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Engineering-Klausel: Wie sich freiberufliche Ingenieure im Projektbusiness absichern können

Interview mit dem Versicherungsexperten Ralph Günther zum Thema Haftpflicht

13.05.2014
GULP Redaktion
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Jetzt wird's technisch: exali.de hat in Zusammenarbeit mit dem Spezialversicherer Markel eine Berufshaftpflicht-Versicherung für freiberufliche Ingenieure entwickelt – die sogenannte Engineering-Klausel. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass die Absicherung im Bereich Elektrotechnik, Maschinen- und Anlagebau bei Versicherern eher unbeliebt ist. Dennoch hat exali.de eine adäquate Lösung erarbeitet, die nun exklusiv für GULP Member zur Verfügung steht. Im Interview erklärt Gründer Ralph Günther, für welche Zielgruppe die Engineering-Klausel konzipiert wurde und warum die Versicherung ganz ungewöhnlich auf den Basisschutz der IT-Haftpflicht aufsetzt.

Ralph Günther

GULP: Herr Günther, warum will auf dem Markt (fast) kein Versicherer Ingenieure versichern? Warum ist das so schwierig?

Ralph Günther: So pauschal, wie Sie das in Ihrer Frage suggerieren, gibt es keine Antwort. Man muss hier zwei Versicherungsbereiche unterscheiden: Für Architekten und Bauingenieure gibt es durchaus Versicherer, die derartige Risiken versichern, sofern diese nicht in besonderen Bereichen – z.B. Offshore-Windanlagen – tätig sind. Schwierig wird es dagegen in den Bereichen Maschinen- und Anlagebau oder Elektrotechnik, insbesondere wenn der Ingenieur im Automotive-Bereich, in der Produktionssteuerung, in der Rüstung oder im Luft- und Raumfahrtbereich im Einsatz ist. Hier bestehen häufig sehr komplexe Risikosituationen, für die fachlich versierte Underwriter für die Beurteilung benötigt werden.
(Kleines Versicherungs-Lexikon: Ein Underwriter beurteilt für Erst- oder Rückversicherer die Risiken und hat die Vollmachten, Versicherungsangebote zu kalkulieren und Versicherungsverträge zu schließen.)

Allgemein werden die Risiken in den genannten Bereichen jedoch sehr hoch bewertet und die Versicherer mussten in der Vergangenheit auch mit hohen Schadenquoten kämpfen. Das hat zu einer sehr restriktiven Annahmepolitik der wenigen spezialisierten Versicherer und zu hohen Versicherungsbeiträgen geführt.

Für Freiberufler kommt erschwerend hinzu, dass sich Versicherer aufgrund der „Unternehmensgröße“ unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten häufig nicht intensiv mit dem Risiko des Einzelnen auseinander setzen können.

GULP: Für GULP Member bietet exali.de ab sofort die Leistungserweiterung „Engineering“. Wie kam es dazu?

Günther: Wir arbeiten mit GULP bereits seit zehn Jahren zusammen. Da GULP als Projektvermittler seit einiger Zeit auch im Engineering-Bereich aktiv ist, bekamen wir immer mehr Anfragen zum Versicherungsschutz von Freiberuflern aus diesem Umfeld. In den meisten Fällen konnten wir geeignete und umfassende Absicherung bieten, vor allem, wenn es im Projekt noch einen Bezug zur IT und Telekommunikation gab. Immer öfter wurde es jedoch schwierig, wenn die Projekte zu „ingenieurlastig“ waren.

Deshalb haben wir vor etwa zwei Jahren begonnen, mit verschiedenen Spezialversicherern zu sprechen, um für den Tätigkeitsbereich Engineering eine vergleichbare Versicherungslösung wie für unsere IT-Experten zu entwickeln.

Leider haben wir damit nicht unbedingt offene Türen eingerannt. Erst im vergangenen Jahr hat sich ein bekannter und international agierender Versicherer nahezu vollständig aus dem Versicherungsbereich für Architekten und Ingenieure zurückgezogen. Und dann kamen wir von exali.de und wollten ausgerechnet einen Versicherungsschutz für den aus Versicherer-Sicht sehr kritischen Bereich Maschinen und Anlagebau entwickeln …

GULP: Wie konnten Sie dann doch eine Lösung finden?

Günther: Indem wir mit fachlicher Unterstützung von GULP einen Versicherer dazu bringen konnten, sich differenziert mit dem Risikomodell eines selbständigen bzw. freiberuflichen Ingenieurs im Projektbusiness auseinander zu setzen.

