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Künstliche Intelligenz – Duell der Superhirne

China vs. USA

19.02.2019
Gerd Meyring – Freiberuflicher Autor
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Deutlicher hätte die Kampfansage der USA an China kaum ausfallen können. Im Januar 2017 besiegte die Künstliche Intelligenz (KI) „AlphaGo“ zum dritten Mal den besten Profispieler des asiatischen Strategiespiels „Go“, den Chinesen Ke Jie. Entwickelt hat den Algorithmus DeepMind, die KI-Tochter des US-Internetgiganten Google. Damit nicht genug: Das Brettspiel galt lange Zeit als so komplex, dass Maschinen es anders als Schach nicht würden meistern können.

China hat ambitionierte KI-Pläne

Peking reagierte auf die Niederlage prompt. Keine sechs Monate nach Jies Niederlage veröffentlichte die chinesische Regierung ihren Next-Generation-Artificial-Intelligence-Plan. Dieser sieht nichts Geringeres vor, als die USA bis 2020 in der Künstlichen Intelligenz ein- und die bislang in der Technologie führende Macht bis 2025 zu überholen. Fünf Jahre später will Peking dann die weltweite Vorherrschaft in der KI übernehmen. Vor allem chinesische Robotikhersteller, Anbieter von Virtual-Reality- und Sicherheitssystemen sowie autonomen Fahrzeugen, das Gesundheitswesen und die Stadtentwicklung sollen sich mit Hilfe von KI Wettbewerbsvorteile erschließen. 

KI lässt Chinas Wirtschaft um sieben Billionen US-Dollar wachsen

Der Preis, den es dabei zu gewinnen gibt, ist heiß. Die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) hat errechnet, dass die chinesische Wirtschaft dank KI bis 2030 um mehr als ein Viertel wachsen und sieben Billionen Dollar mehr Wertschöpfung erzielen wird als heute. Statt um 6,3 Prozent könnte das chinesische Bruttoinlandsprodukt ab 2035 um 7,9 Prozent zulegen, ergab auch eine Studie der Consultingfirma Accenture. Die Zugewinne in den USA fallen dagegen bescheiden aus. Dort rechnen die PwC-Experten mit einem Plus von 15 Prozent oder 3,7 Billionen Dollar.

Daten im Überfluss

China startet mit sehr guten Voraussetzungen in den Wettkampf. Denn den wichtigsten Rohstoff des KI-Zeitalters besitzt die Volksrepublik im Überfluss: Daten. Von den 1,4 Milliarden Chinesen sind 780 Millionen fast dauernd online. WeChat von Tencent, die chinesische Konkurrenz zu Whatsapp, hat gut eine Milliarde aktive Nutzer. Das sind mehr Menschen als in den USA und der EU leben. Zudem ist die App anders als das US-Produkt nicht nur eine Kommunikationsplattform. WeChat ist das Betriebssystem Chinas. Nutzer buchen darüber Termine beim Arzt oder Friseur, planen ihren Urlaub, erledigen ihre Steuererklärung oder bestellen sich am Feierabend oder zur Mittagspause Chop Suey. Außerdem bezahlen sie damit jeden noch so kleinen Einkauf.

Chinesische Regierung öffnet ihre Datenbanken für KI-Konzerne

Tencent kann so über eine einzige Plattform auf alle Daten zugreifen, die es braucht, um das Leben von WeChat-Nutzern in all seinen Facetten zu verstehen. Ähnlich umfassenden Zugriff auf das Privatleben nimmt Alibaba über seine Onlineshops und Baidu über seine Suchmaschine. Sorgen um den Datenschutz bremsen das chinesische KI-Triumvirat nicht. Im Gegenteil! Um die Unternehmen beim Training von KI-Algorithmen zu fördern, gewährt die chinesische Regierung ihnen Zugriff auf ihre eigenen Datenbestände. So greift der Spezialist für Gesichtserkennung, SenseTime, auf Datenbanken chinesischer Behörden und Stadtverwaltungen zu. Diese haben mit Tausenden von Überwachungskameras die Gesichter von über 500 Millionen Bürgern aufgenommen und abgespeichert.

