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To be english or not to be

Interview mit der GULP Account Managerin Sandra Winzinger

(Juni 2005)

Englisch können fast alle selbstständigen IT-Experten. Zweifellos. Nur auf welchem Niveau bewegt sich jeweils dieses Können? Die Berichte aus den Projekten zeigen, dass Eigen- und Fremdeinschätzung nicht automatisch identisch sein müssen.

Gute Englisch-Kenntnisse sind selbstverständlich auch ein "Muss" für die Vertriebsmitarbeiter von GULP. Diesbezüglich nimmt unter ihnen die GULP Account Managerin Sandra Winzinger nochmals eine Sonderstellung ein – denn sie arbeitete über zwei Jahre bei britischen Unternehmen in England (Cheshire) und North Wales (Wrexham).

Mit diesem Erfahrungsschatz, der noch durch diverse Jobs für die Polizei von Wrexham und in einem Pub ergänzt worden ist, ist sie zweifelsohne prädestiniert für die Fragen, die wir ihr zum Thema "Nötige Englischkenntnisse im IT-Projektmarkt" stellten.

 

GULP Als IT-Freiberufler sollte ich in meinem GULP Profil auch eine Einschätzung meiner Englischkenntnisse geben. Welche Beschreibung verwende ich wann?

Winzinger

Tatsächlich gibt es so genannte Standardformulierungen, bei deren Wahl man aber Vorsicht walten lassen sollte. Weil zum Beispiel Lehrer oder Freunde voll des Lobes waren wegen angeblich hervorragender Englischkenntnisse, bedeutet dies nicht automatisch, dass es objektiv auch stimmt.

In der Praxis trifft man auf folgende Bewertungen hinsichtlich Fremdsprachenkenntnissen:

Muttersprache: Wirklich nur dann, wenn man in einem englischsprachigen Land geboren und aufgewachsen ist!
Fließend: Ein Begriff, den man häufiger trifft, der aber in seiner Aussage sehr schwierig ist – denn hier ist man schon sehr nahe dran am Niveau eines so genannten Native speakers. Ich zum Beispiel würde in meinem Fall mit der Behauptung zögern, dass ich fließend Englisch spreche.
Verhandlungssicher: Hier findet man die typisch "fließenden" Kenntnisse, das heißt: Ich kann mich problemlos über schwierigere Themen unterhalten und bei Bedarf sogar Verträge aushandeln.
Sehr gut: Ich bin mir mit den Vokabeln sicher und kann grundsätzlich auch Texte übersetzen. Von Verträgen allerdings lasse ich noch die Finger.
Gut: siehe konversationssicher.
Konversationssicher: Ich kann mich ohne größere Probleme unterhalten, allerdings habe ich Schwächen im Schriftlichen.
Mittel: Das sind erweiterte Grundkenntnisse, die besagen: Ich kann mich verständlich machen – zur Not mit Händen und Füßen. In jedem Fall kann es nicht schaden, wenn ich noch Vokabeln und Grammatik lerne.
GULP Wie wichtig ist Englisch für einen IT-Experten? Hat man "ohne" überhaupt noch Chancen?

Winzinger

Wenn Sie das englischsprachige Rüstzeug eines Programmierers meinen, stellt sich die Frage ja überhaupt nicht, denn diese Kenntnisse sind für die Arbeit unabdingbar. Aber auch für die generelle Kommunikation in und im Umfeld von IT-Projekten ist meiner Meinung nach ein entsprechender Kurs angebracht, wenn man noch keine fundierten Kenntnisse besitzt – und nicht plant, innerhalb der nächsten zehn Jahre in Rente zu gehen.
GULP Also keine Chance mehr für die deutsche Sprache in der IT?
Winzinger Natürlich ist in Deutschland auch die Projektsprache noch hauptsächlich deutsch, allerdings ist eine Auswirkung der Globalisierung, dass man sich gerade bei internationalen Unternehmen auf Englisch als gemeinsame sprachliche Basis geeinigt hat – und so gibt es häufig Dokumentationen nur noch in Englisch. Auch drängen immer mehr englische Agenturen auf den deutschen IT-Projektmarkt, von deren Mitarbeitern viele kein Deutsch sprechen. Wenn ich mit diesen zum Teil sehr großen Firmen Verträge schließen will, möchte ich doch wissen, was drin steht, oder?
GULP Die Versuchung kann verlockend sein, seine Kenntnisse etwas zu "frisieren" – nach dem Motto "den Rest lerne ich ja schnell"?
Winzinger Das ist ein sehr gefährliches Spiel, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schnell auffliegt. Wenn ich zum Beispiel erkläre, dass ich verhandlungssicher englisch spreche – und dann wird mir ein englisches Pflichtenheft vorgelegt..... so schnell kann ich nicht lernen. Für den Kunden bin ich dann ein Betrüger, was sich dann vermutlich auch in der Branche herumspricht.
GULP Woran erkennt man sofort, dass die Englisch-Kenntnisse des Gegenübers dürftig sind?
Winzinger Bei einem Schriftverkehr natürlich zuallererst, wenn der englische Text nur so vor Rechtschreibfehlern strotzt. Ein Tipp: In den üblichen Microsoft Word-Programmen kann man die Rechtschreibprüfung ganz einfach auf eine englische Version umstellen. Ach ja, und diese Prüfung sollte man dann auch nutzen.

