Für den Hänger zwischendurch: Motivationstipps für Einzelkämpfer

(Juli 2006)
Freiberufliche IT-Spezialisten sind in der Regel "Einzelkämpfer". Sie sind beruflich auf sich allein gestellt, denn sie organisieren ihren Arbeitsalltag selbst. Es gibt niemanden, der ihnen dabei reinredet, aber auch niemanden, der sie unterstützt. Die Selbstorganisation als wohl augenscheinlichstes Merkmal des Alleinarbeitens findet sich nicht nur bei IT-Selbstständigen, sondern auch bei vielen anderen Berufsgruppen: z.B. Verkäufer, die allein in einer Filiale verkaufen; Lehrer, die allein vor einer Klasse stehen; Ärzte, die allein über die Behandlung entscheiden sowie Grafiker, Fotografen, Wissenschaftler, Lkw-Fahrer, Anwälte, Versicherungs- oder Staubsaugervertreter, Studierende... Die Liste lässt sich beliebig fortführen.
Sein eigener Boss zu sein hat natürlich durchaus Vorteile, verlangt aber auch viel mehr Disziplin. Vor allem mit der täglichen Motivation ist das so eine Sache. Wenn einen niemand "zwingt", bei 30°C im Schatten im Büro zu sitzen und über komplizierten Programmierungen oder gar der lästigen Steuererklärung zu brüten, lässt sich die Auszeit am See leichter nehmen. Und außerdem ist ja der Abgabetermin noch so weit entfernt, dass man das locker auch morgen noch erledigen kann...

Solche Versuchungen lauern überall und sind nur eines der Probleme, mit denen Einzelkämpfer zwangsläufig konfrontiert werden. Die Journalistin Gudrun Sonnenberg, selbst auch Berufssolistin, hat über die Kunst des Alleinarbeitens ein Buch geschrieben. Was dieses Arbeitsmodell so reizvoll aber auch schwierig macht und wie man frustrierende Phasen überwinden kann, hat GULP für seine Einzelkämpfer zusammengefasst.
Mehr Freiräume, Flexibilität und Selbstverwirklichung
 
Wer sein eigener Chef ist, schultert zwar die ganze Verantwortung allein, kann sich aber dafür deutlich mehr persönliche Freiheiten erlauben. Einzelkämpfer agieren meist unabhängig und mit voller Entscheidungsfreiheit. Sie haben es in der Hand, wie und wann sie ihren Job erledigen. Ob sie dafür ihre Nächte oder Wochenenden opfern interessiert letztendlich niemanden. Wichtig ist nur, dass zum vereinbarten Termin ein Ergebnis präsentiert wird. Besonders für Eltern ist die Arbeit im eigenen Büro bzw. Home Office eine gute Alternative, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Hinzu kommt, dass das Arbeitsumfeld nach eigenem Gusto gestaltet werden kann, so dass auch für das "persönliche Chaos" genügend Raum bleibt. Bei kreativen und künstlerischen Tätigkeiten ist das Alleinarbeiten zudem meist die einzige Möglichkeit, um eigene Ideen zu verwirklichen und sich einen Namen zu machen, z.B. bei Architekten oder Journalisten.

Nun müssen sich Einzelkämpfer zwar nicht mit nervigen Vorgesetzten oder Kollegen herumärgern, dafür aber umso stärker mit sich selbst. An Stelle zwischenmenschlicher Probleme treten Herausforderungen, die allein besonders schwer zu lösen sind.
Mangelnde Disziplin
 
Der Mensch neigt dazu, lästige Aufgaben vor sich herzuschieben. Macht ein Projekt also wenig Spaß und das Vorwärtskommen gestaltet sich zäh, lenkt man sich gerne mit anderen Dingen von der Arbeit ab. Schließlich braucht jeder mal eine kreative Pause. Um so praktischer, dass einem niemand auf die Füße tritt, antreibt und Ergebnisse einfordert. Versuchungen, den Schreibtisch zu verlassen, lauern überall und nicht nur in Form von Freizeit. Gerade im Home-Office finden sich viele nützliche Betätigungsfelder: der sich stapelnde Abwasch, die kaputten Glühbirnen, die Staubflusen im Wohnzimmerregal usw.
Einsamkeit und Isolation
 
