| GULP |
Frau Hofert, Herr Brenner, die
GULP Zahlen sprechen von einer deutlichen Zunahme der IT-Freiberufler.
Woher kommen die „Neuen“ Ihrer Meinung nach? |
| Hofert |
Die meisten neuen Existenzgründer kommen ohne
Zweifel aus der Festanstellung. Gerade in den vergangenen Monaten
bin ich verstärkt tätig in der Outplacement-Beratung, unterstütze
also im Auftrag der Unternehmen deren Mitarbeiter, die entlassen werden.
Und das sind oft IT-Experten im so genannten reiferen Alter, welche
die 40 schon überschritten haben. |
| Brenner |
>> Daneben gibt es auch
immer mehr junge Leute.
<< |
|
Dem kann ich nur zustimmen. Der Großteil der IT-Experten, die
zu mir kommen, sind ältere Personen, die in der Regel ihren Angestelltenjob
verloren haben und die nun in Ermangelung an Alternativen gezwungenermaßen
in die Freiberuflichkeit wechseln. Daneben gibt es aber auch immer
mehr junge Leute, die frisch von der Uni in die Selbstständigkeit
wollen – ein neuer Trend, der früher eher unüblich
war. |
| GULP |
Haben die Jungen überhaupt
eine Chance, sich gegen die Erfahrung der Älteren durchzusetzen? |
| Brenner |
Es stimmt schon, dass hier fehlendes Know-how und mangelnde
Erfahrung ein Problem darstellen können. Andererseits wird der
Projektmarkt heutzutage vielfach über den Preis reguliert. Und
hier haben dann die Jüngeren mit oftmals niedrigeren Stundensätzen
wieder Vorteile. |
| GULP |
Können im Gegenzug ältere IT-Experten
als „Neue“ im Markt bestehen? |
| Brenner |
Tatsächlich ist es so, dass viele, die aus einer
langjährigen Festanstellung kommen, ein Motivationsproblem haben.
Es ist ja für diese eine völlig andere Umgebung, in der
sie nun aktiv werden müssen – was vor allem jenseits der
50 keine leichte Sache ist. Wenn Festangestellte vielleicht schon
an die Rente denken, müssen die älteren Neueinsteiger in
der Freiberuflichkeit noch einmal von vorne beginnen. |
| Hofert |
>> Ohne Selbstbewusstsein zum Scheitern verurteilt. << |
|
Das ist für viele wirklich ein Problem. Gerade
Freiberufler, die gewissermaßen gegen ihren Willen diesen Weg
einschlagen müssen, sind oftmals verunsichert und tun sich schwer
mit neuen Zielen. In Seminare begegne ich immer wieder diesem Typus,
der sich weniger um die Chancen Gedanken macht, sondern vielmehr die
Aussichtslosigkeit seines Vorhabens in den Mittelpunkt stellt. Aber
ohne ein gehöriges Maß an Selbstbewusstsein ist die Freiberuflichkeit
von vorneherein zum Scheitern verurteilt. |
| GULP |
Im Zuge der Outplacement-Beratung
– treffen Sie da auf viele solcher „aussichtslosen“
Kandidaten? |
| Hofert |
Nein, in solchen Situationen beobachte ich meist sogar das Gegenteil:
Die Leute wissen oft sehr genau, was sie wollen. Den frei gesetzten
IT-Experten biete ich eher eine Begleitung in die Freiberuflichkeit,
als eine Art „Sparringpartner“, der hilft, selbst gesetzte
Ziele zu erreichen. |
| GULP |
Und welche Fragen sind das? |
| Hofert |
Interessanterweise fragen alle nach der Ich AG, obwohl
sich eigentlich längst herum gesprochen haben müsste, dass
diese Art der Förderung kein Thema für IT-Freiberufler ist,
weil Existenzgründer aus der IT-Branche oft ein höheres
Arbeitslosengeld bekommen, bei dem sich Überbrückungsgeld
schon rein rechnerisch mehr lohnt. |
| GULP |
