 |
| "Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit."
Geschäftskultur in der arabischen Welt
|
|
(November 2006)
|
Inhalt dieses Artikels:
Beziehungsebene aufbauen und pflegen |
Wissen, wer "das Sagen" hat |
Zeit ist relativ |
Kooperation statt "Gesichtsverlust" |
Heikel: Politik und Religion |
|
| |
| Autorin: Dr. Gabi Kratochwil, Islamwissenschaftlerin
& freie Journalistin
Der arabische Markt ist ein attraktiver Zukunftsmarkt.
Auch rund 3 % der bei GULP eingetragenen IT-Spezialisten sind für
Projekteinsätze in arabischen Ländern offen. Auf ihrer
Rangliste ganz oben stehen IT-Projekte in den Vereinigten Arabischen
Emiraten (4,4 %), in Saudi Arabien (3,6 %) und Kuwait (3,5 %). Ganz
wesentlich für den Geschäftserfolg in arabischen Ländern
ist die Kenntnis der dortigen Geschäftskultur sowie der kulturellen
Rahmenbedingungen. Wenn Unternehmer wissen, wo in der arabischen
Welt die berühmten Fettnäpfchen lauern, dann ergeht es
ihnen nicht wie einem deutschen Geschäftsmann, der seinem Geschäftspartner
aus Abu Dhabi kurz vor einem erfolgversprechenden Vertragsabschluss
versicherte, er freue sich, künftig am Persischen Golf Geschäfte
machen zu können. Daraufhin brach sein arabisches Gegenüber
ärgerlich die Geschäftsbeziehungen ab. Denn: Aus arabischer
Sicht handelt es sich um den Arabischen Golf und nicht um den Persischen.
Die Islamwissenschaftlerin und interkulturelle Trainerin Dr. Gabi
Kratochwil verrät GULP-Lesern, wie man solche Fettnäpfchen
vermeidet und erfolgreich mit arabischen Partnern kommuniziert.
Die arabische Welt darf nicht als homogenes Gebilde gesehen werden:
Dubai ist nicht Saudi-Arabien, Ägypten nicht Marokko. Dennoch
lassen sich im Geschäftsleben verbindende Elemente bestimmen,
wie der hohe Stellenwert der persönlichen Beziehungen oder
aber die Bedeutung des Islam in der gesamten arabischen Welt. |
| Beziehungsebene
aufbauen und pflegen |
 |
| |
|
| Die arabische Kultur ist eine beziehungsorientierte
Kultur. Es ist daher entscheidend, eine solide Beziehungsebene zu
dem arabischen Geschäftspartner aufzubauen und nachhaltig zu
pflegen. Mehrere Geschäftstreffen im Jahr sind ein Muss, auch
wenn sie Reisebudgets und Terminkalender strapazieren. Kontinuität
und Stetigkeit im Geschäftskontakt sind ein zentraler Erfolgsfaktor
im arabischen Raum.
Kaufen und Verkaufen ist eine Sache von Mensch zu Mensch. Erst
verkauft der Unternehmer seine Persönlichkeit, dann das Produkt.
Im arabischen Raum wird Berufliches daher gerne mit Privatem verbunden.
Es ist von Vorteil, viel Freizeit mit arabischen Geschäftspartnern
zu verbringen, um die Beziehungsebene zu festigen. Sportliche und
kulturelle Veranstaltungen bieten sich hier bestens an. Zwar sind
Personen aus weniger sachorientierten Kulturen sehr wohl an guten
Ergebnissen und Geschäftsabschlüssen interessiert. Nur
sehen sie keine Möglichkeit, bei gestörten sozialen Beziehungen
ein gutes Ergebnis zu erzielen. |
|
| Wissen,
wer "das Sagen" hat |
 |
| |
|
| Präsenz vor Ort ist ein wettbewerbsbestimmender
Erfolgsfaktor, der oft unterschätzt wird. In einer kollektiven
Gesellschaft, in der Familien-, Clan- und Stammeszugehörigkeiten
über Zugang zu Ressourcen bestimmen, ist es von zentraler Bedeutung,
sich entsprechende Netzwerke vor Ort aufzubauen. Oft ist es auch
von Vorteil, sich von einer angesehenen und einflussreichen Person
vorstellen zu lassen. Berührungsängste mit Klientelsystemen
oder der sprichwörtlichen Vetternwirtschaft müssen dabei
überwunden werden.
Die arabischen Gesellschaften sind immer noch von sozialer Immobilität
geprägt. Gesellschaftlicher Aufstieg ist in der Regel nach
wie vor an die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Familie gekoppelt.
