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Svenja Hofert und Peter Brenner

In das kalte Wasser der Freiberuflichkeit springen

Interview mit Svenja Hofert und Peter Brenner, Existenzgründerberater mit unterschiedlichen Ansätzen

(November 2003)

Svenja Hofert

Peter Brenner

Svenja Hofert
freiberufliche
Journalistin, Coach
Peter Brenner
Existenzgründungs-berater und Coach

7.221 Freiberufler haben sich von Januar bis einschließlich September 2003 in die GULP Profiledatenbank eingetragen, für die meisten von ihnen war es der erste Schritt in die Freiberuflichkeit. Es geht um Existenzgründung in einer Zeit, in der die wirtschaftliche Situation allgemein alles andere als rosig ist. GULP fragte zwei Spezialisten zu diesem Thema: Peter Brenner und Svenja Hofert.

Svenja Hofert, die ihr Büro in Pinneberg hat, tanzt gekonnt auf mehreren „Hochzeiten“ im IT-Projektmarkt. Als freie Journalistin (u. a. für die VDI-Nachrichten und die Computer Zeitung) beleuchtet sie kritisch die Hintergründe, als Coach, Trainerin und Beraterin unterstützt sie vorwiegend Existenzgründer in den Bereichen IT und Marketing.


Als Informatiker kennt Peter Brenner die Rahmenbedingungen des Berufsbildes eines IT-Freiberuflers, als Existenzgründungsberater und Coach steht er IT-Freiberuflern von der Planung über die Anerkennung als Freiberufler bis zur Betriebsprüfung zur Seite. Der Kölner ist außerdem Sachverständiger im Bereich Informatik und erstellt Gutachten für Finanzämter und –gerichte zum Thema Freiberuflichkeit.

 

GULP Frau Hofert, Herr Brenner, die GULP Zahlen sprechen von einer deutlichen Zunahme der IT-Freiberufler. Woher kommen die „Neuen“ Ihrer Meinung nach?

Hofert

Die meisten neuen Existenzgründer kommen ohne Zweifel aus der Festanstellung. Gerade in den vergangenen Monaten bin ich verstärkt tätig in der Outplacement-Beratung, unterstütze also im Auftrag der Unternehmen deren Mitarbeiter, die entlassen werden. Und das sind oft IT-Experten im so genannten reiferen Alter, welche die 40 schon überschritten haben.
Brenner

>> Daneben gibt es auch
     immer mehr junge Leute. <<

Dem kann ich nur zustimmen. Der Großteil der IT-Experten, die zu mir kommen, sind ältere Personen, die in der Regel ihren Angestelltenjob verloren haben und die nun in Ermangelung an Alternativen gezwungenermaßen in die Freiberuflichkeit wechseln. Daneben gibt es aber auch immer mehr junge Leute, die frisch von der Uni in die Selbstständigkeit wollen – ein neuer Trend, der früher eher unüblich war.
GULP Haben die Jungen überhaupt eine Chance, sich gegen die Erfahrung der Älteren durchzusetzen?

Brenner

Es stimmt schon, dass hier fehlendes Know-how und mangelnde Erfahrung ein Problem darstellen können. Andererseits wird der Projektmarkt heutzutage vielfach über den Preis reguliert. Und hier haben dann die Jüngeren mit oftmals niedrigeren Stundensätzen wieder Vorteile.
GULP Können im Gegenzug ältere IT-Experten als „Neue“ im Markt bestehen?
Brenner Tatsächlich ist es so, dass viele, die aus einer langjährigen Festanstellung kommen, ein Motivationsproblem haben. Es ist ja für diese eine völlig andere Umgebung, in der sie nun aktiv werden müssen – was vor allem jenseits der 50 keine leichte Sache ist. Wenn Festangestellte vielleicht schon an die Rente denken, müssen die älteren Neueinsteiger in der Freiberuflichkeit noch einmal von vorne beginnen.
Hofert

