GULP >> GULP Knowledge Base >> Markt & Trends >> Skills & Qualifikationen >> Interview mit SAP-Freiberufler

"Exakt, konsequent, durchdacht und etwas spröde"

Interview mit Joachim Schlösser, freiberuflicher SAP-Spezialist

(September 2003)

Foto: Joachim Schlösser

Joachim Schlösser
freiberuflicher SAP-Spezialist

Wenn es um ERP/CRM-Systeme geht, kommt man in Deutschland kaum an den Produkten der SAP AG vorbei. Deren unangefochtene Marktführerschaft in ihren Bereichen hat natürlich auch Folgen für die IT-Freiberufler, die sich auf SAP spezialisiert haben – mit einem von ihnen, Joachim Schlösser, sprach GULP unter anderem über die Vor- und Nachteile von SAP.

Der Diplom-Bauingenieur Joachim Schlösser, 42, lebt in Berlin, arbeitet aber derzeit in einem IT-Projekt in Hamburg. Vor fünf Jahren hat er sich auf SAP spezialisiert – eine Entscheidung, die sich für ihn nach eigenen Aussagen gelohnt hat.

 

GULP Herr Schlösser, welcher Weg führte Sie zum SAP-Spezialisten?

Schlösser

Eigentlich kein sonderlich ungewöhnlicher. Ich habe in Wiesbaden Bauingenieurwesen studiert, mit dem Diplom-Ingenieur abgeschlossen und danach wie viele naturwissenschaftliche Studenten mich auf den DV-Bereich konzentriert. Da habe ich erst einmal reichlich Erfahrungen in den Bereichen Expertensysteme, Künstliche Intelligenz und objektorientiertes Softwaredesign gesammelt – bis ich schließlich 1998 eine einjährige Weiterbildung zum SAP R/3-Berater Logistik absolviert habe. Im Laufe der beruflichen Praxis haben sich dann die Schwerpunkte Materialmanagement und Instandhaltung heraus kristallisiert.
GULP Und warum sind Sie Freiberufler geworden?

Schlösser

Das hört sich in der heutigen Zeit zwar etwas priveligiert an, aber ich hatte damals tatsächlich die Möglichkeit zu wählen: Freiberufler oder Festanstellung. Ich plane lieber selbst, wie viel Projektarbeit und wie viel freie Zeit ich habe – sofern es der Markt zulässt. Ich liebe da einfach meine Unabhängigkeit. Das ist vielleicht eine Frage des Typs, vielleicht auch eine Frage der Lebensphase - viele Faktoren spielen eine Rolle. Und je nachdem, wie man für sich selbst die private Ortsgebundenheit, die persönliche Risikobereitschaft, Wunsch nach Veränderungen, Sicherheitsüberlegungen oder auch privete Verpflichtungen einschätzt, fällt die Entscheidung aus. Jedes Modell hat Vor- und Nachteile, für mich liegen derzeit die Vorteile eindeutig in der Freiberuflichkeit - das wiederum kann aber in der Zukunft auch wieder anders aussehen.
GULP Als Freiberufler hat man aber auch mehr Aufwand rund um seine Arbeit.
Schlösser Genau das hat mich aber besonders an der Selbstständigkeit gereizt. Sich selbst darum zu kümmern und dafür verantwortlich zu sein, dass man Projekte findet, wo man während eines Einsatzes wohnt bis hin zur Rechnungsstellung und Buchführung – all das "Drumherum" bereichert einen Auftrag in meinen Augen eher als dass es ein nachteil wäre.
GULP Und warum haben Sie sich schließlich für SAP entschieden?
Schlösser

>> Vielfältige Arbeitsfelder und Entfaltungsmöglichkeiten. <<

Mir gefällt der integrierte und modulübergreifende Ansatz von SAP sowie die Einmal-Ablage und die zigfache Wiederverwertbarkeit von Daten. Außerdem bietet das CRM-System vielfältige Arbeitsfelder und Entfaltungsmöglichkeiten. Von der normalen Projektarbeit über Routinebetreuung und Schulungen bis zur Dokumentation oder Programmierung – da kommt so schnell keine Langeweile auf bzw. man läuft nicht so bald Gefahr, sich in wirklich "eingefahrenen Bahnen" zu bewegen.
GULP Da spricht der Freiberufler, der Veränderungen mag.
Schlösser Natürlich. Und dem kommt SAP ferner entgegen, weil es weltweit präsent ist. Man muss nicht erst auf der Landkarte nachschauen, ob SAP in einer Region eingesetzt wird, denn eines ist sicher: es wird dort auch eingesetzt. Gerade für Freiberufler, die sich hin und wieder gerne örtlich verändern, ist das eine gute Ausgangsbasis.
GULP Ein System also, das für Flexibilität bürgt.
Schlösser Einerseits ja, andererseits aber ist es genau da stabil, wo man es gerne hat. Weil dem System betriebswirtschaftliche Prinzipien zugrunde liegen, ist es nicht so schnelllebig wie manches andere in der IT-Branche. Das verspricht eine nicht zu geringe Halbwertszeit des Erlernten, was wiederum auch beruhigend ist.
GULP Apropos Erlerntes – sind Sie SAP-zertifiziert?
Schlösser Nein. Ich habe die bereits erwähnte Qualifizierung gemacht und muss für meine Person sagen, dass ich niemals nach einer Zertifizierung gefragt worden bin. Ich hatte auch in keinem Projekt das Gefühl, dass ich es gebraucht hätte.
GULP Und wie bilden Sie sich weiter?
Schlösser

