Die häufigsten Fragen zur IT-Berufshaftpflicht: Was ist überhaupt versichert?

Teil 1 einer zweiteiligen Interviewserie zur IT-Haftpflichtversicherung

11.11.2011
GULP Redaktion
Interview-Ralph-Guenther

Teil 1 | Teil 2

Warum brauche ich eine IT-Berufshaftpflicht? Sichert sie wirklich meine speziellen Risiken ab, die ich als IT-Selbstständiger habe? – Solche Fragen in punkto IT-Berufshaftpflicht tauchen bei uns im GULP Forum für Freiberufler immer wieder auf. Und auch Ralph Günther von unserem Partner exali bekommt sie in seiner Tätigkeit als Versicherungsmakler fast täglich auf seinen Tisch. Verständlich, denn das Thema „bedarfsgerechter Schutz“ ist komplex. In dieser zweiteiligen Serie greifen wir deshalb die wichtigsten Fragen aus dem Forum auf und stellen sie dem exali-Gründer.

Im ersten Teil geht es um Sinn und Zweck der IT-Berufshaftpflicht, den Versicherungsschutz bei der Zerstörung einer Datenbank, bei Virenschäden, Rechtsverletzungen und bei Überschreitungen von Terminzusagen sowie das Thema „grobe Fahrlässigkeit“.

GULP: Herr Günther, oft haben wir das Gefühl, im Forum kursieren verschiedene Definitionen. Können Sie kurz erklären, was man unter einer Berufshaftpflicht versteht?

Günther: Einfach gesprochen ist jeder IT-Freiberufler und Selbständige gesetzlich dazu verpflichtet, für einen Schaden (Vermögensschaden, Sach- oder Personenschaden) aufzukommen, den er einem Dritten zugefügt hat. Juristisch gesprochen haftet er für den Schaden. Dieser „Dritte“ kann ein Kunde oder Auftraggeber sein – also jemand, mit dem man in einer Geschäftsbeziehung steht – oder eine sonstige Person bzw. Firma (z.B. der Urheber einer Software). Eine Berufshaftpflichtversicherung übernimmt solche Schadenersatzforderungen von Dritten. Versicherungstechnisch spricht man dann von Deckung. Im Idealfall sollte die Haftung aus der freiberuflichen bzw. selbständigen Tätigkeit soweit wie möglich durch die Berufshaftpflicht gedeckt sein.

GULP: Das klingt abstrakt. Was leistet die IT-Berufshaftpflicht in der Praxis?

Günther: Danke für die Frage, hier werden häufig Dinge durcheinander geworfen. Im Wesentlichen bietet eine IT-Berufshaftpflicht drei Leistungskomponenten:

  1. Prüfung von Ansprüchen: Der Versicherer prüft im Schadenfall, ob und in welcher Höhe der IT Freiberufler oder Dienstleister im konkreten Fall haftet.
  2. Schadenzahlung: Muss Schadenersatz gezahlt werden, übernimmt der Versicherer diese Kosten bis zur Höhe der Versicherungssumme (auch Deckungssumme genannt).
  3. Schadenabwehr auf Kosten des Versicherers: Der Versicherer wehrt z.B. unberechtigte oder überhöhte Schadenersatzforderungen sowie Abmahnungen ab. Im Versicherungsjargon nennt sich das passiver Rechtsschutz.

GULP: Können Sie den passiven Rechtsschutz bitte noch mal genauer erläutern?

Günther: Der Versicherer übernimmt bei einem ungerechtfertigten Anspruch - etwa einer fragwürdigen Abmahnung - die Kosten für die Schadenabwehr. Zum Beispiel Anwalts-, Gerichts-, Zeugen-, Sachverständigen- und Gutachterkosten. Viele meinen fälschlicherweise, die Berufshaftpflicht würde erst ins Spiel kommen, wenn die Sachlage geklärt und der Anspruch klar erwiesen ist. Dies ist jedoch nicht richtig. Aber: Der passive Rechtsschutz hat nichts mit der aktiven Durchsetzung eigener Ansprüche zu tun - um dieses ebenfalls häufige Missverständnis aus der Welt zu schaffen. Die Leistung gilt allein der Abwehr fremder Ansprüche.

GULP: Immer wieder wird im GULP Forum diskutiert, ob so eine Versicherung für einen IT-Freiberufler im Projektgeschäft rentabel ist. Was kostet sie?

