Von Küsschen und anderen Fettnäpfchen
Wie man sich vor peinlichen Auftritten im Ausland wappnet
(Januar 2005)
New York, Rio, Tokio. Wenn IT-Freiberufler einen Projektauftrag im Ausland annehmen, dann warten dort nicht nur der eigentliche Job, sondern auch häufig fremde Sitten
und Gebräuche - und Fettnäpfchen. Wie man sich gegen peinliche Auftritte im Ausland wappnet - dazu haben die Stil-Expertinnen Anke Quittschau und Christina Tabernig für GULP einige Tipps
zusammengestellt:
Fernweh, der Suche nach neuen Erfahrungen oder einfach nur eine Notwendigkeit - aus welcher Motivation auch immer, 19.373 der in der GULP Profiledatenbank gelisteten deutschen
IT-Freiberufler sind interessiert an einem Projekt im Ausland.
Wenn es dann soweit ist, ist es ratsam, im Hinblick auf örtliche Gepflogenheiten Achtsamkeit walten zu lassen, denn: Schon eine
falsche Begrüßung oder ein zu lockeres Meetingverhalten
kann den ausländischen Geschäftspartner schnell vergraulen. |
| Don´t touch personal things! |
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In Deutschland ist es üblich, sich bei geschäftlichen Begegnungen die Hand zu geben. Wir tun dies auch, wenn wir unseren Gesprächspartner bereits kennen.
In England gibt
man sich außer bei der ersten Vorstellung selten die Hand. Engländer werden ungern berührt. Dies spiegelt sich darin wider, dass man sich unter
Kollegen nicht täglich die Hände gibt. Neben der Berührung der Hände gilt auch der Leitspruch: "don’t touch personal things". Auch in den USA wahrt
man größere körperliche Distanz, als in Deutschland. Eine Begrüßung mit Handschlag ist dort eher unüblich.
In den baltischen Ländern ist
im geschäftlichen Umfeld ein Handschlag zur Begrüßung üblich. Weitere Berührungen darüber hinaus werden als
Eindringen in die persönliche Distanzzone empfunden. Zurückhaltung im gesamten Auftreten ist das Gebot der Region - man gibt sich eher skandinavisch kühl. |
| Eine leichte Verbeugung |
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In Japan wird eine Visitenkarte etwas anders übergeben als in Deutschland oder westlichen Ländern. Hier wird die Karte mit beiden Händen
überreicht und dabei eine leichte Verbeugung gemacht. Man muss in jedem Fall die empfangene Karte lesen - erst dann darf sie weggesteckt werden. Die fernöstliche Maßregel kann jedoch
auch in westeuropäischen Gefilden nützlich sein - denn man weiß
nie, welche Überraschung sich beispielsweise in Form eines Doktortitels (der in Deutschland ja Bestandteil des Namens ist) auf der Visitenkarte verbirgt.
Wer in China geschäftlich
oder privat unterwegs ist, wird feststellen, dass Visitenkarten weitaus öfter ausgetauscht werden als hierzulande. Visitenkarten auch in
Englisch zu drucken, ist gerade in China durchaus von Vorteil. |
| Der Herr Direktor |
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Wie oft gehört und selbst erlebt, wird in Österreich hoher Wert auf die korrekte Anrede gelegt. Hierbei werden Personen z.B. mit Herr Oberstudienrat
oder Frau Magistra angesprochen. Ein einfache Frau Schmidt würde hier nicht ausreichen. Aber: Der Frau den Titel des Mannes zu geben, ist in Österreich nicht mehr üblich. Frauen
werden heute mit ihrem eigenen Titel angesprochen.
Ein herrliches Beispiel für den Einsatz der Titel ist uns vom österreichische Kommentator Edi Finger zur Fußball-Weltmeisterschaft
zum Sieg der Österreicher über
Deutschland 1978 in Erinnerung:
"I wear narrisch. Krankl schießt ein 3:2 für Österreich! Meine Damen und Herren, wir fallen uns um den Hals, wir liegen uns in den Armen, der Kollege Riepl, der Diplomingenieur
Posch, wir busslen uns ab...".
In den skandinavischen Ländern wird sehr viel Wert auf den hierarchischen Status in Unternehmen gelegt. Man sollte seinen Geschäftspartner
deshalb unbedingt mit seinem hierarchischen Titel (z.B. Herr Direktor) ansprechen.
