 |
| Nur nicht das Gesicht
verlieren
Verhandlungen in China
|
|
(Juni 2007)
|
Inhalt dieses Artikels:
Offenlassen von Vereinbarung |
Kein Widersprechen |
Missverständnisse in der Definition |
Beide Seiten verhandeln nicht in der Muttersprache |
Das spielerische Element |
|
| |
| Autor: Matthias Schranner, Verhandlungstrainer
Wer erfolgreich mit ausländischen Geschäftspartnern
verhandeln will, sollte sich auf andere soziale und kulturelle Spielregeln
einstellen. Auf welche Besonderheiten man im Umgang mit Partnern
aus dem weltweit am stärksten wachsenden ITK-Markt China trifft,
erläutert der Verhandlungstrainer Matthias Schranner. Der Experte
für schwierige Verhandlungen erzählt anschaulich, wie
sich die chinesische Verhandlungswelt von der unsrigen unterscheidet
und gibt Tipps, wie Sie angemessen darauf reagieren.
Hinterhältige Strategien, undurchsichtige Taktiken, ständiges
Austauschen der Verhandlungspartner, unfaires Spiel auf Zeit…
diese Verhandlungsaussagen entdeckt man, wenn man sich durch die
deutsche Literatur zum Thema "Verhandeln in China" liest.
Also eine sehr schwer einschätzbare Verhandlungskultur und
eine gewisse Ratlosigkeit auf deutscher Seite. Auf der anderen Seite
schwärmen wir von diesem faszinierenden Land, dieser Vielfältigkeit
und der Power der Entwicklung.
Um über die oberflächlichen und banalen Tipps zur Verhandlungsführung
mancher deutschen Literatur hinauszugehen, bedarf es eines tieferen
Einblicks in das Business in China. Es gibt nicht "den typischen
Chinesen" und somit auch keine typisch chinesische Verhandlungsführung.
Es gibt aus meiner Erfahrung fünf Besonderheiten, die fast
von allen meiner westlichen Kunden so genannt werden: |
| Offenlassen
von Vereinbarung |
 |
| |
|
| "Abschluss", "Getting
to Yes", und "wir haben ein Ergebnis" sind Worte,
die unser Verhandlungsherz höher schlagen lassen. Wir haben
es geschafft, eine Vereinbarung erreicht, "den Sack zugemacht"
und können zufrieden nach Europa fliegen. In der westlichen
Welt ist diese "Dealmaker-Mentalität" hoch angesehen.
Wir möchten Verhandlungen entschieden haben, unterschrieben
haben, Klarheit haben.
Die chinesische Sichtweise ist leider genau das Gegenteil. In der
chinesischen Verhandlungswelt ist das Offenlassen das große
Ziel. Nur, wenn ich die Vereinbarung offen lasse, habe ich die Möglichkeit,
langfristig weiter zu verhandeln. Es gibt keine Sackgasse und keinen
Gesichtsverlust. Das Offenlassen ermöglicht eine flexible und
langfristige Perspektive, weil ja nur das "Abschließen"
die Partner in eine Sieger/Verlierer Haltung zwingt.
Was tun? Hier habe ich eine schlecht Nachricht: Sie sollten Ihre
Haltung überdenken und die chinesische Haltung akzeptieren.
Sehen Sie das Offenlassen auch als eine große Chance für
die Verhandlung. Versuchen Sie nicht, den Deal schnell zu machen,
sondern versuchen Sie, kleine Zwischenschritte zu definieren und
umzusetzen.
|
Tipp: Bestehen Sie also nicht
auf die Zustimmung zum großen Deal, sondern lassen Sie
diesen bewusst offen und brechen Sie das große Ziel auf
kleine Zwischenziele auf. Diese Zwischenziele sollten Sie gemeinsam
mit Ihren chinesischen Partnern angehen. |
|
|
| Kein
Widersprechen |
 |
| |
|
| Nach meinem letzen Training in Peking
wollte ich mit einem Taxi zu einem Restaurant fahren. Mein Kunde
hatte mir die Adresse des Restaurants auf einen Zettel in Englisch
und Chinesisch geschrieben. Er meinte, nach ca. zehn Minuten müsste
ich dort sein. Ich stieg in ein Taxi und zeigte dem Taxifahrer den
Zettel mit der Adresse. Er nickte und fuhr los. Nach 20 Minuten
fragte ich ihn, ob wir gleich da sein werden. Er nickte wieder und
fuhr weiter. Nach 30 Minuten fragte ich nochmals nach, er nickte,
bog in eine Seitenstrasse ab und wir landeten in einer Sackgasse.
Er wusste offensichtlich nicht weiter und ich bat ihn, wieder zum
Hotel zu fahren. Dort angekommen fragte ich einen Hotelmitarbeiter,
ob er den Taxifahrer fragen könnte, warum er nicht zum Restaurant
gefunden hat. Er fragte den Taxifahrer und stellte fest, dass dieser
nicht lesen konnte. Also weder den englischen noch den chinesischen
Text lesen konnte.
Dieses Verhalten erleben viele westliche Manager in China mit chinesischen
Verhandlungspartnern. Es wird genickt – aber es passiert nichts.
Wir fragen uns dann, wieso sagen die nichts? Mit uns kann man doch
reden. Wir helfen doch auch gerne, man muss uns das nur sagen. Für
uns meist unverständlich ist diese ständige Gesichtswahrung.
Auch wenn der chinesische Partner es nicht weiß, er wird es
meist nicht eingestehen.