Und warum ist das nicht bekannt? |
| Hofert |
Das liegt meines Erachtens eindeutig an den ungenauen
und inkompetenten Auskünften, die ein Existenzgründer vielfach
bei der zuständigen Behörde erhält. Ob Ich AG oder
Überbrückungsgeld – wer mal beim Arbeitsamt nachgefragt
hat, ist danach oftmals erst so richtig verunsichert. |
| Brenner |
>> Irrtümer und Fehlmeldungen
machen die Runde. << |
|
Ein Problem, das man nur unterstreichen kann. Ob
Fördermöglichkeiten, Gewerbesteuer, Scheinselbstständigkeit,
Rentenversicherung oder Betriebsprüfung – es ist manchmal
erschütternd, welche Irrtümer und Fehlmeldungen die Runde
machen. Dazu tragen Politik, öffentliche Anlaufstellen und
sogar manche Steuerberater bei, die einerseits die Diskussion anheizen,
andererseits aber offensichtlich selbst häufig den Überblick
verloren haben. Die Folge für die IT-Freiberufler, ob sie nun
Existenzgründer sind oder ihre Existenz sichern wollen: Sie
begehen von Anfang an Fehler, die z. B. bei einer Betriebsprüfung
durch das Finanzamt oder die BfA bestraft werden. Betriebsprüfungen
finden auch bei Einzelunternehmern immer häufiger statt.
Fehlerhaft sind beispielsweise die Homepage, die Geschäftsausstattung,
die Rechnungen oder auch abgeschlossene Verträge. Die Rentenversicherungspflicht
lässt sich durch den Einsatz eines Büroservice verhindern. |
| GULP |
Derzeit ist ja die Gewerbesteuer für alle Freiberufler
ein großes Thema. |
| Brenner |
Das stimmt und allen Entwartungen zum Trotz kann ich
alle IT-Freiberufler nur davor warnen, das Thema auf die leichte Schulter
zu nehmen. Wer die Diskussion in der Presse verfolgt, konnte zum Beispiel
gerade erst erfahren, dass einige von der CDU geführten Bundesländer
der Gewerbesteuer grundsätzlich zustimmen wollen – aber
nur, wenn die Bundesregierung darauf verzichtet, die Freiberufler
in die Gewerbesteuer mit einzubeziehen. Und wenn man den Meldungen
Glauben schenken darf, dann sind die SPD-Länderfinanzminister
zu diesem Kompromiss bereit. |
| GULP |
Was bedeutet das für die IT-Freiberufler? |
| Brenner |
Dass sie besonders vorsichtig im Umgang mit den Finanzbehörden
sein müssen, denn es ist verstärkt mit Betriebsprüfungen
zu rechnen. Außerdem müssen sie darauf achten, dass sie
ihren Freiberufler-Status sichern. |
| GULP |
Ein IT-Freiberufler muss also von Beginn an auf
jede Menge achten, wird aber oft nur von den Auskünften verwirrt.
Was kann er dagegen tun? |
| Brenner |
>> Existenzgründungsberatung
vom Staat gefördert. <<
|
|
Natürlich steht die fortlaufende Information
am Anfang und am Ende aller Selbstständigkeit. Von Fachliteratur
über Auskünfte bei IHK-Seminaren bis zur Nachfrage bei
Existenzgründerbüros – an allgemeine Auskünfte
kommt man vergleichsweise leicht heran. Aber es ist auch so, das
die speziellen Probleme und Anliegen eines IT-Freiberuflers hier
kaum unterstützt werden.
Ohne Eigenwerbung machen zu wollen, kann ich neben der Nutzung vorhandener
Netzwerke vor allem die Unterstützung durch einen professionellen
Berater empfehlen. Nicht nur, dass die Existenzgründungsberatung
vom Staat mit 50 Prozent der Kosten gefördert wird, hier erfährt
der IT-Freiberufler das Nötige über strategische Planung,
Business-Plan oder andere wichtige betriebswirtschaftliche Erfordernisse.
