IT-Haftpflicht in der Praxis: Das verhexte Datumsfeld

Achten Sie bei IT-Haftpflichtversicherungen auf die Mitversicherung von Vorumsätzen

26.10.2009
Ralph Günther
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Ein IT-Freiberufler erbringt eine Dienstleistung, schließt danach eine IT-Haftpflichtversicherung ab und erst dann treten Schäden ein, die aus seiner vorher erbrachten Leistung resultieren. Und nun? IT-Dienstleister sollten unbedingt darauf achten, dass in den Versicherungsbedingungen ihrer Haftpflichtversicherung eine Vorumsatzdeckung vereinbart ist. Denn dann zahlt die Versicherung auch bei Schäden, deren Ursachen in Leistungen begründet sind, die schon vor Beginn des Versicherungsschutzes erbracht worden sind. Details schildert Ralph Günther, Versicherungsexperte bei der exali GmbH, anhand eines aktuellen Schadenfalles. Zunächst der Fall:

Der Auftrag

Der Versicherungsnehmer (nachfolgend kurz VN) ist als IT-Dienstleister in den Bereichen Softwareentwicklung, Beratung und Training tätig. Seine Kunden kommen unter anderem aus den Gebieten Automotive und Sport, aus der Produktion von elektronischen Bauteilen und Komponenten sowie aus dem IT-Training. Für einen großen deutschen Sportverband erstellte der IT-Dienstleister eine Individualsoftware, mit deren Hilfe Mitgliedsausweise für die dem Verband angeschlossenen Vereine erstellt wurden. Diese Mitgliedsausweise im Scheckkartenformat sind insoweit personalisiert, als bestimmte Berechtigungen der einzelnen Mitglieder durch ein speziell aufgedrucktes Logo gekennzeichnet sind. Die Software verwaltet das Bestellen der Ausweise sowie die Kennzeichnung mit den entsprechenden Logos.

Der Schadenfall

Die Produktion der Ausweise für das Jahr 2009 wurde im Dezember 2008 aufgenommen. Bis Februar 2009 klappte das gut. Danach gab es plötzlich vielfache Beschwerden von Mitgliedern der einzelnen Vereine darüber, dass Berechtigungen auf den Ausweisen falsch vermerkt waren. Die Fehleranalyse ergab: Der Fehler lag in einem Datumsfeld der vom IT-Dienstleister entwickelten Kennzeichnungsroutine. Der VN nahm sich sofort der Sache an, bereinigte den Fehler und half bei der Recherche der falsch erstellten Ausweise. Es stellte sich heraus, dass rund 30.000 Ausweise falsch produziert und herausgegeben worden waren.

Die Schadenabwicklung der IT-Haftpflicht

Nachdem der VN zusammen mit dem Kunden die fehlerhaften Ausweise recherchiert hatte, forderte der Verband von ihm Schadenersatz für die erneute Erstellung und Versendung der Ausweise. Die Kosten wurden auf rund 23.000 Euro beziffert. Glücklicherweise hatte der IT-Dienstleister im Dezember 2008 eine IT-Haftpflichtversicherung abgeschlossen. Er meldete zunächst telefonisch den Schaden und reichte eine schriftliche Schadenmeldung sowie die Unterlagen zur Schadenersatzforderung des Sportverbandes nach. Nach Klärung der Nachfragen zahlte der Versicherer dem Verband die geltend gemachte Summe. Die im Versicherungsvertrag geregelte Selbstbeteiligung wurde dem VN in Rechnung gestellt.

Sind derartige Schäden in jedem Fall versichert?

Das kommt auf die IT-Haftpflicht- oder Betriebshaftpflichtversicherung an. Damit derartige Schadenfälle ebenso einfach und unkompliziert abgewickelt werden können wie das Fallbeispiel, sind vor allem klare Regelungen in den Versicherungsbedingungen wichtig. Im dargestellten Fall war in ihnen deutlich formuliert, welche Tätigkeiten und Risiken versichert sind. Ebenso explizit war beschrieben, welche Ausschlüsse es gibt. Wer im Schadenfall eine ähnlich reibungslose Abwicklung erwartet, muss in den Versicherungsbedingungen einer IT-Haftpflicht- oder IT-Betriebshaftpflichtversicherung auf die folgenden zwei Fallstricke besonders achten:

Der erste Fallstrick

Versicherungsbeginn und Schadenfall lagen im Beispiel gerade einmal zehn Wochen auseinander. Die Software selbst wurde sogar vor Beginn der Versicherung erstellt. Das heißt: Der IT-Dienstleister hat seine Leistungen – zumindest deren überwiegenden Teil – bereits vor dem Abschluss der Versicherung erbracht. Daraus resultieren zwei Fragen:
 

  • Ist der Schaden versichert, da er während der Versicherungslaufzeit eingetreten ist, oder
  • ist der Schaden nicht versichert, weil die Programmierung vor dem Beginn der Versicherung erledigt wurde?


