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Business-Knigge: Einfach banal oder bitter notwendig?

Interview mit Christina Tabernig und Anke Quittschau

(Juni 2005)
 
Christina Tabernig
Anke Quittschau
 
Christina Tabernig
 
Anke Quittschau
 

Über ein Viertel aller IT-Freiberufler sieht sich beim Thema Business-Knigge verbesserungswürdig. Ihre Befürchtung: Defizite bei den Umgangsformen wirken sich negativ auf die Geschäfte aus. Ob dies stimmt und was man dagegen tun kann – darum geht es u. a. im Interview mit den Stilexpertinnen Christina Tabernig und Anke Quittschau.

Mit der korrekt! GbR führen Christina Tabernig und Anke Quittschau eine Beratungsfirma, deren Kunden ihr Auftreten zeitgemäß und businessorientiert aktualisieren möchten. Die beiden Stilexpertinnen beraten und coachen u. a. Entscheider aus der IT-Branche, schreiben für namhafte Computer-

und Wirtschaftszeitschriften und haben erst kürzlich zwei viel beachtete Bücher zum Thema veröffentlicht: "Business Knigge für Männer" und "Business Knigge für Frauen".


GULP Immer, wenn in der GULP Knowledge Base das Thema "Umgangsformen" auftaucht, gibt es neben Lob immer auch Freiberufler, die sich auf den Schlips getreten fühlen. Das Thema scheint sehr heikel zu sein – warum eigentlich?

Tabernig

Es ist natürlich ein sehr persönliches Thema und jeder hat seinen eigenen Stil, von dem er meint, er sei voll und ganz o.k. fürs Berufsleben. Wenn dann einer daher kommt und auch noch Regeln vorschlägt, die letztendlich der Parkettsicherheit dienen sollen, fühlen sich manche Menschen bevormundet und in ihrem Handeln eingeschränkt.
Quittschau Außerdem kommt hier ein Phänomen zum Tragen: Wir erleben oft, dass Menschen meinen, dieses Thema sei zwar wichtig, aber jeder wüsste doch, wie es geht. Nach dem Motto: ich brauche da keine Unterstützung, aber mein Nachbar hat es nötig!
GULP Warum sind Umgangsformen generell so wichtig?

Quittschau

Einmal abgesehen von den Argumenten für ein erfolgreiches Geschäftsgebaren – in der heutigen Zeit hilft eine freundliche Umgebung und ein respektvolles Miteinander, das Leben und auch gerade das Berufsleben angenehmer zu gestalten. Den Spruch "So, wie man in den Wald hinein schreit, so schallt es auch wieder hinaus!" sollten sich einige zu Herzen nehmen.
Tabernig Und um wie viel entspannter und freundlicher ist ein Berufsalltag, wenn Sie ein Lächeln aufsetzten oder ein einfaches Bitte oder Danke über die Lippen bringen.
GULP Wenn ich bei der Bewerbung durch Fachlichkeit überzeuge, das reicht doch. Die Projektanbieter wollen schließlich einen erfahrenen Spezialisten – und nicht einen Blender, der im Anzug den genau richtigen Händedruck ausübt.
Tabernig Natürlich sprechen wir nicht einem so genannten Blender ins Wort, aber solch einer würde auch in einem IT-Projektmarkt, der sich besonders durch fachliches Spezialistentum definiert, wohl nach Meinung der Insider auch schnell auffliegen. Es geht um etwas ganz anderes: Produkte, Technologien oder fachliche Qualifikationen sind heute mehr denn je vergleichbar und unterscheiden sich häufig nur gering. Umso wichtiger ist es, sich auch durch gute Umgangsformen von der Konkurrenz zu differenzieren. Wir verstehen gute Umgangformen als persönlichen USP.
GULP Im Job – wenn ich gut bin, ist es doch egal, ob ich in einem Meeting Kaugummi kaue und gähne. Oder?
Tabernig Gepflegte Umgangsformen sollten stets eingehalten werden. Man kann nie wissen, wie wichtig dem Geschäftspartner Umgangformen sind. Und es wäre doch mehr als schade, wenn man einen Deal verliert, weil man sich nicht benehmen kann.
Quittschau Das Schwierige daran ist, dass Ihnen unangebrachtes Kaugummi kauen oder schlechte Tischsitten nie als Grund genannt werden, warum Sie den Nachfolgeauftrag nicht bekommen haben. So ein Feedback können Sie höchstens von Ihren besten Freunden erwarten.
GULP Die meisten Menschen sind überzeugt, dass sie gute Umgangsformen besitzen. Können Sie das bestätigen?
Tabernig Ich würde mich hier vor Pauschalisierungen grundsätzlich hüten. So kann man im geschäftlichen Alltag sicher feststellen, dass bestimmte Berufsgruppen einfach eine größere Nähe zu guten Umgangsformen haben. Ich habe viele gute Sales-Leute in der IT Branche erlebt, da hat einfach alles gestimmt: Auftreten, Fachwissen und die persönliche Ausstrahlung.
Quittschau Leider treffen wir aber gerade in der IT auch auf genügend Spezialisten, die glauben, ihr Fachwissen kombiniert mit ihrem Konfirmationsanzug reichen aus, um erfolgreich zu sein.
Tabernig

