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Vergütung von Überstunden: Die Ergebnisse der GULP Arbeitsleben Studie zur Entlohnung von Mehrarbeit

24.02.2022
Joscha Faralisch – freiberuflicher Autor
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Über 60 Prozent der Arbeitnehmer:innen in den Bereichen IT, Engineering, Finance und Life Science erhalten von ihrem Arbeitgeber einen Ausgleich für angefallene Überstunden. Zu diesem Resultat kam die GULP Arbeitsleben Studie. Neben dem Anteil der vergüteten Mehrarbeit geben die Ergebnisse außerdem Aufschluss darüber, in welchen Fällen die meisten Überstunden gemacht werden und welche Einflussfaktoren dafür verantwortlich sein können.

Über die GULP Arbeitsleben Studie

Seit 2013 liefern GULP Studien einen Überblick über Stundensätze, Projekte und Auslastung von freien Mitarbeitenden der IT- und Engineering-Branche. An der aktuellen Arbeitsleben Studie nahmen im Zeitraum von Juni 2021 bis Januar 2022 insgesamt 781 Unternehmer:innen sowie freie und festangestellte Mitarbeitende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz teil. Sie gaben Auskunft über Überstunden und Verdienst, Arbeitsleben, Zufriedenheit, Anforderungen an Unternehmen und Expert:innen sowie Trends.

 

Zu allen Ergebnissen

Vergütete Überstunden: Ausnahme oder Regelfall?

Wir haben in der GULP Arbeitsleben Studie Teilnehmer:innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gefragt, ob ihnen anfallende Überstunden vergütet werden. In Deutschland gaben 62,1 Prozent der Befragten an, im Falle von Mehrarbeit zusätzlich vergütet zu werden. 34,5 Prozent bekommen keine Vergütung, 3,5 Prozent antworteten mit “Weiß nicht”. Damit liegen die vergüteten Überstunden der Befragten sogar leicht über dem Bundesdurchschnitt. Diese Folgerung legt zumindest der Vergleich mit einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) nahe, laut welcher etwa die Hälfte der über eine Milliarden Überstunden, die in Deutschland jährlich anfallen, unbezahlt bleibt.

Säulendiagramm: Festangestellte arbeiten in der Regel rund zwei bis drei Stunden mehr pro Woche als vertraglich vereinbart

In der Schweiz sind diese Zahlen ähnlich, wobei der Anteil der vergüteten Überstunden mit 59,6 Prozent etwas geringer ausfällt.

Gleichzeitig ist die Anzahl der vertraglich vereinbarten Wochenstunden in der Schweiz im Durchschnitt höher als in Deutschland: Werden Überstunden vergütet, liegt die durchschnittliche vertraglich festgelegte Wochenarbeitszeit dort bei 40,6 Stunden, in Deutschland hingegen bei 37,9. Findet kein Überstundenausgleich statt, sinken die durchschnittlichen Wochenstunden in der Schweiz auf 40,2, während sie in Deutschland sogar steigen: auf 38,4. Anders als in der Schweiz ist die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit in Deutschland also höher, wenn Überstunden nicht vergütet werden.

Säulendiagramm: Deutsche haben in der Regel eine höhere vertraglich vereinbarte Wochenarbeitszeit, wenn Überstunden nicht vergütet werden. Bei Schweizern ist es andersherum.

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Einflussfaktor Überstundenausgleich: So wirkt sich eine Vergütung auf die Anzahl der geleisteten Überstunden aus

Auffällig ist auch, dass die Anzahl der Überstunden erheblich davon abhängt, ob sie vergütet werden oder nicht. So fallen bei Angestellten, deren Mehrarbeit nicht vergütet wird, im Durchschnitt 4 bis 5 mal mehr Überstunden an als bei Personen, deren Überstunden vergütet werden. Letztere machen in Deutschland durchschnittlich 1,4 Überstunden pro Woche. Findet keine Vergütung statt, beläuft sich die Mehrarbeit bei deutschen Studienteilnehmenden hingegen auf einen wöchentlichen Durchschnitt von 6,1 Stunden. Die Schweiz liegt in dieser Gruppe sogar bei 7,9 durchschnittlichen Überstunden pro Woche.