Bedeutend sind ebenso die Altersvorsorge, Versicherungsfragen, Haftungsproblematiken,
Vertragsgestaltung und die steuerliche Modellierung in den ersten
drei Jahren. Außerdem überzeugt eine gutachterliche Stellung
innerhalb der Beratung regelmäßig das Finanzamt und die
Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA). |
| GULP |
Ist eine solche Vorbereitung nicht ein wenig überdimensioniert
für einen „einfachen“ IT-Freiberufler? |
| Brenner |
Keineswegs, denn gerade im schwierigen Markt fallen
die Projekte nicht einfach vom Himmel. Der IT-Freiberufler muss vorbereitet
sein und genau wissen, was er Schritt für Schritt zu tun hat.
Viele fehlerhafte Maßnahmen können später kaum bereinigt
werden, ohne erhebliche wirtschaftliche Verluste in Kauf zu nehmen. |
| GULP |
Frau Hofert, Sie schreiben gerade an einem nach
eigenen Aussagen „ungewöhnlichen Handbuch für Existenzgründer“.
Was soll man sich darunter vorstellen? |
| Hofert |
Gehen Sie einmal in einen Buchladen und suchen als
IT-Freiberufler nach einem Buch über Existenzgründungen.
Sie werden jede Menge Literatur finden und schon bald feststellen,
dass die Bücher fast alle nach dem selben Prinzip und fast alle
für große Existenzgründungen geschrieben worden sind.
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| GULP |
Und das bedeutet? |
| Hofert |
>> Seine reale Situation ist meist ganz anders. << |
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Dass sich ein IT-Freiberufler gar nicht wiederfindet.
Seine reale Situation mit all den Fragen und Schwierigkeiten ist meist
ganz anders. Natürlich, Steuern, Recht und Buchhaltung sind wichtige
Eckpfeiler einer Existenzgründung – aber ebenfalls wesentliche
Kriterien wie Persönlichkeit und Charaktereigenschaften werden
meist sträflich vernachlässigt. Und diese werden in meinem
Buch einen Großteil einnehmen; unter anderem werden viele Erfahrungsberichte
von erfolgreichen und auch gescheiterten Existenzgründern reichlich
Material und Hilfestellung für den eigenen Weg in die Selbstständigkeit
geben. |
| GULP |
Es kommt also bei einer Existenzgründung auf
die Persönlichkeit an? |
| Hofert |
Selbstverständlich. Nehmen wir zum Beispiel das
Durchhaltevermögen, das unbedingte Voraussetzung dafür ist,
dass man gerade in der schwierigen Anfangszeit einer Existenzgründung
unbedingt braucht. Ich wage sogar zu behaupten, dass nicht so sehr
die originelle Idee für einen Geschäftserfolg ausschlaggebend
ist, sondern vielmehr die Fähigkeit, seine Idee dauerhaft auf
dem Markt zu verteidigen. |
| GULP |
Die Idee bzw. das fachlich Besondere ist also weniger
wichtiger als der Charakter des Selbstständigen? |
| Hofert |
Sehen Sie, in fast allen Leitfäden wird fast ausschließlich
der viel zitierte USP (Alleinstellungsmerkmal) beschworen und damit
die Erwartungshaltung bei Existenzgründern erzeugt, dass mit
einer guten Idee oder einer seltenen fachlichen Qualifikation der
Erfolg schon gesichert sei. Fast nirgends steht aber geschrieben,
dass diese Idee auch mit viel Elan und ausreichender Vorbereitung
erst einmal verkauft werden muss. Und wenn wir ehrlich zueinander
sind, müssen wir zugeben, dass die wenigsten eine solche besondere
Qualifikation besitzen – zumal in der derzeitigen Marktsituation
davon ausgegangen werden muss, dass jeder mit einer Vielzahl von Mitbewerbern
rechnen muss. |
| GULP |
Was also ist wichtig, um als IT-Freiberufler bestehen
zu können? |
| Hofert |
Eindeutig ausgeprägte „Nehmerqualitäten“.