>> Viele Menschen schauen sich
Dinge bei vermeintlichen
Wissern ab. <<

Und dann gibt es da noch die Sache mit dem "Abschauen". Viele Menschen schauen sich Dinge bei vermeintlichen "Wissern" ab, die aber grundlegend falsch sind – oder falsch interpretiert wurden. Ein Beispiel: Da der Projektleiter regelmäßig fünf Minuten zu spät zum Meeting kommt, genehmigt man sich irgendwann ebenfalls die fünf Minuten – in der fälschlichen Meinung, die Bedeutung eines Menschen definiere sich im verspäteten Auftritt vor der Gruppe.
Quittschau Dumm nur, wenn der Projektleiter plötzlich pünktlich zur Stelle ist – oder ein anderer Kunde überhaupt kein Verständnis für Verspätungen hat.
Tabernig In solchen Fällen allerdings bekommt der Betreffende aber immerhin noch die Chance, auf seinen Fehler hingewiesen zu werden. Andere bleiben aufgrund des fehlenden ehrlichen Feedbacks bei der Meinung, dass es absolut in Ordnung ist, nach dem Essen das Messer abzulecken.
GULP Welchen schlimmen bzw. folgenreichen Mängeln hinsichtlich Umgangsformen sind Sie sonst noch begegnet?
Quittschau Ich war einmal dabei, als ein Bewerber ohne Krawatte zum Job-Interview in einem gehobenen Restaurant in München erschien. Diese betonte Lässigkeit war dann leider sein Verhängnis. Den Job hat ein anderer bekommen.
Tabernig Weniger folgenschwer, aber eklig war ein Geschäftsführer eines IT-Unternehmens, in dem ich gearbeitet habe. Der hat sich ungeniert in meinem Büro mit dem Taschenmesser die Fingernägel gereinigt und geschnitten. Verrichteter Dinge verließ er den Raum und hinterließ auf dem Teppich einen kleinen Haufen Nägel und mich in bass erstauntem Zustand. Zum Glück kam am selben Tag die Putzfrau.
Quittschau Bei einem unserer Seminare erzählte ein Vertriebler, wie er am Anfang seiner erfolgreichen Karriere nach einiger Zeit zum Zweittermin beim Vorstand eines großen Konzerns ankam. Das Meeting verlief gut und der Deal wurde auf den Weg gebracht. Nach dem Meeting nahm ihn aber der Vorstand zur Seite und sagte: "Ich finde Sie und Ihr Produkt sehr gut. Nur bitte ziehen Sie sich beim nächsten Mal einen anderen Anzug an. Diesen hier haben sie schon beim ersten Meeting getragen."
Tabernig