China plant Städte für die KI-Zukunft

Da auch Algorithmen, die Fahrzeuge und Logistiksysteme lenken oder den Energieverbrauch ganzer Stadtviertel steuern sollen, bauen chinesische Kommunen zudem keine Straße und keinen Wohnblock neu, der nicht mit der für die Entwicklung der KI erforderlichen Sensorik ausgestattet wäre. 
Davon profitieren vor allem jene Unternehmen, die das chinesische Ministry of Science and Technology beauftragt hat, sich zu Technologieführern in bestimmten Einsatzgebieten für KI zu entwickeln. So soll Baidu führend beim autonomen Fahren werden, Alibaba den Ton bei Smart Cities angeben. Tencent soll sich zum Spezialisten für KI im Gesundheitswesen entwickeln, iFlyTek führend bei der Spracherkennung werden. 

Venture-Capital-Klima wie im Treibhaus

Die Kombination aus staatlicher Unterstützung und Datenüberfluss schafft in der chinesischen KI-Szenze ein Klima wie in einem Gewächshaus, in dem sich die Heizung nicht mehr runterdrehen lässt. Von den weltweit 238 Business Unicorns kommt mehr als ein Viertel aus der Volksrepublik. Angeführt werden die 86 nichtbörsennotierten Unternehmen in China von SenseTime mit einem Marktwert von wenigstens einer Milliarde Dollar. Seit einer Finanzierungsrunde, in der sich Alibaba 2017 mit 600 Millionen US-Dollar an dem Startup beteiligte, ist SenseTime das mit 4,5 Milliarden Dollar am höchsten bewertete Jungunternehmen der Welt.

Derartige Vorbilder treiben andere chinesische Investoren und Gründer an, Zeit, Ideen und Milliarden von Dollar in die Entwicklung von KI zu investieren. Fast die Hälfte des weltweit in KI-Startups investierten Venture Capitals (VC) floss 2017 nach China, so eine Studie von CB Insights.

US-Firmen konnten dagegen nur 38 Prozent des global investierten Kapitals einsammeln. Durch den VC-Boom entstanden in der Volksrepublik 2017 ganze 67 Prozent mehr neue KI-Unternehmen als im Jahr zuvor.

Chinas Schwachstelle: Hardwareentwicklung

Doch die Volksrepublik stößt bei ihrem KI-Höhenflug auch an Grenzen, die sie aus eigener Kraft nicht überwinden kann. So ist es chinesischen Unternehmen noch nicht gelungen, Chips zu entwickeln, die so leistungsfähig sind, wie es das Training von KI-Algorithmen erfordert. Alibaba hat allerdings angekündigt, 2019 einen ersten selbst entwickelten KI-Chip auf den Markt bringen. Auch Baidu und Huawei arbeiten an entsprechender Hardware.

„America First“ – nicht in der KI

Derartige Technologielücken bereiten der Entwicklung von KI in den USA keine Schwierigkeiten. Marktführer wie Nvidia oder Qualcomm verschaffen den Vereinigten Staaten derzeit bei der Entwicklung leistungsfähiger Chips noch einen Vorsprung. Allerdings stößt die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz dort auf andere Probleme. So haben die Vereinigten Staaten während der Amtszeit von Ex-Präsident Barack Obama 2016 zwar eine nationale KI-Strategie entwickelt. Diese verschwand jedoch nach dem Amtsantritt von Donald Trump in der Schublade. Die technologische Bedrohung durch die Volksrepublik lässt sich dort aber nicht unter Verschluss halten. Amerikanische KI-Experten fordern deshalb, dass die Vereinigten Staaten „umgehend und aggressiv“ auf die Herausforderung Chinas reagieren.

Noch haben die USA die Nase vorn

Nur dann könnten die USA den Vorsprung halten, den sie im globalen KI-Wettlauf noch haben. Immerhin gibt es in den Staaten fast doppelt so viele Unternehmen, die sich mit KI beschäftigen, wie im Reich der Mitte. Von den weltweit 2540 Firmen aus der Branche haben 42 Prozent ihren Sitz in den USA. Dagegen kommt Zahlen des Weltwirtschaftsforums zufolge weltweit nur ein Fünftel der KI-Unternehmen aus dem Reich der Mitte.

