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Authentisch handeln und sich selbst treu bleiben

Interview mit Isabel Nitzsche über globale Business-Spielregeln

(Juli 2006)
 
Isabel Nitzsche
 
Isabel Nitzsche
 

Wer Business-Partner nach Deutschland einlädt oder wer selbst eine Geschäftsreise ins Ausland unternimmt, der muss sich auf andere soziale und kulturelle Spielregeln einstellen. Den ersten Benimm-Hürden begegnet man bereits beim Smalltalk am Telefon, bei der Anrede in E-Mails und Briefen oder beim Geschäftsessen im Restaurant. Wie man solche Hürden erfolgreich meistert und Kommunikations-Fettnäpfchen souverän umschifft hat die Journalistin Isabel Nitzsche in ihrem Ratgeber "Business-Spielregeln rund um den Globus" in 25 interessanten und praxisnahen Länderporträts zusammengefasst.

Worauf es beim Umgang mit anderen Kulturen besonders ankommt, warum es wenig Sinn macht, Benimm-Regeln roboterhaft auswendig zu lernen und weshalb das Verstehen der Sprache für internationales Verständnis allein nicht ausreichend ist, erläutert Isabel Nitzsche im Gespräch mit GULP.

 

GULP Frau Nitzsche, warum ein Buch über globale Businessregeln? Wo liegt da die Notwendigkeit?
Nitzsche Weil die Welt einfach immer kleiner wird und es angesichts der zunehmenden Globalisierung wichtig ist, auch internationale Business-Spielregeln zu beherrschen. Denn heute gibt es kaum mehr Jobs, die nichts mit dem Ausland zu tun haben. Das beginnt damit, dass man mit der ausländischen Niederlassung verhandeln muss, dass direkt vor Ort produziert wird oder dass ausländische Geschäftspartner nach Deutschland kommen. Häufig wird auch in virtuellen Teams gearbeitet, deren Mitglieder in anderen Städten oder Ländern sitzen und deshalb fast nur per E-Mail oder Telefon kommunizieren und verhandeln. Ich denke, das trifft auch auf viele IT-Freiberufler zu. Handelt es sich dann noch um Menschen aus verschiedenen Ländern und Nationen stellt das eine besondere Schwierigkeit dar.
GULP Warum ist die virtuelle Zusammenarbeit denn so schwierig?
Nitzsche Es kommt schneller zu Missverständnissen, weil der direkte persönliche Kontakt fehlt. Ein Beispiel: Trete ich als Deutsche einem Franzosen im Gespräch ohne Smalltalk entgegen, dann werde ich noch eher an dessen Mimik erkennen, dass er etwas pikiert ist. Schicke ich ihm aber eine E-Mail, in der ich nur schreibe "Herr XY, Ihre Zahlen sind falsch.", dann merke ich gar nicht, wie er darauf reagiert. Dann ist er als Franzose unter Umständen vielleicht sauer, weil ich keinen persönlichen Einstieg gemacht habe, ihn sozusagen noch nicht abgeholt habe.
GULP Aber wie merke ich dann, ob ich angemessen mit meinem ausländischen Geschäftspartner oder Kollegen kommuniziere, wenn ich seine Reaktion nicht sehe?
Nitzsche