Im Gespräch erkennt man einen Anfänger schnell daran, wenn er Englisch nicht als eigene Sprache begreift, sondern nur als Übersetzung – und zwar 1 zu 1 aus dem Deutschen inklusive kompletter Übernahme des Satzbaus. Das ist dann wie in der Szene aus dem Film Casablanca, als ein älteres Ehepaar "ganz britisch" folgenden Dialog führte: "What watch is it?" – "Twelve watch." – "O, so much!" Natürlich, wir lachen darüber, aber ich habe ähnliche Sachen schon bei Leuten erlebt, die ihre Englischkenntnisse mit voller Überzeugung als verhandlungssicher bezeichnet haben.

Sehr peinlich ist es übrigens auch, wenn ich Sprichwörter Wort für Wort übersetze und dann auch noch verwende! Wenn es stark regnet, schüttet es in England eben nicht wie aus Eimern.

GULP Wenn zwei Kulturen und zwei Sprachen aufeinander treffen, gibt es oft Missverständnisse …
Winzinger … die sich im beruflichen Alltag auch nicht immer ganz vermeiden lassen. Mir passierte zum Beispiel folgende Geschichte: In Großbritannien spricht man sich ja auch in der Geschäftwelt mit dem Vornamen an und meldet sich auch mit dem Vornamen am Telefon – in meinem Fall also üblicherweise "Firma GULP, Sandra speaking". Nur weiß man eben nicht immer, wenn ein Brite am anderen Ende der Telefonleitung sitzt und so kam es, dass ich mich einmal typisch deutsch mit "Firma GULP, Winzinger" meldete – und prompt so angesprochen wurde: "Oh hello Winzinger, I was wondering whether you could help me". Der englische Kunde war offensichtlich der Ansicht, dass es in Deutschland sehr, sehr seltsame Vornamen gibt.
GULP Eine andere deutsche Eigenart ist, so das Vorurteil, ein kaum verkennbarer Akzent, wenn er englisch spricht. Wie hinderlich kann ein Akzent sein?
Winzinger So lange der Rest wie Vokabeln und Grammatik passt, ist es im Normalfall kein Problem – nur verständlich muss es natürlich sein. Also: Man sollte sich schon Zeit nehmen, an der Aussprache ein wenig zu feilen. Dadurch, dass der deutsche Akzent im Englischen sehr hart klingt, trifft man auch manchmal auf eine typische Art von britischen Humor, wenn festgestellt wird: "Scary Germans, we don't want to make them angry ..."
GULP Woran erkennt man sofort einen englischen Muttersprachler?
Winzinger Dadurch, dass in England die so genannte Hochsprache noch viel stärker als in Deutschland ein wichtiger Ausdruck des sozialen Status ist, ist in den studierten Kreisen Englands das berühmte Oxford-English üblich. Und das hört sich ziemlich "hochgestochen" und sehr fein an – vor allem, weil die Leute zudem noch sehr höflich sind. Gewöhnungsbedürftig im Umgang mit Briten ist manchmal das dort bevorzugte Understatement: Man weiß unter Umständen lange nicht, ob der Gegenüber begeistert von einer Sache ist oder sie ablehnt.

Da ist es mitunter einfacher, wenn man mit US-Amerikanern zu tun hat: Sie haben kein Problem damit, ihrer Begeisterung vorbehaltlos Ausdruck zu verleihen. Man sollte nur wissen, dass auch negative Aspekte häufig positiv formuliert werden – und deshalb entsprechend acht geben. Und natürlich: Genau hinhören muss man auch deshalb, weil es immer so klingt, als würden US-Amerikaner mit einem Kaugummi im Mund englisch sprechen.

GULP Haben Sie zum Schluss noch eine britische Empfehlung für deutschsprachige IT-Freiberufler?
Winzinger Am besten, man gibt sich niemals mit seinen Englischkenntnissen zufrieden, deshalb: Kontinuierlich lernen, üben und praktisch einsetzen zum Beispiel bei der regelmäßigen Lektüre englischer Zeitschriften. Auch wenn man bereits über Jahre hinweg in deutschsprachigen Projekten war, kann sich das nämlich ganz schnell ändern. Und kein IT-Freiberufler will für einen tollen Projektauftrag zurückstehen, weil sein Englisch nicht gut genug ist.
GULP Vielen Dank für das Gespräch!

