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Da bin ich anderer Meinung... – richtig kritisieren

Der Aufbau von Vertrauen ist der erste Schritt / Die "Goldene Regel" für Kritik

(August 2004)
Inhalt dieses Artikels:
Einflussreiche Rahmenbedingungen | Gesprächsführung und sprachliche Diplomatie | Ein Beispiel | Sachliche Kritik in drei Schritten | Mit entspannter Haltung
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Auf dem Weg zur Perfektion. Wenn ein IT-Freiberufler im Projekt Verbesserungsvorschläge hat, vielleicht sogar Kritik üben will – dann droht am Projekthorizont oft Ärger. Wie man ihn vermeidet und dennoch seine Meinung vertritt – dies legt für GULP die Kommunikationstrainerin Eva Neumann dar:

Wer als Experte zu einem beginnenden oder laufenden IT-Projekt gerufen wird, befindet sich den Auftraggebern und den firmeninternen Kollegen gegenüber schnell in einer zwiespältigen Rolle: Einerseits gehört es zur bezahlten Aufgabe, kritisch auf vorhandene Sachverhalte zu schauen und Verbesserungen vorzuschlagen. Andererseits hört kein sich verantwortlich fühlenden Projektmitarbeiter gerne Kritik. Die Folge: Zwischen dem Freiberufler und den internen Mitarbeitern bzw. dem Projektleiter kommt es unversehens zu Spannungen.

Kritik zu üben als externer Berater ist eine diplomatische Herausforderung: Der Projektleiter, der das Projekt gegenüber den eigenen Vorgesetzten zu verantworten hat, ist interessiert daran, nicht an Gesicht zu verlieren. Die internen Kollegen stellen Mutmaßungen über das hohe Gehalt des Beraters an – und sehen seine Äußerungen und Verhaltensweisen durch einen besonders kritischen "Filter". Der "Externe" ist wiederum wirtschaftlich abhängig vom Erfolg seiner Arbeit. Angesichts des Konkurrenzdrucks gegenüber Mitbewerbern ist eine gute Beziehung zum Kunden existenziell wichtig.

Wie kann man also Kritik äußern – so deutlich und gehaltvoll, dass es der Aufgabe und dem eigenen Image dient, und zugleich so diplomatisch, dass die Anregungen auch angenommen und umgesetzt werden?

 

Einflussreiche Rahmenbedingungen
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1. Das Vertrauen des Kunden:
Kein noch so professioneller Verbesserungsvorschlag, keine noch so gewählt formulierte Kritik kann fehlendes Vertrauen wettmachen. Die erste Herausforderung für den Berater ist es, zunächst diese Basis zu schaffen. Dazu trägt bei:
o
eine spezifische Klärung des Auftrags, der für den Berater aus eigener Kraft zu erfüllen ist und dessen Erfolgsergebnisse für den Kunden anhand von vereinbarten Kriterien messbar werden.
o
eine positive Selbstpräsentation, aus der die Qualifikation und die Teamfähigkeit des Beraters deutlich wird (guter Ruf durch Empfehlung, Referenzen, erfolgreich abgeschlossene Projekte in der Vergangenheit, professionelle Gesprächsführung und persönlicher Kontakt zum Kunden), und nicht zuletzt
o
gutes Zuhören: Der Auftraggeber und die Mitarbeiter haben aus der Vergangenheit bereits Erfahrungen mit externen Mitarbeitern gemacht, welche sich als Vorurteil gegenüber dem "neuen" auswirken können. Offenes Zuhören und Nachfragen bieten die Chance, sensible Punkte in der Zusammenarbeit vorab kennen zu lernen, Fallstricke rechtzeitig zu entdecken und die Interessen und Bedürfnisse eines Projektteams zu orten und sie entsprechend zu berücksichtigen.

