Zertifizierungen im IT-Projektmanagement: „Ein Führerschein macht noch keinen guten Fahrer“

GULP hat drei selbstständige Projektmanager zum Thema Zertifikate und Qualifikationen befragt

(September 2011)

 

Bei unserer Marktstudie über selbstständige Projektmanager kam heraus, dass eine Zertifizierung bei der Projektakquise zwar nützlich, aber keinesfalls ein Ausschlusskriterium ist. Wir bei GULP haben die Daten aus dem Markt – aber mindestens ebenso interessant ist die Meinung der Projektmanager selbst. Deswegen haben wir drei selbstständige Projektmanager gefragt, was sie persönlich von Zertifizierungen halten und welche Qualifikationen ein Projektmanager unbedingt mitbringen muss.

Referenzen sind wichtiger als Zertifikate

Frank Rugen

Frank Rugen
Fachlicher Schwerpunkt:
Projektmanagement, PMO, Program Management, Portfolio Management, IT Strategie, IT Governance, IT Service Management, Business Process Management, Outsourcing, Interim Management

Wie wichtig ist eine Projektmanagement-Zertifizierung Ihrer Meinung nach für die Akquise von neuen Projekten?

Kunden, besonders auch deren Beschaffungsorganisation, sehen Projektmanagement-Zertifizierungen oft als Instrument zum Qualifikationsnachweis, ohne genau zu verstehen, was sich damit verbindet und welche unterschiedlichen Ausbildungsqualitäten und Zielgruppen mit den Zertifizierungsprogrammen angesprochen werden. Die zugrundeliegende Qualität mag jeder selbst beurteilen – etwa mit Sicht auf die erheblichen Änderungen der zugrundliegenden Systematiken der Modelle zum Beispiel bei PRINCE2 oder im Bereich des Service Management bei ITIL. Ein guter Projektmanager benötigt aber deutlich mehr als solche formalen und scheinobjektiven Nachweise für eine erfolgreiche Umsetzung. Gutes Projektmanagement lernt man eben nicht nach Handbüchern oder in Workshops.

Mein Eindruck: Je wichtiger das Projekt für die Geschäftsleitung ist, umso verzichtbarer werden solche formalen Nachweise auch aus Sicht des Kunden. Die Beherrschung der Standards wird einfach vorausgesetzt. Dann zählen nur noch Persönlichkeit und über erfolgreiche Referenzen nachgewiesene Erfahrung. Darum sind Projektmanager wohl auch deutlich älter als ihre Kollegen.

Weil ich selbst zertifizierter IT Service Manager (ITIL) bin, habe ich ebensolche Erfahrungen mit derartigen Programmen wie viele andere Kollegen auch gemacht: Hier hat sich ein Markt entwickelt, in dem häufig theoretische Kenntnisse vermittelt werden, die im Project Management Office Anwendung finden, aber oft eben nicht den komplexen Alltag der Projektmanager widerspiegeln. Dies war ein wesentlicher Grund für mich, sowohl im Bereich IT Governance (CobiT) als auch im Bereich Projektmanagement auf formale Zertifizierungen zu verzichten. Der Markt zwingt auch nicht dazu.

Welche Kenntnisse brauchen Sie als selbstständiger Projektmanager?

Langjährige umfangreiche Erfahrungen im erfolgreichen Management komplexer und auch kritischer Projekte möglichst aus verschiedenen Branchen und Geschäftsbereichen sind durch nichts zu ersetzen. Gleiches gilt in IT-Projekten für ein übergreifendes Verständnis der ja oft nicht kongruenten Anforderungen und Denkweisen von Management, Fachbereich, Entwicklung sowie IT-Betriebs- und Serviceorganisation. Für externe Projektmanager sind hier Persönlichkeit, Soft Skills und damit verbunden die notwendige Kommunikations- und Durchsetzungsfähigkeit unentbehrliche Instrumente, um Projekte in den kritischen Phasen gezielt auch gegen Widerstände zum Erfolg zu führen. Teamfähigkeit in interkulturellen Umgebungen ist eine Grundvoraussetzung, aber wie so oft gilt für den gesamtverantwortlichen Projektmanager, auch für den externen: Letztendlich hat er die alleinige Verantwortung für die zielgerichtete erfolgreiche Umsetzung in Qualität, Budget und Zeitrahmen.