Uns war aus den Erfahrungen der letzten zehn Jahre im IT-Freiberufler Business schon lange klar, dass man unterscheiden muss:

  • zwischen dem Projektgeschäft, bei dem in aller Regel die Engineering-Leistung unterstützend und beratend für den Kunden erbracht wird,
  • und einem Ingenieurbüro oder Zulieferbetrieb, der beispielsweise auch Ingenieurgewerke schuldet.

 

Als wir den Versicherer von der differenzierten Risikobeurteilung überzeugt hatten, war die Lösung mit der Engineering-Klausel als Erweiterung der seit Jahren im Projektgeschäft bewährten IT-Haftpflichtversicherung (für GULP Member) nicht mehr weit.

GULP: Für welche Zielgruppe haben Sie dann die Engineering-Klausel konzipiert – und für welche Risiken?

Günther: Die Engineering-Klausel versichert alle Selbständigen und Freiberufler, die unterstützend und beratend für den Kunden tätig werden und aufgrund ihres Projektvertrages keine Ingenieurgewerke, Maschinen oder Maschinenteile schulden.

Dabei konnten wir eine offene Beschreibung der versicherten Ingenieurdienstleistung (eine so genannte offene Deckung) erreichen, die sich schon im IT- und TK-Bereich sehr gut bewährt hat. Somit sind Ingenieurdienstleistungen aus allen denkbaren Bereichen abgedeckt, ohne dass diese in einem abschließenden Katalog aufgeführt werden müssen.

So sind z.B. die Risiken aus den folgenden Einsatzbereichen beim Kunden versichert:

  • Konstruktion und Produktentwicklung,
  • Embedded Systems,
  • Elektronik und Hardware,
  • Automatisierung und Steuerungstechnik,
  • Qualitätssicherung und Management oder
  • Mechatronik und Simulation.

 

GULP: Die Leistungserweiterung Engineering setzt auf den Basisschutz der IT-Haftpflicht auf – das ist ungewöhnlich. Was ist der Grund dafür?

Günther: Ich gebe zu, der ein oder andere Ingenieur fragt sich sicherlich, warum er einen Versicherungsschutz braucht, der seinen Ursprung in der Absicherung von IT-Experten hat. Auch wenn sich die Tätigkeiten von IT-Experten und Engineering-Experten häufig sehr stark unterscheiden (was von dem einen oder anderen Ingenieur auch gerne betont wird), ist die gemeinsame Schnittmenge aus den beruflichen Risiken im Freiberuflerprojekt auf der Haftungsebene sehr groß.

Ebenso gleichen sich die vertraglichen Anforderungen an den IT-Experten oder den Engineering-Experten seitens der Projektvermittler und der Endkunden. Wenn es beispielsweise um die Absicherung

  • der vertraglichen Haftung aus dem Projektvertrag,
  • Leistungsverzögerung im Projekt,
  • einen Verstoß gegen die Geheimhaltungsvereinbarung,
  • oder eine Vertragsstrafe wegen eines Verstoßes gegen die vertragliche Wettbewerbsvereinbarung geht,

bestehen keine nennenswerten Unterschiede.

Daher lag es für uns auf der Hand, als Basis die in der Praxis bewährten IT-Haftpflichtbedingungen zu wählen, die all die genannten Haftungsrisiken optimal versichern – und den Einsatzbereich mittels einer besonderen Engineering-Klausel zu erweitern.

GULP: Unter welchen Prämissen können Ingenieure über die Leistungserweiterung Engineering versichert werden?

Günther: Es gibt drei Anforderungen, die übrigens auch in der Engineering-Klausel transparent aufgeführt werden. Versicherungsschutz besteht, wenn

  1. die Ingenieurdienstleistungen unterstützend und/oder beratend erbracht wird;
  2. eine abgegrenzte Dienstleistung und kein Ingenieursgewerk im Sinne einer Anlage, Maschine oder sonstiger Teile geschuldet wird;
  3. auf Grundlage der Erzeugnisse und Planungen des Versicherungsnehmers keine Maschinen, Anlagen, Ingenieursgewerke oder sonstige Teile direkt und ohne Freigabe und Abnahme durch den Auftraggeber in eine Serienfertigung/-produktion gegeben werden.

 

GULP: Warum sind freiberufliche Ingenieure im Projektgeschäft einfacher zu versichern als Ingenieurbüros oder Zulieferer?

Günther: Das liegt an der unterschiedlichen Risikosituation, die ich auch eingangs schon angesprochen habe. Die meisten Projektvermittler vermeiden Verträge, bei denen der Freiberufler für Schäden haften muss, die aus der über die vertraglich geschuldete Leistung des Engineering-Experten selbst hinausgehenden Weiterverwendung, Nutzung, Weiterentwicklung, dem Inverkehrbringen, der Veräußerung oder Überlassung der vertraglich geschuldeten Leistung bei Kunden oder einem Dritten entstehen. Das wären z.B. Objektschäden an Ingenieurgewerken oder Schäden aus der Produkt- und Produzentenhaftung.

