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Die goldenen Zeiten sind vorbei

Freiberufliche SAP-Berater und -Entwickler

(Juli 2000)
 

In der SAP-Welt ist die Goldgräberstimmung verflogen. Freiberufler müssen sich verstärkt um Aufträge bemühen. Wissen und konkrete Projekterfahrungen werden immer wichtiger.

Nach exorbitanten Zuwächsen in den letzten Jahren normalisieren sich nun die Verhältnisse in der SAP-Welt: So erzielte SAP - die weltweit größte Softwareschmiede für betriebswirtschaftliche Anwendungen - im ersten Quartal 2000 nur mehr mäßige Steigerungen im Neugeschäft mit Lizenzen. Die massive Welle von Einführungs-Projekten bei den Konzernen ebbt damit deutlich ab.

Zudem kommt das geplante Internet-Geschäft der SAP mit elektronischen Marktplätzen bislang nicht vom Fleck. Auch die Eroberung des Mittelstandes mit "Mysap.com" klappt nicht so recht. Das alles drückt natürlich den Auftragsbestand freiberuflicher SAP-Experten. "Ich habe eigentlich erwartet, dass es nach der Jahr-2000-Umstellung besser wird", so Peter Heun, freier SAP-Entwickler in Velbert. "Bislang hat sich das Geschäft nicht wieder mit Leben erfüllt." Das ist auch die Erfahrung von Gerhard Kamper, freiberuflicher SAP-Entwickler in Eberdingen. "Die Honorare sind inzwischen um mindestens 30 Prozent gesunken, ebenso die Auslastung der Kollegen. - Doch davor lagen die Preise bei mindestens 130 Prozent", räumt Kamper ein.

"Inzwischen ist eine gewisse Normalisierung eingetreten", stellt ebenso Horst Treuholz fest, freiberuflicher SAP-Berater für die Logistik-Module in Herold und Sprecher des SAP-Arbeitskreises beim Bundesverband Selbständige in der Informatik (BVSI extern).

Doch trotz des allgemeinen Rückgangs erzielten heute qualifizierte Experten höhere Honorare als in der Vergangenheit. Berater Treuholz: "Die Extreme laufen zunehmend auseinander: Die Qualifizierten können sich vor Aufträgen kaum mehr retten. Die schlecht ausgebildeten Kollegen dagegen haben Probleme, noch an lukrative Projekte ranzukommen."

Vor allem treffe dies auf Berater zu, die übers Arbeitsamt den Weg in die SAP-Welt gefunden haben. "Viele Arbeitslose oder Absolventen fachfremder Studiengänge wie etwa Sozialpädagogen sind leider nur dürftig auf ihre neue Rolle als SAP-Berater vorbereitet worden", so Treuholz weiter.

Die Schuld daran trifft die Vielzahl freier Bildungsträger, die in den letzten Jahren "in großer Anzahl SAP-Berater und -Entwickler auf den Markt geworfen haben", denkt auch Peter Heun. Die überhastete Ausbildung neuer Leute hat ein schlechtes Licht auf die gesamte Berater-Szene geworfen. "Da sind viele Kunden vergrault worden", räumt Gerhard Kamper ein.

"Ich selbst bekomme Aufträge, weil man mich in der Branche kennt", so Kamper weiter, der schon seit über 20 Jahren in der Entwicklung tätig ist. Vor sechs Jahren dann sattelte er auf SAP R/3 um. Seit vier Jahren ist er als SAP-Entwickler selbständig.

Die besten Chancen böten sich zur Zeit bei anspruchsvollen Integration-Projekten, so Kampers Einschätzung. "Allerdings nicht für Berater, die nur oberflächliche Kenntnisse in R/3 besitzen." Kamper selbst arbeitet zur Zeit an einem solchen Projekt: Für einen Fertigungsbetrieb entwickelt er eine intermodulare Schnittstelle, über die es möglich sein wird, Eingabewerte für bestimmte Masken, die bislang per Hand eingetippt werden mussten, über ein Barcode-Lesegerät einzulesen. "Dabei werden die Standard-Funktionen der jeweiligen Eingabemaske überlagert. Eine Zwischenlogik muss geschrieben werden, die fehlende Eingabewerte aus der Datenbank ausliest und den jeweiligen Feldern zuweist."

"Das ist jede Menge Arbeit", so Kamper weiter. Unerfahrene Leute bräuchten dafür bis zu zwei Jahre. "Das aber nimmt heute kein Auftraggeber mehr hin." Kamper selber will das Projekt in drei bis vier Monaten schaffen, zusammen mit einem Betriebswirts, der sich "in den Tiefen des Systems" auskennt.

Auch Treuholz sieht für sich persönlich gute Chancen: Der Berater aus Herold hat sich auf die Logistik-Module MM, SD und PP spezialisiert. Er arbeitet seit 20 Jahren im IT-Bereich. Zuvor hat er Mathematik, Informatik und Betriebswirtschaft studiert. Seit über zehn Jahren ist er selbständig, seit fünf Jahren arbeitet er als freiberuflicher SAP-Berater.

Zur Zeit optimiert Treuholz den grenzübergreifenden Werksverkehr eines mittelständischen Unternehmens, das rund 4.500 Mitarbeiter an sieben Produktionsstandorten in Europa beschäftigt: "Die einzelnen Werke arbeiten noch mit unterschiedlichen Release-Ständen", erläutert der Berater. "Solange nicht alle Standorte auf der 4er-Schiene fahren, müssen hier Anpassungen vorgenommen werden. Sonst klappt der Warenfluss nicht einwandfrei."

