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Einnahmenüberschussrechnung oder doch Bilanz?

08.02.2007
Joachim Herting
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Selbstständige und kleine Unternehmen sind in besonderer Weise darauf angewiesen, ihre wirtschaftliche Situation im Auge zu behalten. Geradezu überlebenswichtig ist die genaue Beantwortung von alltäglichen Fragestellungen nach der Höhe des Umsatzes, den entstandenen Aufwendungen und dem Gewinn.

Vielen Selbstständigen bereitet es auf Dauer wenig Kopfzerbrechen, den Gewinn – oder den Verlust – auf Basis einer Einnahmenüberschussrechnung (EÜR) zu ermitteln. Die Alternative, der komplette Jahresabschluss mit Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung, wird hingegen als erklärungsbedürftiger empfunden. Vor der endgültigen Entscheidung für eine Methodik müssen zunächst die folgenden Fragen beantwortet werden:

  1. Darf ich überhaupt eine EÜR für die Ermittlung des steuerlichen Gewinns anfertigen oder muss ich doch bilanzieren?
  2. Soll ich freiwillig eine EÜR erstellen, obwohl ich bilanzierungspflichtig bin?

Freiberufler dürfen immer eine EÜR erstellen

Der Gesetzgeber beschränkt die Nutzung der EÜR für die steuerliche Gewinnermittlung eindeutig auf Freiberufler und in bestimmten Fällen auch auf landwirtschaftliche Betriebe. Deren wirtschaftliche Größe definiert er in § 141 der Abgabenordnung über die Kenngrößen Umsatz und Gewinn; es gilt:

Nur wer weniger als 350.000 Euro Umsatz bzw. 30.000 Euro Gewinn jährlich erzeugt, ist nicht bilanzierungspflichtig.

Für Unternehmer, die maximal 17.500 Euro Einnahmen im Jahr erzielen, besteht weiterhin die Möglichkeit, eine formlose EÜR abzugeben. Freiberufler dürfen immer, d.h. unabhängig von ihrem aktuellen Umsatz oder Gewinn, eine EÜR erstellen. Entgegen dem umgangssprachlichen Verständnis um "freie Mitarbeiter" kennt der Gesetzgeber eine klare Abgrenzung derartiger Tätigkeiten. So definiert § 18 EStG Abs. 1:

"Einkünfte aus selbstständiger Arbeit sind

  1. Einkünfte aus freiberuflicher Tätigkeit. Zu der freiberuflichen Tätigkeit gehören die selbstständig ausgeübte wissenschaftliche, künstlerische, schriftstellerische, unterrichtende oder erzieherische Tätigkeit, die selbstständige Berufstätigkeit der Ärzte, Zahnärzte, Tierärzte, Rechtsanwälte, Notare, Patentanwälte, Vermessungsingenieure, Ingenieure, Architekten, Handelschemiker, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, beratenden Volks- und Betriebswirte, vereidigten Buchprüfer (vereidigten Bücherrevisoren), Steuerbevollmächtigten, Heilpraktiker, Dentisten, Krankengymnasten, Journalisten, Bildberichterstatter, Dolmetscher, Übersetzer, Lotsen und ähnlicher Berufe. […]
  2. Einkünfte aus sonstiger selbstständiger Arbeit, z. B. Vergütungen für die Vollstreckung von Testamenten, für Vermögensverwaltung und für die Tätigkeit als Aufsichtsratsmitglied. […]"

 

Prüfen Sie sorgfältig, ob Sie wirklich Freiberufler sind. Merkmale hierfür sind:

die selbstständig ausgeübte Tätigkeit:

  • als Wissenschaftler: Hier werden von Ihnen gutachterliche Tätigkeiten, aber nicht regelmäßig neue Forschungsergebnisse erwartet.
  • als Künstler: Im Gegensatz zum Handwerker müssen Sie hier tatsächlich Unikate herstellen.
  • als Schriftsteller: Sie dürfen hier auch Gebrauchstexte schreiben.
  • als Lehrer oder Erzieher: Hier kommt es nicht auf die Art Ihrer Schüler an.
  • die "Katalogberufe", die Sie als Rechtsanwalt oder beratender Betriebswirt eindeutig freiberuflich einordnen.

 

Oder üben Sie einen "ähnlichen Beruf" aus? Hier kann schnell Unsicherheit entstehen. Wenn Sie ganz sicher gehen wollen, schreiben Sie an Ihr zuständiges Finanzamt und bitten Sie um eine "verbindliche Auskunft". Legen Sie so überzeugend wie möglich dar, warum Sie Ihrer Meinung nach gemäß § 18 EStG einen freien Beruf ausüben. Die Behörde muss dann von Amts wegen antworten, und zwar – sofern sich Ihre Umstände nicht ändern – mit Wirkung für ganz Deutschland. Das bedeutet jedoch auch: Ist das Finanzamt anderer Meinung als Sie, können Sie nur auf dem Wege der Gerichtsbarkeit Ihre Meinung eventuell doch noch durchsetzen. Wenn Sie für Ihre Begründung aktuelle Gerichtsentscheidungen ins Feld führen wollen, können Sie sehr gut die Publikationen des Instituts für Freie Berufe an der Universität Erlangen konsultieren (www.ifb.uni-erlangen.de).

Freiberufliche und gewerbliche Tätigkeit streng trennen

Der Status des Freiberuflers ist deshalb so erstrebenswert, da ohne ihn nur in den oben genannten engen Grenzen die Möglichkeit der EÜR besteht und ansonsten zwingend zur aufwendigeren Bilanzierung übergegangen werden muss. Außerdem werden alle Gewerbetreibenden, aber nie die Freiberufler zusätzlich mit Gewerbesteuer belastet. Diese stellt eine von der jeweiligen Gemeinde erhobene Abgabe auf den Gewinn dar und belastet diesen ab einem bestimmten Freibetrag mit ca. acht bis zwölf Prozent.

