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"Geduld, Stärke und Zielsicherheit sind das Wichtigste."

Interview mit der IT-Freiberuflerin Dr.-Ing. Karin Haese, Projektleiterin im Bereich Business Intelligence und analytisches CRM

(September 2007)
 
Dr.-Ing. Karin Haese
Dr.-Ing. Karin Haese
 

Nur wenige Frauen wagen den Schritt in die IT-Freiberuflichkeit: Von den über 62.000 bei GULP eingetragenen IT-Spezialisten sind nur 3.546 weiblich. Diese sind durchschnittlich 41 Jahre alt und bereits über zehn Jahre in der IT-Branche tätig. Sie verlangen einen ähnlich hohen Stundensatz wie ihre männlichen Kollegen und sind im Vergleich zu diesen wesentlich öfter in den Bereichen Coaching und Projektleitung tätig.

Ein nahezu perfektes Beispiel für eine klassische IT-Freiberuflerin ist die 42-jährige Dr.-Ingenieurin und Projektleiterin Karin Haese. Ihren Abschluss der Elektrotechnik mit Schwerpunkt Nachrichtentechnik machte sie 1990. Knapp sechs Jahre später promovierte sie an der Universität der Bundeswehr Hamburg im Bereich Allgemeine Nachrichtentechnik zum Thema "Neuronale Netze". Nach einigen Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin wagte sie im Jahr 2004 den Schritt in die Selbstständigkeit. Einen Einblick, wie es sich als Frau in einer Männerdomäne lebt, gewährt die engagierte Freiberuflerin im GULP Interview.

 

GULP Frau Haese, als IT-Freiberuflerin sind Sie eher eine seltene "Spezies" in der Branche. Nur rund sechs Prozent der bei GULP registrierten IT-Experten sind weiblich. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür?
Haese: Der Hauptgrund für den geringen Anteil der Freiberuflerinnen bei GULP ist sicherlich der Anteil der weiblichen IT-Expertinnen. Es gibt einfach generell zu wenige Mädchen und Frauen, die sich für eine Karriere in der IT entscheiden. In anderen Branchen machen sich Frauen dagegen sehr häufig selbstständig.
   
GULP Im letzten Jahr zum Beispiel nahmen gerade einmal 5.185 Frauen ein Informatikstudium auf. Das entspricht einem Anteil von rund 18 Prozent. Wie könnte man mehr Mädchen und Frauen für die IT begeistern?
Haese: Eine schwierige Frage. Es gibt ja schon Programme wie z.B. Girls Day, um mehr Mädchen für IT-Berufe zu gewinnen. Sicherlich erwächst eine Begeisterung für die IT auch aus einer Faulheit und Abneigung gegen viele manuelle und stupide Tätigkeiten und einer Liebe zur Automatisierung. Begeisterung erwacht auch oft bei dem eigentlichen Arbeiten in der IT und durch Persönlichkeiten, die eine Liebe zu einem Gebiet vermitteln können.
   
GULP Warum haben Sie sich für die IT-Branche und später dann auch für die Freiberuflichkeit entschieden?
Haese:

>> Es war immer mein Traum, eine Firma zu gründen. <<

Eine Antwort auf die Frage, warum man sich einmal für etwas entschieden hat, entspricht im Rückblick oft nicht mehr den eigentlichen Gründen. Man hat in der Zwischenzeit so viele Erfahrungen gemacht, die dann auch in diese Aussage hineinfließen. Sicherlich hatten meine Eltern Einfluss auf meine Entscheidung, Elektrotechnik zu studieren. Und auch meine Mutter als Geschäftsführerin eines Export- Import Geschäfts war immer mein Vorbild. Mitten in die IT bin ich nur dadurch gekommen, dass ich im Bereich Bildverarbeitung die Algorithmen, u.a. Neuronale Netze, selbst programmiert habe. Die Entwicklung des Data Mining hat mich schließlich in den Bereich Business Intelligence gezogen und da ich engagiert und neugierig bin, habe ich auch die Architekturen und Modellierungstechniken im Data Warehouse gelernt. Der Wechsel in die Freiberuflichkeit vor über drei Jahren hatte verschiedene Gründe. Zum einen war es immer mein Traum, einmal eine Firma zu gründen. Zum anderen engagiere ich mich durch meine Selbstständigkeit für unsere Gesellschaft und insbesondere auch für die Frauen in unserer Gesellschaft.
   
