 |
| Projektarbeit
fordert |
|
| |
|
| Natürlich hat Projektarbeit aufgrund
der hohen Autonomie- und Freiheitsgrade, z.B. durch flexible Arbeitszeitgestaltung,
durchaus ihren Reiz. Allerdings führen die Komplexität
und Unstrukturiertheit vieler IT-Projekte die Mitarbeiter nicht
selten an ihre Grenzen. So sind die Lösungswege für die
bearbeiteten Probleme bei Projektbeginn nicht im Einzelnen bekannt.
Die Projektspezifikation ist selten abschließend; in der Bearbeitung
und im Kontakt mit dem Kunden ergeben sich neue Anforderungen, die
berücksichtigt werden müssen. Die Kooperation in den Projektgruppen
findet nicht dauerhaft statt, sondern sie ist temporär und
problembezogen. Die Mitarbeiter sind häufig für mehrere
Projekte oder Aufträge gleichzeitig zuständig und müssen
ihren Arbeitseinsatz individuell koordinieren. Die negativen Folgen
der Projektarbeit sind widersprüchliche Arbeitsanforderungen,
überlange Arbeitszeiten und Leistungsdruck, die zunehmend mehr
IT-Spezialisten krank machen, so das Ergebnis der IAT-Studie.
Ihre Verfasser, Dr. Anja Gerlmaier und Dr. Erich Latniak, ermittelten,
dass IT-Projektmitarbeiter in den untersuchten Softwareentwicklungs-
und -beratungsprojekten bis zu viermal häufiger unter psychosomatischen
Beschwerden wie chronischer Müdigkeit, Nervosität, Schlafstörungen
und Magenbeschwerden litten als der Durchschnitt der Beschäftigten
in Deutschland. Stressphasen von mehr als acht Wochen führten
zu einer Zunahme chronischer Erschöpfung – einem Frühindikator
für Burnout. Rund 40 % der Befragten wiesen deutliche Anzeichen
dafür auf. Etwa 30 % hatten zudem Probleme damit, sich zu erholen. |
|
| Konzept
widersprüchlicher Arbeitsanforderungen |
|
| |
|
| Die Untersuchung basiert auf dem "Konzept
der Widersprüchlichen Arbeitsanforderungen von Moldaschl".
Danach entsteht psychische Belastung, wenn Arbeitende mit Widersprüchen
zwischen Handlungsanforderungen, Regeln und verfügbaren Ressourcen
konfrontiert werden, die sie am Erreichen des Arbeitszieles hindern
und die für sie mit unmittelbaren negativen Auswirkungen verbunden
sind (z. B. Zusatzaufwand, Zeitdruck, Lohneinbußen). Ob derartige
psychische Belastungen entstehen, hängt von den jeweiligen
Bewältigungsmöglichkeiten ab, die den Handelnden zur Verfügung
stehen. Zur Manifestierung psychischer Belastungen kommt es immer
dort, wo die Möglichkeiten zur Lösung der angesprochenen
Widersprüche verwehrt sind bzw. substanzielle Bewältigungsressourcen
fehlen.
Untersucht wurden sieben Projektgruppen, u.a. in Großunternehmen
mit mehr als 3.000 Mitarbeitern und Startup-Unternehmen über
einen Zeitraum von 16 Monaten. In diesen Gruppen wurden Intensivfallstudien
mittels verschiedener qualitativer und quantitativer Methoden durchgeführt,
u.a. Experteninterviews, Gruppendiskussionen, standardisiertes Befindungstagebuch
und standardisierter Fragebogen. |
|
| Ursachen
für psychische Belastungen |
|
| |
|
| Im Untersuchungsverlauf identifizierten
die Wissenschaftler verschiedene widersprüchliche Arbeitsanforderungen
als Ursachen psychischer Belastungen. Diese schlugen sich vor allem
in Form von Zeitdruck sowie als zusätzlicher Aufwand und Arbeitsunterbrechungen
nieder, die den Zeitdruck weiter verschärften. Häufig
genannt wurden von den Befragten vor allem Probleme durch gleichzeitige
Einbindung in mehreren Projekten, ungeplante Zusatzaufgaben sowie
Behinderungen durch unzureichende Arbeitsmittel, fehlende Entscheidungen
aus dem Management oder mangelnde Kundenkooperation. Weitere typische
Ursachen psychischer Belastung waren Behinderungen beim Erwerb neuen
Wissens und mangelnde Lernmöglichkeiten.
