Zahlungsziel 24 Stunden: Factoring für IT-Freiberufler

Für wen ist es interessant, wie geht es und wie viel kostet es?

(Juni 2009)
Das Versprechen: Offene Rechnungen werden innerhalb weniger Stunden bis weniger Werktage beglichen: Mit Factoring können einem Selbstständigen verspätete Zahlungen eines Kunden egal sein. Nicht bezahlte Forderungen belasten ihn nicht und Mahnungen muss er auch nicht mehr selbst schreiben. Der Nachteil: Dafür bezahlt ein IT-Freiberufler dem Factoring-Unternehmen eine Gebühr - die umso höher ist, je kleiner sein Unternehmen ist und je frischer er auf dem Markt ist. Wann Factoring für einen Freelancer attraktiv ist, was es ihm nutzt und was er dafür bezahlt, erläutert dieser Artikel.
Umsatzgrenzen für Factoring sinken
 
Die im Deutschen Factoring-Verband e.V. vertretenen Institute erzielten 2008 einen Umsatz (entspricht der Summe der angekauften Forderungen) von 104 Milliarden Euro - 24 Prozent mehr als im Vorjahr. In den letzten fünf Jahren haben die Institute ihren Gesamtumsatz fast verdoppelt. 5450 Unternehmen nutzten im Jahr 2008 Factoring. In letzter Zeit haben Factoring-Institute ihr Angebot vermehrt zugunsten kleinerer und mittelständischer Unternehmen geöffnet. Davon zeugen auch die Zahlen des Bundesverbands Factoring für den Mittelstand e.V. (BFM): Die im Verband organisierten Institute erzielten im Jahr 2008 einen Umsatz von 9,3 Milliarden Euro - 13 Prozent mehr als im Vorjahr. "Viele Factoring-Unternehmen haben in der jüngeren Vergangenheit ihre Mindestvolumina, ab denen sie Factoring für Kunden anbieten, weiter abgesenkt", heißt es im Jahresbericht 2008 des Deutschen Factoring-Verbands. Bisher wurde Factoring meist nur für Unternehmen mit einem Jahresumsatz ab 250.000 Euro angeboten, mittlerweile ist es ab einem Umsatz von etwa 50.000 Euro möglich - was es für kleine Firmen und Selbstständige interessant macht. Unter IT-Freiberuflern ist Factoring gleichwohl erst wenig bekannt, glaubt man einer GULP Trash Poll vom April 2009: 45 Prozent der Teilnehmer kannten die Finanzdienstleistung nicht.

Zusätzlich macht aber die aktuelle wirtschaftliche Lage das Factoring für Selbstständige und Freiberufler attraktiv. In Zeiten schlechter Zahlungsmoral punkten Factoring-Institute damit, dass sie ihre Kunden zu hundert Prozent gegen Forderungsausfälle absichern und ihnen das Debitorenmanagement abnehmen. Factoring-Nutzer sparen es sich, salopp gesagt, Geldforderungen von ihren Projektanbietern selbst einzutreiben und es kann ihnen egal sein, wann ihr Kunde die Rechnung begleicht. Dafür bezahlen sie eine Gebühr an das Factoring-Unternehmen. Freiberufler mit bereits nicht solventen Kunden werden es allerdings schwer haben, einen Factor zu finden, der die offenen Rechnungen aufkauft, denn der Selbstständige wie auch seine Kunden werden vor Akzeptanz auf Herz und Nieren geprüft.
So funktioniert Factoring
 
Der Factoring-Kunde verkauft alle Geldforderungen aus Dienstleistungen und, falls vorhanden, aus Warengeschäften an das Factoring-Unternehmen. Vor Erwerb der Außenstände prüft der Factor den Selbstständigen und dessen Schuldner auf Bonität - sozusagen um sicherzugehen, dass er die aufgekauften Forderungen wirklich eintreiben kann. Sagt der Factor "Ja" zur Zusammenarbeit, bekommt der Selbstständige in der Regel 80 Prozent des Rechnungsbetrages innerhalb von 24 Stunden auf sein Konto überwiesen, abzüglich der Factoring-Gebühr. Die restlichen 20 Prozent abzüglich der verbleibenden Kosten erhält er, sobald der Kunde seine Rechnung beglichen hat, spätestens aber etwa 150 Tage nach Fälligkeit der Rechnung - auch wenn der Kunde noch nicht bezahlt hat. Das Delkredere übernimmt das Factoring-Unternehmen je nach Wunsch des Selbstständigen. Delkredere bedeutet, der Factor haftet zu hundert Prozent für teilweisen oder vollständigen Forderungsverlust, falls der Kunde zahlungsunfähig werden sollte.
Ablauf des Factorings für Selbstständige in der IT.