Treuholz sieht das größte Manko vieler Kollegen darin, dass sie in nicht ausreichendem Maße Praxiserfahrung gesammelt haben. "Wer in den letzten Jahren vor allem Body-Leasing betrieben hat, bekommt sehr große Schwierigkeiten."

Unter "Body-Leasing" versteht der Berater die Tatsache, dass in den vergangenen Jahren viele Kunden froh waren, überhaupt einen SAP-Berater gefunden zu haben, zu gross war die Nachfrage nach den begehrten Kräften. Treuholz: "Da wurden viele unqualifizierte Leute aus Arbeitsamt-Maßnahmen eingestellt, die dann lediglich ihre Zeit abgesessen haben - und damit die Kundschaft vergraulten." Kein Wunder, dass solche Berater heute Schwierigkeiten haben, überhaupt noch an Projekte ranzukommen. "Für viele bleibt nur die Flucht in die Anstellung."

Die Auftraggeber können nur mit Mühe die Qualifikation eines Beraters einschätzen. Viele Betriebe vergeben deshalb in letzter Zeit Aufträge nur mehr an die großen Beratungshäuser. "Bei Auftragsspitzen greifen die jedoch auf Leute zurück, die zum Teil nur mangelhaft ausgebildet sind", so die Erfahrung von Horst Treuholz. Der Berater empfiehlt satt dessen den Auftraggebern, externe Mitarbeiter nicht mehr auf Zeit zu beschäftigen. Vielmehr sollte vor der Zusammenarbeit der Gegenstand des Auftrags klar definiert werden, etwa die Implementierung eines bestimmten Moduls. Dann sei die Zahlung des Honorars an eine tatsächlich zu erbringende Leistung gekoppelt.

In die gleiche Kerbe schlägt auch Peter Heun: "Die Projektleiter der Unternehmen sollten zunächst mit neuen Leuten nur mehr auf Probe zusammenarbeiten." Nach 14 Tagen etwa können die Auftraggeber dann eher einschätzen, an welchen Mann sie da gekommen sind. Ein anderer Weg ist die Teilnahme an Weiterbildungsmassnahmen. Zwar tummeln sich auf diesem Markt viele Anbieter. Doch können zumindest zwei Adressen empfohlen werden, so die Erfahrung von Berater Kamper. Neben der SAP in Walldorf ist das vor allem die Siemens Business Services (SBS). "Hier gibt es immer Kurse aus erster Hand", urteilt Kamper.

Die SAP Partner Academie ist für Aus- und Weiterbildung bei SAP zuständig. Sie bietet ein sehr umfangreiches Kursangebot, das auf die jeweiligen Benutzergruppen zugeschnitten ist. Eine Zahl verdeutlicht dies: Im Jahr 1998 wurden über 20.000 neue Zertifikate zum Berater für R/3 von Kursteilnehmern und Externen erworben. Die Academie bietet das "klassische" Seminarspektrum, also Basis, ABAP, Kenntnisse in den Modulen CO, FI, HR, MM, PP und SD. Neu hinzugekommen sind nun auch Schulungen und Zertifikate als Berater für die Module PM und SM, für das Module QM, für PS und schließlich für SAP Business Workflow.

Zudem bietet die Academie auch Kurse für die SAP "New Dimension Products" (etwa für das Business Information Warehouse) und die SAP-eigenen Branchenlösungen, die "Industry Solutions".
Nähere Informationen gibt es hier extern.

Auch die Siemens Business Services (SBS) bieten für die unterschiedlichsten Teilnehmer eigene Kurse an, etwa für Umschüler, Arbeitslose oder Studienabbrecher, die in den zahlreichen Trainings-Center der SBS eine Erstausbildung zum SAP-Berater erhalten und hierfür vom Arbeitsamt gefördert werden.

"Unser offenes Kursangebot dagegen richtet sich an Projektteams, an Beratungsgesellschaften und freiberuflich tätige Berater", erläutert Jens Mendler, Productmanager für Application-Training bei der SBS, Training and Services. Diese Kurse werden in drei Schwierigkeitsgraden unterrichtet, in Level 1 bis 3.

"Die Mehrzahl der SAP-Berater hat wohl Kenntnisse auf Level 2", schätzt Mendler. Freiberufler können sich also durch Level-3-Kurse fit für den Konkurrenz-Kampf machen. Die Experten-Kurse führen zu einem vertieften Verständis innerhalb eines bestimmten Moduls. Daneben empfiehlt es sich auch, Kenntisse in weiteren Modulen zu erwerben.

Zudem bietet die SBS Kurse für die "New-Dimension"-Produktlinie von SAP an, für E-Business, für Supply-Chain-Management und Business Information-Management.

Trotz E-commerce-Euphorie ist der Kurs ABAP Workbench nach wie vor der unangeschlagene Renner im Seminarangebot. Der Lehrgang vermittelt in fünf Tagen einen Überblick über die ABAP-Programmierung. Er richtet sich sowohl an Entwickler, die bereits in anderen Sprachen gearbeitet haben, als auch an SAP-Berater und Projektleiter, die einen Einblick in die SAP-eigene Programmiersprache erwerben wollen. Mendler: "Auch Betriebswirtschafler müssen bei SAP wissen, was die Entwickler eigentlich machen."

 

Autor: Michael Haidner (Freier Journalist)

 


Kommentare zu diesem Artikel:

"Die goldenen ZEITEN KOMMEN BALD WIEDER ! (Februar 2005)"


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