 

Kommentar zum Artikel

"'...weil es immer so klingt, als würden US-Amerikaner mit einem Kaugummi im Mund englisch sprechen.' Wieder mal ein Vorurteil! Die USA sind grösser als Deutschland und England zusammen und wie es in Europa Dialekte gibt, findet man das auch in den USA. Ich denke beispielsweise, dass die meisten Amerikaner einfacher zu verstehen sind, als die Engländer.
Mit der Einschätzung, dass Sprachkenntnisse wichtig sind und dauernd angewendet und erweitert werden sollten, bin ich absolut einig. (September 2007"

"Genau das, was ich seit längerem gesucht habe. (Juli 2007)"

"In meinem bisher ca. 8 Projekten und mindestens 50 Vorstellungsgesprächen wurde sehr häufig Englisch 'gefordert', geprüft wurde es nie. Auf meine Frage, wann und wie ich Englisch denn anwenden dürfe (ich habe eine persönliche Affinität zur Sprache durch mein Studium in Kanada), kam bisher immer als Antwort: Englisch werden Sie wohl kaum sprechen, das läuft hier in Deutsch ab. Wir dachten uns, das gehört eben in eine Stellenanzeige. In der letzten Zeit haben sich aber die Anrufe englischer Headhunter vermehrt, die direkt für Ihren Kunden die Sprachkenntnisse live und unverblümt abchecken. Das sind meiner Meinung nach auch verwertbare Ergebnisse. (Juni 2005)"

"Bei der Einteilung fehlt mir der Bereich 'Small Talk'. Also das was über die 'normale' Konversation hinausgeht. Neben Wortschatz und den angesprochenen 'kulturellen Eigenarten' muss man auch die Fähigkeit haben Dinge zu erklären. Schon mal einem Japaner erklärt was eine Kleingartenkolonie ist und warum es sie gibt? Eine interessante Übung. Es schadet auch nicht zu wissen, dass der amerikanische Präsident eine etwas andere Funktion hat als der Deutsche usw. Das berühmte Wort 'Verhandlungssicher' impliziert doch sehr einseitig die juristische Seite. Gerade durch die immer stärkere Vernetzung von Firmen wird der 'Small Talk' immer wichtiger. Zum Üben bietet sich neben englischsprachigen Zeitungen auch TV an. Passiv CNN nebenher zu hören hilft 'das Gefühl' zu bekommen. (Juni 2005)"

"Sehr gute Einschätzung! Dass 'fließend' ein höheres Level bezeichnet als 'verhandlungssicher' wusste ich beispielsweise nicht. Gefühlsmäßig hätte ich es genau umgekehrt eingeordnet. (Juni 2005)"

"Trifft den Nagel auf den Kopf! (Juni 2005)"

"Kurz und knapp, aber treffend. Mittlerweile ist es so, dass mittlere Englischkenntnisse auf dem Markt nicht ausreichen. Selbst gute Kenntnisse entsprechen gerade noch den durchschnittlichen Anforderungen. (Juni 2005)"

"Durchwegs sehr zutreffende Aussagen! Ich war vor über 30 Jahren 2 Jahre in Australien (nicht gerade ideal für die Aussprache, zugegeben) und konnte seither immer wieder vom 'Sprung ins kalte Wasser' profitieren (vorher nur 6 Jahre Schul-Englisch). Verhandlungssicherheit habe ich nur sehr selten angetroffen und war erstaunt, mit welcher Non-Chalance auch Manager in wichtige Vertragsverhandlungen eingestiegen sind. Zudem überrascht mich immer wieder, dass man mit doch recht bescheidenen Englischkenntnissen komplexe Manuals verstehen will - die Ergebnisse sind dann teilweise auch entsprechend. (Juni 2005)"

"War sehr informativ! (Juni 2005)"

"Bei der Einstufung der Sprachkompetenz war wahrscheinlich nicht nur ich bisher unsicher in der Begriffswahl. Insbesondere die Einstufung von 'verhandlungssicher' war mir bislang unklar. Dass sie besser ist als 'sehr gut' überrascht mich.