Ablauf des Factorings; leicht abgeänderte Version einer Grafik des Deutschen Factoring-Verbandes e.V.
In Deutschland wird das Factoring vorwiegend offen betrieben, das heißt, dass die Schuldner des Selbstständigen über die Zusammenarbeit mit einem Factoring-Unternehmen informiert werden und ihre Zahlungen direkt an den Factor richten. Mit Inkasso hat Factoring dabei wenig gemein: Ein Factoring-Unternehmen kauft "gesunde" Forderungen ein, bei denen es die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch beglichen werden, selbst überprüft hat. Inkasso kümmert sich um gefährdete, "kranke" Außenstände. Während Factoring ein Finanzierungsinstrument ist, mit dem Liquidität generiert werden kann, beschäftigt sich Inkasso rein mit dem Einzug von Forderungen.

Nicht jeder kann Factoring-Kunde werden, denn die Entscheidung über die Vergabe folgt Regeln: Die Bonität der Kunden und des Selbstständigen werden überprüft. Die Geschäftsabläufe des Freiberuflers, Struktur und Anzahl seiner Kunden, seine Berufserfahrung und das monatliche Rechnungsvolumen werden beispielsweise unter die Lupe genommen und Wirtschaftsauskunfteien werden befragt. Es kann beispielsweise sein, dass ein Selbstständiger zwar eine solide Eigenkapitalquote hat, aber seine Schuldner auf unsicheren Beinen stehen. Wenn seine Kunden nicht solvent sind - und er die Versicherung gegen Forderungsausfälle am nötigsten hätte - wird ein Freiberufler kaum Chancen haben, von einem Factoring-Unternehmen angenommen zu werden. Factoring-Anbieter akzeptieren also gesunde Unternehmen mit werthaltigen Forderungen und gesicherter Ertragskraft. Zusätzlich gibt es zwei Voraussetzungen: Die Auftraggeber des Selbstständigen müssen gewerblich sein und den Forderungen müssen voll erbrachte Leistungen zugrunde liegen. Beides trifft bei IT-Freiberuflern in der Regel zu.
Das haben Selbstständige vom Factoring
 
Wer Factoring nutzt, macht das in der Regel aus diesen Gründen:

Liquidität verbessern

Außenstände, also unbezahlte Rechnungen, sind totes Kapital, das sich mit Hilfe von Factoring schnell reaktivieren lässt. Der Selbstständige ist auch dann schon liquide, wenn der Kunde noch nicht bezahlt hat. Er bekommt sofort sein Geld - zum Leben, für Rücklagen, Weiterbildungen, Urlaub oder sonstige Investitionen. Interessant für Selbstständige, die nicht nur reine Dienstleister sind, sondern selbst Lieferanten haben: Sie können in stärkerem Maße Skonti und Rabatte beim Einkauf nutzen und müssen nicht auf teure Lieferantenkredite zurückgreifen.

Ausfallrisiko mindern
Der Factor übernimmt das Ausfallrisiko - also das Risiko des teilweisen oder vollständigen Forderungsverlustes - bis zu 100 Prozent regresslos. Das heißt, bei Zahlungsunfähigkeit oder Insolvenz eines Kunden erhält der Selbstständige sein Geld trotzdem. Das Risiko trägt der Factor. Spät oder gar nicht zahlende Schuldner belasten den Dienstleister nicht.

