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Machen Open-Source-Projekte mehr Spaß?

(August 2006)
Inhalt dieses Artikels:
Anreize für Open-Source-Entwickler | Spaß spielt eine bedeutende Rolle | Attraktivität des Arbeitsumfeldes | Handlungsempfehlung für kommerzielle Software-Entwicklung
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Mit Software kann man viel Geld verdienen. Sowohl ihre Entwicklung als auch ihr Einsatz machen erhebliche Gewinne möglich. Bei einer solch wirtschaftlich geprägten Sichtweise erscheint deshalb das Open-Source-Phänomen offensichtlich als Paradox: Warum engagieren sich Leute, um ein qualitativ hochwertiges Produkt zu erzeugen, wenn dieses in der Folge frei zur Verfügung gestellt wird? Warum verschenkt die eine Person ein wertvolles Gut, wo doch die andere damit viel Geld verdient? Welchen Nutzen bietet das Open-Source-Entwicklungsmodell den beteiligten Programmierern?

Benno Luthiger, Open-Source-Experte der Universität Zürich, hat sich in seiner Dissertation "Spaß und Software-Entwicklung: Zur Motivation von Open-Source-Programmierern" genau mit diesem Phänomen beschäftigt. Seine These: Open-Source-Entwickler programmieren in ihrer Freizeit, weil sie den dabei erlebten Spaß konsumieren. Die erzeugte Software ist nur ein Nebenprodukt dieser Tätigkeit. Im Zentrum seiner Untersuchung stand deshalb, welcher Anteil des Engagements der Open-Source-Programmierer durch das Motiv "Spaß" erklärt werden kann. Weiter verglich er, ob diese mehr Spaß erleben als Programmierer, die unter kommerziellen Bedingungen Software entwickeln. Immerhin werden letztere für ihren Spaß ja auch noch bezahlt. Hierzu führte er eine Online-Befragung durch, an der 1.330 Open-Source-Entwickler und 114 kommerzielle Programmierer aus Schweizer Software-Firmen teilnahmen. Mit im Schnitt 28,7 Jahren waren die Open-Source-Programmierer fünf Jahre jünger. Der Frauenanteil der Open-Source-Teilnehmer betrug 2 %, im kommerziellen Umfeld lag er bei 12 %.

 

Anreize für Open-Source-Entwickler nach oben
   

Welche selektiven Vorteile könnten für Benutzer-Programmierer relevant sein und diese zu einem Engagement für Open-Source-Software motivieren? In der wissenschaftlichen Literatur über Open Source existieren bereits etliche Analysen, auf Grund derer bereits ein ganzes Bündel von Anreizen identifiziert werden kann.

Gebrauch
Die einfachste Begründung dafür, dass sich ein Software-Entwickler für ein Open-Source-Projekt engagiert, ist, dass er die von diesem Projekt erzeugte Software gebrauchen kann. Dieses Motiv entspringt dem Prosumer-Modell: Der Akteur hat ein Problem, welches mit der geeigneten Software gelöst werden kann, und erzeugt die entsprechende Software oder passt eine existierende seinen Bedürfnissen an.

Reputation und Signalproduktion
Die Kombination von Offenlegung des Quellcodes zusammen mit den spezifischen Normen der Open-Source-Community ermöglicht es, dass die Beiträge der einzelnen Entwickler sehr gut verfolgt werden können. Aus dem Wissen über ein Open-Source-Projekt und der Position einer Person in diesem Projekt kann z.B. ein potentieller Arbeitgeber gültige Rückschlüsse auf das Talent der Person ziehen. Diese Signalproduktion wirkt am stärksten, wenn die technische Herausforderung groß ist, wenn die relevante Öffentlichkeit (d.h. die Peergroup) technisch erfahren ist, zwischen guten und herausragenden Leistungen unterscheiden sowie Leistung und Können wertschätzen kann.

Identifikation mit der Gruppe
Ist eine Person gut in eine Gruppe eingebunden und kann sie sich stark mit den Gruppenzielen identifizieren, so kann häufig ein großes Engagement dieser Person für die Gruppenziele beobachtet werden. Diese Theorie konnte auch im Open-Source-Bereich bestätigt werden.

Lernen
Der Einsatz von neuester Technologie zur Bewältigung eines komplexen Problems ist für alle Beteiligten mit einem Erfahrungsgewinn verbunden. Der Wunsch, seine Fähigkeiten als Software-Entwickler zu verbessern, traf bereits in mehreren Untersuchungen mit hohen Zustimmungsraten auf.

Altruismus
Ein Engagement für Open Source kann auch mit einem Gefühl für das Wahre und Richtige begründet werden, z.B. dass die Freiheit der Menschen mit quelloffener Software zusammenhängt und dieses Gut durch kommerzielle und proprietäre Software-Anbieter gefährdet ist (ideologische Haltung). Um eine ähnliche Motivation handelt es sich, wenn ein Programmierer an einem Open-Source-Projekt beteiligt ist, weil er selbst viele Open-Source-Produkte verwendet und nun die Verpflichtung spürt, selbst etwas für die Open-Source-Bewegung zu tun (gerechtes Geben und Nehmen).

 

 

Spaß spielt eine bedeutende Rolle nach oben
   

Wie bereits erwähnt, konzentrierte sich Luthiger in seiner Untersuchung ausschließlich auf das Motiv "Spaß am Programmieren". Er kommt zu dem Resultat, dass Spaß ein wichtiger Faktor für das Engagement der Open-Source-Entwickler ist: Mit Freude am Programmieren lassen sich 33 % ihrer Einsatzbereitschaft erklären. Weiter fand er heraus, dass rund 66 % der Open-Source-Programmierer in ihrer Freizeit an quelloffenen Projekten arbeiten, ein Drittel wird dafür bezahlt. Zeitlich gesehen entfallen von den durchschnittlich 12,6 Wochenstunden, die für Open-Source-Projekte aufgebracht werden, 58 % in die Freizeit. Die verbleibenden 42 % kommen aufgrund bezahlter Tätigkeit zustande. Danach spielt sich Open Source vorwiegend in der Freizeit der Entwickler ab, wobei Luthiger vermutet, dass der bezahlte Anteil mittlerweile mit dem freiwilligen, unbezahlten gleichgezogen ist bzw. diesen möglicherweise schon überholt hat.