Es ist daher wichtig, die wirklich einflussreichen Familien und
Clans zu kennen und auch zu wissen, wie diese zueinander stehen.
Foren hierfür sind gesellschaftliche Events im Zielland. Vorsicht
ist bei selbst ernannten Key Figures geboten. |
|
| Zeit
ist relativ |
 |
| |
|
| Im arabischen Raum ticken die Uhren
im wahrsten Sinne des Wortes anders: Mensch und Beziehung gehen
vor exakt eingehaltenen Terminkalendern. "Ihr habt die Uhr,
wir haben die Zeit." - lautet nicht umsonst ein arabisches
Sprichwort. Der Satz "Ich habe keine Zeit" ist im arabischen
Raum extrem unhöflich und kann als Beleidigung aufgefasst werden.
Familiäre Verpflichtungen werden als Entschuldigung stets akzeptiert
und gelten nicht als unprofessionell. Nach langer Zeit des Abwartens
kann es arabischen Geschäftspartnern manchmal aber auch gar
nicht schnell genug gehen. Um ein Projekt auf die Schiene zu bringen,
muss dann alles sofort und mit zum Teil abenteuerlichen Deadlines
erledigt werden. Auch hier heißt es: flexibel und vorbereitet
sein zahlt sich aus.
"Sagen, was Sache ist" gilt im arabischen Raum als unhöflich
und ungebildet. Es wird indirekt kommuniziert mit umschreibenden
Begriffen, Metaphern oder auch Vergleichen. Eine große Rolle
in der Kommunikation spielen auch nonverbale Signale. Eine verallgemeinernde,
aber dennoch oft zutreffende Faustregel lautet: Wenn ein Araber
"ja" sagt, meint er "vielleicht"; wenn er "vielleicht"
sagt, meint er "nein" und wenn er "nein" sagt,
dann ist er undiplomatisch. |
|
| Kooperation
statt "Gesichtsverlust" |
 |
| |
|
| Verhandlungen im arabischen Raum sind
meist langwierig und laufen über Umwege. Sach- und abschlussorientierte
Deutsche drängen oftmals zu früh auf einen Vertragsabschluss.
Das ist im arabischen Raum von Nachteil. Auch schwierige und harte
Preisverhandlungen sollten stets mit einem kooperativen Unterton enden,
denn beide Seiten sollten nie das Gesicht verlieren. Golfaraber neigen
dazu, beste Qualität zu niedrigsten Preisen zu wollen. Zusätzliche
Argumente, wie Produktqualität, Service- oder Wartungsleistungen,
Zusatzleistungen oder Folgeverträge sollten in Bezug auf den
Preis miteinbezogen und entsprechend kommuniziert werden. Lange Stille
auf arabischer Seite ist ein probates Mittel, um den Partner zu Konzessionen
zu bringen.
Die arabischen Gesellschaften sind formale, von steilen Hierarchien
und Klientelismus geprägte Gesellschaften. Ein deutscher Chef,
der die Kaffeetassen selbst wegräumt, passt da nicht ins Bild.
Man sollte zudem stets auf die Gleichrangigkeit in der Hierarchiestufe
achten. |
|
| Heikel:
Politik und Religion |
 |
| |
|
| Um die Beziehungsebene möglichst
störungsfrei zu halten, ist es ratsam vor allem zu Beginn von
Geschäftsbeziehungen politisch oder auch religiös sensible
Themen zu meiden. Zu den politisch brisanten Themen zählen
unter anderem Israel, der Irak-Krieg, die Kolonialzeit und in den
arabischen Golfstaaten der arabisch-iranische Seegrenzkonflikt.
Zurückhaltung oder rhetorisch geschickte Meinungsäußerung
sind bei kontroverser Ansicht in der Regel angebracht. Der Islam
ist nicht nur Religion, sondern zugleich Gesellschaftsordnung und
Wirtschaftsfaktor und betrifft im Zuge der Globalisierung damit
auch das Geschäftsleben. Man sollte daher die Grundlagen des
Islam und die daraus resultierenden Handlungsvorschriften für
Muslime kennen, wie z.B. das Verbot von Alkohol und Schweinefleisch.
Der gute Schwarzwälder Schinken eignet sich daher ebenso wenig
als Gastgeschenk wie der fränkische Boxbeutel. |
|
Kommentare zu diesem Artikel:
"Sehr gut beschrieben. Schade, dass dieser Artikel nicht als Serie geplant ist. Es gibt sicher noch viele wichtige Aspekte, die wir lernen können, auch wenn wir nicht dort arbeiten. Geschäftspartner aus diesen Ländern leben und arbeiten auch hier und wollen erschlossen werden. (Dezember 2006)"
|