GULP Worin genau besteht Ihr Engagement für die Gesellschaft und hier insbesondere für Ihre Geschlechtsgenossinnen?
Haese: Ich zeige einfach praktisch, dass Frauen ebenso engagiert und gut arbeiten wie Männer und gebe damit den Kollegen die Chance, diese Erfahrung zu machen. Sie müssen dann nicht glauben, was die Statistik sagt oder die Presse berichtet. Darüber hinaus vermittle ich im täglichen Umgang und durch meine Persönlichkeit auch, dass ich gerne in und für unser Land arbeite. Schließlich - vielleicht sollte ich das auch noch erwähnen - habe ich im Jahr 2001 die noch kleine Brigitte Berkenhoff Stiftung gegründet. Ziel dieser Stiftung ist es, die berufliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung von Männern und Frauen zu fördern, dort wo sie noch Nachholbedarf hat. Ich sehe beides, meinen Beruf und meine ehrenamtliche Arbeit für die Stiftung, als eine Investition in unsere Gesellschaft.
   
GULP Welche Aufgaben und Projekte übernehmen Sie als Freiberuflerin heute schwerpunktmäßig?
Haese: Mein Schwerpunkt liegt heute in der Projektleitung und Konzeption von Projekten im Bereich Business Intelligence und Kennzahlensysteme und in der Beratung zu Strategieentwicklung und Data Mining. Mein Branchenschwerpunkt liegt in der Telekommunikation- und der Automobilbranche, wobei ich gerade den Schwerpunkt Banken, Finanzen und Versicherungen aufbaue.
   
GULP Wie war Ihre Auslastung in den ersten Jahren der Freiberuflichkeit?
Haese:

>> Es hat etwa drei Jahre gedauert bis ich mich bekannt gemacht hatte. <<

Den Ausstieg aus der Festanstellung hatte ich nicht richtig geplant und war eher unvorbereitet. Ich hatte wenige Kontakte. Die Projekte, die ich in der Anfangszeit bekam, hatten nur eine sehr kurze Laufzeit von ein bis zwei Monaten. Und nicht immer hatte ich nach Abschluss eines Projektes auch gleich wieder ein neues an der Hand. Es hat etwa drei Jahre gedauert bis ich mich bekannt gemacht hatte. Dabei haben mir Kunden und auch Kollegen sehr geholfen.
   
GULP Das heißt, dass Sie erst seit diesem Jahr mit Ihrer Projektauslastung so richtig zufrieden sind?
Haese: Wie alle Freiberufler profitiere auch ich von dem leichten Aufschwung und musste auch schon ab und zu mal einen Auftrag absagen. Meine derzeitige Aufgabe als Interims IT-Director und Sanierer einer mittelständischen IT-Firma geht im November in ein Coaching der Projektmanager und der Geschäftsführung über, so dass ich dann nur 50 % ausgelastet sein werde.
   
GULP Kommt Ihnen das entgegen, weil Sie dann mehr Freizeit haben oder suchen Sie noch ein zusätzliches Projekt?
Haese: Ich arbeite einfach sehr gerne und suche deshalb noch weitere Projekte, die mich auslasten.
   
GULP Wie kommen Sie an Ihre Aufträge?
Haese: Die meisten Aufträge bekomme ich über Agenturen wie GULP oder eigene persönliche Kontakte. Meine Auftraggeber sind bei längeren Projektlaufzeiten vorwiegend große international tätige Konzerne und ebenso häufig - aber mit kürzeren Projektlaufzeiten - auch mittelständische Unternehmen. Bestandskunden beauftragen mich wesentlich öfter, weil diese mich und meine Arbeit bereits sehr schätzen gelernt haben.
   
GULP Sie haben seit Beginn Ihrer Freiberuflichkeit ein GULP-Profil. Was gefällt Ihnen besonders an GULP?
Haese: An GULP schätze ich sehr, dass GULP für Freiberufler eine Art Verbandstätigkeit übernimmt, z.B. Verträge und Konditionen aushandelt, den Markt beobachtet. Die Vermittlungskonditionen und Verträge von GULP sind fair.
   
GULP Müssen Sie sich eigentlich als Frau bei Ihren Kunden stärker beweisen als Ihre männlichen Kollegen?
Haese:

>> Die Einschätzung wird sicher auch vom Rollenverständnis beeinflusst. <<

Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, man traut Frauen durchaus sogar noch bessere und qualitative hochwertigere technische Leistungen und Ergebnisse zu als Männern. Und es ist selbstverständlich, dass wir Frauen uns auch irgendwo auf der Bewertungsskala einordnen lassen müssen. Frau und Mann kommen dann besonders in Konfliktsituationen, wenn sie um dieselbe Position werben. Die Einschätzung der Vorgesetzten wird dann sicherlich auch von dem früheren Rollenverständnis beeinflusst. Die Entwicklung zu höheren Frauenanteilen in allen Branchen und allen Positionen braucht noch ein wenig Zeit. Diese Zeit ist sehr wichtig, da sich hier ein ganz neues Verständnis entwickeln muss und zwar bei allen Teilnehmern der Gesellschaft.
   
