Als Freelancer im öffentlichen Dienst arbeiten
© Adobe Stock / BillionPhotos.com

Als Freelancer im öffentlichen Dienst arbeiten

Bund, Länder und Gemeinden – attraktive Jobs für frustrationstolerante IT-Profis

04.05.2022
Gerd Meyring – Freiberuflicher Autor
Artikel teilen:

Eine Festanstellung in einer Behörde, Kommune oder einem Ministerium ist verlockend. Daran wird sich so schnell nichts ändern. Denn die neue Bundesregierung hat sich vorgenommen, die Verwaltung endlich zu digitalisieren. Das ist längst überfällig, wie der aktuelle Digital Governance Index der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa (OECD) zeigt. Deutschland belegt in dem Ranking den 25. von 32 Plätzen. Für ein Land, das sich in der Digitalisierung so viel vorgenommen hat wie die Bundesrepublik, ist das beschämend.

Immerhin verpflichtete die damalige Regierungskoalition von Union und SPD Behörden, Kommunen und Landkreise im Onlinezugangsgesetz (OZG) vor fünf Jahren, ab 2022 insgesamt 575 Verwaltungsleistungen auf Portalen im Internet anzubieten. Davon, ist die öffentliche Hand jedoch meilenweit entfernt. Im September 2021 bot sie Bürger:innen und Unternehmen gerademal 16 Verwaltungsleistungen online an, beklagt der Deutsche Beamtenbund.

Riesenbaustelle Onlinezugangsgesetz

In über der Hälfte der Kommunen scheitert die Umsetzung des OZG bislang, weil es dort keine durchgängigen digitalen Prozesse gibt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage der Beratungsagentur für den öffentlichen Dienst Next Public. An ihr nahmen 2.500 Expert:innen aus Kommunalverwaltungen und 5.000 Bürger:innen teil. Nur in jeder fünften Stadt- und Gemeindeverwaltung können diese heute online Anträge stellen. Ein Verwaltungsportal betreiben nur 16 Prozent der Kommunen. Nur 13 Prozent der Städte und Gemeinden bieten die Möglichkeit an, Termine auf ihren Ämtern und Behörden online zu vereinbaren, ergab eine Studie des Digitalverbandes Bitkom. Immerhin räumen in ihr zwei von drei Kommunen ein, Nachzügler bei der Digitalisierung zu sein oder den Anschluss komplett verpasst zu haben.

Öffentliche Hand braucht 46.600 IT-Spezialist:innen für die Umsetzung des OZG

Um dies wie in ihrem Koalitionsvertrag versprochen zu ändern, brauchen die neue Bundesregierung, Länder und Gemeinden in den kommenden fünf Jahren rund 46.600 IT-Fachkräfte, haben die European School of Management and Technology (ESMT) und die Unternehmensberatung KPMG berechnet. Während der Entwicklung und Implementierung der von der Verwaltung benötigten IT-Lösungen hält sich der Personalbedarf mit 14.100 Expert:innen der Studie zufolge noch in Grenzen. Sobald die Anwendungen betrieben werden, sind für ihren Unterhalt und Support jedoch 32.500 IT-Profis erforderlich.

Weiterer Personalbedarf durch E-Akte und -Vergabe

Damit müssten sich künftig drei von vier im öffentlichen Dienst tätigen Soft- und Hardware-Expert:innen um die Umsetzung des OZG kümmern. Das ist aber nicht die einzige Digitalisierungsaufgabe, die die öffentliche Hand stemmen muss. Weitere Fachleute benötigt sie, um – wie ebenfalls von der aktuellen und vorherigen Bundesregierung versprochen – Lösungen für die Online-Vergabe öffentlicher Aufträge oder die E-Akte entwickeln, implementieren und betreiben zu können. Wie viele IT-Profis dazu erforderlich sein werden, haben die ESMT und KPMG nicht berechnet.

Fest steht allerdings, dass Bund, Länder und Gemeinden den Personalbedarf mit ihren derzeitigen festangestellten Kräften nicht werden decken können.

Bund, Länder und Gemeinden wollen nicht nur Berufsanfänger

Auch auf dem Arbeitsmarkt werden sie nicht genug Expert:innen finden. Denn der ist leer. Wie die Bitkom berichtet, konnten Arbeitgeber 2021 gut 96.000 Stellen in der IT nicht besetzen. Selbst wenn öffentliche Arbeitgeber künftig massiv junge Informatiker:innen direkt nach ihrem Abschluss für sich gewinnen könnten, könnten sie die Personallücke nicht füllen. Denn auf sieben von zehn der Positionen, die für ihre Digitalisierung erforderlich sind, brauchen Behörden, Ministerien, Stadt- und Gemeindeverwaltungen laut der Studie von ESMG und KPMG IT-Profis, die neben ihren Hard- und Softwarekenntnissen Erfahrungen im Projektmanagement, agilen Entwicklungsmethoden, dem Datenschutz sowie den Fachgebieten der jeweiligen Ämter und Behörden haben. Auch erfahrene UX- und UI-Spezialist:innen suchen öffentliche Auftrag- und Arbeitgeber händeringend. Denn Verwaltungsprozesse sollen sie nach den Vorstellungen der Bundesregierung nicht nur digital abbilden, sondern bürger- und nutzerfreundlich gestalten.