Herrscht gerade Auftragsflaute und somit wenig Notwendigkeit, überhaupt den Computer einzuschalten, verbringt man die (vermeintlich) freie Zeit lieber mit seinen Kindern oder sozialem Engagement, statt sich mit lästiger Kundenakquise herumzuärgern. Immerhin beschäftigt man sich sinnvoll und kann – welch Glücksfall - der Einsamkeit am Arbeitsplatz entgehen und hat das Gefühl, endlich von jemandem gebraucht zu werden. Gerade die Isolation am Arbeitsplatz ist für viele Einzelkämpfer hart. Nicht jeder Software-Entwickler fühlt sich wohl dabei, im stillen Kämmerlein Zahlencodes in den Computer zu haken. Auch wenn dieses Klischee weit verbreitet ist. Denn wer allein arbeitet, hat niemanden, mit dem er seine Freude über Erfolge teilen kann oder der über Niederlagen hinwegtröstet. Erschwerend kommt hinzu, dass viele IT-Freiberufler mit jedem neuen Projekt meist auch den Einsatzort wechseln, so dass sich Einsamkeit und Isolation auch nach Feierabend fortsetzen.
Ängste und Überforderung
 
Das Gefühl, allein auf weiter Flur zu stehen, verstärkt sich, wenn Alleinarbeitende mit Niederlagen und Rückschlägen fertig werden müssen, z.B., wenn nicht genügend Projekte akquiriert werden können. Die Schuld suchen sie zwangsläufig bei sich selbst, denn es ist ja auch kein anderer da, der es verbockt hat. Dann beginnt der Teufelskreis aus schlaflosen Nächten und zermürbenden Existenzängsten, der den Schaffensprozess lähmt. Problematisch kann aber auch das andere Extrem zu vieler angenommener Aufträge werden. Gerade Anfänger schätzen den benötigten Zeitaufwand nicht realistisch genug ein. Schnell kann dann die anfängliche Euphorie über die Auftragsflut in Überforderung umschlagen, wenn die vereinbarten Abgabetermine aufgrund der Arbeitsfülle nicht eingehalten werden können. Auch wenn der Kunde sonst mit Feedback spart, in solchen Fällen ist dem Freiberufler eine ärgerliche Rückmeldung so gut wie sicher.
Frust und Langeweile
 
Überhaupt ist das so eine Sache mit dem Feedback: Anders als Angestellte erhalten Selbstständige für gute Leistung selten Lob. Sie können sich nur denken, dass der Kunde zufrieden ist, wenn dieser die Rechnung zahlt und eventuell sogar einen Folgeauftrag in Aussicht stellt. Das bedeutet, sie müssen ihre Arbeitsweise immer wieder selbst reflektieren, um Schwachstellen zu erkennen und zu beheben. Fortschritte oder Veränderungen nimmt außer dem Einzelkämpfer oft kaum jemand war. Er arbeitet also vor sich hin und letztendlich interessiert es keinen. Das kann höchst frustrierend sein und den Spaß an der Arbeit vermiesen. Verlieren sich dann noch die frühere Neugier, innerer Ehrgeiz und der Spaß an der Aufgabe ist auch Geld kein dauerhafter Anreiz mehr, um weiterzumachen.
Nicht gleich die Flinte ins Korn werfen
 
Allein zu arbeiten ist also nicht nur immer pure Freude. Dennoch sind viele Einzelkämpfer Alleinarbeiter aus Überzeugung und genießen ihre Unabhängigkeit, weshalb sie bei den ersten Problemen nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Durchhänger und Frustration treffen jeden irgendwann mal, weshalb nicht gleich die gesamte berufliche Situation in Frage gestellt werden muss. Es gibt für Berufssolisten eine Reihe von Möglichkeiten, schwierige Phasen zu bewältigen und den Arbeitsalltag zu verbessern.

