Branchen im Vergleich: Gezahlte Stundensätze

Theorie (Honorarforderungen) und Praxis (erzielte Stundensätze) nah beieinander

(September 2009)
Auf Ihren häufig geäußerten Wunsch hin: Dieser Artikel widmet sich zur Abwechslung nicht den Stundensatz-Forderungen der IT-Freiberufler, sondern den wirklich im Projekt erzielten Stundensätzen. Laut GULP-Stundensatz-Auswertung August 2009 verlangen selbstständige IT-Experten derzeit im Schnitt 70 Euro pro Stunde – welchen Satz aber bekommen sie bezahlt? Wie viel Euro pro Stunde landen tatsächlich im Portmonee des IT-Selbstständigen? Dass Theorie und Praxis nicht weit auseinander liegen, zeigt die folgende Auswertung. Dabei wird auch klar, in welchen Branchen die höchsten Stundensätze gezahlt werden.
Hinweis Grundlage der Branchenanalyse sind mehr als 4.200 Einträge von IT-Freiberuflern in der Liste "Stundensätze in der Praxis" Passwort geschützter Bereich, also Daten zu ihren in den Jahren 2001 bis 2009 abgewickelten Projekten. Bei den angegebenen Stundensätzen handelt es sich um die tatsächlich gezahlten Honorare zuzüglich Vermittlungsprovisionen. Tragen auch Sie die Daten Ihres aktuellen (oder zuletzt durchgeführten) Projektes in diese Liste ein, damit wir bald noch detailliertere Auswertungen veröffentlichen können!
Gezahlter durchschnittlicher Stundensatz über alle Branchen
 
Auswertung aus der GULP Liste „Stundensätze in der Praxis“: die durchschnittlich an IT-Freiberufler gezahlten Stundensätze über alle Branchen hinweg; Quelle:www.gulp.de
Momentan liegen Honorarforderungen und tatsächlich erzielte Stundensätze auf exakt demselben Niveau. Im Gegensatz zu den geforderten Stundensätzen stagnieren die tatsächlich im Projekt erzielten Stundensätze der IT-Freiberufler (noch). Die durchgesetzten Honorare liegen momentan, wie schon 2007 und 2008, bei durchschnittlich 70 Euro pro Stunde. Haben wir es hier mit einem ähnlichen Konstrukt wie dem klassischen Hype-Zyklus für neue Technologien (nach Gartner) zu tun? Es sieht aus, als hätten sich die Stundensätze für IT-Freelancer nach überzogenen Erwartungen (2001) und dem Tal der Enttäuschungen (2004) auf einem realistischen Niveau eingependelt. Wichtig ist hier: Es handelt sich um Durchschnittswerte, die von Projekt zu Projekt und von IT-Freiberufler zu IT-Freiberufler variieren. Für 2009 sind außerdem nur diejenigen Einträge in die Analyse eingeflossen, die sich im August bereits in der Liste "Stundensätze in der Praxis" befanden.

Reallöhne der Arbeitnehmer 2009 gestiegen

Zum Vergleich ein Ausflug in die Arbeitnehmer-Welt: Nach einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) sind die Reallöhne der deutschen Arbeitnehmer von 2004 bis 2008 stetig zurückgegangen, weil die nominalen Lohnsteigerungen stets unter der Inflationsrate lagen. Den Beschäftigten blieb also unterm Strich weniger Geld. Die Einkünfte von Unternehmern und Kapitalanlegern nahmen dagegen in den letzten fünf Jahren zu: Die Steigerung der Einkünfte aus selbstständiger Tätigkeit bezeichneten die Forscher als "rasant". Momentan könnten laut DIW die Reallöhne der Beschäftigten erstmals seit Jahren wieder zulegen – wegen der niedrigen Inflationsrate. Tatsächlich teilte das Statistische Bundesamt Ende August mit, dass die die Löhne und Gehälter in Deutschland im ersten Halbjahr 2009 in vielen Branchen um bis zu drei Prozent gestiegen sind - dank einiger Tarifabschlüsse mit langen Laufzeiten. Gepaart mit einer niedrigen Inflationsrate von null bis ein Prozent hatten die Arbeitnehmer in der ersten Jahreshälfte wieder mehr Geld zur Verfügung.

