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| Burnout, nein danke!
Interview mit Dr. Jörg-Peter Schröder,
Arzt & Coach im Gesundheitsmanagement |
| (Dezember
2006)
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Dr. Jörg-Peter
Schröder |
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Widersprüchliche Arbeitsanforderungen, überlange
Arbeitszeiten und Leistungsdruck in IT-Projekten machen zunehmend
mehr IT-Spezialisten krank. Eine Studie des Instituts Arbeit und
Technick (IAT) zur Belastungssituation von IT-Beschäftigten
ergab, dass Stressphasen von mehr als acht Wochen zu einer Zunahme
chronischer Erschöpfung führen – einem Frühindikator
für Burnout. Rund 40 % der untersuchten IT-Beschäftigten
zeigten dafür bereits deutliche Anzeichen. GULP hat sich mit
Dr. Jörg-Peter Schröder, Arzt und Autor des Ratgebers
"Wege aus dem Burnout", unterhalten, wie Burnout entsteht
und was Betroffene dagegen tun können.
Dr. Jörg-Peter Schröder begleitet Unternehmen und Individuen
u.a. auf den Gebieten Unternehmensgesundheit und Gesundheitsförderung.
Er moderiert Tagungen und Kongresse, hält internationale Workshops
und Vorträge und hat bereits mehrere Sachbücher veröffentlicht.
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| GULP |
Herr Dr. Schröder, was genau ist
eigentlich Burnout? |
| Dr. Schröder: |
Burnout bedeutet, durch chronischen Stress in Hochpotenz innerlich
auszubrennen. Obwohl sich Burnout auf allen Ebenen des Lebens manifestieren
kann, macht es sich meist in der Arbeit bemerkbar. Viele Menschen
arbeiten nach dem Prinzip 'Schneller-höher-weiter', bis irgendwann
nichts mehr geht. Wenn die Seele aus dem Takt kommt, schleicht sich
das Ausbrennen langsam ins Leben ein. Wer sich sehr schwer konzentrieren,
nachts nicht mehr abschalten kann und auch im Urlaub große
Schwierigkeiten hat, sich zu erholen, der zeigt möglicherweise
erste Anzeichen von Burnout. Die Symptome variieren von Müdigkeit,
Nervosität, Unruhe, Schlafstörungen über Depressionen,
Magen- und Rückenschmerzen bis zur Suizidneigung. |
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| GULP |
Wie entsteht Burnout? |
| Dr. Schröder: |
Das Burnout-Syndrom ist eine Extremvariante des Überengagements,
von erlebten Dauerbelastungen und Überforderungen, überzogenen
Erwartungen, Anspannungen und Enttäuschungen bei mangelnder
Entspannung und Erholung. Wichtig ist, dass die Anforderungen an
die Situation von den Betroffenen höher eingeschätzt werden
als die zur Bewältigung vorhandene Energie. Dies führt
in Konsequenz zu einer immer stärkeren Anspannung, fortwährenden
Frustrationen, emotionaler Erschöpfung, Resignation und letztlich
zu einem Raubbau der eigenen Energieressourcen im Körper. Ein
Hauptpunkt des Burnouts sind die unterschiedlichen Mechanismen der
Verleugnung. Hinzu kommt, dass die körperlichen Symptome stärker
werden, je tiefer die Personen in die Spirale des Burnouts geraten. |
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| GULP |
Das Institut für Arbeit und Technik
hat in einer Studie nachgewiesen, dass IT-Projektmitarbeiter arbeitsbedingt
bis zu viermal häufiger unter psychosomatischen Beschwerden
wie chronischer Müdigkeit, Nervosität, Schlafstörungen
und Magenbeschwerden leiden als der Durchschnitt der Beschäftigten
in Deutschland. Gibt es tatsächlich bestimmte Berufsgruppen,
die häufiger von Burnout betroffen sind? |
| Dr. Schröder: |
>> Gefährdet sind
sehr engagiert, ehrgeizig und hart arbeitende Menschen.