US-Universitäten ziehen KI-Forscher aus aller Welt an

Die US-Unternehmen profitieren zudem von einem Bildungswesen, das besser und für Wissenschaftler aus aller Welt attraktiver ist als das chinesische. Von den 20 führenden KI-Universitäten der Welt befinden sich 16 in den USA. Deutsche Wissenschaftler wie Sebastian Thrun haben dort die Grundlagen für Systeme entwickelt, die Fahrzeuge autonom fahren lassen. Auch Deep Learning wurde in den USA von dem Deutschen Jürgen Schmidhuber entwickelt. Beide Durchbrüche gelten als unverzichtbare Grundlagen für künftige KI-Entwicklungen. Die Attraktivität des liberalen Klimas an US-Hochschulen kann China nicht einfach imitieren – schon gar nicht in nur zwölf Jahren. Zwar stammten in wissenschaftlichen Journalen im Jahr 2015 vier von zehn Beiträgen zum Thema KI aus der Feder chinesischer Forscher, berichtet der Außenwirtschaftsinformationsdienst GTAI. Auch meldeten diese zwischen 2010 und 2015 über 8000 KI-Patente an – 190 Prozent mehr als im vorangegangenen Fünfjahreszeitraum. Doch haben chinesische KI-Experten diese Erkenntnisse nicht alleine erarbeitet.

Chinas KI-Konzerne forschen in aller Welt

So betreibt Baidu nicht nur in der Volksrepublik Entwicklungszentren sondern auch im Silicon Valley. Außerdem kooperiert der Suchmaschinenbetreiber in der KI-Anwendungsforschung mit dem deutschen Elektronikkonzern Bosch und den Automobilzulieferern ZF Friedrichshafen und Continental. Tencent baut ein Lab in Seattle. Alibaba investiert 15 Milliarden Dollar in Forschungsszentren in den USA und Israel. Viele US-amerikanische KI-Giganten zieht es im Gegenzug dazu nach Peking. So unterhalten Microsoft, Google und Intel Entwicklungszentren in der chinesischen Hauptstadt. 
Für IT-Profis, die sich auf KI verstehen, ist die Welt damit fast grenzenlos. Denn weder die chinesischen KI-Startups und -Konzerne noch ihre US-amerikanischen Konkurrenten finden auf dem internationalen Arbeitsmarkt so viele Talente, wie sie beschäftigen könnten. 

Migrationspolitik der Trump-Regierung verschärft Mangel an KI-Experten

Der Fachkräftemangel könnte in den USA durch die restriktive Einwanderungspolitik der Trump-Regierung künftig sogar noch drastischer werden. Dadurch schmilzt der KI-Vorsprung der USA ebenso dahin, wie durch das Fehlen einer nationalen KI-Strategie. US-Universitäten merken dies bereits daran, dass Washington die Grundlagenforschung in der Zukunftstechnologie finanziell nicht so fördert, wie es in Anbetracht der Herausforderung durch China nötig wäre. 
Noch hätten die USA eine 50-prozentige Chance, das globale KI-Rennen zu gewinnen. Das schätzt zumindest Kai-Fu Lee. Der ehemalige China-Chef von Google leitet heute Sinnovation – den mit 1,7 Milliarden-Dollar größten Venture-Capital-Fonds für KI in der Volksrepublik. 

KI-Bronze für Deutschland

Und wo steht Deutschland? Im weltweiten Vergleich immerhin auf Platz drei. Das gab zumindest jeder dritte Teilnehmer einer Umfrage des Vereins Deutscher Ingenieure zu diesem Thema im Frühjahr 2018 an. Immerhin ist die deutsche Grundlagenforschung zum Maschinenlernen weltweit spitze.

Auch wissen Unternehmen in keinem anderen Land der Welt mehr über den Bau von Maschinen und Anlagen sowie darüber, wie sich die Daten aus automatisierten und vernetzten Produktionsprozessen mit KI auswerten lassen. Für US-Internetgigant Amazon war deshalb klar: Sein neues Entwicklungszentrum für KI entsteht weder in Peking, Shanghai noch San Francisco, sondern in Berlin.

Freelancer-Tipp

Die Antwort auf viele Anforderungen aus dem KI Bereich lautet: Python. Das erkennen auch immer mehr deutsche Unternehmen und suchen nach Entwicklern, die die Multiparadigmensprache beherrschen. Ausführlichere Informationen und Marktzahlen zu diesem Trend finden Sie in unserem Python Quick Check.

Lesermeinungen zum Artikel

5 von 5 Sternen | Insgesamt 3 Bewertungen und 1 Kommentar

  • Googles DeepMind ist vorwiegend europäisch

    Anonymous am 22.02.2019 um 12.14 Uhr

    Wenn man schon Länder/Regionen vergleicht, sollte nicht vergessen werden, dass Googles KI-Zugpferd DeepMind eine britische Firma ist, für die größtenteils brilliante KI-Experten aus dem EU-Raum arbeiten.

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