GULP Gibt es Unterschiede hinsichtlich der ausgeübten Positionen zwischen Frauen und Männern in der IT?
Haese: Frauen sind noch immer eher seltener in den leitenden Positionen zu finden. Aber wie schon gesagt, das wird sich ändern. Ein wichtiger Grund ist doch bisher auch, dass Frauen sich öfter bewusst für die Arbeit in der Familie entscheiden.
   
GULP Wie bekommen Sie Beruf und Familie unter einen Hut?
Haese:

>> Jeder muss immer mal wieder Kompromisse eingehen. <<

Mein Ehemann und ich, wir unterstützen uns gegenseitig in unseren Berufen. Wir sind jetzt zehn Jahre verheiratet und davon haben wir drei Jahre in demselben Ort gearbeitet. Die anderen sieben Jahre haben wir in einer Fernbeziehung gelebt. Wir kennen die Regeln der Kommunikation, und jeder muss immer mal wieder Kompromisse eingehen. Auf eine gemeinsame Familie und ein gemeinsames zu Hause müssen wir verzichten. Aber wichtig ist nur, dass man sich einmal bewusst dafür entschieden hat, und sich auch immer wieder an diese Entscheidung erinnert und sie bejaht.
   
GULP Zum Schluss: Welchen Tipp können Sie all denen geben, die den Sprung in die Selbstständigkeit noch vor sich haben?
Haese: Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass je nach Profil die Startphase durchaus mal drei Jahre dauern kann. Dann muss man ein wenig Geduld haben. Geduld, Stärke und eine gewisse Zielsicherheit sind überhaupt das Wichtigste, nicht nur in der IT.
   
GULP Frau Haese, vielen Dank für das nette und interessante Gespräch!

 


Kommentare zu diesem Artikel:

"Das Interview gefällt mir gut und das Thema betrifft mich auch. Ich habe als gebürtige Chinesin im Vergleich zu Frau Dr. Haese noch ein zusätzliches Hindernis im Beruf. Als Diplominformatikerin habe ich 1992 zuerst auch in der Forschung den beruflichen Einstieg gefunden und dann 1994 als Angestellte bei SAP in Walldorf mit ABAP und Basis angefangen. Danach habe ich FI, CO, SD, MM; PP, WM etc. Modul für Modul im Projekt meine Erfahrungen gesammelt. 1996 machte ich mich im Ausland selbstständig. Der Grund war, dass mein Mann zu diesem Zeitpunkt ins Ausland versandt war und wir schon einen einjährigen Sohn hatten. Durch meine Selbstständigkeit ist es mir möglich Beruf, Familie und 2 Kinder zu vereinbaren. Ich habe anfangs sogar mein Baby uund Babysitter mit ins Hotel genommen und dann konnte ich einigermaßen den Projektort selbst aussuchen. Es ist zwar schwer, aber es ist durchaus als IT- Freiberuflferin auch alles möglich. Ich habe sehr viele Konzerne als direkte Kunden und meine Funktion im Projekt ist auch immer sehr unterschiedlich, mal als Senior Berater mal als Projektleiterin. Bislang habe wenig Probleme mit meinem Auftrag, nur mit der Auswahl des Einsatzortes. (November 2007)"

"Vielen Dank für die optimistischen Worte - diese Einstellung ist sicherlich (zusätzlich zur hohen Qualifikation) ein Schlüssel zum Erfolg! Die hier skizzierte Freiberuflichkeit ist meines Erachtens eine gute Lösung, denn sie erlaubt es, ungebremst von betrieblichen Hierarchien und Zwängen mit allen Kompetenzen und Qualifikationen im Einsatz zu sein - und dann auch selbst den Erfolg und die Früchte für den Einsatz zu ernten!  P.S. Beruf und Familie zu vereinbaren, ist kein Privileg von Angestellen, im Gegenteil! (Oktober 2007)"

"In der Regel heißt es dann, dass man selbstständig nicht zusammenleben kann auf Grund der beruflichen Komplikationen. Solange dann die Partnerschaft/Ehe das akzeptieren kann, ist das in Ordnung. Vielen Dank für die Einsicht. (Oktober 2007)"

"Klasse Interview. Klasse Frau. (Oktober 2007)"

"Danke - aber mir tut trotzdem weh, dass dieses Engagement wohl nur allzu zu häufig bedeutet, auf eigene Kinder verzichten zu müssen. (September 2007)"

"Dieses Interview mit Frau Dr. Haese macht Mut: Mit den richtigen Vertragspartnern, intensiver Kontaktpflege, Geduld und Präsenz wird die Auslastung zeitlich immer besser. (September 2007)"


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