 

 

Attraktivität des Arbeitsumfeldes nach oben
   

Luthigers Analyse ergab weiter, dass Software-Entwickler in einem kommerziellen Kontext weniger Spaß empfinden als ihre Kollegen im Open-Source-Umfeld. Dieses Ergebnis erklärt sich damit, dass das Open-Source-Entwicklungsmodell den Programmierern deutlich attraktivere Arbeitsbedingungen offerieren kann als der kommerzielle Bereich. Luthiger identifizierte fünf Punkte, in welchen sich die beiden Entwicklungsmodelle unterscheiden:

o Der Projektmanager in einem kommerziellen Umfeld ist üblicherweise nicht diejenige Person, welche die Vision über die Applikation entwickelt hat und pflegt.
o Der Projekteigentümer in einem Open-Source-Projekt hat keine formale Autorität.
o Die Programmierer in einem Open-Source-Projekt können üblicherweise nicht über direkte monetäre Anreize zu einem Engagement oder zur Steigerung ihres Engagements bewegt werden.
o Das Engagement in einem Open-Source-Projekt erfolgt üblicherweise über eine Selbstselektion. Entsprechend ist zu erwarten, dass die Herausforderungen aus der Sicht der Projektmitarbeiter optimal sind.
o Ein Open-Source-Projekt hat üblicherweise keine Abgabetermine.

Weil der Projekteigentümer eine Vision des Projekts hat, ist es ihm viel eher möglich, die am Projekt Interessierten für das Projekt und seine Ziele zu begeistern. Bei kommerziellen Projekten ist in erster Linie die formale Autorität der hierarchisch vorgesetzten Personen dafür verantwortlich, in welchem Software-Projekt ein Programmierer mitmacht und welche Arbeiten er ausführt. Der Projektvision kommt deshalb nicht die gleiche, koordinierende Rolle zu wie bei Open-Source-Projekten.

Da der Projekteigentümer keine formale Autorität hat, muss er mit sachlicher und sozialer Kompetenz die am Projekt Mitarbeitenden überzeugen. Weil die Programmierer ohne Kostenfolgen aus dem Projekt ausscheren können, muss der Projekteigentümer auf die Bedürfnisse der Beitragsleistenden eingehen, will er ihr Engagement nachhaltig nutzen. Das Fehlen von Abgabeterminen ist ein wesentliches Merkmal, welches die Arbeitsbedingungen an einem Open-Source-Projekt kennzeichnet. Ein fixer Abgabetermin führt dazu, dass die Programmierer unter Zeitdruck arbeiten und eine Arbeit abliefern, welche oft nicht ihren Qualitätsanforderungen entspricht und sie aus diesem Grund unbefriedigt lässt. Weiter gilt, dass das Fehlen von Deadlines dem Projekteigentümer die Möglichkeit gibt, besser auf die Anregungen aus der Entwicklergemeinschaft und dem Benutzerkreis einzugehen.

 

 

Handlungsempfehlung für kommerzielle Software-Entwicklung nach oben
   

Es sind vor allem die beiden Bedingungen "Projektvision" und "Herausforderung", welche die Differenz beim Spaß am Programmieren erklären. So finden Entwickler bei Open-Source-Projekten eine glaubwürdigere Projekt-Vision und ihren Bedürfnissen besser entsprechende Herausforderung vor. Bei kommerziellen Software-Entwicklern ist der Wunsch nach einer Projektvision offensichtlich in weit größerem Maße vorhanden als er erfüllt wird. Projektvision als auch Herausforderung sind aber solche Merkmale, die vom Auftraggeber beeinflusst werden können. Gelingt es ihm also, eine nachvollziehbare Projektvision zu entwickeln und eine Herausforderung zu bieten, die optimal auf die Leistungsfähigkeit des Programmierers abgestimmt ist, dann wird dies zu einem Arbeitsklima führen, in welchem die Programmierer sowohl Spaß haben wie auch produktiv sind. Es spricht also nichts dagegen, dass kommerzielle Software-Programmierer denselben Spaß am Programmieren haben können wie Open-Source-Entwickler.

 

Nähere Informationen zum Thema und zum Autor erhalten Sie unter ETH Zürich, Fachstelle Open Source. extern
Der Autor behält sich alle Rechte am Artikel vor. © 2006 Benno Luthiger Stoll

 


Kommentare zu diesem Artikel:

"Finde ich gut. Ich bin selber begeisterter OS/FSW Fan. Die Sache mit dem Spaß kann ich so unterschreiben. Geld ist schön und gut, jedoch werde ich mich nie freiwillig in eine Entwicklungsumgebung begeben, in der ich ich mich nicht wohl fühle (MS Win, .Net etc.). (August 2006)"

"Ein häufig genanntes Argument lautet, dass bei Open Source Fehler schneller gefunden und behoben werden. Es wäre interessant gewesen, diese These empirisch zu überprüfen. Wenn sie sich bestätigen sollte, dürfte das wiederum eine Rückwirkung auf die Zufriedenheit der Projektmitarbeiter haben, weil es einfach mehr Spaß macht, mit und an fehlerfreier oder zumindest -armer Software zu arbeiten. (August 2006)"


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