2. Bisherige Problemlösungsansätze:
Welche Lösungsansätze wurden schon ausprobiert? Mit welchem Ergebnis? Das sind zentrale Fragen, die der externe Berater stellen sollte, bevor er selbst Kritik übt und Verbesserungsvorschläge macht. Ansonsten droht ihm die "Ja, aber"- Falle: Der Kunde hat diese Lösung bereits angedacht aber verworfen, jenen Vorschlag hat schon ein anderer Berater gemacht, aber das ging aus Kostengründen nicht... etc.

3. Die Gesprächssituation:
Kritik hat ihren Platz im Rahmen eines vereinbarten Gesprächs zwischen dem Berater und den Betroffenen bzw. den Entscheidern. Hier trifft der Freiberufler auf offenere Ohren als mitten im Geschehen am Arbeitsplatz. "Tür und Angel"-Bemerkungen werden leicht falsch eingeordnet oder missverstanden. Zu empfehlen ist es Gesprächssituationen aufzusuchen, die sich klar auf den Projektauftrag beziehen, d.h. im Rahmen der Planung vorgesehen sind. Die Gesprächspartner haben sich auf das Gespräch eingestellt und sind weniger abgelenkt. In vereinbarten Rückmeldegesprächen ist den meisten Teilnehmenden bewusst, dass der Berater sich auf der Basis gemeinsamer Ziele mit dem Auftraggeber bewegt, auf die er sich dann immer wieder berufen kann.

 

 

Gesprächsführung und sprachliche Diplomatie
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Die "Schlüsselqualifikation" für konstruktive Kritik besteht letztendlich aus zwei Komponenten: Zum ersten in der Haltung und dem Selbstverständnis des Freiberuflers als Berater; und zum zweiten in der sprachlichen Fähigkeit, kritische Sachverhalte nachvollziehbar und wertschätzend mitzuteilen.

Der Berater trägt die Verantwortung für das von ihm übernommene Etappenziel; aber nicht für weiterführende Entscheidungen, die aufgrund der von ihm gelieferten Infos oder Ratschläge gefällt werden. Es mag für weitblickende und erfahrene Berater manchmal frustrierend sein, keinen direkten Einfluss auf die Geschicke des Unternehmens zu haben.

Andererseits ist diese Rolle entlastend – er steuert gewissenhaft seine Perspektive und sein Know-How bei, und das lediglich im Rahmen des vom Kunden gewünschten und bezahlten Umfangs. Der Externe darf ein ihm zugewiesenes Boot steuern – der Kunde ist Kapitän. Ob ein Steuermann mit den Arbeitsbedingungen einverstanden ist, kann er vorab verhandeln oder aus Erfahrung lernen. Nach dem abgeschlossenen Projektauftrag ist der "Externe" im Gegensatz zu den Führungskräften und Mitarbeitern wieder frei.

Die "goldene Regel" für das Äußern für Kritik lautet "Kritisieren so, wie Du kritisiert werden willst". Beschimpfungen, laute ärgerliche Bemerkungen, abwertende Vergleiche sind tabu. Leider werden auch sachliche Mitteilungen oft persönlich verstanden, und eine gut gemeinte sachliche Darstellung eines Problems kann unerwartete Widerstände oder emotionale Reaktionen hervorrufen.

 

 

