IBM Mainframe Episode III: Eine neue Hoffnung

GULP Marktstudie über selbstständige Spezialisten für MVS und Cobol

06.08.2013
GULP Redaktion
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MVS heißt eigentlich schon lange nicht mehr MVS. In den 1990er Jahren wurde es als OS/390 bezeichnet, kurz nach dem Jahrtausendwechsel wurde es in z/OS umbenannt. Doch die Bezeichnung MVS für das häufigste Betriebssystem auf IBM-Großrechnern starb nicht aus und wird bis heute umgangssprachlich verwendet. Die Überlebenskraft dieses Namens ist so groß wie die des Großrechner-Betriebssystems selbst: MVS ist bis heute im Einsatz – auch wenn es manche schon für tot erklärten. Ebenso die auf z/OS bevorzugt eingesetzte Programmiersprache: Auch Cobol ist auf dem IT-Projektmarkt nicht ausgestorben, noch heute werden Freelancer mit diesen Kenntnissen gefragt. Zwar bei Weitem nicht mehr so häufig wie zum Jahrtausendwechsel – aber dennoch öfter, als man denkt. Eine neue Hoffnung also für das MVS-Imperium, das zwar im Schwinden begriffen, aber noch lange nicht geschlagen ist.

 

Die wichtigsten Daten im Überblick:

Durchschnittswerte Selbstständige Cobol-Spezialisten Selbstständige MVS-Spezialisten (MVS, OS/390, z/OS) Alle bei GULP eingetragenen Freiberufler
Anzahl Freelancer in der GULP Datenbank 3.274 3.206 84.861
Stundensatzforderung 69 Euro 74 Euro 74 Euro
Alter 57 Jahre 56 Jahre 46 Jahre
Berufserfahrung 32 Jahre 31 Jahre 21 Jahre

 

Die Daten für diese Marktstudie lieferten die Profile der in die GULP Datenbank eingetragenen IT-/Engineering-Spezialisten, der GULP Trend Analyzer und die über GULP an Freelancer zugestellten Projektanfragen.

Lebenszyklus von z/OS, MVS und Cobol: Noch nicht zu Ende

Obwohl MVS im Laufe der Zeit immer weiterentwickelt wurde, haben sich die Grundzüge seit den Anfangszeiten erhalten. Die MVS-Geschichte beginnt im Jahr 1964, als IBM mit der Großrechnerarchitektur S/360 das Betriebssystem OS/360 auslieferte. Ihm folgte mit der S/370-Generation Anfang der 1970er Jahre das passende OS/370. Im Zuge der Weiterentwicklung kam 1974 dann MVS (Multiple Virtual Storage) auf den Markt. Es wurde für fast alle Großinstallationen von S/390-Rechnern implementiert. Später entstand daraus durch weitere Ergänzungen das verbreitete OS/390 für die neuen S/390-Großrechner. Von diesem stammt schließlich der für die z/Series überarbeitete 64-Bit-Nachfolger z/OS ab.

 

Nach dem Boom zur Euroumstellung ging es ab dem Jahr 2002 mit der Mainframe-Welt auf einen Schlag drastisch und konstant bergab. Den Großrechner-Betriebssystemen wurde sogar bereits das endgültige Aus prophezeit.

 

Seitens IBM wurden dann aber einige Rettungsversuche unternommen. So wurde zum Beispiel im Frühjahr 2006 mit dem System z9 Business Class ein preiswerter Einsteiger-Mainframe auf den Markt gebracht. Er sollte den Bedürfnissen kleinerer und mittlerer Anwender gerecht werden, denen die Sicherheit und Zuverlässigkeit kostengünstigerer Server nicht ausreichen, die sich aber einen Großrechner bisher nicht leisten konnten.

 

Die aktuellste Entwicklung: Im Juli 2013 stellte IBM ein neues Mainframe-System namens BC12 vor, das mit z/OS 2.1 läuft. Auch dieses neue System ist für den Mittelstand gedacht – es soll Unternehmen bei Big Data, Analytik und Cloud unterstützen und ist ab 100.000 Euro zu haben. Die Zunahme von Cloud, Big Data, Marketingautomatisierung, CRM-Optimierung, Mobile Computing & Co. könnte eine Chance für Mainframe sein – denn diese Anwendungen verlangen im Backend nach leistungsstarken Lösungen. Im Moment ist davon jedoch im Projektmarkt (noch) nichts zu sehen. Einzig SEPA hat Spuren in der Cobol-Nachfrage hinterlassen, wie die folgende Analyse der über GULP an Freelancer verschickten Projektanfragen zeigt.

