| GULP |
Immer, wenn in der GULP Knowledge
Base das Thema "Umgangsformen" auftaucht, gibt es neben
Lob immer auch Freiberufler, die sich auf den Schlips getreten fühlen.
Das Thema scheint sehr heikel zu sein – warum eigentlich? |
| Tabernig |
Es ist natürlich ein sehr persönliches Thema
und jeder hat seinen eigenen Stil, von dem er meint, er sei voll und
ganz o.k. fürs Berufsleben. Wenn dann einer daher kommt und auch
noch Regeln vorschlägt, die letztendlich der Parkettsicherheit
dienen sollen, fühlen sich manche Menschen bevormundet und in
ihrem Handeln eingeschränkt. |
| Quittschau |
Außerdem kommt hier ein Phänomen zum Tragen:
Wir erleben oft, dass Menschen meinen, dieses Thema sei zwar wichtig,
aber jeder wüsste doch, wie es geht. Nach dem Motto: ich brauche
da keine Unterstützung, aber mein Nachbar hat es nötig! |
| GULP |
Warum sind Umgangsformen generell
so wichtig? |
| Quittschau |
Einmal abgesehen von den Argumenten für ein erfolgreiches
Geschäftsgebaren – in der heutigen Zeit hilft eine freundliche
Umgebung und ein respektvolles Miteinander, das Leben und auch gerade
das Berufsleben angenehmer zu gestalten. Den Spruch "So, wie
man in den Wald hinein schreit, so schallt es auch wieder hinaus!"
sollten sich einige zu Herzen nehmen. |
| Tabernig |
Und um wie viel entspannter und freundlicher ist ein
Berufsalltag, wenn Sie ein Lächeln aufsetzten oder ein einfaches
Bitte oder Danke über die Lippen bringen. |
| GULP |
Wenn ich bei der Bewerbung durch Fachlichkeit überzeuge,
das reicht doch. Die Projektanbieter wollen schließlich einen
erfahrenen Spezialisten – und nicht einen Blender, der im Anzug
den genau richtigen Händedruck ausübt. |
| Tabernig |
Natürlich sprechen wir nicht einem so genannten
Blender ins Wort, aber solch einer würde auch in einem IT-Projektmarkt,
der sich besonders durch fachliches Spezialistentum definiert, wohl
nach Meinung der Insider auch schnell auffliegen. Es geht um etwas
ganz anderes: Produkte, Technologien oder fachliche Qualifikationen
sind heute mehr denn je vergleichbar und unterscheiden sich häufig
nur gering. Umso wichtiger ist es, sich auch durch gute Umgangsformen
von der Konkurrenz zu differenzieren. Wir verstehen gute Umgangformen
als persönlichen USP. |
| GULP |
Im Job – wenn ich gut bin,
ist es doch egal, ob ich in einem Meeting Kaugummi kaue und gähne.
Oder? |
| Tabernig |
Gepflegte Umgangsformen sollten stets eingehalten
werden. Man kann nie wissen, wie wichtig dem Geschäftspartner
Umgangformen sind. Und es wäre doch mehr als schade, wenn man
einen Deal verliert, weil man sich nicht benehmen kann. |
| Quittschau |
Das Schwierige daran ist, dass Ihnen unangebrachtes
Kaugummi kauen oder schlechte Tischsitten nie als Grund genannt werden,
warum Sie den Nachfolgeauftrag nicht bekommen haben. So ein Feedback
können Sie höchstens von Ihren besten Freunden erwarten. |
| GULP |
Die meisten Menschen sind überzeugt, dass sie
gute Umgangsformen besitzen. Können Sie das bestätigen? |
| Tabernig |
Ich würde mich hier vor Pauschalisierungen grundsätzlich
hüten. So kann man im geschäftlichen Alltag sicher feststellen,
dass bestimmte Berufsgruppen einfach eine größere Nähe
zu guten Umgangsformen haben. Ich habe viele gute Sales-Leute in der
IT Branche erlebt, da hat einfach alles gestimmt: Auftreten, Fachwissen
und die persönliche Ausstrahlung. |
| Quittschau |
Leider treffen wir aber gerade in der IT auch auf genügend
Spezialisten, die glauben, ihr Fachwissen kombiniert mit ihrem Konfirmationsanzug
reichen aus, um erfolgreich zu sein. |
| Tabernig |
>> Viele Menschen schauen
sich
Dinge bei vermeintlichen
Wissern ab. <<
|
|
Und dann gibt es da noch die Sache mit dem "Abschauen".
Viele Menschen schauen sich Dinge bei vermeintlichen "Wissern"
ab, die aber grundlegend falsch sind – oder falsch interpretiert
wurden. Ein Beispiel: Da der Projektleiter regelmäßig fünf
Minuten zu spät zum Meeting kommt, genehmigt man sich irgendwann
ebenfalls die fünf Minuten – in der fälschlichen Meinung,
die Bedeutung eines Menschen definiere sich im verspäteten Auftritt
vor der Gruppe. |
| Quittschau |
Dumm nur, wenn der Projektleiter plötzlich pünktlich
zur Stelle ist – oder ein anderer Kunde überhaupt kein
Verständnis für Verspätungen hat. |
| Tabernig |
In solchen Fällen allerdings bekommt der Betreffende
aber immerhin noch die Chance, auf seinen Fehler hingewiesen zu werden.
