Was haben Freiberufler, was Angestellte nicht haben?

(November 2008)
Laut einer GULP Umfrage sehen sich 94 Prozent der IT-Freiberufler mit Neid von Seiten der Festangestellten konfrontiert. Die klare Mehrheit der Umfrage-Teilnehmer sieht außerdem den Freiberufler als den besseren Verdiener. Doch ist es wirklich nur das höhere Honorar, auf das Festangestellte neidisch sind? Was ist dran am Freiberuflerleben? GULP hat IT-Freiberufler um Ihre Meinung gebeten und sie haben GULP geantwortet: im Forum nur mit GULP Profil und direkt an die Redakteurin der Knowledge Base. Vielen Dank dafür!
Aus den Kommentaren und Meinungen der Freiberufler lassen sich einige Dinge klar erkennen. Erstens: Ja, es gibt Neid, manche Freiberufler spüren ihn sehr häufig und manche eher selten. Einige versuchen, sich zu verteidigen und den hohen Stundensatz durch Argumente wie zusätzliche Kosten und erhöhtes Risiko zu entschärfen. Andere sind diese Diskussionen leid und nehmen neidische Bemerkungen mit Humor. Eine bei vielen beliebte Reaktion ist: "Wenn Freiberufler es so viel besser haben, mach dich doch auch selbstständig!"

Wir haben die Aussagen der Selbstständigen zusammengetragen, geordnet und stellen sie hier vor - sozusagen als Vor- und Nachteile des Freiberuflerdaseins. Wer mag, kann diese als Argumente in die nächsten Diskussion mit einem neidischen Festangestellten einfließen lassen. Dem, der das lieber mit sich selbst ausmacht, geben sie ein paar mehr Gründe an die Hand, auf die eigene Leistung stolz zu sein. Alte Hasen im IT-Projektmarkt kennen diese Vor- und Nachteile schon, aber Jüngere und Neueinsteiger finden sie erst nach und nach heraus. Um den Prozess zu beschleunigen: Hier das Positive und das Schwierige am Freiberufler-Dasein - zusammengefasst und auf den Punkt gebracht.
Wovon profitieren Freiberufler?
 
Am Anfang steht der relativ einfache Start als Freiberufler: Es bestehen "keine nennenswerten Markteintrittsbarrieren - mit einem ersten Auftrag in der Hand ist noch nicht mal Eigenkapital erforderlich", sagt ein Forums-User. Klar, die Anfangsinvestitionen sind denkbar gering, wenn überhaupt vorhanden. Was ein IT-Freiberufler zur Ausübung seiner Tätigkeit braucht, hat er meist ohnehin schon zu Hause - und im Kopf. Mit einen Versuch kann also nicht viel Verlust gemacht werden.

Wer einmal als Freiberufler Fuß gefasst hat, profitiert laut Umfrage meist von einem höheren finanziellen Verdienst. Weit mehr als die Hälfte der Projektanbieter und Freiberufler sind der Meinung, dass Freiberuflern unterm Strich mehr zum Leben bleibt als Festangestellten. Vorausgesetzt natürlich, sie sind mit Projekten gut ausgelastet.

Wer mit Projektpausen "kreativ-offensiv" umgeht und sich "nicht ins Bockshorn jagen" lässt - wie es uns ein Freiberufler geschrieben hat - kann sogar von projektfreien Zeiten profitieren. Der besagte Freiberufler nutzt sie als "willkommene Auszeit" für Reisen oder Sprachkurse. In der Tat ist die Liste seiner Reisen lang (Vielen Dank für die tollen Fotos!) und Südamerika steht als nächstes auf dem Programm. Für diese Reise plant er mehrere Monate ein - das wäre den allermeisten Festangestellten nicht möglich.

Mehr Freiheiten bei der Arbeit - die hat der Freiberufler. Das Arbeitsjahr läuft nicht so geordnet ab wie bei den meisten Festangestellten. Zum Beispiel wechseln Selbstständige ihren Arbeitsort sehr häufig. Forums-User MrDatabase schreibt, dass Freiberufler durch ihr Dasein als Wanderarbeiter zwar nicht in die normalen betrieblichen Abläufe integriert werden (Seminare, Ausflüge), aber eben auch nicht in Grabenkämpfe: "Das ist meiner Meinung nach ein Riesenvorteil: Ich kann mich auf meine Aufgabe konzentrieren (...). Der zweite Riesenvorteil ist, dass man verschiedenste technische Umgebungen kennen lernt und auch Unternehmens-Philosophien. Und das sind Erfahrungen, die man eigentlich gar nicht bezahlen kann."
Was müssen Freiberufler leisten?
 