>> Das Zauberwort heißt "interkulturelle Kompetenz". <<

Das Zauberwort heißt "interkulturelle Kompetenz". Dahinter verbirgt sich die Fähigkeit, das kulturelle System eines Landes zumindest in Ansätzen zu verstehen und sich auf seine Bewohner einzustellen. Also zu fragen, wo ein Mensch herkommt, welche Sozialisation er hat, wie europäisch-westlich geprägt jemand aufgewachsen ist. Bezogen auf Ihre konkrete Frage bedeutet es, mich in den anderen hineinzuversetzen und darauf zu achten, ob die Kommunikation irgendwie gestört ist, einem Zusammenkommen also etwas im Wege steht. Schließlich geht es ja darum, dass beide Seiten zusammenkommen.
GULP Das erfordert aber schon ein gewisses Maß an Einfühlungsvermögen.
Nitzsche Eine gewisse Sensibilisierung ist dafür nötig. Aber wenn man sich gut in andere Menschen hineinfühlen kann, dann ist das eine Fähigkeit, die einem auch im Inland nutzt. Speziell für Menschen, die manchmal Schwierigkeiten haben, auf andere Leute zuzugehen und in ihrem eigenen Kosmos leben, ist es doppelt wichtig. Ein IT-Spezialist, der in seine Programme versunken ist, merkt vielleicht gar nicht, dass sein ausländischer Kollege mehr Ansprache haben will, auch mehr persönliche Ansprache. Was vielleicht auch deutsche Kunden gerne mehr haben möchten und deshalb nur mit bestimmten IT-Freiberuflern zusammenarbeiten.
GULP Wie erwerbe ich "interkulturelle Kompetenz"?
Nitzsche
Überblick Frankreich
o Der Umgangston ist formeller, gepflegte Konversation und Esprit kommen an.
o Hierarchien und Status spielen eine wichtige Rolle.
o Statt nach striktem Plan arbeitet man gern intuitiv.
o Restaurantbesuche dienen der Beziehungspflege, dafür sollte man genügend Zeit einplanen.
Indem man es einfach ausprobiert, sprich selbst Erfahrungen im jeweiligen Land sammelt, offen ist, viele Fragen stellt und das Erfahrene auch immer wieder reflektiert. Und sich selbst immer wieder fragt: Ist die Beziehung jetzt wirklich in Ordnung? Funktioniert alles? Was könnte besser sein? Und sobald mir etwas seltsam vorkommt, jemanden um Rat fragen, ob er ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Das kann jemand sein, der selbst schon in dem betreffenden Land war oder interkulturelle Experten, wie sie auch in meinem Ratgeber zu finden sind. Aber der allerwichtigste Schritt ist, sich von der Haltung zu verabschieden, dass der deutsche Weg der einzig Seligmachende ist. Es mag vielleicht im deutschen Umfeld ganz klar sein, dass ein bestimmtes IT-Programm diesen und jenen Qualitätsstandards genügen muss. In Brasilien ist das dagegen überhaupt nicht klar.
GULP Aber wie kann ich diese deutsche Haltung etwas abschütteln?
Nitzsche Indem ich auch eigene Werte und Normen in Frage stelle und berücksichtige, dass meine Kultur nur eine von vielen ist und damit weder besser noch schlechter als andere. Sich also einfach mal vor Augen zu halten, was denn uns Deutsche ausmacht, was unsere Kulturstandards sind. Um sich für kulturelle Unterschiede zu sensibilisieren, sind Kulturmodelle grundsätzlich eine gute Orientierungshilfe. Das soll jetzt nicht zu wissenschaftlich werden, aber Kultur lässt sich in verschiedene Dimensionen - u.a. Raum, Zeit, Machtdistanz, Unsicherheitsvermeidung - einteilen, anhand derer sich bestimmte Handlungsmuster identifizieren lassen. Zum Beispiel haben Nationen, die gut improvisieren können, ein schwaches Bedürfnis nach Unsicherheitsvermeidung. Sie reagieren gelassener auf chaotische Verhältnisse. Im Gegensatz dazu sind wir Deutschen von einer starken Unsicherheitsvermeidung geprägt und versuchen durch strengere Regelsysteme unstrukturierte Situationen auf ein Mindestmaß zu beschränken. Ich denke es ist einfach wichtig, sich darüber klar zu sein, dass es so unterschiedliche Verhaltensmodelle gibt.
GULP "Interkulturelle Kompetenz" bedeutet also vor allem, andere Kulturen verstehen lernen und deren Ansichten auch gelten zu lassen. Ohne entsprechende Vorinformationen über Land und Leute dürfte ein solches Verständnis aber schwierig sein.
Nitzsche

>> Es schadet auch nie, die eigene Kultur zu kennen. <<

Natürlich ist es gut, wenn man sich vorher über das betreffende Land informiert. Neben den Basisinformationen, die man Länderratgebern wie meinem entnehmen kann, sollte man sich auch etwas mit den aktuellen Themen im jeweiligen Land beschäftigen. Es schadet nicht, sich in den Medien über politische Sachverhalte, erfolgreiche Filme oder Sportereignisse zu informieren, vor allem, weil das auch gleich Themen für Small Talk sind. Als sportbegeisterter IT-Freiberufler kann ich überlegen, welche Sportarten sind in dem jeweiligen Land besonders gefragt - Football oder Cricket? Wer hat welche Erfolge errungen usw. Es kann aber auch nie schaden, die eigene Kultur ein bisschen zu kennen. Sonst wird man unter Umständen von seinem ausländischem Kollegen oder Geschäftspartner höflich angesprochen, weil er sich vorbereitet hat und man selbst kann nicht reagieren. Gerade Chinesen und Japaner lernen viel über europäische Kultur und hören viel Klassik.
GULP In welchen Ländern treffe ich als Deutscher nun auf die größten kulturellen Unterschiede?
Nitzsche

