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IT-Branche: Drei Männer, eine Frau

02.10.2000
Mirjam Müller
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Der Frauenmangel in der Computerbranche schien bislang vorprogrammiert. Zahlreiche Initiativen unterstützen weibliche Informatik-Cracks jetzt bei der Aufholjagd.

Wo sind nur die Frauen hin? Entgegen weit verbreiteter Ansichten war Programmieren früher reine Frauenarbeit, im Fachbereich Informatik blieben die Studentinnen fast unter sich. Seitdem die Computerbranche boomt, ist es mit der Dominanz vorbei. Die Europäische Union hat 1998 Inventur gemacht ("Women's Qualification for New Technologies and New Forms of Work Organisation") und fand nur noch jede vierte Stelle weiblich besetzt.

Dabei, das wusste schon Freud, sind Frauen für den Umgang mit Netzwerken prädestiniert. Der Vater der Psychoanalyse erklärte, dass Frauen im Grunde nur eine Fähigkeit besäßen - zu weben. Die britische Informatikerin Sadie Plant, die an der Warwick University das Fach "Neue Technologien" lehrt, folgert daraus, dass Generationen von Frauen in "weiblichen Berufen" wie Weben, Tippen, Vernetzen das Know-how erworben haben, das die westliche Welt revolutioniert. Denn wer vernetzen kann, fühlt sich auch in den nichtlinearen Strukturen der neuen Cyberwelt heimisch, betont Plant in ihrem 1997 erschienenen Buch "Nullen und Einsen". Immerhin hat eine Frau, Lord Byrons Tochter Ada Lovelace, zusammen mit Charles Babbage den Urahn des heutigen Computers erfunden.

Trotz ihrer guten Startposition sind Frauen heute in den zukunftsträchtigen Informatik-Berufen klar in der Minderheit. Lutz Görtz vom Deutschen Multimediaverband (DMMV) schätzt ihren Anteil in der Multimedia-Branche (Agenturen, Dienstleister und Produktionsfirmen) auf rund 20 Prozent: "Dabei arbeiten deutlich mehr Frauen in Tätigkeitsfeldern wie der Projektleitung als in der Programmierung oder vergleichbaren Bereichen." Informatikerin Veronika Oechtering von der Universität Bremen, die mit der "Informatica Feminale" einmal im Jahr die größte Frauen-Computertagung Deutschlands organisiert, beobachtet: "Der Anteil der Informatikerinnen an den Universitäten steigt kaum an, und die Abbruchquoten sind noch immer immens."

Der Ursache für den Frauenschwund ist Britta Schinzel, Direktorin des Instituts für Informatik und Gesellschaft an der Universität Freiburg, auf die Spur gekommen: Solange Programmieren als geistig weniger anspruchsvoll galt, stürzten sich die Männer auf Hardware und Computerentwicklung. Seitdem die Softwareentwicklung Imagepunkte dazu gewonnen hat, machen sich die Herren der Schöpfung hier breit. Anne Brüggemann-Klein, Informatikprofessorin aus München, ergänzt: "Der Computer ist zu einem Symbol für Männlichkeit, die Beherrschbarkeit der Technik geworden."

Schinzel sieht die Wurzel der "Geschlechtertrennung" vor dem PC schon in der Kindheit: Der Computer ein Spielzeug für Jungen. Die Hersteller von Computerspielen haben lange die weibliche Kundschaft völlig ignoriert. In den meisten Spielen geht es um Aggression und Zerstörung. Mädchen spielen da nicht mit und verlieren die Lust, sich überhaupt mit der Welt der Computer auseinander zu setzen. Kein Wunder, dass der weibliche EDV-Nachwuchs ausbleibt: In den 70er und 80er Jahren war immerhin ein Viertel der Informatik-Neulinge an den Universitäten weiblich. Bis 1993 sank ihr Anteil auf 7,3 Prozent.