Stundensatzforderungen der IT-Freiberufler gesunken

Selbstständige IT-Spezialisten müssen aktuell aber wohl erst einmal mit niedrigeren Stundensätzen rechnen und haben dementsprechend ihre im GULP Profil angegebenen Forderungen nach unten korrigiert – von durchschnittlich 71 auf 70 Euro, wie aus der halbjährlich durchgeführten GULP Stundensatz-Auswertung ersichtlich wird.
In welchen Branchen lassen sich hohe Stundensätze erzielen?
 
Auswertung aus der GULP Liste „Stundensätze in der Praxis“: die durchschnittlich an IT-Freiberufler gezahlten Stundensätze in den einzelnen Branchen von 2007 bis 2009; Quelle: www.gulp.de
Die Einträge der letzten drei Jahre in der Liste "Stundensätze in der Praxis" haben wir uns genauer angesehen. Die von 2007 bis heute im Schnitt gezahlten Stundensätze geben Aufschluss darüber, welche Branchen die hochpreisigen sind – und in welchen die Honorare eher unter dem Durchschnitt liegen. Demnach können IT-Freiberufler vor allem in den Branchen "Dienstleistung", "Pharma/Chemie" und "IT/EDV" hohe Stundensätze erzielen. In den Bereichen "Automotive", "Energie" und "Industrie" dagegen sieht es anders aus. Zwischen der Branche mit den höchsten und der mit den niedrigsten durchgesetzten durchschnittlichen Honoraren für IT-Selbstständige liegen zwölf Euro Differenz.

Übrigens: Seit derselben Auswertung im Jahr 2005 (erzielte Stundensätze in den Jahren 2000 bis 2005) ist "Automotive" vom viertletzten auf den mit zwei anderen Branchen geteilten letzten Rang gerutscht. Das heißt, die dort erzielten Stundensätze sind in Relation zu den anderen Branchen gesunken.
Aktuelle Entwicklungen
 
Auswertung aus der GULP Liste „Stundensätze in der Praxis“: die durchschnittlich an IT-Freiberufler gezahlten Stundensätze in vier Beispiel-Branchen; Quelle:www.gulp.de
Um die die aktuellen Entwicklungen genauer unter die Lupe zu nehmen, haben wir uns vier Branchen herausgepickt – diejenigen vier, zu denen die Liste "Stundensätze in der Praxis" die meisten Einträge aufweist, weil in ihnen anteilig die meisten Projekte abgewickelt werden. Im Schnitt wurden zum Beispiel in den letzten zwölf Monaten in 12,8 Prozent aller über GULP angebotenen Projekte externe IT-Spezialisten für die Banken-Branche gesucht. (Zur Entwicklung der Nachfrage in den vier gewählten Branchen siehe den GULP IT-Projektmarktbericht 2008.) Die Stundensätze in der Telekommunikations-Branche sind in den letzten drei Jahren kontinuierlich um einen Euro gestiegen. Im Automotive-Bereich werden gleich bleibend eher niedrige Honorare gezahlt – 2007 waren es aber noch zwei Euro mehr als derzeit. In den Branchen "Versicherungen" und "Bank/Finanzen" ist 2009 bereits ein Einbruch zu merken.
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Kommentare zu diesem Artikel:

"42 Euro ist meiner Meinung nach zu wenig, das geht schon in Richtung 1 Euro Job bei Festanstellung. Nichts für ungut, aber um einen Stundensatz festzusetzen, muss man diesen vorher kalkulieren. Alles unter 60 Euro ist meiner Meinung nach ein Verlustgeschäft. (September 2009)"