Das lässt sich schwer sagen, denn jedes Land ist anders als Deutschland. Die größte Gefahr sehe ich darin, von zu vielen Gemeinsamkeiten auszugehen, um dann festzustellen, dass es weitaus weniger davon gibt. Also zum Beispiel mit dem Denken nach Amerika zu gehen, dort sei alles so wie hier, dann aber plötzlich zu merken, wie europäisch man eigentlich ist. Und dann hat man in Amerika auf einmal mehr Gemeinsamkeiten mit einer Bulgarin als wenn man sie in Deutschland treffen würde.

GULP Und wie gestaltet sich die Situation dann innerhalb Europas, wenn Sie sagen, dass mir die Bulgarin zwar in Amerika vertraut, in Deutschland aber eher fremd ist?
Nitzsche Man unterschätzt oft, wie wichtig es ist, sich gerade auch um die europäischen Nachbarn zu kümmern. Mit Italienern, Franzosen oder Engländern verbindet man meist mehr Gemeinsamkeiten, da es sich um EU-Mitglieder und teilweise ja auch direkt angrenzende Nachbarn handelt. Aber dort ist es trotzdem anders, denn schließlich verhalten sich selbst innerhalb Deutschlands Süddeutsche häufig anders als Norddeutsche. Deshalb ist es innerhalb Europas mindestens genauso wichtig, sich mit dem Land zu beschäftigen und nicht zu meinen, nur weil Engländer immer freundlich sind, könnte man sich auch gleich privat mit ihnen treffen. Oder sich zu wundern, wieso in Großbritannien die Menschen etwas seltsam reagieren, wenn man im Meeting etwas Kritisches äußert. Die Engländer haben meist eine viel indirektere Art Kritik oder Probleme anzusprechen. Sie kritisieren sehr viel höflicher, diplomatischer und vorsichtiger. Unsere direkte Art können sie als unverschämt empfinden.
GULP Also merke ich unter Umständen gar nicht, dass mich ein Brite gerade kritisiert?
Nitzsche
Überblick Großbritannien
o Briefe sollte man sehr höflich und sorgfältig formulieren, nur in Mails kommuniziert man kurz und knapp.
o Bei Diskussionen nicht unterbrechen, den Vorredner loben und Kritik diplomatisch äußern.
o Allzu strikte Planung gilt als pedantisch.
o Beim Small Talk nicht zu privat werden, statt über den Gesundheitszustand lieber übers Wetter oder Sport reden.
o Beim Dresscode bleibt man konservativ.
Ja, das kann gut sein. Und die Briten wundern sich, wieso sie als Deutscher nicht darauf reagieren. Warum sie so uneinsichtig sind oder vielleicht meinen, dass sie etwas Besseres sind. Dieses Verhalten fällt dann wieder unter das in Großbritannien weitverbreitete Klischee der Deutschen als Besserwisser. Dabei haben es die Deutschen oft tatsächlich nicht gehört, weil sie ihre Antennen gar nicht darauf eingestellt haben.
GULP Welches Bild haben denn die Deutschen so generell in der Welt?
Nitzsche Also in Frankreich gelten sie zum Beispiel als Dampfwalze, als "rouleau compresseur" und in Spanien als Quadratschädel, als "cabezas cuadradas". In Holland sind sie die Protzigen, die mit dem dicken Mercedes vorfahren. Sehr oft haben die Deutschen schon den Ruf, dass sie zwar alles wissen, aber nichts besser. Dass sie rechthaberisch sind, sehr penibel und pedantisch. Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine sehr große Wertschätzung für das deutsche Technikverständnis, die gelieferte Qualität und für die Zuverlässigkeit. Das ist besonders ausgeprägt im Osten, aber auch in Italien und Asien. Da gibt es so einige Länder, in denen das sehr positiv gesehen wird.
GULP Folgt man dem Klischee des peniblen, pedantischen Deutschen, dann müssten wir doch wahrscheinlich mehr Probleme in den Ländern haben, die vieles lockerer sehen?
Nitzsche