Ohne Freelancer keine Digitalisierung der Verwaltung

Ohne Freelancer:innen wird die Verwaltung ihre Digitalisierung also kaum meistern können. Für diese, ist das eine gute Nachricht. Denn öffentliche Auftraggeber bezahlen ihre Rechnungen in der Regel überpünktlich. Meist ergeben sich aus einem Job Folgeaufträge. Anders als in der Wirtschaft beenden sie Projekte auch nicht abrupt, wenn die Geschäftsleitung die Strategie dies Unternehmens neu ausrichtet.

Allerdings müssen sowohl Festangestellte wie Freiberufler:innen mit der Arbeitskultur in den Amtsstuben klar kommen. Menschen dort arbeiten noch „nach dem Bürokratiemodell von Max Weber, das 100 Jahre alt ist", erklärt Professor Thomas Meuche, Leiter des Kompetenzzentrums Digitale Verwaltung an der Hochschule Hof. Entscheidungswege sind durch ausgeprägte Hierarchien geprägt. Das gilt auch bei den meisten von Behörden, Ministerien oder Landesverwaltungen ausgegründeten IT-Dienstleistern. Denn die dortigen Führungskräfte kommen meist aus der Verwaltung. Dort haben sie nur selten gelernt, Mitarbeitende vertrauensvoll und agil zu führen.

Ihre hierarchieorientierte Denke müssen Projektleiter ebenso im Blick behalten wie die Vielzahl der Interessen in den Amtsstuben. Auch hohe Entscheidungsträger:innen in Ministerien müssen sie regelmäßig zu Rate ziehen und über den Fortschritt ihrer Entwicklungsarbeit informieren. Zugleich müssen sie den von der Digitalisierung ihrer Arbeitsprozesse betroffenen Mitarbeitenden Ängste und Sorgen nehmen. Erfahrungsgemäß geht dies gut, wenn Lösungen schrittweise und agil ausgerollt werden.

Doch statt agil zu arbeiten und situationsadäquat schnell und flexibel zu entscheiden, orientiert sich ein Großteil der Beamtenschaft an ihren Dienstvorschriften.

Zustand der IT in der Verwaltung erfordert hohe Frustrationstoleranz

Im Rechtsstaat ist dies verständlich. Denn dort sind vor dem Gesetz alle gleich. Deshalb müssen Verordnungen und Gesetze immer und überall gleich angewendet werden – auch, wenn Verwaltungsprozesse digitalisiert werden.
Welcher rechtliche und fachliche Rahmen dabei gilt, müssen die öffentlichen Dienstherrn – also meist der Bund und die Länder – festlegen. Das tun sie aber nicht in ausreichendem Maße. Vier von zehn vom Bitkom zur Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung Befragte, bemängeln die fachliche Unterstützung durch die Bundesländer. Mehr als jede:r Fünfte beklagt, dass der Rechtsrahmen unklar ist.

In der Verwaltung sind IT-Anwendungen daher nur selten innovativ und lassen sich meist nicht schnell genug und im erforderlichen Maß an neue rechtliche oder fachliche Anforderungen anpassen, beklagt jede:r zweite Teilnehmende einer Umfrage des Instituts für den öffentlichen Sektor zur Digitalisierung in den Amtsstuben. Nach Ansicht von vier von zehn Befragten erfüllen die vorhandenen Lösungen die fachlichen Anforderungen nur mangelhaft. Das verlangt bei den Beschäftigten eine hohe Frustrationstoleranz – egal, ob sie frei oder fest für ihren Dienstherrn arbeiten.

Home Office geht für jede zweite Behördenleitung gar nicht

Leidensfähigkeit braucht auch, wer mit dem Arbeitsumfeld auf deutschen Behörden zurecht kommen will. Trotz der Pandemie gestattet nur jede zweite Behörde ihren Beschäftigten derzeit, im Home Office tätig zu sein. Mehr lassen Vorgesetzte auch dann nicht zu, wenn dies die die Aufgaben ihrer Mitarbeitenden ermöglichen würden. Nach der Pandemie wollen vier von zehn Amtsleiter:innen es gar nicht mehr erlauben, dass Beschäftigte von zuhause arbeiten, förderte die Studie des Bitkom zu Tage.

Wie diese ebenfalls zeigt, ist mit der IT-Ausstattung der Amtsstuben allerdings oft auch gar nicht mehr möglich. Nicht mal jede zweite Behörde (46 Prozent) verfügte zum Zeitpunkt der Umfrage über VPN-Zugänge. Nur jede vierte nutzte Cloud-Anwendungen. Nur 26 Prozent der Ämter hatten ein Intranet.

Verlockend ist solch ein Arbeitsumfeld wohl nur, wenn man der IT-Ausstattung die Sicherheit einer Festanstellung im öffentlichen Dienst und die oft großzügige soziale Absicherung entgegenhält.

Lesermeinungen zum Artikel

Es wurden noch keine Bewertung abgegeben.