o Machen Sie Arbeitspausen. Alleinarbeiter vergessen oft, Pausen zu machen, da sie niemand daran erinnert. Die Länge der Pause ist egal, viel wichtiger ist, dass sich ein Erholungseffekt einstellt.
o Räumen Sie Ihren Schreibtisch auf, schaffen Sie Ordnung. Ein unordentlicher Schreibtisch kann einem die Lust am Arbeiten nehmen.
o Machen Sie die geleistete Arbeit sichtbar, z.B. in dem sie auf einer Liste alle Aufgaben eines Projekts/Auftrags möglichst kleinteilig auflisten und diese nach Erledigung abhaken. Weiterer Nebeneffekt: Die Gesamtaufgabe erscheint nicht mehr so riesig.
o Nehmen Sie sich nicht zuviel vor und berücksichtigen Sie auch Durchhänger und Anlaufphasen.
o Belohnen Sie sich, wenn Sie eine anstrengende Aufgabe bewältigt haben, z.B. mit einem Spaziergang, Einkaufsbummel, Kinoabend oder Mittagsschlaf.
o Planen Sie realistisch. Je komplexer die Tätigkeit ist, desto wichtiger ist eine gute Zeitplanung, um den Überblick zu behalten. Machen Sie eine Bestandsaufnahme und dokumentieren Sie, womit Sie ihre Zeit verbringen. Mit Hilfe dieses Zeitprotokolls können Sie nachvollziehen, welche Tätigkeiten besonders viel Zeit beanspruchen und wie viel Zeit mit arbeitsfremden Tätigkeiten verbracht wird. Das hilft Ihnen, Ihre Zeit besser abzuschätzen und Stundensätze angemessen zu kalkulieren.
o Lagern Sie bestimmte Aufgaben an andere Dienstleister aus, z.B. an einen Steuerberater, wenn Steuererklärungen und Buchhaltung zu umfangreich, kompliziert und damit zu zeitaufwändig werden.
o Reduzieren Sie den Druck, lassen Sie los. Gestehen Sie sich Arbeitsblockaden ein und gönnen Sie sich z.B. zwischendurch einen Tag Erholung. Das bringt meist mehr, als sich in eine Aufgabe zu verbeißen und noch mehr Druck aufzubauen. Das funktioniert aber nur, wenn es sich um eine Ausnahme handelt und der Zeitplan nicht durcheinander gerät.
o Folgen Sie Ihrer inneren Uhr. Sind Sie ein Morgenmuffel, dann bringt es wenig, gleich frühmorgens mit dem ersten Termin zu starten. Laufen Sie erst am Nachmittag so richtig zu Hochform auf, dann beginnen Sie Ihren Arbeitstag eben entsprechend später.
o Vergleichen Sie Ihre Arbeitszeiten niemals mit Menschen die im Team bzw. mit Vorgesetzen arbeiten.
o Schaffen Sie eine angenehme Arbeitsatmosphäre. Das Home-Office ist kein Hobbyraum, keine Abstellkammer und auch kein Kinderspielplatz. Entfernen Sie alles aus Ihrem Blickfeld, was ablenken könnte.
o Beschäftigen Sie sich zur Abwechslung auch mal mit ganz stupiden Dingen, die wenig Konzentration erfordern.
o Schaffen Sie soziale Kontrollinstanzen. Erzählen Sie im privaten Umfeld, woran sie gerade arbeiten, was gut oder schlecht gelaufen ist. Damit machen Sie Ihre Arbeit sichtbar und haben Möglichkeit zur Reflektion. Zudem sind beim nächsten Treffen Nachfragen, z.B. ob man den Auftrag nun bekommen hat, wahrscheinlich. Das verpflichtet, gesetzte Ziele ernsthaft zu verfolgen.
o Suchen Sie Kontakte zu Kollegen, z.B. in Netzwerken wie dem GULP Freiberufler Netzwerk, regionalen Stammtischen, Berufsverbänden oder Foren, in denen Sie sich mit Fachkollegen austauschen und untereinander weiterhelfen können. Ein weiteres Vernetzungsmodell sind Erfolgsteams: Ein Zusammenschluss von Menschen, die sich gegenseitig beim Erreichen ihrer persönlichen oder beruflichen Ziele unterstützen. In wöchentlichen Treffen berichtet jedes Mitglied über seine Arbeitsfortschritte, die anderen Teilnehmer geben Feedback und machen Verbesserungsvorschläge. Bis zum nächsten Treffen nimmt sich jeder ein neues Etappenziel als Hausaufgabe vor.
o Erweist sich ein Durchhänger als besonders konstant, ist die Schaffenskrise sehr hartnäckig, dann stellen Sie die Sinnfrage. Was wollen Sie wirklich? Halten Sie sich den Sinn und Zweck der zu erledigenden Aufgabe vor Augen. Machen Sie sich klar, dass die aktuelle, vielleicht nicht so angenehme, Aufgabe ja nur ein Teil der Arbeit ist, die man insgesamt gesehen sehr gern macht.
o Suchen Sie neue Herausforderungen um Routine zu vermeiden, z.B. schwierigere Aufgaben, Weiterbildungen usw., die dann auch wieder höhere Honorare rechtfertigen.