"No ranks, no titles!" wird zwar in vielen US Unternehmen gepredigt und die Umgangsformen scheinen
eher locker zu sein, aber dennoch herrscht in den USA ein starkes
Hierarchiedenken, was man nicht unterschätzen sollte. |
| Eine deutsche Tugend, die erwartet wird |
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Wenn eine Verspätung zu einem Meeting unausweichlich ist, sollte man in jedem Fall beizeiten die Beteiligten informieren, bevor man zu spät ist. Am besten
einem Kollegen bescheid geben, der schon vor Ort ist. Ansonsten hilft nur, den Geschäftspartner direkt zu benachrichtigen - das erspart jenem vertane Zeit und dem IT-Freiberufler unnötige
Hektik.
Auch im Ausland, wo die Regeln der Pünktlichkeit anders interpretiert werden, wird gerade von Deutschen erwartet, dass sie auf jeden Fall pünktlich sind. Ist dem nicht so, wären
die ausländischen Geschäftspartner maßlos von der Genauigkeit und Korrektheit der Deutschen enttäuscht.
Auf Pünktlichkeit wird vor allem im Norden Europas großer
Wert gelegt - auch dahingehend, dass Dienst und Freizeit akkurat getrennt werden. Das Wochenende ist für
das Geschäftliche absolut tabu und Termine nach 16:00 Uhr sind nicht gern gesehen. Die Dänen werden auch ungern in der Mittagspause von 11:30 bis 14:30 Uhr sowie in den Monaten Juli
und August mit Geschäftlichem gestört. Wahrscheinlich ist es überhaupt schwierig, einen Skandinavier dienstlich in der Sommerzeit anzutreffen. Die meisten Firmen schließen
6 bis 8 Wochen im Sommer, um die im Norden doch so seltene Sonne zu genießen.
Das spanische Geschäftsleben beginnt meist erst um 9:30 und eine Siesta von 13:30 bis
15:30 Uhr ist durchaus
üblich. Aber auch im Wissen darum, dass man unter spanischer Pünktlichkeit "eine halbe Stunde später" versteht, ist es das Los des deutschen IT-Freiberuflers, dass von
ihm eine pünktliche Terminwahrnehmung erwartet wird.
In Japan und China ist pünktliches Erscheinen zu Terminen ein Muss, das wie Höflichkeit und
Geduld zu den undiskutierbaren Regeln der geschäftlichen
und privaten Umgangsformen in Asien gehört. |
| Die Kunst des unfallfreien Small Talks |
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Zugegeben, die "leichte und zwanglose Rede" gehört für viele Menschen auch ohne ausländische Eigenarten zu den schwierigsten Herausforderungen,
der man sich stellen muss. Ungeachtet des rhetorischen Faktors gibt es in der Ferne zudem noch diverse inhaltliche Stolperfallen:
Wer sich in Norwegen oder Dänemark aufhält,
sollte Themen über die europäische Integration oder Alkohol vermeiden. Hier empfiehlt es sich
zum Beispiel über die Landschaft oder bei vorhandener Kulturkenntnis über Ibsen oder Grieg zu sprechen.
Im Small Talk mit Franzosen punktet, wer sich in der französischen
Geschichte auskennt. Gute Themen sind besonders das Essen und die Weine aus Frankreich. Aber Vorsicht: Ein angelesenes "Viertelwissen" verleitet schnell, sich zu weit aus dem Fenster
zu lehnen - und sich bei einer vertieften Diskussion zu blamieren.
In Italien sind vor allem Themen wie Mafia, Süd-Tirol oder Innenpolitik tabu. Dagegen macht sich derjenige
sicherlich Freunde, der nach der Familie fragt oder sogar von seiner Familie erzählt. Ein Foto vom "bambino" in der Brieftasche kann jedenfalls nicht schaden.
Ähnlich verhält
es sich in Spanien. Hier ist die Frage nach der Familie ein sicherer Trumpf, aber die Themen Stierkampf oder ETA werden gemieden. Spanien und Portugal zu
vergleichen ist in beiden Ländern ein No-No.
In Großbritannien ist die Frage nach der Familie ein absolutes Tabu. Die Iren gelten zwar als sehr humorvolle
Menschen, doch bei den Themen Innenpolitik, das Verhältnis zu Großbritannien, Terrorismus und Nordirland-Konflikt hört der Spaß auf.
US Amerikaner auf Innenpolitik,
Religion oder ihren überschwänglichen Patriotismus anzusprechen, wäre ein Fauxpas. Kenner der amerikanischen Sportarten oder dem
anstehenden
"Super Bowl", sind dagegen bestens gewappnet. Sehr beliebt ist auch immer die Frage nach der Herkunft der Familie. Ganz schnell wird man dann erfahren, aus welcher Region Europas die
Großväter oder Urgroßmütter stammen. Das Thema schließlich auf Deutschlands Autos und vor allem Autobahnen zu lenken, ist fast immer ein sicherer Small Talk-Treffer.
