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Zwei Ingenieure für ein Interview, Teil 1

Die Anforderungen an einen Ingenieur von heute. Außerdem: Warum selbstständig?

02.02.2010
GULP Redaktion
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Teil 1 | Teil 2

Automatisierte Getriebe, Digitalkameras, DVD-Player, Antiblockiersysteme, elektronische Fahrzeug-Stabilitätsprogramme, Motorsteuergeräte und vieles mehr: Der stetige Fortschritt in der IT hat das traditionelle Berufsbild des Ingenieurs gewandelt. Ohne IT-Kenntnisse kommt mittlerweile kein Ingenieur mehr aus – und sei es nur das Beherrschen einer Konstruktionssoftware wie Pro-E oder CATIA. Wir haben zwei bei GULP eingetragene Ingenieure interviewt. Im ersten Teil dieser Serie geht es zunächst um die Tätigkeiten und das Arbeitsumfeld unserer zwei Interviewpartner. Welche Skills und Qualifikationen braucht ein Ingenieur heute? Welchen Prozentsatz macht die Technik aus? Was sind die Vor- und Nachteile des Schritts in die Selbstständigkeit?

Die zwei Ingenieure

Christian Bartl
Dipl.-Ing. Fahrzeugtechnik und Wirtschaftsingenieurwesen
Fachlicher Schwerpunkt: Training, Coaching und Konstruktion im CATIA-Umfeld
22 Jahre Berufserfahrun

Wolfgang Jahn
Dipl.-Ing. Elektrotechnik
Fachlicher Schwerpunkt: Elektrotechniker SPS (Simatic S5/7,HMI,WinCC), CAE (Eplan 5.x/21/P8), MSR
24 Jahre Berufserfahrung