Arbeitsaufwand reduzieren
Meist lagert der Factoring-Kunde das gesamte Debitorenmanagement an den Factor aus. Das heißt, das Factoring-Unternehmen übernimmt die Debitorenbuchhaltung, also die Überwachung und Buchung der Zahlungseingänge, sowie das Mahnwesen und ein gegebenenfalls nötiges Inkasso. Der Selbstständige schickt seine Rechnung nur an den Factor und kümmert sich nicht weiter darum. Zusätzlich überprüft der Factor - schon aus eigenem Interesse - die Schuldner des Selbstständigen fortlaufend auf Bonität und informiert den Freelancer darüber.

Das eigene Rating verbessern
Durch Factoring verbessert sich die Liquiditätssituation eines Selbstständigen. Factoring als alternative Finanzierungsform macht einerseits von Bankkrediten unabhängig, andererseits gibt der Factoring-Vertrag wiederum der Bank Sicherheit. Dadurch kann sich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, einen Bankkredit zu bekommen.

Wettbewerbsvorteile sichern
Der selbstständige Unternehmer gewinnt zeitlichen und finanziellen Handlungsspielraum. Er hat Geld in der Tasche für Investitionen, die seine Marktposition sichern - zum Beispiel Weiterbildungen. Factoring-Nutzer können ihren Kunden längere Zahlungsziele einräumen und sich dadurch von Wettbewerbern abgrenzen.
Was kostet das Factoring?
 
Ausfallrisiko und Debitorenmanagement übernimmt der Factor natürlich nicht aus Gutmütigkeit, sondern weil der Selbstständige ihn dafür bezahlt. Die Kosten für Factoring setzen sich zusammen aus dem individuell verhandelten Factoring-Entgelt und den Zinsen für den vorgeschossenen Rechnungsbetrag. Letztere entsprechen meist den aktuellen Kontokorrentzinsen, die Laufzeit hängt natürlich vom Zahlungseingang der offenen Forderungen ab. Eventuell kann der Factor weitere Kosten für die Bonitätsprüfung der Schuldner erheben; das ist von Fall zu Fall unterschiedlich.

Gegenüber einem Dispositions- oder Kontokorrentkredit - bei denen die Zinsen ähnlich sind - hat Factoring den Vorteil, dass der Selbstständige sein Geld sicher bekommt. Er ist gegen den Ausfall seiner Forderungen kreditversichert. Mit einem Dispositions- oder Kontokorrentkredit ist ein Freiberufler zwar auch schnell liquide, aber er kommt in Schwierigkeiten, wenn der Kunde nicht oder erst sehr spät zahlt. Offene Rechnungen muss er weiterhin selbst eintreiben, Mahnungen selbst schreiben.

Das Factoring-Entgelt ist abhängig von Branche, Risiko, Umsatzvolumen und den gewünschten Leistungen. Auch Anzahl und Bonität der Schuldner beeinflussen es. In der Regel beträgt es 0,1 bis 0,2 Prozent (bei großen, umsatzstarken Unternehmen) bis 4,5 Prozent (bei kleineren Firmen) des Forderungsbestands bzw. des Rechnungsbetrags. IT-Freiberufler dürfen von etwa 2 bis 4 Prozent ausgehen, je nach Situation. Eine niedrigere Gebühr wird bei Selbstständigen angesetzt, die schon lange am Markt sind und sich einen soliden Kundenstamm aufgebaut haben. Teurer wird es bei Existenzgründern. Mit in die Bewertung gehen außerdem die Aussagen von Wirtschaftsauskunfteien, das monatliche Rechnungsvolumen und die Struktur der Kunden ein.
Fazit
 
Ein Selbstständiger, dem es ausschließlich darum geht, dass er sofort liquide ist, braucht dafür nicht unbedingt Factoring, sondern es reicht zum Beispiel ein Dispositionskredit. Wer sich aber zusätzlich gegen Forderungsausfälle absichern und sein Debitorenmanagement an Profis abgeben möchte, dem kann diese Finanzdienstleistung nutzen. Je mehr Kunden ein Freiberufler hat und je kurzfristiger seine Verträge sind - desto zeit- und arbeitsaufwändiger ist das Debitorenmanagenent und desto eher lohnt sich seine Auslagerung. Es kann sich bezahlt machen, sich von verschiedenen Factoring-Anbietern einen Kostenvoranschlag anfertigen zu lassen. Je nachdem, wie die Situation des Freiberuflers bewertet wird, fallen die Factoring-Gebühren aus. Selbstständige können sich über Factoring-Anbieter informieren: Erstens geben die ganz zu Beginn erwähnten Branchenverbände Auskunft, zweitens werden die Factoring-Unternehmen seit 2009 von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) kontrolliert.
 