>> Ohne Selbstbewusstsein
zum Scheitern verurteilt. <<

Das ist für viele wirklich ein Problem. Gerade Freiberufler, die gewissermaßen gegen ihren Willen diesen Weg einschlagen müssen, sind oftmals verunsichert und tun sich schwer mit neuen Zielen. In Seminare begegne ich immer wieder diesem Typus, der sich weniger um die Chancen Gedanken macht, sondern vielmehr die Aussichtslosigkeit seines Vorhabens in den Mittelpunkt stellt. Aber ohne ein gehöriges Maß an Selbstbewusstsein ist die Freiberuflichkeit von vorneherein zum Scheitern verurteilt.
GULP Im Zuge der Outplacement-Beratung – treffen Sie da auf viele solcher „aussichtslosen“ Kandidaten?
Hofert Nein, in solchen Situationen beobachte ich meist sogar das Gegenteil: Die Leute wissen oft sehr genau, was sie wollen. Den frei gesetzten IT-Experten biete ich eher eine Begleitung in die Freiberuflichkeit, als eine Art „Sparringpartner“, der hilft, selbst gesetzte Ziele zu erreichen.
GULP Und welche Fragen sind das?
Hofert Interessanterweise fragen alle nach der Ich AG, obwohl sich eigentlich längst herum gesprochen haben müsste, dass diese Art der Förderung kein Thema für IT-Freiberufler ist, weil Existenzgründer aus der IT-Branche oft ein höheres Arbeitslosengeld bekommen, bei dem sich Überbrückungsgeld schon rein rechnerisch mehr lohnt.
GULP Und warum ist das nicht bekannt?
Hofert Das liegt meines Erachtens eindeutig an den ungenauen und inkompetenten Auskünften, die ein Existenzgründer vielfach bei der zuständigen Behörde erhält. Ob Ich AG oder Überbrückungsgeld – wer mal beim Arbeitsamt nachgefragt hat, ist danach oftmals erst so richtig verunsichert.
Brenner

>> Irrtümer und Fehlmeldungen machen die Runde. <<

Ein Problem, das man nur unterstreichen kann. Ob Fördermöglichkeiten, Gewerbesteuer, Scheinselbstständigkeit, Rentenversicherung oder Betriebsprüfung – es ist manchmal erschütternd, welche Irrtümer und Fehlmeldungen die Runde machen. Dazu tragen Politik, öffentliche Anlaufstellen und sogar manche Steuerberater bei, die einerseits die Diskussion anheizen, andererseits aber offensichtlich selbst häufig den Überblick verloren haben. Die Folge für die IT-Freiberufler, ob sie nun Existenzgründer sind oder ihre Existenz sichern wollen: Sie begehen von Anfang an Fehler, die z. B. bei einer Betriebsprüfung durch das Finanzamt oder die BfA bestraft werden. Betriebsprüfungen finden auch bei Einzelunternehmern immer häufiger statt.
Fehlerhaft sind beispielsweise die Homepage, die Geschäftsausstattung, die Rechnungen oder auch abgeschlossene Verträge. Die Rentenversicherungspflicht lässt sich durch den Einsatz eines Büroservice verhindern.
GULP Derzeit ist ja die Gewerbesteuer für alle Freiberufler ein großes Thema.
Brenner Das stimmt und allen Entwartungen zum Trotz kann ich alle IT-Freiberufler nur davor warnen, das Thema auf die leichte Schulter zu nehmen. Wer die Diskussion in der Presse verfolgt, konnte zum Beispiel gerade erst erfahren, dass einige von der CDU geführten Bundesländer der Gewerbesteuer grundsätzlich zustimmen wollen – aber nur, wenn die Bundesregierung darauf verzichtet, die Freiberufler in die Gewerbesteuer mit einzubeziehen. Und wenn man den Meldungen Glauben schenken darf, dann sind die SPD-Länderfinanzminister zu diesem Kompromiss bereit.
GULP Was bedeutet das für die IT-Freiberufler?
Brenner Dass sie besonders vorsichtig im Umgang mit den Finanzbehörden sein müssen, denn es ist verstärkt mit Betriebsprüfungen zu rechnen. Außerdem müssen sie darauf achten, dass sie ihren Freiberufler-Status sichern.
GULP Ein IT-Freiberufler muss also von Beginn an auf jede Menge achten, wird aber oft nur von den Auskünften verwirrt. Was kann er dagegen tun?
Brenner