Nur wenige werden von Beginn ihrer Existenzgründung an auf einer
Erfolgswelle schwimmen, die meisten Selbstständigen müssen
Rückschläge hinnehmen und immer wieder aufstehen können.
Es braucht viel Selbstbewusstsein und eine felsenfeste Überzeugung,
dass man es schafft. Nur dann kann ein Existenzgründer gerade
die schwierige Anfangsphase überstehen und sich gegenüber
Kunden auch richtig verkaufen. |
| Brenner |
>> Bedeutung der Selbst-
vermarktung darf nicht
unterschätzt werden. <<
|
|
Die Bedeutung der Selbstvermarktung darf nicht unterschätzt
werden. Eine Beratung kann hier wertvolle Tipps geben, aber der Freiberufler
muss auch einige Eigenschaften von selbst mitbringen. Er muss auf
die Kunden zugehen können und sollte keine allzu großen
Probleme dabei haben, sich auszudrücken. Des weiteren sind Teamfähigkeit,
Belastbarkeit, Einsatzwillen und Flexibilität ausgesprochen wichtig
– eben die weichen Skills und nicht nur Fachwissen. Denn Fachwissen
haben alle mehr oder weniger. |
| GULP |
Würden Sie einem IT-Freiberufler raten, auf
aktuelle Ströme in der IT-Landschaft zu reagieren? |
| Brenner |
Ich will das nötige IT-Können keineswegs
abwerten, aber grundsätzlich bin ich der Meinung, dass es auf
dem Weg zum Erfolg weniger darum geht, welche Themen gerade gefragt
sind. Ich persönlich halte nichts von Modethemen, sondern bin
überzeugt von einer soliden Fachlichkeit, die im Zentrum eines
Gesamtansatzes steht. Da gehören effektives Marketing ebenso
dazu wie eine gründliche Planung, eine lückenlose und ordnungsgemäße
Buchhaltung sowie ein konservatives Kostenbewusstsein. Teure Büroeinrichtung,
exklusives Firmenauto und überdimensionierte Hotelkosten –
auf all das sollte man gerade zu Beginn verzichten, denn die Ausgaben
laufen auch dann weiter, wenn die Einnahmen sinken. |
| Hofert |
>> Sich überlegen,
im Team zu arbeiten. << |
|
Auch wenn es die wenigsten Selbstständigen praktizieren,
sollten Existenzgründer sich überlegen, im Team zu denken
und zu arbeiten. Es muss ja nicht gleich eine GbR oder eine GmbH sein
– es gibt genügend Beispiele, in denen freie Netzwerke
unterschiedliche Kompetenzen bündeln, gegenseitig die Kontakte
nutzen und letztendlich gemeinsam weit mehr Überzeugungskraft
besitzen als einer allein. |
| GULP |
Herr Brenner, Frau Hofert, haben Sie zum Schluss
noch einen „letzten“ Tipp für Existenzgründer? |
| Brenner |
>> Niedriger beginnen und
Steigerungskomponente vereinbaren.
<<
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Da die Stundensätze immer mehr zum zentralen Thema
im IT-Projektmarkt werden, rate ich den IT-Freiberuflern zu einer
realistischen Marktsicht sowie zur Flexibilität bei den eigenen
Honorarforderungen. Zuerst niedriger beginnen und eine Steigerungskomponente
vereinbaren – diese Strategie wird oft belohnt. |
| Hofert |
Nun, ein Existenzgründer sollte auf keinen Fall
seine privaten Rahmenbedingungen außer Acht lassen. Eine Selbstständigkeit
bedeutet immer auch Probleme und Belastungen für eine Partnerschaft.
Weniger Zeit, oftmals kein Urlaub und schließlich finanzielle
Engpässe – da sollte man auf Verständnis und Rückhalt
im privaten Umfeld setzen können, ansonsten wird es noch schwieriger.
|
| GULP |
Sehr geehrte Frau Hofert, sehr geehrter Herr Brenner,
vielen Dank für das Gespräch. |
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