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Wenn zwei sich streiten ...

Interview mit dem EDV-Sachverständigen Norbert Vogel

05.12.2007
GULP Redaktion
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... ist das gut für das Geschäft des EDV-Sachverständigen Norbert Vogel. Denn er lebt davon, wenn bei Streitigkeiten ohne Gutachten nichts mehr geht. Er wird immer dann gerufen, wenn strittige Sachverhalte objektiv analysiert und in eine - für Laien - verständliche Sprache übersetzt werden müssen. Zusammen mit seinem Partner Bernhard Gramberg betreibt er seit 2005 das Sachverständigenbüro Gramberg & Vogel in Berlin.

Die beiden Diplom-Informatiker sind öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige und spezialisiert auf Expertisen im Bereich Programmier- und Software-Technik. Hauptvoraussetzung für ihren Job sind viel Erfahrung und Sachkunde, die nicht in einem Zwei-Wochen-Seminar zu erlernen sind. Denn Sachverständiger ist nicht gleich Sachverständiger wie Norbert Vogel im GULP Interview erzählt.

GULP Herr Vogel, macht es einen Unterschied, ob ein Sachverständiger öffentlich bestellt und vereidigt wurde oder nicht?
Vogel Der Begriff Sachverständiger ist nicht geschützt. Sachverständiger kann sich so ziemlich jeder nennen, soweit er Sachverstand besitzt und nicht gegen Wettbewerbsrecht verstößt. Öffentlich bestellt und vereidigt (öbuv) dürfen sich aber nur jene nennen, die von einer Institution wie der IHK auch wirklich bestellt und vereidigt wurden. Um unsere Belange kümmert sich der Bundesverband der öbuv Sachverständigen (BVS e.V.), in dem in meiner Fachgruppe "Elektronik und EDV" mittlerweile mehr als 60 Kollegen organisiert sind. Wir treffen uns regelmäßig, tauschen Erfahrungen aus und präsentieren in Vorträgen aktuelle Themen.
GULP Welchen fachlichen Schwerpunkte decken Sie mit Ihrem Büro ab?
Vogel Mein Partner Herr Gramberg und ich haben beide an der TU Berlin Informatik studiert. Zwar zeitlich ein wenig versetzt, aber mit einem ähnlichen Schwerpunkt im Hinblick auf die Softwaretechnik. Herr Gramberg arbeitet noch mehr im Detail der Programmiertechnik, ich sehe meinen Schwerpunkt mehr in dem "Außenrum", von der Pflichtenhefterstellung über das Softwaredesign bis zur Abnahme und den Betrieb. Herr Gramberg ist zusätzlich für die Bewertung von EDV-Anlagen, z.B. bei Firmengründungen oder Verlust durch Diebstähle, vereidigt.
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Können Sie etwas aus der Praxis plaudern, in welchen Fällen Sie um Rat gefragt werden?

Vogel Einen echten Fall kann ich hier natürlich nicht darstellen, denn öbuv Sachverständige sind – fast wie Pfarrer oder Ärzte - einer besonderen Schweigepflicht unterworfen. Das macht es leichter, uns auch Systeme untersuchen zu lassen,bei denen wir sehr persönliche Dinge zu Gesicht bekommen, wie z.B. die Rechnersysteme einer Arzt- oder Anwaltspraxis. Aber zum besseren Verständnis konstruiere ich für Sie mal einen, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass jede Ähnlichkeit mit wirklichen Fällen rein zufällig ist. Einer Versicherung wird ein Haftpflichtschaden gemeldet. Der kleine Sohn hat unbeobachtet seinen Saft über oder in die Hardware des Gastgebers gegossen und das System somit zum Stillstand gebracht. Wir bekommen das System zur Untersuchung, weil die Versicherung klären möchte, ob der Defekt wirklich durch eingedrungene Flüssigkeit verursacht ist. Bei den Untersuchungen stellen wir nun fest, dass die handelnden Personen vertauscht scheinen. Eigentümer des Systems könnte der Versicherte, also der Vater, und eben nicht der Bekannte sein. Um den Sachverhalt zu klären, stellen wir den Beteiligten einige Fragen. Häufig ist der Fall dann abgeschlossen, weil der Versicherung mitgeteilt wird, dass "man sich anders geeinigt hat". Das ist auch ein Erfolg. Auch beliebt ist bei uns die Untersuchung des Schadenszeitpunktes. So gehen technische Geräte häufig bei Gewittern kaputt und wir stellen dann fest, wann das System wirklich beschädigt wurde.
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Wer engagiert Sie hauptsächlich?