>> Existenzgründungsberatung    vom Staat gefördert. <<

Natürlich steht die fortlaufende Information am Anfang und am Ende aller Selbstständigkeit. Von Fachliteratur über Auskünfte bei IHK-Seminaren bis zur Nachfrage bei Existenzgründerbüros – an allgemeine Auskünfte kommt man vergleichsweise leicht heran. Aber es ist auch so, das die speziellen Probleme und Anliegen eines IT-Freiberuflers hier kaum unterstützt werden.
Ohne Eigenwerbung machen zu wollen, kann ich neben der Nutzung vorhandener Netzwerke vor allem die Unterstützung durch einen professionellen Berater empfehlen. Nicht nur, dass die Existenzgründungsberatung vom Staat mit 50 Prozent der Kosten gefördert wird, hier erfährt der IT-Freiberufler das Nötige über strategische Planung, Business-Plan oder andere wichtige betriebswirtschaftliche Erfordernisse. Bedeutend sind ebenso die Altersvorsorge, Versicherungsfragen, Haftungsproblematiken, Vertragsgestaltung und die steuerliche Modellierung in den ersten drei Jahren. Außerdem überzeugt eine gutachterliche Stellung innerhalb der Beratung regelmäßig das Finanzamt und die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA).
GULP Ist eine solche Vorbereitung nicht ein wenig überdimensioniert für einen „einfachen“ IT-Freiberufler?
Brenner Keineswegs, denn gerade im schwierigen Markt fallen die Projekte nicht einfach vom Himmel. Der IT-Freiberufler muss vorbereitet sein und genau wissen, was er Schritt für Schritt zu tun hat. Viele fehlerhafte Maßnahmen können später kaum bereinigt werden, ohne erhebliche wirtschaftliche Verluste in Kauf zu nehmen.
GULP Frau Hofert, Sie schreiben gerade an einem nach eigenen Aussagen „ungewöhnlichen Handbuch für Existenzgründer“. Was soll man sich darunter vorstellen?
Hofert Gehen Sie einmal in einen Buchladen und suchen als IT-Freiberufler nach einem Buch über Existenzgründungen. Sie werden jede Menge Literatur finden und schon bald feststellen, dass die Bücher fast alle nach dem selben Prinzip und fast alle für große Existenzgründungen geschrieben worden sind.
GULP Und das bedeutet?
Hofert

>> Seine reale Situation
   ist meist ganz anders. <<

Dass sich ein IT-Freiberufler gar nicht wiederfindet. Seine reale Situation mit all den Fragen und Schwierigkeiten ist meist ganz anders. Natürlich, Steuern, Recht und Buchhaltung sind wichtige Eckpfeiler einer Existenzgründung – aber ebenfalls wesentliche Kriterien wie Persönlichkeit und Charaktereigenschaften werden meist sträflich vernachlässigt. Und diese werden in meinem Buch einen Großteil einnehmen; unter anderem werden viele Erfahrungsberichte von erfolgreichen und auch gescheiterten Existenzgründern reichlich Material und Hilfestellung für den eigenen Weg in die Selbstständigkeit geben.
GULP Es kommt also bei einer Existenzgründung auf die Persönlichkeit an?
Hofert Selbstverständlich. Nehmen wir zum Beispiel das Durchhaltevermögen, das unbedingte Voraussetzung dafür ist, dass man gerade in der schwierigen Anfangszeit einer Existenzgründung unbedingt braucht. Ich wage sogar zu behaupten, dass nicht so sehr die originelle Idee für einen Geschäftserfolg ausschlaggebend ist, sondern vielmehr die Fähigkeit, seine Idee dauerhaft auf dem Markt zu verteidigen.
GULP Die Idee bzw. das fachlich Besondere ist also weniger wichtiger als der Charakter des Selbstständigen?
Hofert Sehen Sie, in fast allen Leitfäden wird fast ausschließlich der viel zitierte USP (Alleinstellungsmerkmal) beschworen und damit die Erwartungshaltung bei Existenzgründern erzeugt, dass mit einer guten Idee oder einer seltenen fachlichen Qualifikation der Erfolg schon gesichert sei. Fast nirgends steht aber geschrieben, dass diese Idee auch mit viel Elan und ausreichender Vorbereitung erst einmal verkauft werden muss. Und wenn wir ehrlich zueinander sind, müssen wir zugeben, dass die wenigsten eine solche besondere Qualifikation besitzen – zumal in der derzeitigen Marktsituation davon ausgegangen werden muss, dass jeder mit einer Vielzahl von Mitbewerbern rechnen muss.
GULP Was also ist wichtig, um als IT-Freiberufler bestehen zu können?
Hofert Eindeutig ausgeprägte „Nehmerqualitäten“. Nur wenige werden von Beginn ihrer Existenzgründung an auf einer Erfolgswelle schwimmen, die meisten Selbstständigen müssen Rückschläge hinnehmen und immer wieder aufstehen können. Es braucht viel Selbstbewusstsein und eine felsenfeste Überzeugung, dass man es schafft. Nur dann kann ein Existenzgründer gerade die schwierige Anfangsphase überstehen und sich gegenüber Kunden auch richtig verkaufen.
Brenner

>> Bedeutung der Selbst-      vermarktung darf nicht       unterschätzt werden. <<