"Es wäre zu schön und zu einfach, wenn der Unterschied zwischen einem Angestellten und einem Freiberufler "nur" das liebe Geld wäre. (...) Selbstständige gehen ein deutlich höheres Risiko im Vergleich zum Angestellten ein. Das darf auch entsprechend "bewertet" werden": Diesen Kommentar hat ein Freiberufler an die Redakteurin für die Knowledge Base geschickt. Ein Selbstständiger übernimmt mehr Aufgaben zusätzlich zur Arbeitsleistung wie ein Angestellter. Einige Beispiele dafür von Freiberuflern:

Während ein Angestellter nach erledigter Arbeit nach Hause geht und frei hat, kümmert sich der Selbstständige dann um Korrespondenz, Buchhaltung, Akquise, Networking oder Vertragsverhandlungen. "Ein Selbstständiger arbeitet im Durchschnitt zwölf bis 14 Stunden täglich", schrieb uns ein Freiberufler. Auch in Weiterbildung muss er Zeit investieren, wenn er sich am Markt behaupten und Aufträge erhalten will.

Ein Selbstständiger lebt außerdem mit dem (finanziellen) Risiko, dass eine Projektarbeit verspätet oder gar nicht bezahlt wird. Zu den üblichen Ausgaben gesellen sich zum Beispiel administrative, Steuerberater- und Rechtsanwaltskosten, diverse betriebsbedingte Versicherungen, Krankenversicherung und private Altersvorsorge. Krankheit und Urlaub sind Tage ohne Einkommen.

Ein weiteres Risiko neben dem finanziellen ist das plötzliche und vorgezogene Ende eines Projekts. Niedrige Kündigungsfristen sind außerdem durchaus üblich, Kündigungsschutz gibt es nicht. "Schwächelt der Markt (...), kürzt man meist zuerst bei den Freiberuflern und Selbstständigen", so ein Freiberufler.

Freelancer müssen deswegen flexibler sein. Mitunter müssen sie akzeptieren, dass sie nur am Wochenende nach Hause kommen, viel reisen müssen oder bis spät abends arbeiten. Um Berufs- und Privatleben unter einen Hut zu bekommen, ist Organisation gefragt. Ebenso, um eine angemessene Work-Life-Balance zu erhalten. Für Urlaub und Freizeit müssen sich die meisten Freiberufler nach eigenen Angaben explizit Zeit nehmen.

Was haben Freiberufler also, was Festangestellte nicht haben? Einiges! Gleichzeitig gibt es ebenso Dinge, von denen Angestellte profitieren, Freiberufler aber nicht. Es ist eine Frage der Prioritäten.

Nun sind die Freiberufler zu Wort gekommen. Welche Meinung zum Thema Neid haben die anderen Teilnehmer im IT-Projektmarkt, die unter den Lesern der GULP Knowledge Base sind? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare!
Die Redakteurin der GULP Knowledge BaseSie haben Themenvorschläge? Eine Meinung zur Knowledge Base?

Immer her damit! Ich freue mich auf Input, Wissen, Kritik, Fragen oder Wünsche rund um Themen, Texte und Artikel - Ihre Redakteurin für die Knowledge Base.

Kommentare zu diesem Artikel:

"finde ich ganz gut und entspricht der Wahrheit. (Dezember 2008)"

"Noch eine Anmerkung zum Einstieg. Je nach Marktlage und Erfahrung kann der erste Auftrag auf sich warten lassen! Als Anfangsinvestition würde ich unteranderem auch die evtl. notwendigen Monate zum Projekt sehen! (Dezember 2008)"