Leider gilt "Einmal Freiberufler, immer Freiberufler" nicht in steuerlicher Hinsicht. Für die Finanzbehörde ist das Gewerbliche ansteckend und jede gewerbliche Tätigkeit "infiziert" den freien Beruf. Auch die Rückkehr zum freien Beruf ist schwierig.

Soll tatsächlich auch eine gewerbliche Tätigkeit aufgenommen werden, so ist es ratsam, freiberufliche und gewerbliche unternehmerische Tätigkeit streng zu trennen.

Dies ist z.B. möglich, indem für die jeweilige Tätigkeit von derselben Person eine unterschiedliche Firmierung gebraucht wird. Ausgaben und Einnahmen werden getrennt verbucht.

Beispiel:
Rudolf Neu ist freiberuflicher Ingenieur mit Spezialisierung Umweltmanagement. Er überlegt sich, ob er nicht nebenbei aufgrund seiner Spezialkenntnisse Filtertechnik verkaufen könnte. Dieses Nebengeschäft würde eine gewerbliche Tätigkeit darstellen. Damit wäre seine gesamte selbstständige Berufstätigkeit als gewerblich einzustufen. Gründet Herr Neu einen Einzelhandel, kann er die gewerbliche und freiberufliche Tätigkeit trennen. Dabei kann für den gewerblichen Bereich im Übrigen jede Rechtsform verwendet werden, für das freiberufliche Feld nur der Einzelunternehmer und ggf. die Gesellschaft bürgerlichen Rechts.

Mit EÜR den Gewinn zeitnäher berechnen

Soll ich freiwillig eine EÜR erstellen, obwohl ich bilanzierungspflichtig bin? Hier lautet die Empfehlung unbedingt: Ja. Selbst bei Bilanzierungspflicht wird die freiwillige Erstellung einer EÜR von Vorteil sein. Die notwendigen Daten können Sie im Wesentlichen der Gewinn- und Verlustrechnung entnehmen. Sie können anhand der EÜR jedoch einen Gewinn errechnen, der für Sie nachvollziehbarer ist als derjenige, der sich im Rahmen der Bilanzierung ergibt. Letzterer ist nämlich durch Bewertungsvorschriften und den Einbezug von nicht finanziellen Aufwendungen und Erträgen häufig verzerrt.

Außerdem empfinden viele Selbstständige es als einen hohen Zeit- oder (sofern der Steuerberater hilft) Geldaufwand, den regulären Jahresabschluss überhaupt aufzustellen; die EÜR ist hingegen recht leicht zu erstellen.

 

Versuchen Sie ein Gefühl zu entwickeln für "Ihre" Zahlen.

Dieses Gefühl für Ihre Zahlen können Sie beispielsweise fördern, indem Sie sich fragen:

  • Welche Werte aus der Gewinn- und Verlustrechnung sind tatsächlich Ausgaben und Einnahmen?
  • Wie kann der Unterschied zwischen dem in der Gewinn- und Verlustrechnung ermittelten Gewinn und dem Gewinn in der EÜR erklärt werden?

Sie werden sehen: Die EÜR hilft Ihnen in vielen Fällen, den Gewinn zeitnäher zu berechnen. Steuerliche Bewertungsvorschriften und die Einbeziehung von Zahlungen kommender Jahre entfallen, und überhaupt: Der ermittelte Gewinn ist aufgrund seiner Zahlungsnähe gut nachvollziehbar.

Bilanzierung bietet mehr Bewertungswahlrechte des Vermögens

Man sollte daraus jedoch nicht schließen, dass die EÜR dem Jahresabschluss generell vorzuziehen ist. Bei der Aufstellung eines Jahresabschlusses gilt nämlich, dass Bilanzierende mehr Bewertungswahlrechte des Vermögens haben, denn hier werden eben nicht nur Zahlungsströme, sondern auch die Vermögenswerte des Unternehmens mitbewertet. Dieses geschieht in der EÜR nur ansatzweise, nämlich durch die Einbeziehung des Wertverlustes als Abschreibung.

Beispiel:
Bei der Einrichtung des Ingenieurbüros von Rudolf Neu werden spezielle messtechnische Geräte benötigt. Einige übernimmt er von einem früheren Kollegen. Die Wertminderung kann in der EÜR nur durch die reguläre Abschreibung dargestellt werden. Werden die Geräte bilanziert, können unter gewissen Bedingungen abweichende Bewertungen (z.B. so genannte "Teilwerte") angesetzt werden. Die Bilanzierung würde Rudolf Neu also mehr Wahlfreiheiten in der Bewertung seines Vermögens lassen.

Grundsätzlich gilt die Empfehlung: Nutzen Sie so lange wie möglich das Instrument der EÜR. Sie wird Ihnen die Gewinnermittlung und die Steuerung Ihrer Finanzströme auf einfachem Wege ermöglichen. Dies ist im Übrigen auch dann noch richtig, wenn Sie das ab 2005 vorgeschriebene amtliche Formular nutzen (müssen). Gehen Sie erst dann zu einer Bilanzierung über, wenn es gesetzlich vorgeschrieben ist oder wenn Bewertungsfragen eine bedeutende Rolle für Ihr Unternehmen spielen.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Einnahmenüberschussrechnung" von Joachim Herting, erschienen im Cornelsen Verlag .
Autor und Verlag behalten sich alle Rechte am Artikel vor. © 2007 Cornelsen Verlag.