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Das Büro im historischen Kern von St. Petersburg ist eine Enklave
Schweizer Qualitätsarbeit und ein Paradebeispiel für multikulturelles
Teamwork. In der Entwicklungsabteilung der Schweizer Novavox AG
arbeiten rund 100 Russen, Schweizer, Italiener, Venezuelaner, Amerikaner,
Kanadier, Deutsche und Franzosen. Entstanden ist das Miteinander
aus einer Notlage: Novavox entwickelt seit 1992 Kommunikations-Lösungen
für den europäischen Mittelstand - von der Call Center-Anwendung
über Call Routing bis hin zu Unified Messaging Systemen. "Als 1994
zwei Programmierer zurück an die Universität gingen, mussten wir
schnell Personal finden", erklärt Geschäftsführer André Zgraggen.
"Qualifizierte Fachkräfte waren aber in der Schweiz trotz intensiver
Bemühungen nicht zu haben."
Ein Problem, das heute aktueller ist denn je - nicht nur in der
Schweiz. Wirtschaftsexperten gehen von 75.000 bis 100.000 unbesetzten
IT-Stellen in deutschen Unternehmen aus, das Fraunhofer Institut
für Software- und Systemtechnik (ISST) schätzt den akuten Bedarf
sogar auf 250.000 Fachkräfte. Auf der Suche nach einer kostengünstigen
und schnellen Lösung des Personalproblems lagern immer mehr Firmen
ihre Entwicklungsabteilung in andere Länder aus. Neben Indien, Rumänien
oder Bulgarien sind die GUS-Staaten eine echte Alternative - an
qualifiziertem Personal herrscht in Städten wie Moskau, St. Petersburg
oder Kiew kein Mangel. "Die steigende Zahl der Anfragen zur Visaproblematik
zeigt uns das wachsende Interesse deutscher Firmen", erklärt ein
Sprecher der Delegation der Deutschen Wirtschaft in Moskau. "Das
Fachkräfte-Potential vor Ort ist hoch. Einen Vorteil sehen deutsche
Unternehmen insbesondere in der soliden mathematischen Ausbildung
der russischen Spezialisten."
Das war 1994 auch der Grund für Novavox, die Produktentwicklung
nach St. Petersburg auszulagern. Heute ist die russische Niederlassung
ein wichtiges Standbein der Novavox AG. Der Standort hat den Schweizern
auch den Zugang zum osteuropäischen Markt erleichtert. Besonders
in Russland ist die Branche derzeit in Bewegung: "Hier haben wir
die seltene Gelegenheit, die technische Infrastruktur mitzuprägen.
Wir wollen durch unsere Vor-Ort-Präsenz mit unseren Produkten dabei
sein, wenn die alte Technik modernisiert wird", erklärt André Zgraggen.
In das vielstimmige Klagelied über die "wirtschaftsfeindlichen Bestimmungen"
in der Russischen Föderation will André Zgraggen nicht einstimmen:
"Natürlich gibt es Situationen, in denen Improvisationstalent gefragt
ist. Hier ist aber alles erhältlich, was ein modernes Unternehmen
braucht."
Auch rund 1.100 Kilometer weiter südwestlich in der Kiewer Niederlassung
der Hamburger PopNet Internet AG gab es bislang noch keine Probleme.
Im März diesen Jahres hat PopNet als eines von über 600 Unternehmen
mit deutscher Beteiligung in der Ukraine ein Büro eröffnet. Über
Schwierigkeiten bei der Personalsuche kann sich PopNet nicht beklagen.
"Wir bekommen monatlich zwischen 30 und 80 Bewerbungen", freut sich
IT-Vorstand Mauersberg. "Dabei haben wir hier nur etwa ein Drittel
der deutschen Personalkosten." Diese gemessen an deutschen Verhältnissen
fast paradiesische Situation kommt nicht von ungefähr: Aus der Ukraine
stammen rund 80 Prozent des IT-Potentials der ehemaligen UdSSR.
Allein am Kyiv Polytechnic Institute (KPI), der 1898 gegründeten
Technischen Universität in Kiew machen jährlich 30.000 Studenten
einen Abschluss, 2000 davon sind ausgebildete Computer-Spezialisten.
Die Qualität der Ausbildung ist gut. Die Computer-Fakultät steht
in regem Kontakt mit Technischen Universitäten in Aachen, Delft,
Paris und Bristol. Zugang zum Internet hat jeder der 30.000 KPI-Studenten,
zehn bis dreizehn angehende Spezialisten teilen sich einen Computer.
"Wir stellen immer wieder fest, dass das Niveau unserer Ausbildung
mit denen westlicher Universitäten problemlos mithalten kann", sagt
Aleksander Pavlov, Leiter der IT-Fakultät. Den Bedarf nach mehr
Equipment will die KPI vor allem über Kooperationen mit ausländischen
Herstellern wie IBM, Motorola oder Microsoft decken. KPI-Vizepräsident
Yuri Yakimenko betont, dass die Universität über beste formelle
und informelle Kontakte zur Industrie und Bürokratie verfügt, die
sie gerne für kooperierende ausländische Firmen nutzt.
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