Das muss ein Ingenieur heute können

GULP Und Sie, Herr Jahn?
Jahn In den Bereichen Elektrotechnik und Mechatronik übernehme ich Planung, Projektierung, Programmierung und Automatisierung, aber auch Qualitätssicherung (FMEA, CE-Richtlinien). Zusätzlich bin ich zertifizierter technischer Trainer, Berater und Referent (E-CAD/CAE, Projektierung). In unserem Bereich sind alle Selbständigen mehr oder weniger "eierlegende Wollmilchsäue", denn vielfältige Erfahrungen, Fachkenntnisse und Kompetenzen lassen sich flexibel einsetzen. Auch deswegen wünschen sich Kunden oft solche Problemlöser.
GULP Das bringt uns zu den nötigen Skills und Qualifikationen. Herr Bartl, was muss ein Freiberufler in Ihrem Tätigkeitsbereich können?
Bartl Für meinen Tätigkeitsbereich wird in der Regel ein Studium der Fahrzeugtechnik oder des Maschinenbaus mit Konstruktionserfahrung erwartet und natürlich ein souveräner Umgang mit der Software, die zu unterrichten oder zu coachen ist. Außerdem muss man sich in den individuellen Produktionsprozess des Kunden einarbeiten, um sytemkonforme und kundengerechte Konstruktionsmethoden entwickeln und schulen zu können. Zusätzlich sollte man gerne mit Menschen arbeiten und Spaß an der Lösung ihrer individuellen Anwendungsprobleme haben.
GULP Wo haben Sie denn den Umgang mit der Software gelernt?
Bartl Ich habe zuerst als Konstrukteur mit der entsprechenden Software gearbeitet und mich dann bei einem Systemhaus beworben, das diese Software vertreibt. Dort habe ich zuerst an Anwenderschulungen teilgenommen und anschließend selbst als Trainer gearbeitet. Mit "Software" meine ich konkret CATIA und die mit diesem System korrespondierende Software, zum Beispiel Datenbanken und spezielle Datenaustauschtools. In meinem Bereich sind Spezialisten gefragt, die genau die Tools beherrschen, mit denen der jeweilige Kunde arbeitet. Ein Pro/E-Spezialist kann nicht für CATIA-Kunden arbeiten und umgekehrt. Das Tool entscheidet. Konstruktions-Know-how wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Leider kann man sich die auf dem Markt gefragten Tools nicht zuhause aneignen. Das geht nur bei Kunden, die die entsprechenden Systeme einsetzen, aber wenn diese Aufträge zu vergeben haben, muss man die nötigen Kenntnisse schon mitbringen. Insofern ist es sehr schwer das eigene Wissen aktuell zu halten, um Aufträge akquirieren zu können.
GULP Hat sich das in den letzten Jahren gewandelt?
Bartl Inzwischen lernt man die Grundlagen für die Anwendung dieser CAD-Systeme im Studium. Zu meiner Zeit gab es das noch nicht.
GULP Herr Jahn, was sind die drei wichtigsten Qualifikationen und Skills in Ihrem Bereich?
Jahn Technisches Verständnis und Neugier, Soft Skills und Teamfähigkeit und Methoden- und Systemkompetenz. Früher habe ich gedacht, dass die technische Kompetenz am wichtigsten ist. Mittlerweile habe ich selbst erlebt: Die Technik macht vielleicht noch 30 bis 40 Prozent aus, der Rest ist das Auskommen mit den Projektmitarbeitern über die Kommunikation und übers Projektmanagement. Auch der genialste Spezialist kann auf die Nase fallen, wenn er mit Kunden oder Kollegen nicht kann. Außerdem: Wer vor zehn Jahren angefangen hat zu studieren, dem nützt sein Wissen heute nichts mehr. Wir haben heute so viele Berufe, die es vor fünf Jahren noch gar nicht gab. Da gab es noch nicht einmal einen Namen dazu. Mechatronik zum Beispiel.
GULP Welche IT-Kenntnisse brauchen Sie, Herr Bartl?
Bartl Implementierung, Customizing und Administration der CAx-Systeme obliegen in der Regel der IT. Für mich ist es wichtig, die je nach Kombination der korrespondierenden CAx- und PDM-Tools bestehenden Einschränkungen technischer Möglichkeiten bzw. Softwarefunktionen zu kennen und zu verstehen. Ich beherrsche die Software, die ich unterichte, von der Anwenderseite. Wie sie intern programmiert ist, davon habe ich nur Grundkenntnisse. Für die kundenspezifische Anpassung des Systems gibt es eigene Fachleute. Ich bin auf diese IT-Leute angewiesen. Wenn ein Programm nicht startet oder abstürzt oder ich keinen Datenzugriff habe, brauche ich selbst Support.
GULP Herr Jahn, bei Ihnen?
Jahn Es gibt viele Bereiche, in denen nur IT gebraucht wird, aber kein Engineering. Aber Engineering ohne IT ist undenkbar, und zwar in allen meinen Bereichen – egal, ob es um die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine geht, um Wissens- und Projektmanagement(-methoden) oder um Werkzeuge, also Tools, Systeme, Datenbanken und Programmiersprachen. Engineering ohne IT stelle ich mir immer vor wie Steinzeit ohne Faustkeil und Feuer. Erst danach wurden weitere Innovationen wie das Rad oder die Elektrizität möglich.
GULP Welchen Anteil an Ihren Tätigkeiten nimmt die Informatik heute ein?
Jahn Früher war ich deutlich mehr "praktischer" Ingenieur mit 10 bis 30 Prozent Informatik. Heute bin ich zu 40 Prozent "theoretischer" Ingenieur oder Wissensmanager und 40 Prozent Informatiker. Der Rest ist gesunder Menschenverstand. Um 1990 war man noch etwas Außergewöhnliches, wenn man programmieren konnte. Man hat damals eine Programmiersprache ein bisschen angewandt, und den Rest machten organisations- oder elektrotechnische Tätigkeiten mit Inbetriebnahme aus, also richtig praktisches Arbeiten. Das hat sich gewaltig verändert, und zwar in Richtung Software und Elektronik. Früher waren in einem Auftrag die Hardware und Elektrotechnik 10 Prozent wert. Der Rest war Maschinenbau. Mittlerweile machen Hardware und Elektrotechnik 30 Prozent aus und noch mal 20 bis 30 Prozent das Know-how und die Entwicklungsarbeit, die dahinterstecken, Maschinenbau nimmt also einen immer geringeren Anteil ein. Die Maschinen und Anlagen selbst kosten heute nur noch die Hälfte und man braucht zur Herstellung ein Viertel der Zeit.
GULP Wie haben Sie die Änderungen Ihres Berufsfeldes erlebt?
Jahn Ich war darauf vorbereitet. Uns wurde schon 1980 und später prophezeit: Bevor ihr in Rente geht, habt ihr zwei verschiedene Berufe durchgemacht.
GULP Welche Berufe waren es bei Ihnen?
Jahn Ich habe immer gedacht, ich lebe und sterbe für die Elektrotechnik. Aber mittlerweile muss ich sagen, ich bin ein recht guter Mechaniker geworden – durch Erfahrung und dadurch, dass ich begeisterter Motorradfahrer bin. Außerdem musste ich mir Spezialisten-know-how zu den Geräten, mit denen ich mich beschäftigt habe, aufbauen. Desweiteren bin ich seit mehreren Jahren ausgebildeter zertifizierter Referent. Mein technisches Wissen und meine Erfahrung vermittle ich in CAE-Seminaren weiter, oft lerne ich dabei noch mal viel dazu.
GULP Und Informatiker sind Sie auch noch.
Jahn Wenn man Informatiker als eigenen Beruf nimmt, dann definitiv. Ich beherrsche eine Programmierfamilie als Spezialist und meine Kenntnisse einer anderen Familie reichen zum Validieren und ähnlichem.

Warum selbstständig?