"Hier werden allzu oft Äpfel mit Birnen verglichen. Den meisten Angestellten ist überhaupt nicht klar, wie hoch die Kosten für ihren eigenen Arbeitsplatz wirklich sind. Sind denn überhaupt interne Verrechnungssätze im Unternehmen bekannt, sind sie nicht selten völlig veraltet oder falsch berechnet. Letztendlich lassen sich Vergleiche nur über das wirklich unter der Steuererklärung stehende Netto abstellen, weil nur diese Zahl ansatzweise das Berufsleben als Freelancer wiedergibt, mit allen Ausfallzeiten und Sonderkosten. Dass dies für einen Freelancer eigentlich höher sein müsste als das seiner festangestellten Kollegen ergibt sich allein aus der Tatsache, dass ein Freelancer ja keinerlei Anspruch auf soziale Leistungen des Arbeitgebers hat. Demnach ist auch der direkte Vergleich zwischen internen Verrechnungskosten und Stundensatz des Freelancers nicht zulässig. Letztendlich gewinnt der Arbeitgeber neben anderen Annehmlichkeiten ja zusätzlich das Recht, einen Freelancer jederzeit wieder loszuwerden, wohingegen für einen Arbeitnehmer Kündigungskosten und ggf. Abfindungen fällig werden. Auf der anderen Seite sind aber auch viele Freelancer nicht in der Lage, ihre eigenen Kosten und Aufwendungen vom realen Einkommen zu trennen. So lässt sich so mancher Freelancer von der 10.000 Euro Überweisung auf seinem Konto blenden und glauben, viel Geld verdient zu haben. Dass so mancher Freelancer aber für unter 10 Euro netto die Stunde arbeitet, scheinen viele Freelancer nicht in der Lage zu sein zu realisieren. Für Neid gibt es keinerlei Anlass, wirklich gut verdienende Freelancer würden auch in einem Festanstellungsverhältnis entsprechend gut verdienen. Neid ist lediglich ein anderer Ausdruck der eigenen Unwissenheit, wenn nicht gar Dummheit. (Dezember 2008)"

"Wenn 94% der Festangestellten die Freiberufler beneiden, heißt das aber auch - 94% haben nicht genug Selbstbewußtsein! Ich glaube zwar nicht, dass unsere Freiberufler zwingend schlauer sind als unsere Festangestellten, es existieren aber signifikate Persönlichkeitsunterschiede. Sowohl "positive" als auch "negative" Unterschiede: Gerade unsere freiberuflichen "Super-Stars" können sich nur schwer unterordnen. Sie stellen schnell auch grundsätzliches Vorgehen im Unternehmen sowie das obere Management in Zweifel und man kriegt dann die Verlängerung nicht durch. Was Festangestellte aus Karrieregründen nicht so schnell wagen würden, aber dabei oft auch den nötigen Horizont nicht haben. Deswegen sind Managementpositionen besser mit Freiberuflern zu besetzen. Festangestellten haben oft begrenzte Erfahrungen (weniger Firmen) oder es fehlt ihnen an Agilität, Flexibilität oder Effizenz. Motto: 'Spiel mit. Die Hauptsache Geld ist zum Monatsanfang auf dem Konto. Bloß kein Stress im Job und mit den Kollegen.' (Von unseren Angestellten erhalte ich nie Feedback, um auch mal Folgeaufträge zu erhalten.) Ich habe mir oft die Frage gestellt, wie konnten sie diesen Freiberufler nur ablehnen - bei dem man wirklich froh war, dass es diesen Kandidaten auf dem Planeten überhaupt gibt - und haben statt dessen einen aus meiner Sicht völlig durchschnittlichen Kandidaten genommen?! Jetzt wird mir ganz klar warum: Er war nach Standardnormalverteilung kompatibler zu den 94%! - Irgendwie traurig. Deswegen sind sehr gute Freiberufler nur schwer zu vermitteln. Nicht nur aus preislichen Gründen bzw. Kostengründen, die sich meines Ermessens zwischen Festangestellten und Selbstständigen die Waage halten. (November 2008)"

"Der Freiberufler kann vom Bruutoeinkommen 19 % MwSt abziehen, den Arbeitgeberanteil für Sozialversicherung zahlt er selbst. Lohnfortzahlung, Fortbildung, bezahlter Urlaub, Urlaubs- und Weihanchstgeld - Pustekuchen. Kosten für Büro, Steuerberater, Aquise usw. verbleibt etwa 40 % vom Brutto. Beschäftigungsfreie Zeiten - Übergangszeiten zum nächsten Projekt usw. - kein Einkommen, wenn man Pech hat über viele Monate. Dafür darf man nicht mucken oder murren, wenn man wieder mal die Arbeit bekommt, die keiner machen will, Aufholjagd für überschrittene Termine, verfahrene Situationen bereinigen, den Knochenjob im Projekt übernehmen und sei es nur die Dokumentaion. (November 2008)"