>> Training on the job. <<

Natürlich informiere ich mich in den diversen Medien über Neuerungen, aber grundsätzlich ist meine Weiterbildung das "training on the job". Was ich im Projekt, durch eigene Praxis und durch Kollegen lerne – das ist mehr als mir jedes Buch bieten kann.
GULP Haben Sie viel Kontakt zu den Kollegen im Projekt?
Schlösser Ja und das ist auch einer der Vorteile von SAP. Man hat die Möglichkeit, mit den unterschiedlichsten Mitarbeitern eines Unternehmens zusammenzuarbeiten. Ob Anwender oder Manager – irgendwie hat man mit allen zu tun.
GULP Sie sind SAP R/3-Berater? Was machen Sie eigentlich genau?
Schlösser Bei Modifikationen an bestehenden Systemen oder bei der Neueinführung gehört es zu meinen Aufgaben, Kundenprozesse zu überprüfen, kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls neu zu gestalten. Und dann gilt es, die adäquaten Mittel zu finden, welche diese Prozesse unterstützen, denn da bietet SAP viele Alternativen. Und das ist nicht so einfach, zumal die richtige grundlegende Entscheidung später viel Geld und zusätzlichen Programmieraufwand sparen kann.
Derzeit bin ich in einem großen Unternehmen Mittler zwischen Fachbereichen, die eine Fehlerbeseitigung oder Neustrukturierung von Prozessen möchten, und der Entwicklungsabteilung, die bei der Umsetzung von Vorhaben Programmieraufgaben übernimmt. Ich prüfe die Anliegen auf ihre Notwendigkeit und Integrationsfähigkeit, mache gegebenenfalls zusammen mit den Fachabteilungen die Fachkonzepte, führe die erforderlichen Customizing-Einstellungen durch und überwache erforderliche Programmierarbeiten.
GULP Sollte ein SAP-Spezialist Ihrer Meinung nach neben den fachlichen Fähigkeiten auch andere Eigenschaften besitzen?
Schlösser

>> Geisteswissenschaftliche Tugenden helfen. <<

Schwer zu sagen. Bei modulübergreifenden Tätigkeiten helfen vielleicht sogenannte geisteswissenschaftliche "Tugenden" wie das vernetzte Denken oder die Fähigkeit, verschiedene Interessen zu bündeln.
GULP Sind SAP-Spezialisten eine "verschworene Gemeinschaft" bzw. gibt es intensivere Kontakte zwischen Vertretern dieser Gruppe?
Schlösser Verschworene Gemeinschaft nicht. Es gibt aber entsprechende Foren von Beratern, die ich aber weniger nutze.
GULP Was hat sich nach Ihren Erfahrungen in den vergangenen Jahren im IT-Projektmarkt geändert?
Schlösser Das ist relativ einfach zu beantworten: Die Stundensätze sind schlechter geworden und die Stimmung rauer.
GULP Und speziell in der SAP-Landschaft?
Schlösser SAP ist nach meiner persönlichen Meinung im Vergleich zu andern Märkten erstaunlich stabil. Meine Entscheidung, SAP-Berater zu werden, wird dadurch nachträglich auch bestätigt.
GULP Und wie kamen Sie an Ihre Projekte?
Schlösser Eigentlich fast ausnahmslos über GULP. Meistens bin ich über die Profiledatenbank von Projektanbietern angeschrieben worden, ich habe mich aber auch aktiv auf Ausschreibungen beworben, die ich auf www.gulp.de gefunden habe.
GULP Warum ist SAP der Platzhirsch auf dem deutschen IT-Projektmarkt?
Schlösser

