Marktstudie: MVS – Tot gesagt und doch am Leben

04.07.2006
GULP Redaktion
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Nach dem Boom zum Jahrtausendwechsel und zur Euroumstellung ging es ab dem Jahr 2002 mit der Mainframe-Welt auf einen Schlag drastisch und konstant bergab. Den alten Großrechner-Betriebssystemen wurde sogar bereits das endgültige "Aus" vorausgesagt. Doch handelt es sich bei MVS (Multiple Virtual Storage) tatsächlich um eine aussterbende Spezies, der nicht mehr zu helfen ist? Maßnahmen zur Rettung der gut vier Jahrzehnte alten Mainframe-Technik sind jedenfalls zu beobachten. So hat IBM beispielsweise im Frühjahr 2006 einen kostengünstigen Einsteiger-Mainframe auf den Markt gebracht speziell für kleinere und mittlere Anwender, denen die Sicherheit und Zuverlässigkeit kostengünstigerer Server nicht ausreichen, die sich aber einen Großrechner bisher nicht leisten konnten.

Um zu sehen, wie sich die Marktlage derzeit tatsächlich darstellt und ob eventuelle Rettungsmaßnahmen bereits greifen, nahm GULP die aktuelle Situation für das IBM-Operating-System MVS (Multiple Virtual Storage) genau unter die Lupe.

Ein kurzer Rückblick

Nach dem Boom zum Jahrtausendwechsel kündigte sich der Abstieg für das IBM-Operating-System MVS an. Es verlor zunehmend an Bedeutung im IT-Projektmarkt. Das gleiche Schicksal traf parallel auch die bevorzugt unter MVS bzw. OS/390 eingesetzte Programmiersprache COBOL. Zwar stellte sich die Lage für MVS noch im Jahr 2000 äußerst positiv dar: Der durchschnittliche Anteil der MVS-Projekte an allen angebotenen Projekten lag konstant bei rund acht Prozent. Und gegen Ende des Jahres ging es sogar noch ein gutes Stückchen aufwärts – bis auf einen Höchstwert von beinahe 15 Prozent im Mai 2001. Doch danach gab es kein Halten mehr. Erdrutschartig sanken die Anteile an MVS-Projektangeboten auf nur mehr rund ein Prozent im September 2003.

Projektangebote: Stabil auf niedrigem Niveau

Bei diesem signifikanten Einbruch kam die Befürchtung auf, dass MVS komplett vom Markt verschwinden könnte. Allerdings hat sich diese negative Vision bisher nicht bewahrheitet. Das Großrechner-Betriebssystem lebt – zwar stabil, jedoch auf niedrigem Niveau.

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Betrachtet man den vergangenen Zeitraum von Januar 2005 bis Mai 2006, stellt man einen äußerst konstanten Verlauf bei den angebotenen Projekten fest. Ein ganz ähnlicher Verlauf – wenngleich auf leicht höherem Niveau – ist auch bei der unter MVS bzw. OS/390 bevorzugt zum Einsatz gelangenden Programmiersprache COBOL zu beobachten. Ohne größere Hochs haben sich die angebotenen Projekte für MVS bzw. OS/390 bei einem Anteil zwischen 0,7 und 2,5 Prozent und damit rund um einen Durchschnittswert von 1,5 Prozent eingependelt. Im Juni 2006 erreichte der Anteil angebotener Projekte mit 0,3 Prozent seinen bisher schlechtesten Wert innerhalb der vergangenen anderthalb Jahre. Insgesamt ergibt sich für die bei GULP registrierten 5265 MVS-Spezialisten eine schwierige Marktsituation.

Stundensatzforderungen: Selbstbewusstsein kehrt langsam zurück

Einst zählten die freiberuflich tätigen MVS-Experten zu den Top-Verdienern innerhalb der IT-Branche. Diese Zeiten sind lange schon vorbei. Der Wechsel vollzog sich nach dem Jahr 2003, als die Stundensatzforderungen der IT-Selbstständigen mit fachlichem Schwerpunkt MVS bzw. OS/390 erstmalig unter die Forderungen aller externer IT-Spezialisten gerieten – und dort bis heute blieben.

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Allerdings sieht es inzwischen wieder ein wenig besser aus für die MVS-Experten. So stiegen ihre Forderungen im letzten halben Jahr um ganze zwei Euro auf immerhin 66 Euro an. Damit liegen sie zwar immer noch zwei Euro unterhalb der Forderungen aller IT-Selbstständigen und von ehemaligen Spitzenwerten nach wie vor weit entfernt. Dennoch scheint sich nach und nach das "Aussterben" von MVS und damit die abnehmende Anzahl an MVS-Spezialisten auf die finanziellen Vorstellungen der wenigen verbleibenden Experten auszuwirken. Derzeit kann jedoch hochwertiges Fachwissen im Mainframe-Bereich immer noch zu äußerst günstigen Preisen erworben werden.

Überwiegender MVS-Einsatz in der "Frankfurter Bankenmeile"

Ganz eindeutig werden freiberuflich tätige MVS-Spezialisten vor allem im Postleitzahlengebiet D6 zur Realisierung von Projekten gesucht. Immerhin 28,9 Prozent aller Projektanfragen an externe MVS-Fachkräfte gehen in das Gebiet Frankfurt/Main, während nur 21,8 Prozent aller über GULP gelaufenen Anfragen in dieses Gebiet gerichtet sind.

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Während so genannte Supercomputer auf eine besonders hohe Rechenleistung ausgelegt sind, stehen bei Großrechnern Zuverlässigkeit und hoher Datendurchsatz im Vordergrund. So werden die Großrechner seit jeher vor allem von Banken und Versicherungen eingesetzt, für die diese hervorstechenden Eigenschaften entscheidend sind. Daran hat sich anscheinend auch in der absoluten Phase des Absturzes der Mainframe-Welt nichts geändert. Und so werden weiterhin freiberufliche MVS-Spezialisten überwiegend im Postleitzahlenbereich D6 und damit rund um die Frankfurter Bankenmeile nachgefragt.

Die "Oldies" unter den IT-Selbstständigen

Im Durchschnitt zählen die bei GULP eingetragenen IT-Selbstständigen 38,8 Jahre – und sind damit ganze siebeneinhalb Jahre jünger als der durchschnittliche MVS- bzw. OS/390-Experte mit immerhin 46,6 Jahren.

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Die detaillierte Betrachtung der Altersverteilung macht die Verschiebung besonders deutlich: Während 47,1 Prozent der IT-Selbstständigen jünger als 40 Jahre sind, fallen in diesen Altersbereich nur 14,6 Prozent der MVS- bzw. OS/390-Spezialisten. Auch bei den "Oldies" ab 50 Jahren klafft eine große Lücke zwischen der Anzahl aller IT-Selbstständigen und den Spezialisten für MVS bzw. OS/390: Immerhin 46,2 Prozent der MVS-Experten zählen zu dieser älteren Generation, in die aber nur 15,3 Prozent aller freiberuflich tätigen IT-Fachkräfte einzuordnen sind. Offensichtlich macht sich hier das ständig vorhergesagte Ende der Mainframe-Ära bemerkbar, indem der Informatiker-Nachwuchs sich kaum noch auf diesen Bereich spezialisiert. Man setzt nicht gern auf ein sinkendes Schiff. Die "Urgesteine", die früher noch von der Mainframe-Hochphase profitiert haben und wohl auch über langjährige Berufserfahrung verfügen, altern inzwischen schnell der Pensionierung entgegen. Stellt sich die Frage, ob Mainframe somit nicht doch wieder ein kleines, aber dennoch feines Betätigungsfeld für den Nachwuchs darstellt bei dem zunehmenden Wegfall der Experten aufgrund der Alterstruktur?

Fazit

Um auf das doch sehr wackelige Mainframe-Pferd zu setzen, muss natürlich ein Überleben von MVS bzw. OS/390 gesichert sein. Zwar haben die ausfallsicheren und erprobten Mainframekonzepte durchaus einen Platz in der modernen Datenverarbeitung, und gewisse Maßnahmen für die weitere Sicherung des Überlebens wurden ja bereits von IBM eingeleitet. Ob diese Rettungsmaßnahmen letztendlich jedoch greifen, bleibt abzuwarten.