GULP Die beschriebenen Tätigkeit kann man grundsätzlich im Rahmen verschiedener Beschäftigungsformen ausüben. Warum haben Sie sich selbstständig gemacht, Herr Jahn?
Jahn Am allerwichtigsten war für mich in den letzten 25 Jahren, dass ich an eine tolle und faszinierende Aufgabe komme. Da war ich dann auch erfolgreich, ob als Freiberufler, Angestellter oder in Arbeitnehmerüberlassung. An der Selbstständigkeit schätze ich aber, dass sie abwechslungsreicher ist und mehr Eigeninitiative möglich ist. Als Freiberufler – wenn einem das Wasser nicht gerade bis zum Hals steht – kann man aus verschiedenen Projekten auswählen. Die Jahre 2006 bis 2008 waren in dieser Hinsicht genial, da konnte man sich die spannendsten Projekte aussuchen. Wenn es schlechter läuft, geht das natürlich nicht mehr.
GULP War das bei Ihnen in letzter Zeit so, dass sich das geändert hat?
Jahn Im letzten halben Jahr, ja. Ich selbst und auch Kollegen merkten die Wirtschaftskrise deutlich. Jeder hatte mehr Zeit zum Jammern.
GULP Wenn Sie jetzt Festangestellter würden, was würden Sie an der Freiberuflichkeit vermissen?
Jahn Gute Frage. Als Freiberufler habe ich mehr Freiheiten und mehr Möglichkeiten. Vor allem in Projekten, in denen Zeitdruck herrscht und Termine eingehalten werden müssen, weil man da die Freiheiten auch benötigt. Ein Aufgabenschwerpunkt meiner Arbeit war auch immer wieder die Produktivität zu steigern. Ich wurde öfters gerufen, wenn das Kind längst in den Brunnen gefallen war – typisch Feuerwehreinsatz. Solche Projekte sind faszinierend. Wenn keiner mehr an den Erfolg glaubt, erhält man Zustimmung für viele Sachen, die in einem regulären, festbetonierten Alltag keine Chance hätten. Außerdem haben Freiberufler zwischen den Aufträgen mehr Möglichkeiten – zum Beispiel für Weiterbildung oder Urlaub.
GULP Wie ist das mit Kündigungsfristen und Arbeitsplatzsicherheit?
Jahn Ich glaube, dass man als Angestellter auch keine bessere Kündigungsfrist und keinen sichereren Status als ein Freiberufler hat. Im Gegenteil sogar. Ich war schon in mittelständischen, größeren Firmen, in denen das Personal um 10 bis 20 Prozent reduziert wurde. Wir Freiberufler bekamen Probleme mit deren Betriebsrat, der sagte: ‚Wie kann das sein, dass unsere Festangestellten entlassen werden und es laufen bei uns in der Firma immer noch Externe rum‘. Ähnliches habe ich öfters miterlebt, auch in anderen Krisen.
GULP Eigentlich haben die Angestellten doch die Kündigungsfrist, nicht die Externen.
Jahn Denkt man, jawohl. Da ich aber weiß, dass ich ohnehin keine Kündigungsfrist habe, dass ich auf Goodwill drin bin, dass ich nur solange gezahlt werde, wie ich drin bin, stelle ich mich anders drauf ein. Ich lehne mich nicht zurück und sage: Ich habe einen krisensicheren Job. Es ist auch bei Festangestellten nicht mehr so wie früher, dass ich mein einmal angeeignetes Wissen mein Leben lang nutzen kann, oder dass ich in der Firma, in die ich meinen zweiten Karriereschritt mache, bis zur Rente bleibe.
GULP Herr Bartl, Sie haben auch schon festangestellt bei einem Ingenieurdienstleister gearbeitet.
Bartl Ja, und die Jobsicherheit als Angestellter bei Personalleasingunternehmen oder Ingenieurbüros ist nicht viel besser als bei Freiberuflern – sie beschränkt sich auch nur auf die gesetzliche Kündigungsfrist. Wenn Anschlussaufträge fehlen, wird oft sofort gekündigt und die gesetzlichen Fristen sichern nur einen kleinen Puffer. Aber das ist auch eine Mentalitätsfrage. Mir ist die Freiberuflichkeit lieber als Arbeitnehmerüberlassung oder Festanstellung.
GULP Warum?
Bartl Als Festangestellter habe ich neben den ganzen Abzügen vom Lohn keine Absetzmöglichkeiten mehr für Büro und so weiter. Das ist einfach eine finanzielle Geschichte. Außerdem war es schon immer mein Traum, selbstständig zu arbeiten, schon seit dem Studium. Ich wollte mir meinen Weg selbst kreativ gestalten und hatte immer das Gefühl, dass ich das als Angestellter nicht kann. Als Freiberufler habe ich mehr Gestaltungsfreiräume für eigene Ideen und Interessen und kann eigenverantwortlicher agieren. Allerdings ist der Kunde der härtere Chef und der Akquisitionsaufwand ist erheblich. Verkaufen will gelernt sein und muss einem auch liegen. Als angestellter Mitarbeiter in meinem Bereich ist man damit normalerweise nicht befasst. Urlaubspläne richten sich nach der Auftragslage und müssen oft kurzfristig gestrichen werden. Aber ob ich jetzt bei einem Vermittler angestellt bin oder gleich freiberuflich, macht für mich persönlich nicht mehr viel Unterschied.

Im zweiten Teil der Serie lesen Sie die Antworten der zwei Ingenieure zu unseren Fragen über die Projektdetails – wie sie ihren Stundensatz finden, wie sie Geheimhaltungsvorschriften einhalten und welche Vertragsarten sie bevorzugen und warum.