Ein Beispiel
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Ein Programmierer präsentierte eine neue Methode für den EDV-unterstützten Entwurf von Motorbauteilen, und äußerte vor dem Team: "Das bisher hier angewendete Verfahren ist veraltet; es gibt inzwischen ein leistungsfähigeres und damit kostensparenderes, das ich Ihnen hier nun vorstellen will. Sie werden sehen, dass die vielen Nachbesserungen, die Sie bisher von Hand eingeben mussten, damit überflüssig sind." – Er wunderte sich über die blockierende Haltung und die Ablehnung, die ihm im Verlauf seiner Präsentation entgegenschlug.
Der Programmierer ist in folgende Fallen gelaufen:
o
Der abwertende Vergleich von bisherigen Verfahren mit vorgeschlagenen neuen Verfahren. – Diplomatischer ist es, sowohl die Nachteile als auch die Vorteile des alten Systems wie auch des neuen Systems darzustellen, dann erst eine Empfehlung auszusprechen und das Team zur Diskussion einzuladen.
o
Die fehlende Wertschätzung der bisher vom Team geleisteten Arbeit. – Konkrete und begründete Anerkennung schafft Vertrauen beim internen Team, dass die Kritik des Externen genauso begründet sein wird. Überdies schlucken sich "Bittere Pillen" eher auf einen gut gefüllten als auf leeren Magen. Deshalb geben Sie erst anerkennendes "Feed-Back" über nutzbringende Verhaltensweisen oder fruchtbare Verfahren. Oder um es in einem anderen Bild zu sagen: Wenn der Berater erst durch das Äußern von Anerkennung auf das Beziehungskonto mit dem Kunden einzahlt, macht er keine Schulden, wenn er in Form von Kritik davon abbucht. Schulden sind bekanntlich leichter auf- als abzubauen wegen der hohen anfallenden Zinsen. Schlechte Gefühle auf Seiten der Kritisierten sind ein wahres Handicap für Verbesserungsvorschläge.
o
Die abwertende oder negative Bewertung einer Situation, bevor sie für die Zuhörer konkret und nachvollziehbar dargestellt wurde: "Das bisherige Verfahren ist veraltet" ist eine Bewertung; "In dem von Ihnen angewendeten Verfahren werden folgende Komponenten verwendet... Mir ist aufgefallen, dass es keine Komponente gibt, die... leistet, ist das so richtig?" ist eine nicht-wertende Beschreibung, die damit leichter anzunehmen ist.
 

 

Sachliche Kritik in drei Schritten
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Wer Verbesserungsvorschläge machen will, kann dies auf zwei Wegen konstruktiv tun.
Zum einen geradewegs mit der Problemlösungsformel:
1.
Das Problem wird aufgezeigt (IST-Zustand oder Situation wird skizziert).
2.
Das (gemeinsam definierte) Ziel oder Interesse wird als Maßstab genannt (SOLL).
3.
Die konkrete Verbesserung wird als Weg vom IST zum SOLL vorgeschlagen.

Die Überzeugungskraft dieser Methode liegt darin, dass sie an das Ziel des Auftraggebers anknüpft, und konkrete Vorschläge gemacht werden, ohne jemanden für einen Missstand "anzuklagen".

Die zweite Methode nimmt bezug auf Fehler oder Fehlentscheidungen, die bereits geschehen sind.
1.
Die Situation wird so neutral und sachlich geschildert, dass der Gesprächspartner informiert wird und nachvollziehen kann, was der Berater beobachtet, gehört, ermittelt hat. Der Berater sollte an dieser Stelle nur berichten, nicht bewerten.
2.
Die Folgen des geschilderten Sachverhalts werden nun so aufgezeigt, dass deutlich wird, dass es sich hier um einen Misstand handelt. Die Bewertung eines Sachverhalts, eines Verhaltens oder einer Situation entsteht also aus ihren Folgen. Der Zuhörer kann nun selbst schlussfolgern: Entspricht diese Folge dem Ziel, das ich erreichen will? Oder entstehen Folgen, die ich bisher so nicht gesehen habe und vermeiden will?
3.
Ist diese Einsicht beim Gesprächspartner entstanden, dann ist es ein Leichtes, Vorschläge anzubringen, wie die Situation oder das Problem verbessert werden können. Der Berater wird auf offenere Ohren stoßen, als wenn er mit der Tür ins Haus fällt.
 

 

Mit entspannter Haltung
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Zur Vorbereitung einer kritischen Rückmeldung gehört, dass sich der Berater auf der sachlichen Ebene Gedanken darüber macht, welche Auswirkungen es auf seine Arbeit, auf die Arbeit des Teams und das Unternehmen haben wird, wenn seine Vorschläge nicht umgesetzt werden.