Nachfrage nach Freelancern: SEPA bringt Cobol-Aufschwung

Nach dem Jahrtausendwechsel verlor das IBM-Operating-System zunehmend an Bedeutung im IT-Projektmarkt. Das gleiche Schicksal traf parallel Cobol:

Anteil der Cobol- und MVS-Anfragen an allen Projektanfragen (seit 2000, jeweils im Juni)

MVS-Nachfrage: Seit zehn Jahren konstant niedrig

Die Nachfrage nach selbstständigen MVS-Spezialisten erreichte im Mai 2001 mit einem Anteil von 14,9 Prozent an allen über GULP verschickten Projektanfragen ihren Höchststand seit Beginn der Aufzeichnungen bei GULP im Jahr 1999. Danach ging es Monat für Monat fast kontinuierlich bergab. Bereits im August und September 2003 reichte es nur noch für einen Anteil von jeweils 1,9 Prozent. Seitdem hält sich die MVS-Nachfrage relativ konstant auf niedrigem Niveau – mit einer langfristig leicht sinkenden Tendenz. Während im Jahr 2011 noch in 1.068 Projektanfragen freiberufliche Spezialisten für MVS gesucht wurden, waren es im Jahr 2012 nur noch 785.

 

Cobol-Nachfrage: SEPA bringt leichten Aufschwung

Ein ähnliches Bild bei Cobol – mit einem kleinen, feinen Unterschied: Auch der Bedarf an selbstständigen Cobol-Spezialisten erreichte im Mai 2001 seinen Höchststand (13,1 Prozent) und ging zunächst rapide, dann etwas langsamer zurück. Doch ein Blick auf die Zahlen der letzten beiden Jahre zeigt: 2012 wurden 54 Prozent mehr Cobol-Anfragen über GULP verschickt als 2011. Diese Zunahme ist höchstwahrscheinlich durch die SEPA-Thematik und den dadurch notwendigen Umstellungen begründet – und damit vermutlich nur vorübergehend.

 

Anzahl Projektanfragen 2011 2012 Jan – Jul 2013
MVS, OS/390, z/OS 1.068 785 431
Cobol 832 1.281 441

 

Cobol ist Ende der 1950er Jahre entstanden und wird bis heute verwendet. Die Programmiersprache wird vor allem in der betriebswirtschaftlichen Datenverarbeitung eingesetzt; insbesondere kaufmännische Anwendungen sind häufig in Cobol programmiert. Hier kommt SEPA ins Spiel:

SEPA steht für Single Euro Payments Area (Einheitlicher Euro-Zahlungsverkehrsraum) und hat die Vereinheitlichung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs in Europa zum Ziel. Unternehmen müssen bei Überweisungen und Lastschriften ab Februar 2014 die nach der SEPA-Verordnung erforderlichen technischen Anforderungen einhalten. Dazu gehören unter anderem die Verwendung der IBAN zur Kontoidentifizierung und die Einhaltung des XML-basierten ISO 20022-Formats für den Datenaustausch zwischen Kunden und Kreditinstitut. Kaufmännische Anwendungen müssen entsprechend angepasst werden. Gefragt sind hierfür vor allem Cobol-Anwendungsentwickler, sowohl für die Anpassung bestehender Zahlungsverkehrssysteme als auch für die Entwicklung neuer Komponenten und Schnittstellen.