Neben diesen Belastungseinflüssen spielten kritische Ereignisse
im Projekt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Stress. Emotionale
Belastungen durch sich aufschaukelnde Konflikte mit Kunden, Vorgesetzten
und Kollegen, aber auch Vertragsprobleme mit dem Kunden, die auf
das Projektgeschehen durchschlugen, hatten maßgeblichen Einfluss
auf das Befinden der Beschäftigten. Sie wirkten sich insgesamt
negativ auf die Motivation und die Leistungsfähigkeit aus.
Zur wechselseitigen Verstärkung der beschriebenen Belastungen
trug vor allem bei, dass viele der IT-Beschäftigten bei der
Bewältigung der Widerspruchssituationen keinen ausreichenden
Einfluss auf die Gestaltung ihrer Arbeitsprozesse oder Ressourcen
hatten. Häufig wurde berichtet, dass Vorschläge zur Entlastung
und Optimierung von Projektprozessen vom Management mit dem Verweis
auf mögliche Sanktionen des Kunden verwehrt wurden. Damit manifestierten
sich Belastungen besonders in Projektgruppen, in denen den Mitarbeitern
keine substanziellen Handlungs- bzw. Verhandlungsmöglichkeiten
zur Verfügung standen, um eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen
zu erzielen. Die in den Projekten vorhandenen Ressourcen reichten
offensichtlich nicht aus, um die Vielzahl widersprüchlicher
Anforderungen, mit denen die Projektmitarbeiter konfrontiert werden,
angemessen bewältigen zu können. Als positive Handlungspotenziale
bzw. Ressourcen wurden flexible Arbeitszeitarrangements, Kooperationsmöglichkeiten
und ein hoher Anregungsgrad der Arbeitsaufgaben genannt. |
|
| Psychische
Belastung und Gesundheit |
|
| |
|
| Trotz durchaus vorhandener und genutzter
Ressourcen in der Arbeit – wie einer freien Arbeitszeiteinteilung
und einem als förderlich wahrgenommenen Sozialklima –
konnte bei den an der Untersuchung teilnehmenden Projektmitarbeitern
ein gegenüber dem Durchschnitt aller Beschäftigten deutlich
erhöhtes gesundheitliches Risiko festgestellt werden: 41 %
der Befragten wiesen massive Anzeichen einer chronischen Erschöpfungssymptomatik
auf, 31 % konnten nach eigener Aussage nach der Arbeit nicht mehr
"abschalten", was als Vorstufe zum Burnout gilt.
Burnout definieren die Autoren als einen chronischen Prozess des
Erschöpfens der eigenen körperlichen und seelischen Reserven.
Er ist gekennzeichnet vom Gefühl, durch die Arbeit ausgelaugt
und ausgebrannt zu sein. Die Symptome von Burnout umfassen dabei
Gefühle exzessiver Müdigkeit und Energielosigkeit, eine
erhöhte "Dünnhäutigkeit" und Ungeduld in
Belastungssituationen, Demoralisierung, Gleichgültigkeit und
Zynismus.
Die Untersuchung zeigte im Mittelwertvergleich, dass Projektmitarbeiter,
die acht Wochen und länger hohe Anspannungswerte hatten, signifikant
häufiger unter chronischer Erschöpfung litten als die
Vergleichsgruppe mit niedrigeren Werten bzw. mit zwischenzeitlichen
Erholungsphasen. Vergleichbare Erschöpfungswerte konnten nicht
gefunden werden, wenn die Mitarbeiter weniger als acht Wochen hintereinander
erhöhte Stresswerte hatten. Dieses Ergebnis deutet an, dass
eine Stressphase über einen Zeitraum von länger als acht
Wochen das Burnout-Risiko bei den Projektmitarbeitern deutlich erhöhen
kann.