>> In anderen Ländern sind Deadlines viel flexibler. <<

In den meisten Ländern haben Deutsche schlechte Karten, wenn sie fest auf Deadlines beharren und diese nach dortigen Maßstäben polizeimäßig einfordern. In anderen Ländern sind Deadlines oft viel flexibler, so dass es besser ist, wenn man charmant vorgeht. Es ist auch nützlich, offen zu sagen, welche Probleme entstehen, wenn der Termin nicht eingehalten wird. Auch Improvisationskünstler wie die Brasilianer oder Tschechen schaffen Deadlines nicht immer und sind dann unter Umständen erstaunt, dass tatsächlich ganz ernsthaft mit diesem Termin gerechnet wurde und jetzt plötzlich ein Problem da ist. Durch offene Kommunikation kann man solchen Missverständnissen vorbeugen.
GULP Gilt das für alle Länder?
Nitzsche Natürlich gibt es andererseits auch Länder wie Russland, in denen ich gefordert bin, immer mal wieder den Projektstatus abzufragen. Dort sind die Menschen, auch aufgrund ihrer Geschichte, oft nicht so gewohnt eigenverantwortlich zu arbeiten und dann kann der Prozess wegen irgendetwas ins Stocken geraten. Ein ganz banales Beispiel: Ich bestelle mir Kopien, die mir dann aber niemand bringt, weil vielleicht gerade der Kopierer kaputt gegangen ist. Es kümmert sich aber keiner darum, dass der Kopierer wieder läuft, weil niemand diesen Extra-Auftrag bekommen hat. Das heißt, dort muss ich sehr viel in die einzelnen Arbeitsschritte zerlegen. Da nützt es nichts, erst dann locker nachzufragen, wenn die Deadline schon da ist. Grundsätzlich sollte man beherzigen, dass es im Ausland noch wichtiger ist als in Deutschland, Zwischenschritte abzufragen, um im Fall der Fälle rechtzeitig reagieren zu können. Aber nicht nach Verhörmethode, sondern freundlich und charmant.
GULP Wie wichtig ist es eigentlich, die jeweilige Landessprache zu beherrschen?
Nitzsche