Anteil der SEPA- und Cobol-Anfragen an allen Projektanfragen (seit 2013, monatlich)

Im Jahr 2012 wurden insgesamt 902 Projektanfragen über GULP verschickt, in denen SEPA ein Thema war. Von Januar bis Juli 2013 waren es bereits 1.063 Anfragen. Und wie die Trendlinie der Grafik zeigt, nimmt die Zahl der Anfragen nicht ab. Der Anteil der Cobol-Anfragen dagegen befindet sich derzeit bereits wieder auf dem absteigenden Ast. Ob das nur eine vorübergehende Schwankung ist oder ob die nötigen Software-Anpassungen bereits erledigt sind, werden die nächsten Monate zeigen. Auf jeden Fall wird der Tag kommen, an dem SEPA für den IT-Projektmarkt keine Rolle mehr spielt – und damit dürfte auch die Nachfrage nach Cobol-Spezialisten wieder sinken. Doch man weiß ja nie, wann die nächste neue europaweite Verordnung Umstellungen im Zahlungsverkehr nötig macht …

Cobol 69 Euro – MVS 74 Euro

Stundensatzforderung-der-selbstständigen Cobol-und-MVS-Spezialisten (in Euro)

Im Schnitt fordern freiberufliche Cobol-Spezialisten in der GULP Datenbank 69 Euro pro Stunde. Bei den MVS-Spezialisten sind es mit 74 Euro pro Stunde fünf Euro mehr. Diese Differenz ergibt sich dadurch, dass 46,7 Prozent Cobol-Spezialisten Entwickler und Programmierer sind – das ist mit Abstand die größte Gruppe. Sie fordern einen Stundensatz von im Schnitt 66 Euro – das hat großen Einfluss auf den Cobol-Durchschnitt.

Die Gruppe der MVS-Spezialisten ist im Gegensatz dazu breiter gefächert. Von ihnen sind nur 36,5 Prozent als Softwareentwickler tätig (Stundensatzforderung 69 Euro), aber zum Beispiel auch 27,0 Prozent als Berater (73 Euro) und 8,7 Prozent als Projektleiter (79 Euro).

Zehn Jahre älter als der Durchschnitt

Alter der selbstständigen Cobol- und MVS-Spezialisten

Im Schnitt sind die bei GULP eingetragenen Cobol-Spezialisten 57 Jahre alt, ihre MVS-Kollegen sind ein Jahr jünger. Damit liegen sie zehn bzw. elf Jahre über dem Altersschnitt in der GULP Datenbank (46 Jahre). Es kommt natürlich kaum Mainframe-Nachwuchs nach, denn es ist für Jüngere wohl sicherer, auf aufstrebende Zweige bzw. Skills zu setzen. Dennoch: Es darf nicht vergessen werden, dass in Banken, bei Finanzdienstleistern und bei Behörden Mainframe noch lange nicht ausgestorben ist.

 

Solange dort noch z/OS auf IBM-Systemen läuft und Anwendungen eingesetzt werden, die in Cobol programmiert sind – solange müssen diese Systeme gewartet, weiterentwickelt, angepasst oder auf neue migriert werden. Und ebenso lange wird auch Bedarf an Fachkräften mit diesem Know-how bestehen. Da die meisten Unternehmen nicht mehr auf Festangestellte zurückgreifen können, da die Mitarbeiter, die sich damit auskannten, oft schon in Rente sind, werden gerade hier Externe ins Boot geholt. Mit ihren 31 (MVS) bzw. 32 (Cobol) Jahren Berufserfahrung bringen Sie die nötige Expertise mit.

Berufserfahrung der selbststaendigen Cobol- und MVS-Spezialisten

Banken-Region Frankfurt am Main hat die Nase vorn

Anteil der selbstständigen Cobol- und MVS-Spezialisten pro Region

Bei Großrechnern stehen Zuverlässigkeit und hoher Datendurchsatz im Vordergrund. Sie werden jeher vor allem von Banken und Versicherungen eingesetzt, für die diese Eigenschaften entscheidend sind. Ein knappes Fünftel der selbstständigen Spezialisten für MVS und Cobol sind im Postleitzahlenbereich D6 und damit rund um die Frankfurter Bankenmeile beheimatet. Die Automotive-Standorte München und Ingolstadt (D8) spielen hier nur die zweite Geige – im Gegensatz zum IT-Projektmarkt generell.

 

Wie wohl die nächste Episode unserer Mainframe-Saga betitelt wird? Interessant wäre es natürlich gewesen, wenn wir mit der letzten Episode beginnen hätten können – aber der IT-Projektmarkt ist eben keine Aneinanderreihung von Film-Trilogien. Was ist Ihre persönliche Prognose?

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