Was sollten Sie hier tun? Versuchen Sie, während der Verhandlung
ständig zusammenzufassen. Fragen Sie den chinesischen Partner
jedoch nicht, ob er es verstanden hat und alles in Ordnung ist.
Meist wird er nicken und zustimmen. Lassen Sie das Zusammengefasste
auch nicht vom chinesischen Partner wiederholen. Das wirkt meist
sehr belehrend.
|
Tipp: Bitten Sie den chinesischen
Partner um seine Sichtweise. Fragen Sie ihn, warum er glaubt,
dass Sie diesen Punkt eingebracht haben. Was er denkt, warum
Ihnen gerade dieser Punkt so wichtig ist. Dann kann er mit Gesichtswahrung
seine Sichtweise darstellen und muss nicht etwas abnicken. |
|
|
| Missverständnisse
in der Definition |
 |
| |
|
| Mit der Qualität ist das so eine
Sache. Wenn wir in Deutschland von Qualität sprechen, dann
meinen wir meist eine andere Qualität als chinesische Partner.
Für uns sind zwei Begriffe miteinander verknüpft: "Qualität"
und "so gut wie möglich". Unser Streben gilt der
bestmöglichen und bestmachbaren Qualität. Wenn wir den
Begriff Qualität in die Verhandlung einbringen, gehen wir davon
aus, dass unsere Partner auch beide Begriffe miteinander verknüpfen.
Tun sie aber nicht.
In der chinesischen Denkweise wird Qualität meist mit "so
gut wie notwendig" verbunden. Der chinesische Partner spricht
bei Qualität also von einem Zustand, der notwendig ist, um
das Ziel zu erreichen. Deutsches "over-engineering" ist
ihm meist fremd. So gut wie "möglich" und "notwendig"
sind zwei grundverschiedene Ausgangssituationen unter dem gleichen
Begriff "Qualität".
|
Tipp: Definieren Sie zu Beginn
der Verhandlung den Begriff "Qualität". Zeigen
Sie bitte auf, welcher Zustand aus Ihrer Sicht notwendig ist
und welcher möglich wäre. Und beteiligen Sie bitte
Ihren chinesischen Partner bei der Suche nach der richtigen
Qualität zwischen diesen beiden Polen. |
|
|
| Beide
Seiten verhandeln nicht in der Muttersprache |
 |
| |
|
|
Die meisten Verhandlungen werden in Englisch geführt, nur
noch wenige Verhandlungen mit Dolmetscher. Zumal man die Erfahrung
machen musste, dass chinesische Dolmetscher meist parteiisch übersetzt
haben und der chinesische Partner einen Vorteil erlangte.
Verhandlungen in Englisch sind vor allem für Deutsche mit
einem Risiko verbunden. Wir sprechen oft in der Befehlsform miteinander,
ohne es befehlend zu deuten. "Sie müssen mich bei diesem
Punkt verstehen", "Wir brauchen hier eine Einigung"
sind Sätze, die sich im Deutschen normal anhören. Übersetzt
ins Englische werden sie jedoch sehr bedrohlich für die Gegenseite:
"You have to…" "We must…". Viele
chinesische Partner fühlen sich durch diese direkte Sprache
in die Ecke gedrängt. Sie beklagen, dass es mit deutschen Managern
keinen Spielraum gibt und Verhandlungen schnell in der Eskalation
enden.
|
Tipp: Versuchen Sie bitte,
indirekt zu sprechen. Benutzen Sie Formulierungen wie "From
my point of view, from my perspective… it seems to be…
it might be…" So vermeiden Sie vorschnelle Festlegungen
und haben ständige viele Alternativen in der Verhandlung
zur Verfügung. |
|
|
| Das
spielerische Element |
 |
| |
|
| Für uns Deutsche ist Verhandeln
eine ernste Sache. Spielerische Elemente lehnen wir ab, wir wollen
nicht "wie auf einem Basar", "wie auf dem Kamelmarkt"
oder beim "Kuhhandel" verhandeln. Wenn wir dann im Urlaub
in der Türkei mit einem Teppichhändler verhandeln, dann
bewerten wir den Händler als unseriös. Egal welchen Preis
wir bezahlen, der andere hat uns "über den Tisch gezogen".
Deutschland ist in der Geschichte nie als große Handelsmacht
aufgefallen, eher als Produktionsland. Historiker behaupten, dass
wir uns deshalb mit dem Verhandeln eher schwer tun. China hingegen
ist seit 5.000 Jahren eine sehr große Handelsmacht. Das Handeln
liegt wohl eher im Blut und somit auch das spielerische Element
der Verhandlung. Das Vortäuschen, Ausprobieren, lange Schweigen,
Bluffen ist uns fremd, in China als spielerisches Element jedoch
gerne genommen.
|
Tipp: Wenn Sie in China verhandeln,
dann sehen Sie es bitte spielerischer als in Deutschland. Ein
bisschen Spaß und Ausprobieren gehört dazu. Nehmen
Sie es nicht ganz so ernst und Sie werden selbst Spaß
dran finden. |
|
|
Matthias Schranner war lange Zeit Verhandlungsführer der Polizei
bei Geiselnahmen und extremen Situationen. Als Gründer und Inhaber
des Schranner Negotiation Institutes in St. Gallen/CH berät er
heute Unternehmen bei Verhandlungen, die unter hohem Zeit- und Erfolgsdruck
stehen. Mehr Informationen erhalten Sie unter www.Schranner.com
.
Der Autor behält sich alle Rechte am Artikel vor. © 2007
Matthias Schranner
|
Kommentare zu diesem Artikel:
|