Günther: Lassen Sie mich die Frage mit einem Rechenbeispiel beantworten. Der Einstiegsbeitrag für einen umfänglichen Versicherungsschutz liegt für einen Freiberufler bei etwa 750 Euro im Jahr. Gehen wir davon aus, dass ein durchschnittlich ausgelasteter IT-Freelancer im Jahr etwa 1.800 Stunden arbeitet, dann kostet ihn die Versicherung etwa 50 Cent pro Arbeitsstunde. Oder anders gerechnet, bei einem Jahresumsatz von 95.000 Euro ist das knapp ein Prozent vom Umsatz. Inwieweit diese zusätzlichen Kosten für den Freiberufler „rentabel“ sind, muss jeder für sich selbst entscheiden.

GULP: Häufig kommt die Frage, welche Schäden eine IT-Berufshaftpflicht überhaupt versichert. Ist z.B. die Zerstörung einer Datenbank abgedeckt?

Günther: Ja. Wenn Sie heutzutage eine IT-spezifische Berufshaftpflicht abschließen, ist ein breites Spektrum an genannten IT-Tätigkeiten, wie Tätigkeiten in der Datenerfassung und Datenverarbeitung, versichert. Man spricht hier von einer „Katalog-Deckung“. Oder es wird eine „offene Deckung“ angeboten: Das bedeutet, nicht nur ein Katalog von Tätigkeiten, sondern pauschal alle Tätigkeiten im Einsatzbereich IT und Telekommunikation sind versichert. Lediglich, was in den Versicherungsbedingungen ausdrücklich ausgeschlossen ist, ist auch nicht versichert. Die Zerstörung einer Datenbank etwa ist in aller Regel nichtausgeschlossen, und damit vom Versicherungsschutz umfasst.

GULP: Wie sieht es mit Versicherungsschutz bei Virenschäden aus?

Günther: Eine gute IT-Berufshaftpflicht hat in ihren Bedingungen festgelegt, dass Ansprüche wegen der leicht oder grob fahrlässigen Übermittlung sich selbst reproduzierender schadhafter Codes durch den IT-Selbstständigen an Dritte abgesichert sind. Der Versicherer kommt also für die Kosten bzw. Folgekosten auf, wenn durch einen Virus Daten beim Kunden beschädigt, verändert oder blockiert werden.

GULP: Bleiben wir doch noch kurz bei den Ausschlüssen. Was hilft dem Freiberufler die IT-Berufshaftpflicht, wenn er grob fahrlässig einen Schaden verursacht?

Günther: Da haben Sie wieder einen Punkt angesprochen, zu dem es viele Missverständnisse gibt. Die „grobe Fahrlässigkeit“ ist entgegen vielfacher Meinungen generell mitversichert. Ausgeschlossen ist allgemein nur der Vorsatz! Und das ist wichtig. Denn wenn man die Haftung z.B. durch AGB einschränken möchte, ist das für Kardinalpflichten und eben bei „grober Fahrlässigkeit“ nicht vollständig möglich – und daher muss die Berufshaftpflicht auch hier greifen.

Trotzdem gibt es Ausnahmen und vielleicht rührt daher auch das ein oder andere Missverständnis: Es gibt Versicherungsbedingungen, die Rechtsverletzungen (z.B. Urheber-, Marken-, Namens- und Lizenzrechtsverletzungen) nur versichern, wenn nicht grob fahrlässig gehandelt wurde. D.h. hier wird die „grobe Fahrlässigkeit“ für spezielle Fälle ausgeschlossen. Das ist aber nicht bei allen Angeboten der Fall, daher muss man darauf bei der Auswahl seiner IT-Berufshaftpflicht besonders achten.

GULP: Bei IT-Projekten ist es nicht ungewöhnlich, dass eine Deadline überschritten wird. Kann man diese Verzögerungen versichern?

Günther: Ja, auch Leistungsverzögerungen – wie das der Versicherer im Fachjargon nennt – können mit einer guten IT-Berufshaftpflicht versichert werden. Allerdings muss ich einräumen, dass die meisten Versicherer hier keinen Versicherungsschutz bieten. D.h. auch hier muss man bei der Auswahl die Augen offen halten.

Und noch ein Tipp: Projekte und Aufträge, in denen die Einhaltung von Zeitvorgaben und Service Level Agreements eine wichtige Rolle spielt, haben meist umfangreiche Verträge. IT-Freiberufler sollten daher bei der Auswahl ihrer IT-Berufshaftpflicht darauf achten, dass nicht nur die gesetzliche Leistungspflicht – sprich die gesetzliche Haftung – versichert ist, sondern auch die so genannte vertragliche Haftung. (Mehr zur vertraglichen Haftung im zweiten Teil…)

GULP: Herr Günther, vielen Dank für die Beantwortung dieser Fragen. Im zweiten Teil der Serie geht es dann um den Versicherungsschutz in den Bereichen Luft-, Raumfahrt, Militär, Rüstung, Automotiv und Medizintechnik.

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