Die Bedeutung der Selbstvermarktung darf nicht unterschätzt werden. Eine Beratung kann hier wertvolle Tipps geben, aber der Freiberufler muss auch einige Eigenschaften von selbst mitbringen. Er muss auf die Kunden zugehen können und sollte keine allzu großen Probleme dabei haben, sich auszudrücken. Des weiteren sind Teamfähigkeit, Belastbarkeit, Einsatzwillen und Flexibilität ausgesprochen wichtig – eben die weichen Skills und nicht nur Fachwissen. Denn Fachwissen haben alle mehr oder weniger.
GULP Würden Sie einem IT-Freiberufler raten, auf aktuelle Ströme in der IT-Landschaft zu reagieren?
Brenner Ich will das nötige IT-Können keineswegs abwerten, aber grundsätzlich bin ich der Meinung, dass es auf dem Weg zum Erfolg weniger darum geht, welche Themen gerade gefragt sind. Ich persönlich halte nichts von Modethemen, sondern bin überzeugt von einer soliden Fachlichkeit, die im Zentrum eines Gesamtansatzes steht. Da gehören effektives Marketing ebenso dazu wie eine gründliche Planung, eine lückenlose und ordnungsgemäße Buchhaltung sowie ein konservatives Kostenbewusstsein. Teure Büroeinrichtung, exklusives Firmenauto und überdimensionierte Hotelkosten – auf all das sollte man gerade zu Beginn verzichten, denn die Ausgaben laufen auch dann weiter, wenn die Einnahmen sinken.
Hofert

>> Sich überlegen, im Team
zu arbeiten. <<

Auch wenn es die wenigsten Selbstständigen praktizieren, sollten Existenzgründer sich überlegen, im Team zu denken und zu arbeiten. Es muss ja nicht gleich eine GbR oder eine GmbH sein – es gibt genügend Beispiele, in denen freie Netzwerke unterschiedliche Kompetenzen bündeln, gegenseitig die Kontakte nutzen und letztendlich gemeinsam weit mehr Überzeugungskraft besitzen als einer allein.
GULP Herr Brenner, Frau Hofert, haben Sie zum Schluss noch einen „letzten“ Tipp für Existenzgründer?
Brenner

>> Niedriger beginnen und        Steigerungskomponente vereinbaren. <<

Da die Stundensätze immer mehr zum zentralen Thema im IT-Projektmarkt werden, rate ich den IT-Freiberuflern zu einer realistischen Marktsicht sowie zur Flexibilität bei den eigenen Honorarforderungen. Zuerst niedriger beginnen und eine Steigerungskomponente vereinbaren – diese Strategie wird oft belohnt.
Hofert Nun, ein Existenzgründer sollte auf keinen Fall seine privaten Rahmenbedingungen außer Acht lassen. Eine Selbstständigkeit bedeutet immer auch Probleme und Belastungen für eine Partnerschaft. Weniger Zeit, oftmals kein Urlaub und schließlich finanzielle Engpässe – da sollte man auf Verständnis und Rückhalt im privaten Umfeld setzen können, ansonsten wird es noch schwieriger.
GULP Sehr geehrte Frau Hofert, sehr geehrter Herr Brenner, vielen Dank für das Gespräch.

 

Nähere Informationen zum Thema bei:

Svenja Hofert, E-Mail: hofert@netzwerk-buero.de, www.netzwerk-buero.de extern,
Peter Brenner, E-Mail: peterbrenner@t-online.de, www.svkanzlei.de extern.

 

Kommentare zu diesem Artikel:

"great advice for starters looking for better perspectives . (September 2004)"

"Die Bedeutung der Qualifikation sehe ich - besonders in schlechten Zeiten - ganz anders: wer nicht genau das Superspezial-Tool der Firma XYZ-Unbekannt seit mindestens 50 Jahren bis zum Erbrechen bedient hat, scheidet von vorne herein aus. Da mag er noch so teamfähig, motiviert und belastbar sein. Er kommt er gar nicht mal dazu, es zu beweisen. Zudem werden die "Soft Skills" schlichtweg vorausgesetzt. (März 2004)"

"Es kommt vor, dass in verschiedenen Projekten nicht die Kompetenz sondern die Kenntnisse von Tools in den Vordergrund gerückt werden. Die ist ein grosses Problem für Freiberufler, die aus einer Festanstellung kommen und vorher nur einen speziellen Aufgabenbereich bearbeitet haben. Es ist aber schwierig, seine Fähigkeiten, die sich nicht als abhakbare Punkte im CV darstellen lassen, zu präsentieren. Darum ist es wichtig, dass einem die Puste nicht ausgeht, bis der erste Kontrakt abgeschlossen werden kann. Und dies nicht nur in finanzieller Hinsicht sondern auch im Sinner der Motivation. (November 2003)"

"Die Idee, zwei Perspektiven zu Wort kommen zu lassen, finde ich sehr gut. Sollte man öfter machen. mfg K. Graf (November 2003)"


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