Es liegt auf der Hand, dass weder der Projektvermittler noch der Freiberufler im Projektbusiness die Produkthaftung oder eine Garantie oder Gewährleistung für Gewerke auf Basis umfangreicher Pflichten- und Lastenhefte übernehmen wollen. Letztendlich sind sie in aller Regel unterstützend und beratend tätig, indem sie die Kapazitäten beim Kunden aufstocken, nicht aber ein gesamtes Ingenieurgewerk übernehmen.

Wird ein gesamtes Gewerk an ein Ingenieurbüro auf Basis der HOAI (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure) verantwortlich übertragen bzw. outgesourced, entsteht ein ganz anderes Haftungsszenario, das den Versicherungsschutz komplexer und natürlich auch viel kostspieliger macht. Zudem benötigt der Versicherer dann sehr detaillierte Informationen zum Gewerk und der Verwendung. Diesen Bereich klammern wir daher aus.

GULP: Konkret zusammengefasst: Welche Vorteile bietet die exali.de Leistungserweiterung Engineering freiberuflichen Ingenieuren?

Günther: Ganz allgemein bietet die Engineering-Klausel eine sehr umfassende Absicherung der beruflichen Risiken als Ingenieur auf Basis der gesetzlichen und vertraglichen Haftung, inklusive

  • der Mitversicherung von Projektverzögerungen und entgangenem Gewinn,
  • der Verletzung von Geheimhaltungspflichten & Datenschutzgesetzen,
  • Vorumsatzdeckung für Tätigkeiten vor Vertragsbeginn und
  • der optionalen Mitversicherung typischer Vertragsstrafen in Projektverträgen.

 

Auch Projekte mit überschneidenden Tätigkeiten aus dem Bereich IT oder Telekommunikation und Engineering sind versichert.

Auf die verbraucherunfreundliche „Experimentier- und Erprobungsklausel“ sowie die „Stand-der-Technik-Klausel“ verzichten wir. Ebenso gibt es keinen Ausschluss in der Vermögensschadendeckung für die Bereiche Waffensysteme oder Luft- und Raumfahrt. Zudem besteht ein internationaler Versicherungsschutz bei Streitigkeiten vor internationalen Gerichten oder nach den Rechten der jeweiligen Länder. Für USA und Kanada gibt es Sonderregelungen.

GULP: Herr Günther, vielen Dank für das Interview!

Lesermeinungen zum Artikel

5 von 5 Sternen | Insgesamt 1 Bewertung und 2 Kommentare

  • Ralph Günther am 16.01.2019 um 15.21 Uhr

    Sehr geehrter Herr Göddel,

    vielen Dank für ihr positives Feedback zu meinem Beitrag. Ich und meine Mitarbeiter in der Kundenbetreuung unterstützen Sie gerne in der Suche nach einer passenden Absicherung.
    Sie können mich i.d.R. von Mo. bis Fr. zwischen 9:00 Uhr und 18:00 Uhr unter der Nummer 0821 - 80 99 46 - 10 erreichen.

    Mit besten Grüßen
    Ralph Günther

    PS: Ich war bis 14.01. im Jahresurlaub, daher antworte ich erst jetzt.

  • Situation Begriffen

    Karl Heinz Göddel am 21.12.2018 um 16.45 Uhr

    Sehr geehrter Herr Günther,
    als Maschinenbauigenieur (seit 1976) habe ich die gesamte Bandbreite, von der Entwicklung einzelner Produkte, über die
    Vermarktung in sehr unterschiedlichen Bereichen bis hin zur komplexen Entwicklung von hydraulischen Antriebssystemen
    (weltweit im Einsatz) durchlaufen.
    Bin seit 1995 selbstständiger Projektingenieur und somit beratend für die Anwender als auch für die Hersteller tätig.
    Habe in meiner bisherigen "Laufzeit" noch keine besseren Hinweise und Erläuterungen zum Thema lesen können.
    Befinde mich zur Zeit wieder auf der Suche nach einer Absicherung die w.o. beschrieben meiner Tätigkeit entspricht.
    In der Hoffnung auf Ihre Unterstützung verbleibe ich mit besten Grüßen.

    Antwort von der GULP Redaktion

    Sehr geehrter Herr Göddel,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Wir leiten Ihre Anfrage gerne an Herrn Günther weiter.

    Mit freundlichen Grüßen
    Ihre GULP Redaktion

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