>> … dass in bestimmten Branchen solche
Gepflogenheiten gelten. <<

Und seitdem schreibt der Vertriebler immer auf, welchen Anzug er bei welchem Kunden getragen hat. Klar kann man jetzt sagen, das wäre jetzt übertrieben – es ändert aber nichts daran, dass in bestimmten Branchen solche Gepflogenheiten gelten und über Erfolg- und Misserfolg entscheiden können.
Quittschau Eine weitere nette Geschichte habe ich noch: Ein vermeintlicher "Wisser" hatte sich Austern zum Geschäftsessen bestellt und die dazugehörige Fingerschale samt Zitronenscheibe galant über die Austern geleert. Wenn jetzt noch Menschen am Tisch gesessen wären, die keine Ahnung vom richtigen Austernverzehr haben, würden vielleicht jetzt immer mehr Fingerschalen zweckentfremdet werden.
GULP Sie veranstalten Seminare mit Unternehmern und Führungskräften zum Thema Business Knigge. Was sind die häufigsten Fragen und Unsicherheiten?
Tabernig Kaum verwunderlich, wenn man bedenkt, wie steif oft so genannte "erste Begegnungen" sind: Die häufigsten Unsicherheiten bestehen beim Thema Vorstellung und Anrede: Wer stellt wen zuerst vor und wie stelle ich das am besten an? Oder wie spricht man korrekt einen Grafen mit Doktortitel an. Kommt nicht oft im Praxisleben vor, ist aber immer wieder eine Frage.
Quittschau Und viele Fragen gibt es schließlich auch im Bereich Tischsitten und korrekte Haltung des Bestecks. Wo sind die Ellbogen, wie filetiere ich einen Fisch und und und.
GULP Verzeihen Sie die Bemerkung, aber bei vielen Knigge-Tipps schüttelt man erst einmal verwundert den Kopf, denn sie klingen irgendwie so banal?
Tabernig Viele Knigge-Tipps klingen deshalb so selbstverständlich, weil sie jeder schon gehört hat. Die Aufforderung "Kind, nimm die Ellebogen vom Tisch" ist bestimmt noch jedem im Ohr – doch achten wir wirklich immer darauf? Es ist bei den Knigge-Regeln wie mit allen Dingen, die wir erlernen wollen oder müssen: Nur die häufige Anwendung in der Praxis bringt den wirklichen Lernerfolg.
GULP Umgangsformen hin und her – im Alltag tragen gerade eMails dazu bei, dass auf Höflichkeitsfloskeln wie Anrede etc. völlig verzichtet wird. Das stört auch keinen.
Tabernig Das mag den Absender vielleicht nicht stören. Dennoch sollte man sich immer vor Augen halten, dass eine eMail ein Schriftstück ist, das auch ausgedruckt werden kann. Es ist Ihre Visitenkarte und prägt Ihr Image genauso wie ein Brief.
Quittschau

>> Auch in der eMail macht
der Ton die Musik. <<

US-Amerikaner schaffen es inzwischen sogar, eMails ganz ohne Anrede zu schicken. Wenn Sie Glück haben, steht Ihr Vorname noch vor dem Text mit einem Doppelpunkt oder Komma abgetrennt. Dies klingt beim Lesen doch etwas hart, denn auch in der eMail macht der Ton die Musik.
Tabernig Und deshalb plädieren wir bei der Netiquette für eine komplette Anrede und auch eine Verabschiedung. So viel Zeit muss sein.
GULP Stichwort "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" – ist eine fehlende "gute Kinderstube" überhaupt noch korrigierbar?
Tabernig Das hoffen wir doch sehr. Zumindest können wir Hans etwas mehr Sicherheit im Auftreten geben. Es wird Jahre dauern, bis man lässig mit den Regeln spielen und auch ab und zu entscheiden kann, die eine oder andere Regel anders zu handhaben – aber auch als IT-Selbstständiger bekommt man bei der ernsthaften Beschäftigung mit den eigenen Umgangsformen zumindest einen Einblick in das, was man alles verkehrt machen kann – und sensibilisiert sich selber für dieses Thema, wenn man es nicht mit der Muttermilch aufgesogen hat.
GULP Sie haben zwei Bücher geschrieben: Business Knigge für Männer und Frauen – wo liegen denn die wesentlichen Unterschiede?
Quittschau Frauen haben heute die gleichen Jobs wie Männer. Ihr Dilemma: Sie ticken anders als Männer, sollen im Job aber wie solche agieren. Besonders deutlich werden die Unterschiede dann, wenn eine Frau zum Beispiel die Projektleiterin, die Agenturchefin oder die Gastgeberin ist. Frauen neigen dann oft dazu, in ihre "alte Rolle " zu fallen und beispielsweise das Probieren des Weines dem eingeladenen Mann zu überlassen.
Tabernig