Vogel Unsere Auftraggeber sind sowohl Gerichte als auch Versicherungen, Unternehmen und Einzelpersonen. So sind die Gerichte laut der Zivilprozessordnung gehalten, nur öbuv Sachverständige für die Erstattung von Gutachten einzusetzen.Öbuv Sachverständige können wiederum die Beauftragung durch ein Gericht nicht ablehnen, wenn die Fragestellung in unser Fachgebiet fällt. Unsere Aufgabe ist es dann, die Fragen eines Beweisbeschlusses zu beantworten und dem Gericht ein Gutachten zu erstellen, das zur Klärung der strittigen Sachverhalte beiträgt. Ein Richter muss häufig über Sachverhalte befinden, die ein umfangreiches Spezialwissen erfordern. Wir helfen dabei, indem wir die Sachverhalte nach der Untersuchung objektiv und verständlich darzustellen. Neben den Gerichten haben wir vor allem Versicherungen als Kunden. Auch hier ist die öffentliche Bestellung häufig Hintergrund der Beauftragung. Sollten wir bei unseren Untersuchungen Feststellungen treffen, die die Versicherung veranlasst, gegen den oder die Beteiligten Klage einzureichen, so erhält sie von uns gerichtsverwertbare Gutachten. Wegen der öffentlichen Bestellung müssen diese vom Gericht zumindest gewürdigt, also gelesen werden. Und dann sind da noch Privatgutachten, die häufig vorkommen.
GULP Werden die Gutachten eher mehr oder weniger?
Vogel Es erscheint uns wie ein gleichbleibender Strom. Und der wechselt zwischen Gerichts- und anderen Fällen. Zurzeit kommen vermehrt Versicherungsfälle. Das hat aber auch mit dem wachsenden guten Rufs unseres Büros bei den Auftraggebern zu tun.
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Eignet sich eine Sachverständigentätigkeit als Nebenjob, z.B. für nicht ausgelastete IT-Freiberufler?

Vogel Eher weniger, das ist doch eher ein Fulltime-Job. Wobei nicht davon auszugehen ist, dass mit der Bestellung sofort ein Schwall von Aufträgen den Briefkasten verstopft. Raten würde ich es allen, die von anderen, möglichst nicht nur den eigenen Freunden,bestätigt bekommen, die geforderte besondere Sachkunde zu haben. Außerdem sollten sie in der Lage sein, technische Sachverhalte einem Laien verständlich darzustellen. Gerade im IT-Umfeld kenne ich einige, überwiegend Freiberufler, die in ihr Thema so tief eingedrungen sind, dass Herstellerfirmen bei ihnen anklopfen, wenn besonders komplexe Sachverhalte auftauchen. Das ist der Zeitpunkt, über eine Vereidigung nachzudenken. Festzustellen ist jedoch, dass diese Spezialisten nicht Sachverständige werden, weil die Honorare sich doch signifikant unterscheiden. Wenn sie es dann doch werden wollen, sollten sie Spaß daran finden, komplexe Sachverhalte mit möglichst einfachen laiengeeigneten Worten zu Papier zu bringen. Auch ein gewisses Talent, Inhalte didaktisch aufzubereiten, sollten sie mitbringen. Hier kann eine Weiterbildung sinnvoll sein. Auch stresserprobt müssen sie sein. In einer fachlichen Auseinandersetzung kann es durchaus erhitzt zugehen, zum Beispiel im Gerichtssaal, wenn eine Partei mit dem Inhalt des Gutachtens nicht leben möchte.
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Welche Ausbildung empfehlen Sie?

Vogel Eine Ausbildung zum Sachverständigen kann ich mir schlecht vorstellen. Wie soll man eine besondere Sachkunde in einer Ausbildung vermitteln? Die Betonung liegt auf "besondere". Was man in Seminaren oder Ausbildungen vermittelt bekommt, ist zum Teil bestimmt hochwertig, aber, da jeder ein solches Seminar besuchen kann, nicht das Besondere. Die besondere Sachkunde erwirbt man in der täglichen Arbeit. Zusätzlich bildet man sich durch Seminare weiter und irgendwann stellt man fest, dass man mehr weiß als die anderen oder sogar als die Vortragenden in den Seminaren.
GULP Worauf sollten diejenigen achten, die sich dennoch für eine Ausbildung  zum EDV-Sachverständigen entscheiden?
Vogel Wichtig ist, dass das Ziel ein echter Rundstempel ist. Es gibt Anbieter, die vereidigen auf eine Satzung eines Vereins und verlangen dafür Geld.Dass finde ich komisch. Eine "eidesstattliche Verpflichtung auf die Vereinssatzung" ist im Markt unsinnig. Das was langfristig im Markt zählt, ist im EDV-Bereich die öffentliche Bestellung und Vereidigung. Mit Sicherheit ist eine Ausbildung zum EDV-Sachverständigen nicht mit einem 2-Wochenkurs zu erreichen, wie dies manche Anbieter im Markt glauben machen wollen. Und die Qualitätssicherung ist relativ einfach, der ovale Rundstempel ist kein Ersatz für den offiziellen Rundstempel und der darf nur von den öbuv Sachverständigen geführt werden.
GULP

Vielen Dank für das Gespräch und beruflich weiterhin viel Erfolg.

Weitere Informationen zum Thema erhalten Sie beim Sachverständigenbüro Gramberg & Vogel oder beim Bundesverband der öbuv Sachverständigen e.V. .