Andere bleiben aufgrund des fehlenden ehrlichen Feedbacks bei der
Meinung, dass es absolut in Ordnung ist, nach dem Essen das Messer
abzulecken. |
| GULP |
Welchen schlimmen bzw. folgenreichen Mängeln
hinsichtlich Umgangsformen sind Sie sonst noch begegnet? |
| Quittschau |
Ich war einmal dabei, als ein Bewerber ohne Krawatte
zum Job-Interview in einem gehobenen Restaurant in München erschien.
Diese betonte Lässigkeit war dann leider sein Verhängnis.
Den Job hat ein anderer bekommen. |
| Tabernig |
Weniger folgenschwer, aber eklig war ein Geschäftsführer
eines IT-Unternehmens, in dem ich gearbeitet habe. Der hat sich ungeniert
in meinem Büro mit dem Taschenmesser die Fingernägel gereinigt
und geschnitten. Verrichteter Dinge verließ er den Raum und
hinterließ auf dem Teppich einen kleinen Haufen Nägel und
mich in bass erstauntem Zustand. Zum Glück kam am selben Tag
die Putzfrau. |
| Quittschau |
Bei einem unserer Seminare erzählte ein Vertriebler,
wie er am Anfang seiner erfolgreichen Karriere nach einiger Zeit zum
Zweittermin beim Vorstand eines großen Konzerns ankam. Das Meeting
verlief gut und der Deal wurde auf den Weg gebracht. Nach dem Meeting
nahm ihn aber der Vorstand zur Seite und sagte: "Ich finde Sie
und Ihr Produkt sehr gut. Nur bitte ziehen Sie sich beim nächsten
Mal einen anderen Anzug an. Diesen hier haben sie schon beim ersten
Meeting getragen." |
| Tabernig |
>> … dass in bestimmten
Branchen
solche Gepflogenheiten gelten. << |
|
Und seitdem schreibt der Vertriebler immer auf, welchen Anzug er bei
welchem Kunden getragen hat. Klar kann man jetzt sagen, das wäre
jetzt übertrieben – es ändert aber nichts daran, dass
in bestimmten Branchen solche Gepflogenheiten gelten und über
Erfolg- und Misserfolg entscheiden können. |
| Quittschau |
Eine weitere nette Geschichte habe ich noch: Ein vermeintlicher
"Wisser" hatte sich Austern zum Geschäftsessen bestellt
und die dazugehörige Fingerschale samt Zitronenscheibe galant
über die Austern geleert. Wenn jetzt noch Menschen am Tisch gesessen
wären, die keine Ahnung vom richtigen Austernverzehr haben, würden
vielleicht jetzt immer mehr Fingerschalen zweckentfremdet werden.
|
| GULP |
Sie veranstalten Seminare mit Unternehmern und Führungskräften
zum Thema Business Knigge. Was sind die häufigsten Fragen und
Unsicherheiten? |
| Tabernig |
Kaum verwunderlich, wenn man bedenkt, wie steif oft
so genannte "erste Begegnungen" sind: Die häufigsten
Unsicherheiten bestehen beim Thema Vorstellung und Anrede: Wer stellt
wen zuerst vor und wie stelle ich das am besten an? Oder wie spricht
man korrekt einen Grafen mit Doktortitel an. Kommt nicht oft im Praxisleben
vor, ist aber immer wieder eine Frage. |
| Quittschau |
Und viele Fragen gibt es schließlich auch im
Bereich Tischsitten und korrekte Haltung des Bestecks. Wo sind die
Ellbogen, wie filetiere ich einen Fisch und und und. |
| GULP |
Verzeihen Sie die Bemerkung, aber bei vielen Knigge-Tipps
schüttelt man erst einmal verwundert den Kopf, denn sie klingen
irgendwie so banal? |
| Tabernig |
Viele Knigge-Tipps klingen deshalb so selbstverständlich,
weil sie jeder schon gehört hat. Die Aufforderung "Kind,
nimm die Ellebogen vom Tisch" ist bestimmt noch jedem im Ohr
– doch achten wir wirklich immer darauf? Es ist bei den Knigge-Regeln
wie mit allen Dingen, die wir erlernen wollen oder müssen: Nur
die häufige Anwendung in der Praxis bringt den wirklichen Lernerfolg. |
| GULP |
Umgangsformen hin und her – im Alltag tragen
gerade eMails dazu bei, dass auf Höflichkeitsfloskeln wie Anrede
etc. völlig verzichtet wird. Das stört auch keinen. |
| Tabernig |
Das mag den Absender vielleicht nicht stören.