"Freiberufler sein heißt doch frei sein von Hirachien, von tödlichen Routinen, von eingeengten Tätigkeitsfeldern, für erweiterte Erfahrungsmöglichkeiten, für selbstbestimmte Lebensführung. Die meisten FAs glauben ihr Bruttoeinkommen plus Arbeitgeberanteil der Sozialversicherungsbeiträge wäre für einen FB angemssen. Dies trifft nicht die Kosten des FBs. Ich mußte früher in meiner FA-Zeit u.a. Angebote prüfen und erstellen. Eine wichtige Frage war dabei, was kostet der FA der Firma wirklich. Ich war damals im Baugewerbe tätig und die Berufsgenossenschaft hatte auch eine wissentschaftlich basierte Untersuchung dazu veröffentlicht. Nach dieser Untersuchung kostet der eingsetzte Mitarbeiter der Firma das rund 2,5-fache des Bruttolohns. Die Veröffentlichung stammt aus der zweiten Hälfte der 70er Jahre und die Quote dürfte heute höher sein. Da wir FBs einen ungleichmäßigeren Arbeitsanfall haben als die FAs ist auch hier eine höhere Berechnungsquote zu nehmen. Wenn ich eine Berechnungsquote von 3 nehme werde ich ein vergleichbares Netto haben, verglichen mit einem FA gleicher Qualifikation. Meine Qualifikation wird jedoch in den allermeisten Fällen tiefer und breiter sein. Zum FB sein gehört eine gewisse Veranlagung und nur wenige FAs werden mit mit einem FB-Leben glücklich sein. Wer sich primär des Geldes wegen für ein FB-Leben entscheidet ist nicht geeignet. (November 2008)"

"Was noch zu sagen wäre - Verantwortlichkeit. Freiberufler riskiert mit seinem privaten Vermögen für eventuelle Schäden. Er gibt auch eine Garantie für sein Werk (Nachbesserungen und Dokumentation die aus Zeitmangel in der Projektzeit auf minimum reduziert wurde). Angestellter arbeitet unter dem Schirm seines Arbeitsgebers. (November 2008)"

""...kann sogar von projektfreien Zeiten profitieren. Der besagte Freiberufler nutzt sie als "willkommene Auszeit" für Reisen oder Sprachkurse". Sprachkurse sind wohl eher als "Arbeit", nicht als Freizeit einzustufen. (November 2008)"

"Ja, und hier haben die viel gescholtenen Vermittler eine wesentliche Funktion für den Freiberufler. Sie verschleiern sein tatsächlichen Verdienst vor dem AG. Und das ist mir dann auch z.B. EUR/h 5,- Wert. (November 2008)"

"Man darf nicht mit Angestellten über Geld und Stundensätze reden schon gar nicht im Projekt. Und immer schön klein tun. Das reduziert den Neid erheblich. Man kann auch Hilfestellung bei der Selbständigkeit anbieten, das verunsichert Angestellte. Das Wort Angestellter kommt nähmlich von "sich dumm anstellen". (November 2008)"

"Endlich einmal ein Artikel, der dieses Thema "Neid auf Freiberufler" aufgreift. Leider wird allzu gerne nur das angenehme des Freiberufler Alltags gesehen. Man sollte auch nicht die Familien und Ehepartner vergessen. Ohne Verständnis, Unterstützung und Verzicht ist eine erfolgreiche Freiberuflerarbeit nicht möglich. Auch hier ist ein großer Unterschied zum Angestellten. Eine Umfrage über den Familienstand zeigt hier sicherlich, das viele Freiberufler keine Bindungen haben (können). (November 2008)"

"Festangestellter: - 20% Addon auf Brutto vom Arbeitgeber (wird gerne vergessen), - z.B. 7% Betriebsrenten on Top, - Urlaub bezahlt, - Krankheit bezahlt, - Sonderurlaub bezahlt (Umzug), - Schulungen bezahlt, - Reisezeit bezahlt, - Bildungsurlaub, - Firmenwagen, - Firmenhandy, - Firmen-PDA, - Bücher, - Zeitschriften-Rotation, - Gesponsortes Mittagessen, - Soziale Zusatzleistung, - Bezuschusste Fahrkarten, ... Was die Internen nur immer falsch machen: Sie rechnen unseren Best-Case-Umsatz als Netto unter Beibehalt ihres Rund-um-Sorglos-Paketes. (November 2008)"

"Ein sehr guter Artikel. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass wenn ich "genauso viel" verdiene, bessergesagt mein Umsatz genauso hoch sein soll, wie das Einkommen eines Angestellten, ist der Faktor vom Jahreseinkommen 1000. Das heisst bei 50.000 Euro Einkommen muss mein Stundensatz 50 Euro sein. (November 2008)"