Welche der hier aufgelisteten Möglichkeiten letztendlich dabei helfen, kleine (Sinn-)Krisen im Einzelkämpferdasein zu überstehen, muss jeder für sich selbst herausfinden. Aber mit jedem Problem, das Berufssolisten meistern, gewinnen sie mehr Selbstvertrauen und damit einen guten Grund, auch zukünftig weiterzumachen.
Gudrun Sonnenberg ist Diplom-Politologin, Journalistin und Autorin. Seit 2001 schreibt sie freiberuflich u.a. für Die Zeit und Brigitte und arbeitet als Dozentin für die Berliner Journalistenschule. Ihr Buch "Kollege Ich. Die Kunst, allein zu arbeiten" ist im Jahr 2005 im Pendo Verlag erschienen. Weitere Informationen erhalten Sie unter http://www.gudrun-sonnenberg.de.extern
Die Autorin behält sich alle Rechte am Artikel vor. © 2006 Gudrun Sonnenberg

Kommentare zu diesem Artikel:

"spät gelesen, trotzdem sehr hifreich ! (Januar 2012)"

"Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen. Viele Außenstehende sehen Freiberuflichkeit als Paradies auf Erden angesichts unserer Freiheiten. Frau Sonnenberg ist die Erste, die es geschafft hat, auch die Schattenseiten treffend zu formulieren. (Oktober 2007)"

"Manchmal ist es gut, daran erinnert zu werden, dass man nicht der einzige Alleinkämpfer ist. (Juli 2007)"

"Da schreibt mir doch jemand aus der Seele, das hätte ich nicht besser beschreiben können und ich glaube, so geht es vielen. (Juli 2006)"

"Hier noch ein Tipp: Projekte, auch die nicht ganz so grossen, mit anderen Kollegen gemeinsam umsetzen. Vorteile: gegenseitige Anregungen und Kontrollen; Erfordernis, Projektablaeufe besser zu gliedern; Kommunikationsförderung; jeder soll das machen, was er am besten kann -> Qualitaetssteigerung (Juli 2006)"

"Da auch 'richtiges Atmen' gelernt sein will - für Einsteiger bestimmt hilfreiche Anregungen. Wir als Selbständige kennen die Praxis sicher gut genug. Dennoch 2-3 gute Ratschläge mal wieder die Arbeitsblockaden durch 'weniger anspruchsvolle' Aufgaben zu lösen. (Juli 2006)"

"Netter Artikel ! Eigentlich 'nur' eine gute Zusammenfassung dessen, was man als Freiberufler mehr oder weniger selbst schon praktiziert. Aber hier liegt der Knackpunkt; der Artikel beschreibt es in guter Weise und liefert mit der Zusammenfassung am Ende einige hilfreiche Tipps. Empfehlenswert für Anfänger ! (Juli 2006)"

"Wirklich einer der absoluten Topartikel! (Juli 2006)"

"Vielen herzlichen Dank für diese Ratschläge und Hinweise. Für einen Freiberufler, der in zwei Jahren in den Ruhestand gehen will, ausgezeichnete Denkanstöße! (Juli 2006)"

"Guter Artikel, mehr davon bitte! (Juli 2006)"