GULP >> GULP Knowledge Base >> Markt & Trends >> Allgemeines zur IT-Branche >> Software aus dem Osten

Software aus dem Osten

Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt...

(November 2000)

Beispiele aus der Wirtschaft  
   

Das Büro im historischen Kern von St. Petersburg ist eine Enklave Schweizer Qualitätsarbeit und ein Paradebeispiel für multikulturelles Teamwork. In der Entwicklungsabteilung der Schweizer Novavox AG arbeiten rund 100 Russen, Schweizer, Italiener, Venezuelaner, Amerikaner, Kanadier, Deutsche und Franzosen. Entstanden ist das Miteinander aus einer Notlage: Novavox entwickelt seit 1992 Kommunikations-Lösungen für den europäischen Mittelstand - von der Call Center-Anwendung über Call Routing bis hin zu Unified Messaging Systemen. "Als 1994 zwei Programmierer zurück an die Universität gingen, mussten wir schnell Personal finden", erklärt Geschäftsführer André Zgraggen. "Qualifizierte Fachkräfte waren aber in der Schweiz trotz intensiver Bemühungen nicht zu haben."

Ein Problem, das heute aktueller ist denn je - nicht nur in der Schweiz. Wirtschaftsexperten gehen von 75.000 bis 100.000 unbesetzten IT-Stellen in deutschen Unternehmen aus, das Fraunhofer Institut für Software- und Systemtechnik (ISST) schätzt den akuten Bedarf sogar auf 250.000 Fachkräfte. Auf der Suche nach einer kostengünstigen und schnellen Lösung des Personalproblems lagern immer mehr Firmen ihre Entwicklungsabteilung in andere Länder aus. Neben Indien, Rumänien oder Bulgarien sind die GUS-Staaten eine echte Alternative - an qualifiziertem Personal herrscht in Städten wie Moskau, St. Petersburg oder Kiew kein Mangel. "Die steigende Zahl der Anfragen zur Visaproblematik zeigt uns das wachsende Interesse deutscher Firmen", erklärt ein Sprecher der Delegation der Deutschen Wirtschaft in Moskau. "Das Fachkräfte-Potential vor Ort ist hoch. Einen Vorteil sehen deutsche Unternehmen insbesondere in der soliden mathematischen Ausbildung der russischen Spezialisten."

Das war 1994 auch der Grund für Novavox, die Produktentwicklung nach St. Petersburg auszulagern. Heute ist die russische Niederlassung ein wichtiges Standbein der Novavox AG. Der Standort hat den Schweizern auch den Zugang zum osteuropäischen Markt erleichtert. Besonders in Russland ist die Branche derzeit in Bewegung: "Hier haben wir die seltene Gelegenheit, die technische Infrastruktur mitzuprägen. Wir wollen durch unsere Vor-Ort-Präsenz mit unseren Produkten dabei sein, wenn die alte Technik modernisiert wird", erklärt André Zgraggen. In das vielstimmige Klagelied über die "wirtschaftsfeindlichen Bestimmungen" in der Russischen Föderation will André Zgraggen nicht einstimmen: "Natürlich gibt es Situationen, in denen Improvisationstalent gefragt ist. Hier ist aber alles erhältlich, was ein modernes Unternehmen braucht."

Auch rund 1.100 Kilometer weiter südwestlich in der Kiewer Niederlassung der Hamburger PopNet Internet AG gab es bislang noch keine Probleme. Im März diesen Jahres hat PopNet als eines von über 600 Unternehmen mit deutscher Beteiligung in der Ukraine ein Büro eröffnet. Über Schwierigkeiten bei der Personalsuche kann sich PopNet nicht beklagen. "Wir bekommen monatlich zwischen 30 und 80 Bewerbungen", freut sich IT-Vorstand Mauersberg. "Dabei haben wir hier nur etwa ein Drittel der deutschen Personalkosten." Diese gemessen an deutschen Verhältnissen fast paradiesische Situation kommt nicht von ungefähr: Aus der Ukraine stammen rund 80 Prozent des IT-Potentials der ehemaligen UdSSR. Allein am Kyiv Polytechnic Institute (KPI), der 1898 gegründeten Technischen Universität in Kiew machen jährlich 30.000 Studenten einen Abschluss, 2000 davon sind ausgebildete Computer-Spezialisten. Die Qualität der Ausbildung ist gut. Die Computer-Fakultät steht in regem Kontakt mit Technischen Universitäten in Aachen, Delft, Paris und Bristol. Zugang zum Internet hat jeder der 30.000 KPI-Studenten, zehn bis dreizehn angehende Spezialisten teilen sich einen Computer. "Wir stellen immer wieder fest, dass das Niveau unserer Ausbildung mit denen westlicher Universitäten problemlos mithalten kann", sagt Aleksander Pavlov, Leiter der IT-Fakultät. Den Bedarf nach mehr Equipment will die KPI vor allem über Kooperationen mit ausländischen Herstellern wie IBM, Motorola oder Microsoft decken. KPI-Vizepräsident Yuri Yakimenko betont, dass die Universität über beste formelle und informelle Kontakte zur Industrie und Bürokratie verfügt, die sie gerne für kooperierende ausländische Firmen nutzt.

 

 

Autor: Mirjam Müller

 

Seite drucken Seiten drucken
Zum Seitenanfang nach oben

Für die Teilnahme an den mit diesem Icon gekennzeichneten Diensten melden Sie sich mit den Zugangsdaten an.
Zugangsdaten vergessen? | Noch kein GULP Profil?
Über GULP: Mehr als 3.000 Kunden, 75.000 eingetragene IT-Experten, davon 10.500 mit Schwerpunkt Engineering, und über 1.000.000 abgewickelte Projektanfragen: GULP ist die wichtigste Quelle für die Besetzung von IT-/Engineering-Projekten mit externen Spezialisten im deutschsprachigen Raum. Zusätzlich zu den Dienstleistungen einer modernen Personalagentur bietet GULP ein umfassendes Online-Portal mit Informationen und Services für die Teilnehmer im Markt.