GULP Membership Area

19 Prozent der Freiberufler haben Probleme bei der Bezahlung ihrer Projekteinsätze oder bekommen ihr Geld überhaupt nicht. Als GULP Member haben Sie Einblick in die GULP Weiße Liste mit mehr als 8.400 Bewertungen von Freiberuflern zu Projektanbietern. Außerdem erhalten GULP Member Vergünstigungen beim Factoring, bei Rechtsanwälten und bei vielen anderen Diensten rund um Finanzen, Steuern und Recht.

Kommentare zu diesem Artikel:

"Sehr Interessant, besonders auch die Kommentare der Kollegen! (Oktober 2010)"

"Im Bereich Dienstleistungen ist Factoring nur in Standardfällen interessant: Kunde Zahlt, Kunde geht in Konkurs, etc. - falls ein Kunde las Vorwand für die Nichtzahlung mangelnde Qualität angibt, führt das im Prozess zu exponetiellem Aufwand und in der regel einer 50:50 Einigung zwischen säumigem Kunden und Factoring Anbieter, d.h. man zahlt die Hälfte des "Vorschusses" zurück (zzgl. Bearbeitugsgebühren, Zinsen, Gerichtskosten,....) (Mai 2010)"

"Ein sicher für viele noch nicht genau ausgeloteter Bereich. Ein hilfreicher Artikel. Gerne mehr davon. (Februar 2010)"

"Falls das nicht zahlende Unternehmen ein Vermittler ist, kann man eine Klausel in den Vertrag aufnehmen lassen, die den Wegfall saemtlicher Wettbewerbseinschraenkungen bei Zahlungsverzug nach sich zieht. (Juni 2009)"

""Nur" 2 Prozent für einen Zahlungszeitraum von einem Monat entspr. rd. 27 % Zinsen p. a. (bei monatl. Verzinsung). Dazu kommt noch die 80%/20%-Auszahlungsregel. Das ist nicht wenig für diese (im Prinzip) Forderungsausfallversicherung. (Juni 2009)"

"Ich arbeite aktuell mit einer Factoring-Firma - neben den hohen monatlichen Kosten kann leider auch deren vorhandene oder mangelnde Professionalität im Ernstfall zu einer massiven Belastung werden. Denn bei der Auseinandersetzung mit einem säumigen Kunden wird man als Gläubiger nicht selten vom Factoring-Partner und dessen Anwalt wie eine gegnerische Partei behandelt, d.h. der Prozess wird nicht mit den gleichen Anstrengungen und der gleichen Transparenz geführt, wie ein eigener Anwalt das tun würde. Im schlechtesten Fall wird eine Forderung frühzeitig als "nicht durchsetzbar" aufgegeben und die Forderung zurückverlangt. Man sollte sich eindeutig vor der Auswahl definitve Referenzen einholen, ob eine Factoring Firma im jeweiligen Gebiet auch Prozess-Erfahrung hat, sonst kommt der Bumerang eines Tages sehr teuer zurück. (Juni 2009)"

"Kurz, knapp, wichtig. Hinweise auf Factoring-Anbieter konnte ich auf die Schnelle nicht ausmachen. (Juni 2009)"

"Gute Einfuehrung, klare Infos genau auf den Punkt - Danke! (Juni 2009)"

"klingt interessant. Hatte mal einen Endkunden. Mußte ständig meinem Geld bei 14 Tage ZZ hinterherlaufen. Der Kunde sicherte im Vertrag mir 7 Tage zu. Das hat er max. 1-2x geschafft. Das Zahlungsziel wurde sporadisch bis 14 Tage eingehalten und betrug öfters >14-30 Tage. Zukünftig würde ich keinem Endkunden mehr so günstige Freelancer-Sätze (wie bei Vermittlern) anbieten. Von 30-60 Tagen Zahlungsziel sollte man dabei ausgehen (auch wenn anderes zugesagt wird) und entsprechende Preisaufschläge ansetzen. (Juni 2009)"