In
den baltischen Ländern Estland, Lettland und Litauen sollte man die Probleme mit der Integration der russischen Bevölkerung nicht ansprechen. Ebenfalls zu vermeiden:
Alle drei Staaten in einen Topf zu werfen. Besser ist es, die jeweiligen nationalen Eigenheiten zu betonen. Die historischen Stadtzentren von Tallin (Estland) und Vilnius (Litauen) gehören
beispielsweise zum Weltkulturerbe und bieten sich als Small-Talk-Themen ideal an.
Ein großer Fauxpas ist es, in der Tschechischen Republik die alte Bezeichnung "Tschechei" zu
verwenden. Unbedingt an die offizielle Länderbezeichnung halten
oder alternativ
"Tschechien" sagen. Die Tschechen empfinden uns Deutsche häufig als plump und überheblich auftretend. Mit einer vornehm zurückhaltenden Art wird man sich dort also eher
Freunde machen.
Zurückhaltendes Auftreten ist auch oberstes Gebot in China und Japan - die wichtigste Doppel-Regel lautet hier, sowohl "sein Gesicht
nicht zu verlieren" als
auch nicht dazu beizutragen, dass der Gesprächspartner "sein Gesicht verliert". Dazu ist es u. a. entscheidend, genau auf Hierarchien zu achten und diese auch zu beachten. |
| Meeting locker oder steif |
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Etwas ungewöhnlich mag es einem Deutschen vorkommen, der in den USA an einer Besprechung teilnimmt. Hier kommt es vor, dass ein ständiges
Kommen und Gehen üblich ist und eine eher lockere Stimmung herrscht. Alle Ideen sind willkommen und "great", ein wirkliches Lob hat man erhalten, wenn die Bemerkung als "excellent"
bezeichnet wird. Protokolle werden meist in Powerpoint erstellt und kritische Punkte werden als "Challenges" bezeichnet. Oft werden unter Zeitdruck Snacks oder Sandwiches serviert, während
man noch präsentiert. Dies darf nicht stören. Ein Lunch-Meeting ist dabei die Steigerung. Hier wird während des Mittagessens eine Powerpoint-Präsentation gehalten.
In Frankreich ist
der Sinn eines Meetings, seine Gedanken auszutauschen, nicht darin Dinge zu entscheiden. Wer in Frankreich vom IT-Freiberufler vor dem Meeting ein Briefing erhält, wird wahrscheinlich gekränkt
sein. Informationen gelten als Holschuld. Eine Agenda wird in Frankreich selten eingehalten. Protokolle hingegen können bis zu 20 Seiten
umfassen und lesen sich wie Prosa.
Franzosen haben zudem ein anderes Zeitverständnis. Oft beginnen Besprechungen später und dauern länger als geplant. Es empfiehlt sich deshalb,
den eigenen Zeitplan großzügig
zu kalkulieren und sich ausreichend Spielraum zum Beispiel für den Weg zum Flughafen einzuräumen. Von Deutschen wird allerdings erwartet, dass sie ihre Termine pünktlich einhalten.
Japaner legen
großen Wert auf Pünktlichkeit und Disziplin. Spontaneität, die sich in Wortmeldungen äußert, ist nicht erwünscht. Feedback wird
nicht gegeben, damit keiner in der Gruppe hervorgehoben wird. Protokolle gelten als Vorbereitung und werden vor dem Meeting verteilt. Nach einer Besprechung erhält man umfangreiche Berichte.
Wer
zu Verhandlungen in islamische Länder eingeladen wird, sollte besonders streng auf die Etikette achten. In arabischen Ländern ist es unhöflich, dem Gegenüber
die Schuhsohlen zu zeigen, denn der Boden und Schuhe gelten als schmutzig. Frauen sollten hier keinen Hosenanzug tragen und der Rock muss unter dem Knie enden. |
| Und noch ein Küsschen |
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Die Begrüßung mit dem Küsschen ist im deutschen Geschäftsleben tabu. Auch in Italien, Frankreich und der Schweiz,
wo diese Begrüßung häufig im Privatleben zu erleben ist, gilt für das Geschäftsleben das gleiche Tabu wie bei uns. In Italien ist eventuell zu erleben, dass bei Weihnachtsfeiern
Küsse unter guten Freunden ausgetauscht werden. Aber niemals beim ersten Treffen. Angefangen wird hierbei auf der rechten Wange und eine Berührung ist durchaus möglich.
Berührung
beim Begrüßungsküsschen ist in Frankreich übrigens nicht angesagt. Die Steigerung erlebt man in Russland, hier werden
auch Männer geküsst - aber nur, wenn sie sich gut kennen. In Spanien erfahren die Männer die etwas abgeschwächte Form einer Umarmung. |
Nähere Informationen zum Thema bei Anke Quittschau und Christina Tabernig unter
www.korrekt.de 
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2005
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