Unter diesen Umständen sind weibliche EDV-Karrieren eine Ausnahme. "Die meisten Frauen in der Branche arbeiten in den Bereichen Kundenbetreuung, Beratung und Projektakquise", erläutert Veronika Oechtering. "Die Hardware-Entwicklung überlassen sie weitgehend den Männern und beim Ringen um den firmeninternen Aufstieg ziehen sie oft den Kürzeren." Das bestätigt die Statistik.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) erklärte vor zwei Jahren, dass Frauen nur zwei bis drei Prozent der weltweiten Topjobs in der Branche besetzen. In Deutschland ist unter 100 Spitzenleuten sogar nur eine Frau anzutreffen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg fand heraus, dass immerhin 6,8 Prozent der Informatikerinnen - doppelt so viele wie bei den männlichen Absolventen - im vergangenen Jahr trotz Universitätsdiploms überhaupt keinen Job fanden. Über die Ursachen kann Franziska Schreyer vom IAB nur spekulieren: "In diesem Bereich ist Teilzeit ein Fremdwort, Familie und Beruf lassen sich nur schwer vereinbaren. Einige Vorgesetzte trauen Frauen nicht zu, in die gnadenlose Workaholic-Kultur einzutauchen, und das Klischee, dass Frauen nichts von Technik verstehen, scheint sich auch immer noch zu halten."

Damit sich das ändert, hat die Bundesregierung der Förderung von Frauen in IT-Berufen bei ihrem "Aktionsprogramm für Innovation und Arbeitsplätze im 21. Jahrhundert" Platz eingeräumt. Initiativen wie "Frauen ans Netz" sollen helfen, die Hürden in High-Tech-Arbeitswelt abzubauen. Ziel ist es, den Anteil der Studienanfängerinnen in Informatikstudiengängen bis zum Jahr 2005 von derzeit 11,5 Prozent auf 40 Prozent anzuheben. Bei einem Projekt "Frauen geben Technik neue Impulse" arbeitet das Bundesforschungsministerium mit der Telekom und der Bundesanstalt für Arbeit zusammen, um Informations- und Weiterbildungsangebote für den Informatikerinnen-Nachwuchs zu koordinieren. Auch einige große Unternehmen, wie etwa Volkswagen oder die Telekom, haben Frauenbeauftragte erfolgreich eingesetzt und versuchen gezielt, Frauen langfristig in bisherige Männerdomänen und obere Führungsetagen zu lotsen - zum Beispiel, indem sie sich an der Fortbildungsinitiative "Deutschland 21" beteiligen. Das Gros der Firmen hält sich aber noch zurück. Deshalb nehmen viele Informatikerinnen nun die Zügel in Sachen Ausbildung und Karriere selbst in die Hand. Ein Beispiel für erfolgreiche Eigenitiative ist der 1984 von Leiterin Renate Wielpütz gegründete FrauenComputerZentrumBerlin e.V. (FCZB www.fczb.de). Die Berliner Computer-Frauen werden von Unternehmen nicht nur wegen ihrer ausgeprägten Teamfähigkeit gerne beschäftigt. Sie denken vernetzt, so das Urteil ihrer Arbeitgeber, arbeiten gern unabhängig und sind nicht fixiert auf Hierarchien. Außerdem stimmt bei ihnen die Mischung zwischen konzeptionellen und kommunikativen Fähigkeiten.

Neuen Schwung hat der weiblichen Vernetzung das Internet gebracht. So hat die amerikanische Informatikerin Aliza Sherman unter www.femina.com einen Suchdienst speziell für Frauenthemen eingerichtet. Auf ihrer Webseite www.webgrrls.com finden sich Tipps und Tricks in Sachen Computer ebenso wie Ideen zum Basteln einer eigenen Homepage. Frauen sollen sich, so die Initiatorin, im Internet weiterbilden und ermutigt werden, selbst Internetfirmen zu gründen. Darüber hinaus haben sie die Chance, Kontakte zur Computerindustrie zu knüpfen. Mehr als 100 webgrrls-Gruppen (in Deutschland www.webgrrls.de) treffen sich inzwischen in aller Welt. Nicht nur virtuell, sondern auch ganz real: zu Diskussionen, Vorträgen und um Karrieretipps auszutauschen. Auch hierzulande gibt es Hilfestellungen aus dem Web: Unter http://frauen-technik-impulse.de finden Informatikerinnen neben den Angeboten des Bundesforschungsministeriums und seiner Kooperationspartner Gründerlinks und die Adressen von Ansprechpartnerinnen aus der Branche - genug virtuelle Unterstützung, um sich in der Männerdomäne EDV durchzusetzen. Schließlich sollen Carly Fiorina (Hewlett-Packard Corp.), Kim Polese (Marimba Inc.) und Carol Bartz (Autodesk Inc.) in den Vorstandsetagen mächtiger Computerfirmen nicht allein bleiben.