Dennoch sollte man sich immer vor Augen halten, dass eine eMail ein
Schriftstück ist, das auch ausgedruckt werden kann. Es ist Ihre
Visitenkarte und prägt Ihr Image genauso wie ein Brief. |
| Quittschau |
>> Auch in der eMail macht
der Ton die Musik. << |
|
US-Amerikaner schaffen es inzwischen sogar, eMails ganz ohne Anrede
zu schicken. Wenn Sie Glück haben, steht Ihr Vorname noch vor
dem Text mit einem Doppelpunkt oder Komma abgetrennt. Dies klingt
beim Lesen doch etwas hart, denn auch in der eMail macht der Ton die
Musik. |
| Tabernig |
Und deshalb plädieren wir bei der Netiquette für
eine komplette Anrede und auch eine Verabschiedung. So viel Zeit muss
sein. |
| GULP |
Stichwort "Was Hänschen nicht lernt, lernt
Hans nimmermehr" – ist eine fehlende "gute Kinderstube"
überhaupt noch korrigierbar? |
| Tabernig |
Das hoffen wir doch sehr. Zumindest können wir
Hans etwas mehr Sicherheit im Auftreten geben. Es wird Jahre dauern,
bis man lässig mit den Regeln spielen und auch ab und zu entscheiden
kann, die eine oder andere Regel anders zu handhaben – aber
auch als IT-Selbstständiger bekommt man bei der ernsthaften Beschäftigung
mit den eigenen Umgangsformen zumindest einen Einblick in das, was
man alles verkehrt machen kann – und sensibilisiert sich selber
für dieses Thema, wenn man es nicht mit der Muttermilch aufgesogen
hat. |
| GULP |
Sie haben zwei Bücher geschrieben: Business
Knigge für Männer und Frauen – wo liegen denn die
wesentlichen Unterschiede? |
| Quittschau |
Frauen haben heute die gleichen Jobs wie Männer.
Ihr Dilemma: Sie ticken anders als Männer, sollen im Job aber
wie solche agieren. Besonders deutlich werden die Unterschiede dann,
wenn eine Frau zum Beispiel die Projektleiterin, die Agenturchefin
oder die Gastgeberin ist. Frauen neigen dann oft dazu, in ihre "alte
Rolle " zu fallen und beispielsweise das Probieren des Weines
dem eingeladenen Mann zu überlassen. |
| Tabernig |
>> Der Ranghöhere
entscheidet. << |
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Und schon untergräbt sie wieder ihre Kompetenz. Uns liegt die
Grundregel im Business am Herzen: Der Ranghöhere entscheidet
- egal, ob Mann oder Frau. |
| GULP |
Herr Knigge ist bereits lange tot und junge Menschen
haben ihre eigene Art miteinander umzugehen. Was hat sich in den vergangenen
Jahrzehnten entscheidend verändert? |
| Quittschau |
Es hat sich eigentlich nicht viel verändert,
denn die Grundmaxime von Knigge, also der respektvolle Umgang mit
anderen Menschen, gilt weiterhin. Diese Einstellung möchten wir
Menschen gerne an die Hand geben – gerade in diesen Zeiten,
in der sich der zunehmende Arbeitsdruck schleichend auch auf die Umgangsformen
auswirkt. Wohin eine solche Entwicklung dauerhaft führen würde
– ich jedenfalls finde es alles andere als erstrebenswert. |
| Tabernig |
Zum Glück gibt es auch eine Gegenbewegung –
man beobachtet immer häufiger Menschen, die wieder sehr großen
Wert auf Umgangsformen legen. |
| Quittschau |
Und natürlich hat sich in den vergangenen 25 Jahren
auch einiges in Sachen Gleichberechtigung getan: Frauen dürfen
den Männern nun das "Du" anbieten, werden in der Briefanschrift
nicht mehr als Anhängsel des Ehemanns betrachtet und dürfen
als Vorgesetzte die Rolle der Männer übernehmen –also
vorstellen, begrüßen, zum Geschäftsessen einladen. |
| GULP |
Kein Wunder also, dass angesichts der fortschreitenden
Emanzipation viele Männer nicht mehr unbedingt einsehen, Frauen
gegenüber gesondert höflich zu sein. Ein Trugschluss? |
| Tabernig |
Oh ja. Ein höflicher Mann fällt auf und
hebt sich so von seinen Mitbewerbern ab. Lohnt sich also in jeder
Hinsicht, oder? |
| GULP |
Zum Schluss – gibt es eigentlich eine zentrale
Aussage, die Sie allen Selbstständigen empfehlen können? |
| Quittschau |
>> Es gibt zu viele Mitbewerber,
die den gleichen guten Job machen. <<
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Wir empfehlen auf jeden Fall, den Blick für das gesamte Auftreten
zu schärfen. Denn heute gibt es zu viele Mitbewerber, die den
gleichen (guten) Job machen. Jeder Selbstständige sollte sich
darüber bewusst sein, dass er eben nicht nur aufgrund seiner
Qualifikation einen Auftrag erhält, sondern weil er dem Entscheider
sympathisch ist. Und diese Sympathie entscheidet sich in den ersten
Sekunden des Kennenlernens. |
| GULP |
Frau Tabernig, Frau Quittschau, herzlichen Dank
für das Gespräch. |
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