Aufgrund eines fehlenden Standards im Markt sind übergreifende Kenntnisse der wesentlichen Projektmanagement-Methoden und ihrer spezifischen Ansätze sowie Vor- und Nachteile wesentlich, um in spezifischen Projektsituationen die vom Kunden präferierte Systematik unmittelbar anwenden zu können, zumal hier meist nicht die reine Lehre, sondern Best of Breed praktiziert wird. Diese ersetzen aber nicht langjährige Erfahrungen: Ein Führerschein macht eben noch keinen guten Fahrer.

Sich durchsetzen, vermitteln und motivieren

Andreas Wolf

Andreas Wolf
Fachlicher Schwerpunkt:
Senior Projektmanager (PMI zertifiziert / PMP), Banken, Web, IT-Infrastruktur, Prozessberatung, Consulting

Wie wichtig ist eine Projektmanagement-Zertifizierung Ihrer Meinung nach für die Akquise von neuen Projekten?

Zertifizierungen sind durchaus nachgefragt, obwohl im Zweifel die einschlägige Erfahrung und der persönliche Eindruck überwiegen dürften. Die passende Zertifizierung hilft auf zwei Arten: Zum einen hilft sie formale Hürden zu nehmen, um überhaupt in die engere Auswahl zu kommen. Zum anderen standardisiert sie die verwendete Begrifflichkeit und schafft so eine gute Grundlage, um sich in derselben Sprache über das Projekt und die eigene Erfahrung auszutauschen.

Welche Kenntnisse brauchen Sie als selbstständiger Projektmanager?

Selbstständige Projektmanager brauchen eine gute handwerkliche Basis und müssen diese in wechselnden Umgebungen erfolgreich einsetzen können. Dazu beherrschen wir verschiedene Vorgehensmodelle und nutzen die Erfahrung aus zahlreichen Kundenprojekten, um Chancen und Risiken richtig einschätzen zu können. Gute externe Projektmanager haben gelernt sich durchzusetzen, zu vermitteln und zu motivieren. Dadurch bewirken wir eine Lernkurve im Projektteam, die nachhaltig ist und so die Chancen steigert, auch zukünftige Projekte in Time und Budget zu liefern.

Die Soft Skills werden oft vernachlässigt

Holger Rentsch

Holger Rentsch
Fachlicher Schwerpunkt:
Certified Senior Project Manager (IPMA Level B), PMP, Scrum Master, CMMI, Six Sigma, PMO, Erstellung Business Case, Projekt-Controlling, Projektplanung, Projetct Audit, Project Health Check

Wie wichtig ist eine Projektmanagement-Zertifizierung Ihrer Meinung nach für die Akquise von neuen Projekten?

Eine formale Qualifikation geht nicht zwingend mit der Qualität des Projektleiters einher. Aber als freiberuflicher Projektleiter steigen die Chancen auf eine erfolgreiche Vermittlung durch die Qualifikation auf alle Fälle. Es lässt sich durchaus ein Trend feststellen, dass potentielle Auftraggeber verstärkt zertifizierte Projektleiter nachfragen. Warum? Der Berater beweist dadurch ein Interesse, sich weiterzubilden und für den Kunden attraktiv zu halten. Außerdem stellt eine Zertifizierung sicher, dass der Berater die formalen Voraussetzungen im Projektmanagement mitbringt.

Welche Kenntnisse brauchen Sie als selbstständiger Projektmanager?

Die fachlichen Skills wie Meilensteinplanung, Projektplanung, Projektberichtswesen, Qualitäts- und Testmanagement, Anforderungsmanagement sind die Grundvoraussetzungen, die jeder Projektmanager mitbringen sollte. Wichtig sind die Soft Skills, die oft vernachlässigt werden.

Ein Projektleiter muss aus meiner Sicht stark kommunikativ sein. Das heißt auch, aktiv auf Kollegen zuzugehen, Informationen einzuholen, Informationen zu verteilen und alle Interessensgruppen (Stakeholder) zielgerichtet zu informieren. Wohlgemerkt „zielgerichtet“ – und nicht nach dem Gießkannenprinzip.