Und natürlich macht es Sinn, auch für sich selbst zu sorgen: Welche Alternativen hat der Externe, wenn seine Kritik nicht gehört wird? Wie will er persönlich damit umgehen? Persönliche Klarheit in dieser Frage führt zu mehr Gelassenheit im Auftreten, und eine entspannte Haltung stellt die Weichen für ein sachliches und damit erfolgsversprechendes Kritikgespräch.

 


Nähere Informationen zum Thema und zur Autorin bei study & train extern.
Die Autorin behält sich alle Rechte am Artikel vor. © 2004 Eva Neumann

 

 

Kommentare zu diesem Artikel:

"Nach meiner Erfahrung ist es fast immer möglich, eigene Verbesserungen vorzuschlagen und auch kritischere Beurteilungen des Ist-Zustandes vorzubringen. Voraussetzung: die internen Kollegen müssen spüren, daß wir auch uns selbst durchaus kritisch gegenübestehen und auch mal die eigenen Bemühungen hinterfragen, die ja auch nicht immer das Gelbe vom Ei sein müssen. (nach dem Motto: das habe ich mir kürzlich so überlegt, bisher habe ich das auch nicht so richtig beurteilt) (September 2004)"

"Vielleicht sollte man aber auch mal das Grundproblem betrachten und die Menschen dazubringen etwas aufgeschlossener auch negativer Kritik gegenüberzustehen. (September 2004)"

"Hilfreich (September 2004)"

"Netter Artikel den insbesondere die Choleriker unter den Freiberuflern genau studieren sollten. Man sollte bei aller political-correctness aber eines nicht vergessen: Wenn der IST-Zustand völliger Mist ist (egal ob dies die Leistung des Freiberuflers, die Leistung eines Mitarbeiters des Kunden oder einen anderen Lieferanten betrifft) muss es auch erlaubt sein, dies klar und deutlich zu sagen, ohne groß um den heißen Brei herumzureden. Diese Fähigkeit zum Austeilen und Einstecken von offener und direkter Kritik ist einer der wichtigsten Standortvorteile in unserem Land. Wer diese grundlegende, kulturelle Stärke verstanden hat und auslebt, kann Dream-Teams zusammenschweißen, die besser, schneller und billiger arbeiten als jeder Chinese oder Inder. (September 2004)"

"Der Artikel zielt genau in die Kerbe zwischen zwei Leiden - Hamstertrommeldepression und Schleudersitztrauma. Ihr habt es wie immer direkt auf den Punkt gebracht und auf reißerische Selbstbeweihräucherung verzichtet. Außerdem kommt klar heraus, dass "Kritik geben" eine echte Fleißarbeit ist. Prima "Kochrezept"! (September 2004)"

"sollten sich die meisten in der branche durchlesen und verinnerlichen. meine beobachtungen aus den vergangenen jahren: es wird nur noch um der kritik willen kritik geübt und dann noch meist in einer weise, die unterste schublade ist. (September 2004)"

"super guter Artikel bes. gut gewähltes Beispiel, zeigt den Knackpunkt einer Blockierung wenn Neuerungen anstehen, das die bisher erreichten Ziele, ja mit den bisher zur Verfügung stehenden Methoden wirkungsvoll umgesetzt wurden. Also erst mal ins Plus des "Beziehungskonto" einzahlen (auch ein sehr anschaulicher Vergleich - merke ich mir gut!) und den Wert der bisher geleisteten Arbeit schätzen. Psychologische "Feinarbeit" ohne viele Schnörkel, sehr gut zu versthen und nachzuvollziehen - als hätte ich es selbst geschrieben! (ha-ha) (September 2004)"

"Kurz und Knapp. Gehalt- und sinnvoll. (August 2004)"

"Bleibt eigentlich nur noch hinzuzufügen, dass es im privaten Bereich genauso läuft... (August 2004)"

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