>> Eigenschaften, die zum Erfolg führen. <<

Weil es ein "typisch deutsches" Produkt ist. Bitte nicht missverstehen, ich meine damit vor allem die Bündelung folgender Eigenschaften: Exakt, konsequent, durchdacht und etwas spröde. Typisch deutsch eben, was immer man davon halten mag. Aber auf diesem Sektor sind das Eigenschaften, die insgesamt zum Erfolg führen.
GULP Und warum werden nach wie vor so viele IT-Berater benötigt?
Schlösser Weil es erfolgreich ist und weil es sehr komplex ist. Da braucht es gerade in größeren Unternehmen in der Regel schon einige Experten, die den reibungslosen Einsatz von SAP-Modulen gewährleisten.
GULP Waren bzw. sind Ihre Projekteinsätze meist von kürzerer Dauer oder sind Sie in der Regel länger vor Ort?
Schlösser Tatsächlich dauerte bei mir bis jetzt ein Projekt nie länger als ein Jahr, was aber mit der jeweiligen Aufgabenstellung zusammen hängt. Sind es definierte Projekteinsätze, sind sie mit der Erfüllung der Aufgabe beendet. Derzeit aber bin ich auch in der Routinebetreuung tätig, es ist also keine reine Projektarbeit – und ein Ende ist im Moment nicht festgelegt.
GULP SAP gilt als System für Großunternehmen. Hat es auch Vorteile für den Mittelstand?
Schlösser

>> Für Mittelstand nur interessant, wenn es deutlich billiger wird. <<

Damit es für mittelständische Unternehmen eine wirklich interessante Lösung wird, müsste meines Erachtens zum einen abgespeckt und zum anderen deutlich billiger werden. Was ich in diesem Zusammenhang manchmal – von außen betrachtet – ärgerlich finde, ist, dass kleinere Firmen mit ähnlichen Produkten aufgrund der SAP-Marktbeherrschung fast keine Chancen haben und so auch sehr gute Ideen in irgendeiner Schublade verschwinden.
GULP Zum Schluss eine etwas provokante Frage: Was mögen Sie nicht an SAP?
Schlösser Gut wäre ein "Mehr" an grafischer Unterstützung bei der Prozessgestaltung. Hier gibt es z. B. gute Lösungen in CASE-Tools, welche die verschiedenen Prozessbeteiligten, Prozessschritte, Stammdaten, Organisationseinheiten etc. grafisch veranschaulichen und die bei der Abstimmung der unterschiedlichen Abstimmungspartner hilfreich sein können.
GULP Sehr geehrter Herr Schlösser, vielen Dank für das Gespräch.

 


Kommentare zu diesem Artikel:

"Ein schönes Interview mit einem SAP-Berater der ganz offensichtlich weiß von was er redet. Ergänzen würde ich noch, dass ein SAP-Berater die Fähigkeit haben sollte sich schnell in neue Teilprodukte der SAP einzuarbeiten und dabei die wesentlichen Neuigkeiten von eher unwesentlichen Implementierungsdetails zu unterscheiden vermag. Das Tempo in welchem SAP neue Techniken und Produkt entwickelt ist sehr hoch, da muß man lernen die Spreu vom Weizen zu trennen. (September 2004)"

"Das Interview war sehr interessant. Eine Vertiefung bezüglich der SAP Zertifizierung wäre wünschenswert. Vielleicht ein Interview mit jemandem von SAP dazu? Die Zertifikate kosten schließlich einiges... (November 2003)"

"Mit Herrn Schlösser haben Sie jemanden interviewt, der die Situation gut schildern konnte. Ergänzung: Neben den fachlichen Fähigkeiten halte ich bei komplexeren Aufgabenstellungen noch eine gute Allgemeinbildung für sehr hilfreich. Wer vielseitig interessiert ist, der nützt den Unternehmen eher. (Oktober 2003)"

"Ich stimme Hrn. Schlösser voll zu. Ich bin auch SAP-Freiberufler und teile seine Meinung in praktisch allen Punkten. (September 2003)"


Seite drucken Seiten drucken
Zum Seitenanfang nach oben

Für die Teilnahme an den mit diesem Icon gekennzeichneten Diensten melden Sie sich mit den Zugangsdaten an.
Zugangsdaten vergessen? | Noch kein GULP Profil?
Über GULP: Mehr als 3.000 Kunden, 75.000 eingetragene IT-Experten, davon 10.500 mit Schwerpunkt Engineering, und über 1.000.000 abgewickelte Projektanfragen: GULP ist die wichtigste Quelle für die Besetzung von IT-/Engineering-Projekten mit externen Spezialisten im deutschsprachigen Raum. Zusätzlich zu den Dienstleistungen einer modernen Personalagentur bietet GULP ein umfassendes Online-Portal mit Informationen und Services für die Teilnehmer im Markt.