Umfrage-Ergebnis: Trend zum Near- und Offshoring?
(August 2009)
Die Beauftragung externer IT-Spezialisten aus Billig- und Niedriglohnländern in Osteuropa oder in Asien wurde in den letzten Jahren immer populärer. Leider nur
34 Projektanbieter haben GULP ihre Meinung zum Thema gesagt, nichtsdestotrotz zeigt das Umfrage-Ergebnis einen Trend auf. Wir möchten hier nicht nur Zahlen präsentieren, sondern auch einen
externen IT-Experten aus dem GULP Kandidatenpool mit seinen praxisrelevanten Erfahrungen zu Wort kommen lassen.
Der SAP-Spezialist im Bereich Warehouse und Logistik steht dem Trend kritisch gegenüber: "Ich bin sehr skeptisch, was Near- und Offshoring angeht.
Wirklich glücklich ist keiner damit, behaupte ich." Der SAP-Experte hat in früheren Aufträgen im Bereich der Halbleiterindustrie einerseits des Öfteren selbst an Produktionsstandorten im Ausland gearbeitet – unter
anderem in Singapur und Malaysia – andererseits langjährige Erfahrungen gesammelt in Projekten, in denen er von Deutschland aus mit Outsourcingpartnern in Bratislava und in Manila zusammengearbeitet hat.
| Hat sich der Trend zum Off- und Nearshoring durchgesetzt? |
| |
59 Prozent der Projektanbieter sind der Meinung, dass sich der Trend zur Auslagerung in Billig- und Niedriglohnländer durchgesetzt hat. Auch laut dem Black Book of Outsourcing
2009, für das rund 24.000 Unternehmen weltweit befragt wurden, planen viele Anwender, ihre Outsourcing- und Offshore-Aktivitäten bis zum Jahresende auszubauen – nicht
nur, aber auch im IT-Dienstleistungs-Bereich. Dabei erwarten 60 Prozent der Befragten Erweiterungen der zu bestehenden Auslagerungsverträge, 17 Prozent rechnen mit Neuabschlüssen. Der Hauptgrund
für Near- und Offshoring sind die erwarteten Kostenersparnisse. Nach einer Umfrage im Jahr 2009 unter 80 Anwenderunternehmen kommt das Beratungsunternehmens The
Hackett Group zu dem Schluss: Mit Offshoring und Outsourcing lassen sich die Kosten für IT-Dienstleistungen besonders stark senken. Einsparungen von zehn Prozent seien laut
den Beratern in diesem Bereich realistisch und erreichbar.
"Ich weiß natürlich, dass es darum geht, die Kosten zu senken", meint dagegen der in die GULP Datenbank eingetragene SAP-Spezialist. "Leider sinkt meiner Erfahrung nach aber gleichzeitig die Qualität der
Dienstleistung. Zusätzlich entstehen höhere Folgekosten
für Kommunikation, Dokumentation und Knowledge Transfer beim
Auftraggeber. Meiner Meinung nach ist der Idealfall für eine Firma eine
(kleine) IT-Mannschaft wirklich guter Leute, die bei Bedarf auf
externe Kapazitäten zurückgreifen können." Der SAP-Experte spricht aus Erfahrung, denn in dem Unternehmen, für das er extern tätig war, bestand die SAP-Abteilung vor dem Outsourcing nach Bratislava und Manila aus sechs bis sieben Spezialisten. Nun sind seiner Schätzung nach 100 bis 150 IT-Experten in Bratislava mit einem System beschäftigt, das von einer weitaus kleineren Anzahl Spezialisten vor Ort beim Auftraggeber betreut werden könnte - etwa 30 bis 50. |
| Haben Sie derzeit solche Spezialisten im Projekt eingesetzt? |
| |
Auch dieses Ergebnis bestätigt, dass der Trend sich durchgesetzt hat: Mehr als die Hälfte der Projektanbieter hat derzeit IT-Spezialisten aus Near- und Offshoring-Ländern im
Projekt eingesetzt. Der befragte IT-Freiberufler ist der Meinung, dass Offshoring ein Unternehmen unflexibel macht: "Vor dem Outsourcing konnten die Leute ihre Probleme direkt bei der SAP-Abteilung melden. Nach dem Outsourcing mussten die Meldungen auf Englisch an den Dienstleister übermittelt werden, was zu
Problemen führte, da das Personal in der Produktion oder im Lager nur
begrenzt Englisch spricht. So hat sich der Informationsgehalt
reduziert, die Identifikation des Problems oder der
Fehlerursache wurde erschwert und verzögerte sich. Telefonischer oder persönlicher Kontakt war unerwünscht und kam nur in seltenen,
schwerwiegenden Fällen zustande.
Dazu gesellte sich viel Bürokratie: Was vorher ein Bugfix war, war nun plötzlich
ein Change Request. Es mussten viele Formulare dafür ausgefüllt und
Meetings abgehalten werden. So dauert eine Änderung am System, für die
eigentlich nur eine halbe Stunde geplant war, einfach zu viel Zeit."