Vergleicht man die berichteten gesundheitlichen Beschwerden der
Projektmitarbeiter mit denen einer aktuellen repräsentativen
Beschäftigtenumfrage des Instituts zur Erforschung sozialer
Chancen (ISO), so leiden in der Stichprobe der Projektmitarbeiter
deutlich mehr Personen an Müdigkeitsgefühlen, Nervosität,
Magenschmerzen und Schlafstörungen.
|
|
| |
|
 |
|
| Gestaltungsansätze |
|
| |
|
| Anhand der ermittelten Ergebnisse überlegten
Gerlmaier und Latniak wie Projektarbeit nachhaltig gestaltet werden
kann. Sie haben mehrere arbeitswissenschaftliche Ansatzpunkte gefunden:
Verhandlungsautonomie stärken
Handlungs- und Entscheidungsspielräume allein tragen nichts
zur Verhinderung psychischer Belastung bei, wenn nicht angemessene
Bewältigungsmöglichkeiten und Ressourcen gegeben sind.
Diese werden im Projektgeschäft letztlich bereits bei Vertragsabschluss
mit dem Kunden definiert. Entlastende Arbeitsgestaltung kann entsprechend
dann gelingen, wenn die Rahmenbedingungen der Projektarbeit auch
zum Gegenstand der Verhandlung mit dem Kunden gemacht werden, z.B.
Spielräume bei Reisetätigkeit.
Zeitnahe Erholung statt Sabbaticals
IT-Mitarbeiter, die länger als zwei Monate unter Stress stehen,
leiden deutlich häufiger unter Burnout–Symptomen als
Mitarbeiter, die nicht so lang unter Stress standen. Regelmäßige
Erholungspausen bei der Arbeit - also etwa mehrere über den
Tag verteilte Pausen und ein konsequentes Freihalten der Wochenenden
- sind somit zur Stress-Prävention deutlich wirksamer als Angebote
von Blockurlaubszeiten oder Sabbaticals. Sie sind deshalb diesen
vorzuziehen. Angeordnete "Zwangspausen" werden von den
Mitarbeitern allerdings als Gängelung wahrgenommen und entsprechend
umgangen.
Sensibilisierung für die Problematik
Von besonderer Bedeutung für einen präventiven Umgang
mit Belastungsrisiken ist das Management, das für solche Fragen
eine entsprechende Sensibilität oft erst entwickeln muss, beispielsweise
initiiert durch Schulungen der Führungskräfte. Eine Problemsensibilisierung
ist allerdings auch für viele der Projektbeschäftigten
notwendig. Workshops zum Arbeits- und Erholungsmanagement können
beitragen, Zusammenhänge zwischen der individuellen Arbeitsweise
und ihren Folgen zu erkennen und gemeinsam mit Kollegen und Vorgesetzten
Strategien zur Erholung zu entwickeln und umzusetzen, beispielsweise
zur Durchführung regelmäßiger Pausen trotz hoher
Arbeitsintensität.
Räume für Reflexion schaffen
Die angesprochenen mitarbeiter- bzw. führungsorientierten Trainingskonzepte
können letztlich nur dann langfristig greifen, wenn es gelingt,
widersprüchliche Arbeitssituationen zum Gegenstand der regulären
Kommunikation in den Unternehmen zu machen. Die Reflexion kritischer
Projektsituationen stellt hierbei einen wichtigen Ausgangspunkt
dar, um die Prozesse zu optimieren und langfristig für eine
Entlastung der Projektbeschäftigten zu sorgen.
Der detaillierte IAT-Report "Zwischen Innovation und alltäglichem
Kleinkrieg: Zur Belastungssituation von IT-Beschäftigten"
ist kostenlos beim Institut
Arbeit und Technik
abrufbar.
|
|
Kommentare zu diesem Artikel:
|