Säulendiagramm: Experten leisten deutlich mehr Überstunden, wenn diese nicht vergütet werden.

Einflussfaktor Gehalt: Hat die Einkommensklasse Einfluss auf die Anzahl der Überstunden?

Auch das Gehalt könnte bei der Anzahl der anfallenden Überstunden eine Rolle spielen. Diesen Eindruck vermittelt zumindest ein Blick in die geleistete Mehrarbeit innerhalb der verschiedenen Einkommensstufen. Ab einem Bruttojahresgehalt von über 20.000 Euro setzt sich dort die Tendenz fort, dass Festangestellte, die keinen Ausgleich erhalten, mehr Überstunden machen als jene, deren Mehrarbeit vergütet wird.

Mit der Einkommensklasse steigt in der Gesamttendenz auch die Anzahl der Überstunden. Hier gibt es allerdings Ausnahmen. So leisten Arbeitnehmende mit einem Bruttojahresgehalt zwischen 60.000 bis 80.000 Euro im Durchschnitt weniger Überstunden als in der Einkommensklasse darunter – und zwar unabhängig davon, ob Überstunden vergütet werden oder nicht. Außerdem erreichen Personen mit einem Bruttoeinkommen von unter 20.000 Euro pro Jahr den zweithöchsten Wert an Überstunden, sofern diese vergütet werden: Durchschnittlich 8,4 Überstunden pro Woche werden in dieser Gruppe geleistet. Einen höheren Wert erreicht nur die Gruppe der Befragten mit einem Bruttojahresgehalt von über 100.000 Euro, deren Überstunden nicht vergütet werden. Hier liegen die durchschnittlichen Überstunden pro Woche bei 13,0. Insgesamt zeigen diese Zahlen aber nur eine Tendenz. Um repräsentative Ergebnisse zu erhalten, müssten in bestimmten Gehaltsstufen noch mehr Daten vorliegen.

So hängen das Gehalt und die geleisteten Überstunden zusammen

Modell Vertrauensarbeitszeit: Motivator oder Druckmittel?

Was die Zahlen zweifelsfrei belegen: Arbeitnehmer:innen mit Vertrauensarbeitszeiten ohne gesonderte Vergütung von Mehrarbeit machen im Durchschnitt deutlich mehr Überstunden als Arbeitnehmer:innen mit Zeiterfassung und Überstundenausgleich. Und zwar nahezu unabhängig von Standort und Einkommensklasse. Dies wirft die Frage auf, ob das Modell Vertrauensarbeitszeit die Motivation der Mitarbeitenden steigert oder nur den Druck erhöht.

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Was sagen weiterführende Studien zum Thema Vertrauensarbeitszeit?

Studien zum Thema Zeiterfassung und Vertrauensarbeitszeit interpretieren diese Ergebnisse auf unterschiedliche Weise. So kommen Michael Beckmann et al. in ihrer “Studie zur Vertrauensarbeitszeit” an der Universität Basel zu dem Schluss, dass Selbstbestimmung und echtes Vertrauen die intrinsische Motivation von Arbeitnehmer:innen deutlich erhöhe. Überwachung hingegen zerstöre diese ursprüngliche Eigenmotivation.

Eine Personalwirtschaft-Studie zur Arbeitserfassung in Deutschland von 2019 spricht jedoch eine andere Sprache: 60 Prozent der Befragten, die in kleinen Unternehmen mit unter 20 Mitarbeitenden beschäftigt sind, gaben an, in ihrem Betrieb ein Vertrauensarbeitszeitmodell zu haben. Allerdings sind nur 45 Prozent der Teilnehmenden in dieser Gruppe mit der aktuellen Form der Erfassung zufrieden oder sehr zufrieden.
Am größten ist die Zufriedenheit mit 56,3 Prozent hingegen bei Arbeitnehmer:innen, die in mittelgroßen Unternehmen mit 100 bis 500 Mitarbeiter:innen tätig sind. In dieser Gruppe ist auch das Modell der Vollerfassung von Überstunden am häufigsten.

Beide Studien sind sich jedoch einig, dass das Modell Vertrauensarbeitszeit nur dann funktionieren kann, wenn ein echtes gegenseitiges Vertrauensverhältnis zwischen Unternehmen und Mitarbeitenden herrscht.

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