Da ich eine 'Inflation' in der Selbstbewertung vieler Anbieter beobachte, habe ich bisher bewusst eigene Kenntnisse eher positiver dargestellt und werde mich - als jemand der nur sehr selten ein Wörterbuch benötigt - wohl trotzdem weiterhin selbstbewusst als 'fließend' einstufen, auch wenn mein Umgangsenglisch nicht perfekt ist. (Juni 2005)"

"Sehr gut! (Juni 2005)"

 

Kommentare zu diesem Artikel:

""...weil es immer so klingt, als würden US-Amerikaner mit einem Kaugummi im Mund englisch sprechen." Wieder mal ein Vorurteil! Die USA sind grösser als Deutschland und England zusammen und wie es in Europa Dialekte gibt, findet man das auch in den USA. Ich denke beispielsweise, dass die meisten Amerikaner einfacher zu verstehen sind, als die Engländer. Mit der Einschätzung, dass Sprachkenntnisse wichtig sind und dauernd angewendet und erweitert werden sollten, bin ich absolut einig. (September 2007)"

"Genau das, was ich seit längerem gesucht habe. (Juli 2007)"

"In meinem bisher ca. 8 Projekten und mindestens 50 Vorstellungsgesprächen wurde sehr häufig Englisch "gefordert", geprüft wurde es nie. Auf meine Frage, wann und wie ich Englisch denn anwenden dürfe (ich habe eine persönliche Affinität zur Sprache durch mein Studium in Kanada), kam bisher immer als Antwort: Englisch werden Sie wohl kaum sprechen, das läuft hier in Deutsch ab. Wir dachten uns, das gehört eben in eine Stellenanzeige. In der letzten Zeit haben sich aber die Anrufe englischer Headhunter vermehrt, die direkt für Ihren Kunden die Sprachkenntnisse live und unverblümt abchecken. Das sind meiner Meinung nach auch verwertbare Ergebnisse. (Juni 2005)"

"Bei der Einteilung fehlt mir der Bereich "Small Talk". Also das was über die "normale" Konversation hinausgeht. Neben Wortschatz und den angesprochenen "kulturellen Eigenarten" muss man auch die Fähigkeit haben Dinge zu erklären. Schon mal einem Japaner erklärt was eine Kleingartenkolonie ist und warum es sie gibt? Eine interessante Übung. Es schadet auch nicht zu wissen, dass der amerikanische Präsident eine etwas andere Funktion hat als der Deutsche usw. Das berühmte Wort "Verhandlungssicher" impliziert doch sehr einseitig die juristische Seite. Gerade durch die immer stärkere Vernetzung von Firmen wird der "Small Talk" immer wichtiger. Zum Üben bietet sich neben englischsprachigen Zeitungen auch TV an. Passiv CNN nebenher zu hören hilft "das Gefühl" zu bekommen. (Juni 2005)"

"Sehr gute Einschätzung! Dass "fließend" ein höheres Level bezeichnet als "verhandlungssicher" wusste ich beispielsweise nicht. Gefühlsmäßig hätte ich es genau umgekehrt eingeordnet. (Juni 2005)"

"Trifft den Nagel auf den Kopf! (Juni 2005)"

"Kurz und knapp, aber treffend. Mittlerweile ist es so, dass mittlere Englischkenntnisse auf dem Markt nicht ausreichen. Selbst gute Kenntnisse entsprechen gerade noch den durchschnittlichen Anforderungen. (Juni 2005)"

"Durchwegs sehr zutreffende Aussagen! Ich war vor über 30 Jahren 2 Jahre in Australien (nicht gerade ideal für die Aussprache, zugegeben) und konnte seither immer wieder vom "Sprung ins kalte Wasser" profitieren (vorher nur 6 Jahre Schul-Englisch). Verhandlungssicherheit habe ich nur sehr selten angetroffen und war erstaunt, mit welcher Non-Chalance auch Manager in wichtige Vertragsverhandlungen eingestiegen sind. Zudem überrascht mich immer wieder, dass man mit doch recht bescheidenen Englischkenntnissen komplexe Manuals verstehen will - die Ergebnisse sind dann teilweise auch entsprechend. (Juni 2005)"

"War sehr informativ! (Juni 2005)"

"Bei der Einstufung der Sprachkompetenz war wahrscheinlich nicht nur ich bisher unsicher in der Begriffswahl. Insbesondere die Einstufung von "verhandlungssicher" war mir bislang unklar. Dass sie besser ist als "sehr gut" überrascht mich. Da ich eine "Inflation" in der Selbstbewertung vieler Anbieter beobachte, habe ich bisher bewusst eigene Kenntnisse eher positiver dargestellt und werde mich - als jemand der nur sehr selten ein Wörterbuch benötigt - wohl trotzdem weiterhin selbstbewusst als "fließend" einstufen, auch wenn mein Umgangsenglisch nicht perfekt ist. (Juni 2005)"

"Sehr gut! (Juni 2005)"


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