>> Ein paar Brocken der Landessprache zu beherrschen, kommt immer gut an. <<

Nach meinen Recherchen ist es nicht so wichtig, denn in den meisten Ländern ist Englisch Business-Sprache. In einigen Ländern wie beispielsweise Russland sollte man sich ein bisschen mit dem Alphabet beschäftigen, weil es dort ganz nützlich ist, die kyrillischen Buchstaben lesen zu können. Für Verhandlungen empfiehlt es sich immer, einen Dolmetscher zu engagieren, weil dieser die Mentatlität seiner Landsleute kennt und sie auf ihre Weise ansprechen kann und so sicherstellt, dass das eigene Anliegen wirklich verstanden und vermittelt wird. Sehr gut kommt immer an, ein paar Brocken der Landessprache zu beherrschen, weil die Leute dann sehen, dass man sich mit ihnen beschäftigt. Es ist ein ganz anderer Türöffner, wenn man ausländische Geschäftspartner in einer E-Mail in deren Landessprache begrüßt oder verabschiedet. Das ist eine Wertschätzung, von der die meisten begeistert sind. Es machen aber nur die wenigsten, obwohl das mit relativ wenig Mühe verbunden ist. In Südafrika sollte man etwas aufpassen, in welcher Sprache die Leute angesprochen werden wollen. Schwarze Südafrikaner sollte man eher nicht in Afrikaans ansprechen, weil es die Sprache des ehemaligen Apartheid-Regimes ist. Sie reden lieber englisch, weil es für sie bedeutet, Anschluss an die internationale Welt gefunden zu haben. Im Gegensatz dazu findet man bei weißen, konservativen Südafrikanern über ein paar Afrikaans-Formulierungen einen guten Einstieg. Und man sollte auch nicht meinen, dass ausländische Geschäftspartner gar kein Deutsch können. Wenn man mit seinem Freiberufler-Kollegen in einer Besprechung sitzt, sollte man vorsichtig sein, was man auf deutsch mit ihm bespricht. Unter Umständen sitzt man jemandem gegenüber, der die Sprache versteht und das vorher nicht erwähnt hat. Darauf sollte man achten.
GULP Unterscheiden sich eigentlich die Business-Regeln eher von Land zu Land oder mehr von Kontinent zu Kontinent?
Nitzsche Man erkennt natürlich schon grobe Linien von Kontinent zu Kontinent. Richtung Asien ist beispielsweise die Kommunikation eher indirekt, allerdings auch nicht immer auf die gleiche Art und Weise. Ein Chinese wird nicht immer indirekt antworten, sondern er wird auch mal ganz offen sauer sein. Im nördlichen Europa funktioniert eher die sachliche Ebene, mehr nach Süden wird es immer persönlicher. Ähnlich ist es auch in Amerika. In Nordamerika spielt die Sachebene eine größere Rolle als in Brasilien, wo die Beziehungsebene und Freundlichkeit ganz wichtig sind. Spreche ich dort jemanden nicht freundlich an, dann will der unter Umständen nichts für mich tun. Begegne ich ihm freundlich, dann macht er alles, selbst wenn er dafür drei Nächte durcharbeiten muss. Aber ich glaube, man verfängt sich sehr leicht in irgendwelchen Fallstricken, wenn man versucht, sich da so pauschal zu äußern. Den Vorwurf, zu sehr nach Schema F vorzugehen, müssen sich übrigens auch viele Länderknigges gefallen lassen.
GULP Warum dann überhaupt Länderknigges, wenn diese oft zu klischeehaft sind?
Nitzsche
Überblick Italien
o Business-Look ist ein Muss.
o Man sollte nicht zu sachlich, pedantisch und autoritär auftreten, Spielraum lassen und Geduld zeigen, wenn nicht alles sofort nach Plan läuft.
o Zeit für eine ausführliche Begrüßung und persönlichen Small Talk nehmen.
o Beim Alkohol-Konsum während des Essens gilt Mässigung; nach dem Espresso ist der Restaurantbesuch beendet.
Ich denke, man kann immerhin Anhaltspunkte geben, dass es eine gewisse Chance gibt, auf ein bestimmtes Verhalten zu treffen. Zum Beispiel, dass ein Italiener gerne eine persönliche Ansprache haben möchte oder dass bei einem Treffen plötzlich zehn Italiener ziemlich laut durcheinanderreden und währenddessen 15 Handys klingeln. Es muss nicht so sein, aber es ist ganz nützlich, wenn ich darauf eingestellt bin. Das Wichtige ist, diese Vorinformation mit einer bestimmten Haltung zu kombinieren. Es kommt ja nicht darauf an, sklavisch auswendig zu lernen, wie man sich in einer bestimmten Situation verhält, sondern darauf, ein grundsätzliches Verständnis für das jeweilige Land und seine Bewohner zu entwickeln. Dann wird es sich einem auch in ungewohnten Situationen von selbst erschließen, wie man sich angemessen verhält.
GULP Gibt es Verhaltensweisen, mit denen sich Deutsche im Ausland besonders schwer tun?
Nitzsche Für viele Deutsche ist es schwer, der Pflege der persönlichen Beziehung mehr Zeit einzuräumen, da sie diese nicht als Geschäftsbestandteil sehen. Ohne diese Wertschätzung für die persönliche Ebene wird aber erfolgreiches Business im Ausland nicht funktionieren. Man sollte einfach akzeptieren, dass sich das auch nicht abkürzen lässt. Ich habe beispielsweise mit einem Leiter für Qualitätssicherung eines deutschen Autokonzerns gesprochen, dem es sehr schwergefallen ist, das in Brasilien übliche Begrüßungsritual "Wie geht’s? Wie geht’s der Familie? Gute Reise gehabt?" zu übernehmen. Seine sachliche und direkte Art stieß bei seinen brasilianischen Mitarbeitern auf Unverständnis. Erst als ihm seine deutsche Sekretärin den Tipp gab, dass er sehr viel persönlicher mit den Leuten sprechen muss, hat er seine Umgangsformen entsprechend angepasst und die Mitarbeiter waren motivierter. Mit dem Thema Pünktlichkeit ist er aber gar nicht klar gekommen. Zehn Uhr bedeutet für Brasilianer irgendwann am Vormittag, vielleicht aber auch erst mittags. Aber ich denke, das muss man sich einfach zugestehen, dass manches eben nervt. Dann ist Geduld wichtig, gerade auch wegen dieses anderen Umgangs mit der Zeit.
GULP Sollte ich meinen Unmut darüber rauslassen oder besser gute Miene machen?
Nitzsche