Aus der Versicherungspraxis ergeben sich zwei Antworten:

1. Es gibt IT-Haftpflicht- oder IT-Betriebshaftpflichtversicherungen, die im geschilderten Fall nicht zahlen würden. Das ist dann der Fall, wenn in den Versicherungsbedingungen auf die sogenannte Vorvertraglichkeit verwiesen wird. Leistungen außerhalb des Versicherungszeitraumes sind demnach nicht versichert.

2. Es gibt IT-Haftpflicht- oder IT-Betriebshaftpflichtversicherungen, die im geschilderten Fall zahlen. In deren Versicherungsbedingungen kommt die sogenannte Schadenereignistheorie zum Tragen. Demnach sind auch Vorumsätze versichert. Und das wiederum sind Tätigkeiten und Leistungen, die vor dem Versicherungsbeginn erbracht worden sind. Maßgeblich ist dann der Zeitpunkt, an dem der Schaden aufgrund erbrachter Leistungen eintritt. Zu diesem Zeitpunkt muss die Versicherung bestehen. In der Fachsprache heißt das Vorumsatzdeckung.

Im IT-Haftpflichtvertrag des Softwareentwicklers aus dem geschilderten Schadenfall war glücklicherweise eine unbegrenzte Vorumsatzdeckung (Vorwärtsversicherung) vereinbart. Das heißt: Die Versicherung übernimmt auch Schäden, die auf Tätigkeiten und Leistungen zurückzuführen sind, die vor dem Versicherungszeitraum liegen. Vorausgesetzt, der Schaden tritt im Versicherungszeitraum ein. Dies war hier der Fall, da das fehlerhafte Datumsfeld in der Kennzeichnungsroutine erst im Februar 2009 zu falsch erstellten Ausweisen führte.

Hinweis:
Versicherer, die in den Versicherungsbedingungen keine automatische Vorumsatzdeckung vereinbart haben, können dies teilweise individuell für bestimmte Zeiträume gegen Beitragszuschlag einschließen, z. B. Mitversicherung von Schäden bis zu einem Jahr vor Versicherungsbeginn. Der Beitragszuschlag errechnet sich in der Regel aus dem Jahresbeitrag für die Vorwärtsversicherung.

Der zweite Fallstrick

In Versicherungsbedingungen sind immer wieder sogenannte Experimentier- und Erprobungsklauseln zu lesen. Diese schließen Schäden aus, die daraus resultieren, dass
 

  • Produkte und Leistungen wie zum Beispiel eine Software nicht ausreichend erprobt waren,
  • Produkte und Leistungen nicht dem Stand der Technik entsprechen oder
  • Software nicht wie üblich und nicht angemessen getestet wurde.

 

Zwei Beispiele für derartige Klauseln:

"Versicherungsschutz wird nur gewährt für ... Schäden, die TROTZ Beachtung des anerkannten Standes der Technik und Methodik, der Einhaltung branchenüblicher Qualitätssicherungsverfahren (insbesondere Test- und Abnahmeverfahren) oder sonst anerkannter Regeln des Software-Engineerings eingetreten sind."

"Ausgeschlossen vom Versicherungsschutz sind ... Ansprüche aus Sach- und Vermögensschäden durch Erzeugnisse und IT-Leistungen, deren Verwendung im Hinblick auf den konkreten Verwendungszweck nicht nach dem Stand der Technik – bei Software ohne übliche und angemessene Programmtests- oder in sonstiger Weise ausrechend erprobt waren."

Es ist an dieser Stelle nicht möglich abschließend zu klären, ob im Beispielfall ausreichende und angemessene Programmtests durchgeführt wurden oder ob durch sie der Fehler im Datumsfeld der Routine vorzeitig hätte lokalisiert werden können. Jedoch braucht man nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, dass ein Versicherer mit derartiger Klausel zumindest ein „Hintertürchen“ hat, um zunächst die Deckung – also das Zahlen – zu verweigern. Daher rät die exali GmbH von Verträgen mit solchen Klauseln ab. Der IT-Haftpflichtvertrag des genannten VN beinhaltete diese Klausel nicht.

Ende gut - alles gut?

Aufgrund der schnellen Schadenabwicklung, bei der auch der IT-Dienstleister seinen Teil dazu beigetragen hatte (Fehlersuche und Behebung des Fehlers, Mithilfe bei der Recherche der fehlerhaften Ausweise und Unterstützung bei den Rückfragen des Versicherers) wurde das Verhältnis zum Kunden nicht negativ beeinflusst. Wie es so schön heißt: Fehler werden nicht gemacht, sie passieren. Wenn sie schnell wieder aus der Welt geschafft werden und der finanzielle Schaden ausgeglichen wird, muss selbst ein größerer Schaden nicht das Ende der Kundenbeziehung bedeuteten.

 

Nähere Informationen bei Ralph Günther.

Der Autor behält sich alle Rechte am Artikel vor. © 2008 exali GmbH .