<<
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In der Tat gibt es Berufsgruppen, die häufiger vom Burnout
betroffen sind. Der Psychoanalytiker Freudenberger zeigte, dass gerade
Menschen in sozialen und helfenden Berufen gefährdet sind, also
zum Beispiel Krankenschwestern, Ärzte, Call-Center-Mitarbeiter
und Hausfrauenmütter. Gerade in den helfenden und kommunikativen
Berufen ist der Ausspruch - 'I have done too much for too many for
too long with too little regard for myself.' - ein Zeichen für
die eigene Verwundbarkeit. Gefährdet sind zudem sehr engagiert,
ehrgeizig und hart arbeitende Menschen, die ihre Höchstleistungsgrenzen
dauerhaft mit einer Marathon-Arbeitsliste überschreiten. Aus
meiner Coaching-Erfahrung in internationalen Konzernen der IT-Industrie
kann ich bestätigen, dass gerade Menschen im IT-Umfeld sehr
Burnout-gefährdet sind. Microsoft zum Beispiel hat 2005 extra
hierfür Burnout-Coaches eingeführt. Extrem gefährdet
sind auch Lehrer und Trainer. |
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| GULP |
Woran liegt es, dass einige Menschen
anfälliger für Burnout sind als andere? |
| Dr. Schröder: |
Wir alle sind unterschiedlich in unserer Persönlichkeit. Unsere
Erwartungen an andere und an uns selbst sind unterschiedlich. Jemand,
der perfektionistisch ist, gerät unter Stress, wenn Situationen
chaotisch werden. Jemand, der sehr kreativ ist, gerät unter
Stress, wenn er Routineaufgaben erledigen soll. Ein Beispiel: Wer
zusätzliche Arbeit oder die Tageshektik im Geiste noch mit nach
Hause nimmt, ist in Gefahr, innerlich auszubrennen. Ein gutes Trennen
von Arbeit und Privatem, Abschalten nach der Arbeit, Sport, Hobbys,
Freunde und Familie sind daher wichtig. Entspannungsverfahren, Yoga,
Autogenes Training, Qi Gong und Meditation können helfen, gelassener
zu werden. |
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| GULP |
Wie wirken Burnout-Patienten auf ihre
Mitmenschen? Gibt es bestimmte Anzeichen, an denen man erkennt,
dass der Kollege, Mitarbeiter oder Vorgesetzte ausgebrannt ist? |
| Dr. Schröder: |
Dies hängt von der Phase des Burnouts ab. Die individuellen
Reaktionen auf Belastungen sind unterschiedlich. Einige reagieren
bereits bei wenig Stress mit hoher Alarmbereitschaft, während
andere sehr stressreiche Ereignisse sehr locker bewältigen können.
Dies hat viel mit dem Erleben und der Bewertung des als unangenehm
empfundenen Spannungszustands zu tun. Nehmen wir ein Beispiel aus
dem Büroalltag: Da sitzen Menschen vor ihrem Notebook und tippen
auf kleinen Plastiktasten herum und reagieren plötzlich mit
Wut und Enttäuschung, nachdem Sie die Return-Taste gedrückt
haben. Dabei haben sie lediglich eine kleine Kurvenzeichnung auf
dem PC erzeugt. Diese jedoch könnte die Anzeichen eines Konkurses
gewesen sein. Die Interpretation von Ereignissen und die sorgenvollen
Gedanken, die sich darum ranken, was so alles schief gehen könnte,
erzeugen Druck und belasten sehr. In frühen Phasen des Burnouts
fallen Kollegen vielleicht durch Unruhe mit wippenden Beinen oder
durch Vergesslichkeit mit Wortfindungsstörungen auf. In einem
echten Burnout-Syndrom schotten sich die Betroffenen von der Öffentlichkeit
ab, weil ihnen alles zu viel wird. |
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| GULP |
Leider gibt es keine "Anti-Burnout-Pille".
Was kann man gegen Burnout tun? |
| Dr. Schröder: |
>> Bewusstmachen ist der
erste Schritt zum besseren Umgang mit Belastungen,
Stress, Burnout und
sich selbst. <<
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Das Tückische am Burnout ist, dass es sich sehr schleichend
vollzieht. Daher sind die Maßnahmen auch sehr unterschiedlich.