Der Projektleiter muss außerdem bereit sein, die Verantwortung für sein Projekt zu übernehmen. Das wird oft unterschätzt. Viele Projektleiter administrieren ihr Projekt, scheuen aber eigenverantwortliches Entscheiden.

In Projekten treten tagtäglich Probleme auf. Das liegt in der Natur von Projekten, deren Verlauf und Herausforderungen sich bei der Planung nur schwer prognostizieren lassen. In dem Fall ist es die Aufgabe des Projektleiters, pragmatisch und koordinierend an Lösungen zu arbeiten. Meine Erfahrung zeigt, dass für die erfolgreiche Durchführung von Projekten auch viel Organisations- und Improvisationsgeschick gefragt sind.

Der Projektleiter ist weder Gott noch Diva. Er muss sich Kritik gefallen lassen, diese prüfen und sein Verhalten und Vorgehen gegebenenfalls selbstkritisch hinterfragen. Er sollte in der Lage sein, innerhalb seines Projektteams eine vertrauensvolle Atmosphäre aufzubauen – die auch Raum für Kritik und Fehler zulässt. Er muss eine emphatische Ausstrahlung haben. Empathie transportiert er auch durch aktives Zuhören und Wertschätzung gegenüber seinen Projektmitarbeitern. Konflikte liegen dabei in der Natur von teamorientierter Zusammenarbeit. Der Projektleiter sollte sensibel genug sein, Störungen zu erkennen, und aktiv an deren Lösung mitarbeiten. Idealerweise steht er als Mediator bereit oder unterstützt aktiv den Prozess der Konfliktlösung.

Wo immer es geht und wann immer es die Zeit erlaubt, sollte der Projektmanager Entscheidungen und Planungen mit einem Teil des Projektteams abstimmen. Das gelingt nicht immer, da Entscheidungen auch unter Zeitdruck und kurzfristig getroffen werden müssen. Er sollte aber dann seine Entscheidung gegenüber dem Team begründen und vertreten können.

Wir danken allen drei Herren herzlich für Ihre Zeit und Unterstützung und wünschen weiterhin viel Erfolg!

Mehr Informationen zum Thema bei GULP:

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Kommentare zu diesem Artikel:

"Interessanter Artikel (Februar 2012)"

"Einerseits: E"in Führerschein macht noch keinen guten Fahrer". Andererseits: "Ein guter Fahrer besteht auch den Führerschein". Also kann man von einem guten Projektmanager auch einen PM-Führerschein erwarten und voraussetzen. Ein anerkannter PM-Führerschein ist nicht nur Ausweis für Interesse am Thema, sondern auch ein Indiz für das Verstehen der Notwendigkeit an Weiterbildung und damit aus meiner Sicht in Summe auch essentielles Fundament für nachhaltig qualifiziertes Projektmanagement-Handwerk inklusive den noch viel wichtigeren Soft Skills. Ein Projektmanager hat ein hohes Maß an Verantwortung zu tragen. Doch auch er/sie ist "nur" ein Mensch. Was nützt es mir für den langfristigen und finalen Projekterfolg, wenn ich mich als PM in der Sache zwar "hart" durchsetzen kann, aber menschlich dauerhaft wenig "soft" die needs and pains meiner Stakeholer ignoriere. Projekte scheitern oder kranken nach meiner Erfahrung nicht nur daran, weil der Fahrer unterm Strich schlecht gefahren ist, sondern insbesondere weil versumt wurde die Menschlichkeit der Stakeholder zu respektieren und damit "soft" und konstruktiv umzugehen. Genau dafr braucht es nach wie vor mehr Verständnis und ein Einsehen in den obersten Etagen des auftraggebenden Managements. (November 2011)"

"Der Artikel beschreibt sehr gut das Problem in strategischen Großprojekten: Die Geschäftsführung kauft "Experten" ohne fundiertes methodisches Wissen - besonders im Bereich Soft Skills ein - und Wunder sich, wenn es dann schief geht... (Oktober 2011)"

"gute artikel (Oktober 2011)"

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