>> >> Nur wer authentisch handelt und sich selbst treu bleibt, ist auch überzeugend. <<

Total genervt würde ich jetzt nicht sein, sondern mit einer Prise Humor darauf hinweisen, dass man als Deutscher etwas anderes unter Pünktlichkeit versteht. Meinem Gegenüber also einfach klarmachen, dass es diese zwei Seiten gibt und ich mit seinem Verhalten gewisse Schwierigkeiten habe. Es nützt meiner Meinung nach wenig, wenn ich mich selbst verleugne, zumal mein Gesprächspartner das auch merkt. Ich denke, nur wer authentisch handelt und sich selbst treu bleibt, ist auch überzeugend.
GULP Und wie viel Anpassung sollte sein?
Nitzsche Es geht nicht darum, fremdes Verhalten zu imitieren. Auch Ihr Gesprächspartner wird nicht erwarten, dass Sie sämtliche Regeln kennen, sondern wird es schätzen, dass Sie sich bemühen, die Gepflogenheiten seines Landes zu verstehen. Es ist deshalb viel wichtiger, dass die andere Seite das Gefühl hat, dass Sie bereit sind, die andere Kultur zu verstehen. Ob und inwieweit man sich anpassen will, muss jeder für sich selbst entscheiden. Sicher spielt auch die eigene Schmerzgrenze eine Rolle, beispielsweise wenn man in China mit frittierter Qualle oder Hund konfrontiert wird. Da muss man sich dann überlegen, ob man das probieren möchte oder lieber eine Allergie vorschiebt, die den Genuss verbietet.
GULP Kann beispielsweise in China aufgrund von Essensverweigerung ein Geschäft platzen?
Nitzsche Ich denke, wenn die Leute merken, dass man sich bemüht, dann wird nicht wegen einer frittierten Qualle, die man nicht essen möchte, das Geschäft platzen. Wenn sonst der Umgang und die Kommunikation gut läuft, sollte das nicht passieren. Wenn ich natürlich mit der generellen Haltung nach China gehe, dass dort alles ganz seltsam ist und das chinesische Essen grundsätzlich nichts für mich ist, werde ich es schwer haben, weil Chinesen gutes Essen sehr schätzen.
GULP Allen frittierten Quallen zum Trotz, warum sollte man den Sprung ins Ausland wagen?
Nitzsche

>> Einfach neugierig zu sein, reicht schon als Einstieg. <<

Weil es einfach eine tolle Chance ist, andere Menschen und Kulturen kennen zu lernen und es viel Spaß machen kann, den eigenen Horizont zu erweitern. Angefangen bei irgendwelchem fremden Essen, das man bisher nicht kannte bis hin zu anderen Verhaltensformen, die sehr angenehm sein können. Es ist ja nicht nur Unbill mit einem Auslandsaufenthalt verbunden, sondern auch vieles, was einem gut gefällt und was man bei seiner Rückkehr in den Alltag übernehmen kann. Ich finde es wichtig, auch die Chancen zu sehen, die in der Beschäftigung mit einer anderen Nation und Kultur stecken. Dafür muss man kein Kultur-Experte für das jeweilige Land werden, sondern einfach neugierig sein. Das reicht schon als Einstieg.
GULP Frau Nitzsche, herzlichen Dank für das nette und informative Gespräch.

 

Isabel Nitzsche hat Journalistik und Germanistik studiert und ist seit 1997 mit ihrem Redaktionsbüro printTVextern für Tageszeitungen, Zeitschriften und fürs Fernsehen tätig. Als Sachbuchautorin widmet sie sich den Spielregeln im Job und dem Bereich "Konfliktmanagement". Zudem hält sie Vorträge und Workshops und bietet Einzelberatungen an.

Der Ratgeber "Business-Spielregeln rund um den Globus" ist bei Bildung und Wissen Verlag und Software GmbHextern erschienen.

 

 

Kommentare zu diesem Artikel:

"Super, da ich in USA Projekten involviert bin, finde ich diese Rubrik sehr hilfreich! (Juli 2006)"

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