Ähnlich wie der Selbstständige sahen die Umfrageteilnehmer
in einer Studie des IT-Dienstleisters adesso AG aus
dem Jahr 2006 die größten Probleme in der Zusammenarbeit mit Offshore-Entwicklern bei Fach- und Prozesswissen (69 Prozent), aber vor allem auch in der Kommunikation und Abstimmung
(ebenfalls 69 Prozent) sowie bei der daraus resultierenden Softwarequalität (40 Prozent). |
| Mehr Near- und Offshoring durch Kostendruck? |
| |
Das ist deutlich: 82 Prozent der Projektanbieter erwarten, dass der Trend zum Near- und Offshoring durch den aktuellen Kostendruck zunehmen wird. Die Teilbehmer der adesso-Umfrage sprachen
dem Offshoring im Bereich Software-Entwicklung deutliche Kostenvorteile zu: Insgesamt knapp die Hälfte der Teilnehmer bewertet das Preisangebot der Offshore-Anbieter mit der Note eins oder
zwei – gegenüber etwa 20 Prozent für die inländischen Dienstleister.
Der freiberufliche SAP-Spezialist meint zum finanziellen Aspekt: "Augenscheinlich ist das Outsourcing wohl erstmal billiger. Aber ich weiß nicht, ob das erhöhten Kommunikationsaufwand,
eine eventuell schlechtere Qualität und längere Reaktionszeiten rechtfertigt. Vielfach steigen zudem die
Lebenshaltungskosten in den typischen Outsourcing-Ländern überproportional schnell an, so dass die Kalkulation spätestens nach drei bis fünf Jahren nicht mehr stimmt und der Auftraggeber entweder kräftig
nachlegen muss oder sich einen anderen Dienstleister sucht - was dann
wieder zum Verlust der gesammelten Erfahrung und zu
Schwierigkeiten bei der Übernahme des Systems durch den neuen
Dienstleister führt. Und zu weiteren Kosten." |
| Gleichen sich die Tätigkeiten? |
| |
Die adesso-Studie ergab, dass für deutsche Software-Entwicklungsunternehmer im Vergleich mit Off- und Nearshore-Anbietern großes Potenzial besteht, wenn sie sich
auf Stärken wie Fach- und Anwendungswissen, Qualitätsbewusstsein und kommunikative Kompetenz konzentrieren. Off- oder Nearshore-Dienstleistern wird hinsichtlich des Know-hows bei fach-
und unternehmensspezifischen Prozessen deutlich weniger Vertrauen entgegen gebracht. Die Stärken von Offshore-Anbietern werden eher im Bereich technikgetriebener Standardentwicklungen mit
nur geringem Bedarf an Prozesskenntnis gesehen. Generell wurde die Leistung inländischer Software-Entwickler in der Studie deutlich höher bewertet als die der Near- und Offshore-Anbieter – wie
auch in einer etwas älteren GULP Umfrage, in der 60 Prozent der befragten Projektanbieter die Qualität
von Offshore-Entwicklungen im Gegensatz zu deutschen Entwicklungen als schlechter beurteilte.
Die Tätigkeiten der IT-Spezialisten aus dem deutschsprachigen Raum und die aus Near- und
Offshoring-Ländern unterscheiden sich – so sehen es auch knapp zwei Drittel der Projektanbieter.
GULP hat den besagten IT-Freiberufler gefragt: "Haben die Leute in Bratislava die gleichen Aufgaben übernommen, die vorher in Deutschland ausgeführt wurden?" Seine
Antwort: "Jein. Problemanfragen wurden an den Dienstleister weitergeleitet
und mit zunehmender Erfahrung weitgehend selbstständig gelöst. Neue Anforderungen
mussten anfangs genau vorgeschrieben werden und wurden eins zu eins übernommen.
Das erzeugt natürlich doppelten Aufwand.
Problematischer wurde es nach einer
gewissen Zeit, da die firmeninternen Mitarbeiter keine Änderungen am
System mehr selbst durchführen durften (wegen Gewährleistung der
Systemstabilität durch den Dienstleister). Irgendwann haben sie dann
das Detailwissen zu den Prozessen und/oder technischen
Besonderheiten verloren. Dann wussten sie nicht mehr so
richtig: Geht das überhaupt oder geht das nicht, wie kann man das
einstellen? Dann muss man sich leider auf den Dienstleister verlassen, in
der Hoffnung, dass er das Richtige macht..."
Mehr Informationen zum Thema bei GULP:
- Artikel in der GULP Knowledge Base
|
Sie
haben Themenvorschläge? Eine Meinung zur Knowledge Base?
Immer her damit! Ich freue mich auf Input, Wissen, Kritik, Fragen oder Wünsche rund um Themen, Texte und Artikel -
Ihre
Redakteurin für die Knowledge Base.
Kommentare zu diesem Artikel: