Umfrage-Ergebnis: EU-Osterweiterung: Preisverfall vs. neue Projekte

21.06.2007
GULP Redaktion
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Zu Jahresbeginn 2007 wurden die beiden Balkanländer Bulgarien und Rumänien in die Europäische Union aufgenommen, die nun insgesamt 27 Mitgliedstaaten zählt. Mit der Aufnahme der beiden Balkanstaaten schreitet die EU-Osterweiterung weiter voran, denn bereits zum Mai 2004 traten zehn Länder aus dem osteuropäischen Raum bei.

Damals befürchteten Projektanbieter und IT-Selbstständige vor allem Lohnverfall und Preisdumping durch die Ausweitung nach Osten. Insbesondere die externen IT-Spezialisten, deren wirtschaftliche Situation zu dieser Zeit weniger rosig war, konnten der EU-Osterweiterung nichts Positives abgewinnen. Ob sich die Stimmung zwischenzeitlich geändert hat? Bei einer (nicht-repräsentativen) GULP Umfrage schilderten 179 IT-Freiberufler und Projektanbieter ihre aktuelle Meinung.

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Während die Projektanbieter vor allem eine schlechtere Qualität von IT-Leistungen durch die Osterweiterung beobachtet haben, sehen sich IT-Selbstständige insbesondere in ihren finanziellen Vorbehalten bestätigt. Damit hat sich bei den Vermittlern/Agenturen in den vergangenen zwei Jahren ein Stimmungswandel vollzogen.

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Ein möglicher Grund dafür, dass derzeit prozentual mehr Anbieter den Qualitätsverlust statt den Preisverfall bemängeln, könnte sein, dass seit ungefähr zwei Jahren die Stundensatzforderungen der deutschen IT-Selbstständigen steigen. Auch bei den IT-Experten sind es prozentual etwas weniger als noch 2005, die Preisverfall und Lohndumping durch die osteuropäische Konkurrenz bestätigt sehen. Zwischenzeitlich wurde dem befürchteten Lohndumping mit der im November 2006 verabschiedeten EU-Dienstleistungsrichtlinie ein Riegel vorgeschoben. Danach sind Dienstleistungsanbieter bei der Ausführung von Aufträgen im EU-Ausland grundsätzlich den Regeln des Gastlandes unterworfen. Eine grenzüberschreitende Aushöhlung der Lohn-, Sozial-, Sicherheits- und Umweltstandards sei durch die Richtlinie ausgeschlossen.

Tendenziell sind es eher die IT-Freiberufler, für die die EU-Ostweiterung keine negativen Folgen hatte. Über ein Viertel (28 %) – und damit prozentual etwas mehr als noch 2005 - bestätigt das. Dagegen schrumpfte der Anteil der Projektanbieter, die ebenfalls keine Nachteile hatten, von ehemals einem Viertel (27 %) auf unter ein Zehntel(7 %). Damit scheinen diese von den wirtschaftlichen (negativen) Folgen aufgrund der offenen osteuropäischen Märkte weit mehr betroffen zu sein.

Als positivsten Aspekt der Osterweiterung führen mit rund 30 % die prozentual meisten Projektanbieter "neue Möglichkeiten für Kooperationen" an. Das sind etwas mehr als noch im Jahr 2005.

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Neue IT-Projekte durch den größeren Markt gewann jeder fünfte Anbieter (21 %). Als besonders vielversprechend bewerten sie die Länder Tschechien und Rumänien mit je 29 % sowie Bulgarien (14 %). Ihrer Meinung nach haben beide Länder das größte Potenzial für Nearshoring. Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kamen auch die Analysten von Pierre Audoin Consultants (PAC) und Capgemini, die für Nearshore gute Voraussetzungen in Tschechien, Ungarn, Polen und auch Rumänien sehen. Die Vorteile von Nearshore im Vergleich zu Offshore seien vor allem die geografische und kulturelle Nähe; die konvergierenden EU-Rechtssysteme, niedrigere Arbeitslöhne sowie hochqualifizierte IT-Spezialisten. Diese beherrschen meist nicht nur Englisch, sondern auch Deutsch und Französisch (Quelle: CIO, 3.03.2005/23.02.2007; Computerwoche 1.07.2005/22.01.2007).

Sofern freiberufliche IT-Experten der Osterweiterung etwas Positives abgewinnen konnten, dann waren es ebenfalls "neue Projekte in Osteuropa". Mehr als doppelt so viele IT-Selbstständige wie noch vor 24 Monaten profitierten von solchen.

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Das größte Potenzial für IT-Projekte sehen deutsche IT-Spezialisten in Tschechien (27 %), Polen (24 %) und Ungarn (14 %). Damit bewerten die Projektanbieter die Chancen der EU-Neulinge Rumänien und Bulgarien aussichtsreicher als die IT-Selbstständigen. Von den bei GULP registrierten IT-Freiberuflern würden rund 16 % für Projekte nach Tschechien, Ungarn oder Polen gehen, wobei die geografische Nähe ein nicht unwesentlicher Grund sein dürfte. Denn ins etwas weiter entfernte Rumänien oder Bulgarien zieht es nur rund fünf Prozent von ihnen.

In der Regel ist eine Erwerbstätigkeit für IT-Selbstständige in den EU-Mitgliedstaaten relativ problemlos, denn gem. § 2 Abs.2 FreizügG/EU haben deutsche Staatsangehörige als EU-Angehörige Dienstleistungsfreiheit. D.h. sie benötigen weder ein Visum für die Einreise noch einen Aufenthaltstitel (§ 2 Abs.4 FreizügG/EU).

Gleichermaßen unbürokratisch ist dann natürlich auch der Projekteinsatz von IT-Selbstständigen aus anderen EU-Ländern in Deutschland. Bisher engagiert jeder fünfte Projektanbieter (21 %) gelegentlich IT-Spezialisten aus den Balkanländern.

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Noch etwas mehr von ihnen (29 %) tun dies jedoch nur notgedrungen, wenn sie die gesuchten IT-Experten in Deutschland nicht finden. Möglicherweise wird sich dieser Trend zukünftig noch verstärken, denn aufgrund des derzeitigen Nachfragebooms im IT-Projektmarkt werden schon jetzt in einigen Bereichen, z.B. SAP oder Java, die freien IT-Experten knapp. Berücksichtigt man dann noch die demografische Entwicklung sowie die seit längerem abnehmende Zahl der Informatikstudenten bleibt es wohl nicht aus, dass sich die Auftraggeber auch auf anderen Märkten umsehen (müssen).