Gefallen. Der Markt bereinigt sich derzeit. Wirtschaftsexperten rechnen damit, dass in ein bis zwei Jahren IT-Fachleute aller Altersstufen wieder eine knappe Ressource sind. Diesen Umschwung werden die Unternehmen dann mit wesentlich höheren Stundensätzen bezahlen müssen.

 

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Ihre Tipps für ältere Selbstständige in der IT?
Dr. Bisping

Ein älterer Berater kann sein Alter durchaus als Unique Selling Proposition sehen, denn er hat einfach eine längere Erfolgsstory vorzuweisen als ein junger Existenzgründer. Er kann eine Jahrzehnte lange Projekterfahrung nachweisen, die ihm bei der Akquise einen entscheidenden Marktvorteil bietet.

Einen Aspekt sollte man jedoch nicht außer Acht lassen. Wenn sich ein Berater nicht weiterbildet, wenn er nicht ständig sein Wissen updatet, hat er auf dem hart umkämpften Projektmarkt kaum Chancen. Neben der Erfahrung spielt darum auch die Bereitschaft, sich kontinuierlich weiterzubilden, eine entscheidende Rolle für den Erfolg im Beruf. Berater, welche die 50 oder auch 60 überschritten haben und einen Teil ihrer Freizeit in berufliche Qualifizierung investieren, sind meistens nach wie vor gut im Geschäft. Darum ist der BVSI in diesem Bereich aktiv und bietet seinen Mitglieder regelmäßig Weiterbildungsmöglichkeiten an, seit neuestem die Zertifizierung zum Certified IT-Consultant. Diese Zertifizierung richtet sich insbesondere an Berater mit langjähriger Erfahrung, die im CIC-Trainingsprogramm ihre Kompetenz in den Bereichen BWL, Projektmanagement, Recht und Selbstmanagement verbessern - Skills, die oftmals entscheidend sind für die erfolgreiche Projektabwicklung.

 

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Generell: Ist eine Dominanz der Selbstständigkeit gegenüber der Festanstellung die logische Konsequenz der Entwicklungen?
Dr. Bisping

Es ist abzusehen, dass die Zahl der selbstständigen IT-Fachleute weiter ansteigen wird. Zur Zeit wechselt eine beträchtliche Anzahl ehemaliger IT-Angestellter in die Selbständigkeit. Diesen Schritt tun viele nicht freiwillig, sondern wegen Firmenpleiten und Outsourcing. Der BVSI weiß aus Erfahrung, dass es unter den Existenzgründern so manche gibt, die den Schritt in die Selbstständigkeit nur ungern tun. Die Vorteile der selbständigen Tätigkeit werden zu Beginn oft nicht gesehen. Gerade ältere Existenzgründer haben gegenüber jungen, kaum erfahrenen IT-Fachleuten aber einen großen Vorteil: Mit ihrer Professionalität und nachgewiesenen IT-Kompetenz können sie natürlich punkten. Ihre langjährige Erfahrung verleiht ihnen einen entscheidenden Marktvorteil.

 

 

Kommentare zu diesem Artikel:

"Es würde mich sehr freuen, wenn der Trend weg vom Jugendlichkeitswahn jetzt tatsächlich nicht nur in Sonntagsreden einsetzt. Ich muß jedoch gestehen, daß dies zumindest in bezug auf Festanstellung noch nicht der Fall zu sein scheint, meine Erfahrung als Existenzgründer, der sich gleichzeitig noch bewirbt, ist da leider Gottes eindeutig. Durchaus mit Sorge sehe ich die in diesem Artikel wiedergegebebe Analyse der aktuellen Situation der über 50-jährigen Freiberufler - wir sind schneller da als uns lieb ist. (Oktober 2004)"

"Es wäre schön wenn es so wäre ... (Oktober 2004)"

"Danke für diesen mutmachenden Artikel. Bin selber Freiberufler über 40 Jahre und seit einiger Zeit auf Suche nach einem neuen Projekt und überlege schon, auszusteigen. Werde nach diesem Artikel aber mehr in meine Weiterbildung stecken und weitermachen. Vielen Dank. (Oktober 2004)"

"Hinzuzufügen ist noch, dass das Kalender-Alter keinerlei Schlüsse auf Teamfähigkeit, Flexibilität und Engagement erlaubt. Ich (49) habe im Job schon genausoviele viele 'jugendliche Greise' wie Jung gebliebene 'Senioren' erlebt. (Oktober 2004)"

"Sehr interessanter Artikel. Mich würden weitere Informationen zu den angesprochenen Untersuchungen für die Zukunft interessieren. In den USA ist es schon seit ein paar Jahren wieder eher so, dass ITler ab 50 extrem gern gesehen sind. (Oktober 2004)"

"Eine der primären Anforderungen bei meinem aktuellen Auftrag war die langjährige Berufserfahrung als freiberuflicher Informatiker und die daraus resultierende Erfahrung bei den alltäglichen Problemen der Softwareentwicklung. (Oktober 2004)"

"Eine solche Entwicklung wäre natürlich zu begrüssen. (Oktober 2004)"

"Ich hoffe sehr, dass die Trendanalyse stimmt. (Oktober 2004)"

"Manch interessanter Aspekt, der (mir) bisher so noch nicht bekannt war. (Oktober 2004)"

"Sehr fundierte Antworten, die sagen, wie es ist: es ist nicht einfach, aber noch nicht hoffnungslos, wenn man die angeblich besten Jahre hinter sich gelassen hat. (Oktober 2004)"

"ich freue mich in diesem Artikel zu lesen, daß der Jugendwahn nun ein Ende hat. In der letzten Zeit war doch oft zu lesen, daß Leute über 45 Jahre sich garnicht bewerben brauchen. Ich meine auch, daß es nicht auf das Alter ankommt, sondern auf die Erfahrung. In einem haben Sie auch recht, man muß sich immer wieder fortbilden und sich mit den Neuerungen auseinander setzen. (Oktober 2004)"


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