>> Der Ranghöhere entscheidet. <<

Und schon untergräbt sie wieder ihre Kompetenz. Uns liegt die Grundregel im Business am Herzen: Der Ranghöhere entscheidet - egal, ob Mann oder Frau.
GULP Herr Knigge ist bereits lange tot und junge Menschen haben ihre eigene Art miteinander umzugehen. Was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend verändert?
Quittschau Es hat sich eigentlich nicht viel verändert, denn die Grundmaxime von Knigge, also der respektvolle Umgang mit anderen Menschen, gilt weiterhin. Diese Einstellung möchten wir Menschen gerne an die Hand geben – gerade in diesen Zeiten, in der sich der zunehmende Arbeitsdruck schleichend auch auf die Umgangsformen auswirkt. Wohin eine solche Entwicklung dauerhaft führen würde – ich jedenfalls finde es alles andere als erstrebenswert.
Tabernig Zum Glück gibt es auch eine Gegenbewegung – man beobachtet immer häufiger Menschen, die wieder sehr großen Wert auf Umgangsformen legen.
Quittschau Und natürlich hat sich in den vergangenen 25 Jahren auch einiges in Sachen Gleichberechtigung getan: Frauen dürfen den Männern nun das "Du" anbieten, werden in der Briefanschrift nicht mehr als Anhängsel des Ehemanns betrachtet und dürfen als Vorgesetzte die Rolle der Männer übernehmen –also vorstellen, begrüßen, zum Geschäftsessen einladen.
GULP Kein Wunder also, dass angesichts der fortschreitenden Emanzipation viele Männer nicht mehr unbedingt einsehen, Frauen gegenüber gesondert höflich zu sein. Ein Trugschluss?
Tabernig Oh ja. Ein höflicher Mann fällt auf und hebt sich so von seinen Mitbewerbern ab. Lohnt sich also in jeder Hinsicht, oder?
GULP Zum Schluss – gibt es eigentlich eine zentrale Aussage, die Sie allen Selbstständigen empfehlen können?
Quittschau

>> Es gibt zu viele Mitbewerber, die den gleichen guten Job machen. <<

Wir empfehlen auf jeden Fall, den Blick für das gesamte Auftreten zu schärfen. Denn heute gibt es zu viele Mitbewerber, die den gleichen (guten) Job machen. Jeder Selbstständige sollte sich darüber bewusst sein, dass er eben nicht nur aufgrund seiner Qualifikation einen Auftrag erhält, sondern weil er dem Entscheider sympathisch ist. Und diese Sympathie entscheidet sich in den ersten Sekunden des Kennenlernens.
GULP Frau Tabernig, Frau Quittschau, herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Nähere Informationen zum Thema bei Christina Tabernig und Anke Quittschau unter www.korrekt.de extern
Die Autorinnen behalten sich alle Rechte am Artikel vor. © 2005 korrekt

 

Kommentare zu diesem Artikel:

"Finde ich sehr gut !!! (Juni 2005)"

"Koestlich! (Juni 2005)"

"Leider werden genau die Menschen die es nötig hätten diesen Bericht nicht lesen. Schade eigentlich. Vielen Dank für den Beitrag. Man fühlt sich nicht mehr so alleine. Manchmal gewinnt man den Eindruck als ob man mit etwas Etikette ehr schlecht als gut fährt ... (Juni 2005)"

"Weckte die Eine oder andere Erinnerung... ;-) (Juni 2005)"

"Kommt wie gerufen! (Juni 2005)"

"Ein prima Artikel! Sicherlich wichtig zu wissen, in welchen Gefilden man sich bewegt und welche Erwartungen an Äußerlichkeiten gestellt werden. (Juni 2005)"

"Endlich mal eine klare Aussage. Danke. (Juni 2005)"

"Ich habe diesen Artikel sehr positiv und mit einem gewissen Schmunzeln gelesen :-). Ist es ein Zufall, dass sich in diesem Artikel Frauen mit diesem Thema auseinandersetzen? Meine persoenliche Erfahrung als Freelancer ist die Tatsache , dass ich lieber mit Frauen als Vorgesetzte zusammen arbeite. Sie wissen einfach besser mit Menschen umzugehen. (Juni 2005)"

"Hm, wenn alle betroffenen Parteien in der Kommunikation sich offen geben und konstruktiv zusammenarbeiten, dann ist die Hoefflichkeit erfahrungsgemaess meist eher das kleinere Problem. Denn der Respekt und das Vertrauen ist die erste und beste Basis zur guten Manier. (Juni 2005)"


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