"Ich bin Freiberufler im Bereich Elektrotechnik; Arbeite noch über ein Ingenieubüro für den Endkunden ,das bedeutet Ich kriege nochmal 20% weniger. Mein Stundensatz beläuft sich aud 42€. Branche Industrie. (September 2009)"

"Sehr wichtige Information! Danke! Interessant daran ist, daß mir in diesem Jahr fast jeder Vermittler versichert hat, die Stundensätze seien gefallen und darum läge ich zu hoch mit meiner Forderung. Ihre Auswertung widerspricht dem - gut zu wissen. (September 2009)"

"Wurde bei der Zusammenstellung auch berücksichtigt, dass vielerorts mittlerweile Tagessätze fakturiert werden müssen, die ab 8 Stunden gekappt werden. Projektarbeit hört aber nicht bei 8 Stunden auf, so dass oft eine Stunde oder mehr kostenlos, sozusagen ehrenamtlich gearbeitet werden soll. Dies reduziert natürlich auch den tatsächlich vereinbarten Stundensatz erheblich und hat nichts mehr mit der ursprünglichen Vereinbarung zu tun. (September 2009)"

"sehr informativ (September 2009)"

"Bezugnehmend auf den zweiten Kommentar: Ich glaube nicht, dass Du den Projektmarkt kennst, sonst hättest Du sicherlich erkannt, dass es sich hier um Stundensätze handelt, die den Freiberuflern gezahlt weren und nicht um die, die der Endkunde zahlt. (September 2009)"

"Ich finde den Artikel dahingehend sehr interessant, da hier meinen Erfahrungen entsprechend gezeigt wird, dass die Stundensätze in einem normalen Rahmen liegen. Wer also für 50 EUR oder weniger ein Projekt annimmt, hat eigentlich im Markt nichts verloren, da er nicht nur seine Existenz nicht sicherstellen kann sondern auch noch die anderer Selbstständiger gefährdet. (September 2009)"

"Wenn keine Projekte zu angeln sind , läßt sich der Stundensatz nicht realisieren. Dann bleibt Sozialgesetzbuch 2 (Hartz4 ), weil die Fixkosten weiter laufen. Der Gesetzgeber schreibt fest, daß unabhängig von der Ausbildung jeder für den Stundensatz von einem Euro arbeiten muß.Trotzdem ein guter wichtiger Artikel zur Orientierung. (September 2009)"

"Auch ich habe andere Erkenntnisse - und das bereits seit mehr als 15 Jahren auf beiden Seiten der Auftraggeber und Auftragnehmer. Ich kenne Werte von 73,- bis 130,- Euro - je nach Verantwortung und wissenschaftlichem Umfang. Traurig anzusehen wie viele Leute hier unter den Möglichkeiten arbeiten. Ich selbst habe daher noch keinen vermittelten Auftrag angenommen. Lebe von Firma zu Firma Empfehlung sehr gut. Schade das sich das alles gerade so entwickelt - viele Menschen kommen damit unter Druck. (September 2009)"

"sehr interessant, Vielen Dank (September 2009)"

"Mit Verlaub gesagt - ich zweifele diese Zahlen an. Ich kenne beide Seiten des Projektmarktes sowohl als Anbieter als auch als Abnehmer. Dabei kenne ich die Stundensätze auch in verschiedenen Branchen, Regionen und Unternehmensgrößen. Außerdem stehen die hier veröffentlichenten Zahlen im krassen Widerspruch zu den ebenfalls veröffentlichten Stundensätzen der Freiberufler. Wenn Freiberufler 70 Euro fakturieren (im Durchschnitt) und real erzielte Preise auch bei 70 Euro liegen hätten die Vermittler eine 0-Prozent-Marge. Als Standard ist das unglaubwürdig. In der KB ging es wohl eher darum, ein Gefühl die Marge zu bekommen - sprich was zahlt der Endkunde für einen Consultant und wieviel geht im Schneeball verloren bis das Honorar dann beim FB ankommt. Aber Transparenz ist in dem Markt weitgehend ein Fremdwort. (September 2009)"

"gut gemacht, vielen Dank (September 2009)"

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