Es gibt keine Patentrezepte oder pauschale Lösungsansätze.
Wichtig ist, einen situationsgerechten Lösungsansatz zu entwickeln
und konkrete Schritte zur Bewältigung einzuleiten. Je nach Phase
des Burnouts reicht dies von der Stressbewältigung in leichten
bis hin zur professionellen therapeutischen Hilfe in schweren Fällen.
Die individuellen konkreten Bewältigungsstrategien werden sinnvollerweise
kurz-, mittel- und langfristig aufgesetzt, um eine nachhaltige Wirkung
zu erzielen. Aber es kommt auch auf die eingenommene Perspektive
an: Die Frage ist nicht, warum habe ich Burnout-Symptome, sondern
wie lebe ich gemäß meinen Werten, Potenzialen und Fähigkeiten
entsprechend. Die Work-Life-Balance ist daher von entscheidender
Bedeutung. Und Achtsamkeit ist eine der Grundvoraussetzungen, um
die Dinge wahrzunehmen, die 'schief' laufen im Leben. Das Bewusstmachen
ist der erste Schritt zur persönlichen Veränderung und
zum besseren Umgang mit Belastungen, Stress, Burnout und sich selbst.
Stressbewältigung bedeutet Lebensmanagement im Alltag - im Einklang
mit uns selbst. |
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| GULP |
Gab es Burnout eigentlich schon immer
oder ist dieses Krankheitsbild ein Phänomen der Informationsgesellschaft? |
| Dr. Schröder: |
Der Begriff Burnout ist neu. Die Anzeichen und Symptome finden
sich aber auch bei anderen Erkrankungen. Schon in der Bibel wird
von depressiven Müdigkeiten gesprochen, doch beim Prophet Elias
kannte man das Burnout-Syndrom noch nicht. Der Gesellschaftswandel,
der sich permanent erhöhende Druck in der Wirtschaft und die
Globalisierung sind Dimensionen, denen sich der Einzelne nicht mehr
entziehen kann. Die Zeiten sind vorbei, als die Büroinsassen
morgens erst einmal den Gummibaum mit der Gießkanne versorgten,
dann das Leberwurstbrot aus der Aktentasche holten, um dann gemeinsam
mit den Kollegen das gemeinsame Frühstück zu zelebrieren.
Im Zeitalter der globalisierten Virtualität gibt keine festen
Büros mehr, keine festen Orte, keine festen Zeiten. Alles findet
gleichzeitig und immerzu statt. Und nichts bleibt, wie es war. Und
das führt zu Entwurzelung und Unsicherheit. |
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| GULP |
Weshalb Sie unseren Lesern abschließend
als Denkanstoß mit auf den Weg geben möchten... |
| Dr. Schröder: |
>> 'Schneller-höher-weiter'
ist nicht die Antwort auf die Herausforderungen
unserer Zeit. <<
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Viele Menschen wissen heute überhaupt nicht mehr, was ihnen eigentlich
entspricht und was sie im Leben machen wollen, weil sie getrieben
werden von äußeren Zielen und Fremdbestimmung. Und 'Schneller-höher-weiter'
ist nicht die Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit. Vielmehr
braucht es eine klare Orientierung, wohin die Reise geht. Und diese
lässt sich nicht durch Geschwindigkeit erreichen. Und daher ist
es wichtig, eine Lebensbilanz zu ziehen. Um die eigenen Potenziale,
Fähigkeiten und Talente in Einklang zu bringen, braucht es Achtsamkeit
und Zeit. Und genau daran hapert es meist. Viele nehmen sich die Zeit,
eine Reise von zwei Wochen minutiös zu planen. Doch für
die Planung der eigenen Lebensreise ist keine Zeit. |
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| GULP |
Sehr geehrter Herr Dr. Schröder,
vielen Dank für das interessante Gespräch. |
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Dr.
Jörg-Peter Schröder
stellt in seinem Ratgeber "Wege aus dem Burnout", erschienen
im Cornelsen Verlag, Lösungsmöglichkeiten vor, adäquater
mit Dauerbelastungen, chronischem Stress, Druck und Hektik umzugehen
und zu mehr Gelassenheit zu gelangen. |
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