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Finanzen erfolgreich organisieren Teil 1

Finanzielle Reserven bilden und Ertragskraft stärken

28.08.2006
Gerhard Gieschen
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Fassungslos sitzt der 36-jährige Herbert K., selbstständiger Oracle-Spezialist, vor den Trümmern seiner bis vor kurzem noch erfolgreichen Existenz. Es begann ganz unscheinbar mit einer unerwarteten Steuernachzahlung. Dann wechselte der Kreditsachbearbeiter bei seiner Bank. Plötzlich durften Überweisungen nicht mehr ausgeführt werden, dann gingen Lastschriften zurück. Die ersten Mahnbescheide trudelten ein. Das Finanzamt pfändete sein Konto, die Bank kündigte den Kontokorrentkredit und in der darauf folgenden Woche stand der Gerichtsvollzieher persönlich vor der Tür. Nun zeigt sich der Auftraggeber von Herbert K. über einen Pfändungsbeschluss irritiert und schließt eine Verlängerung des aktuellen Projekts aus.

Tagtäglich erleben Freiberufler, dass es nicht reicht, einen exzellenten Job zu machen und gut zu verdienen. Wer sich nicht ausreichend um seine finanzielle Situation kümmert, wacht eines Morgens auf und muss feststellen, dass er seine Zukunft auf Sand gebaut hat. Dabei kann heute jeder Freiberufler mit einigen wenigen Schritten seine Finanzen in den Griff bekommen und seine Existenz absichern. Wie's funktioniert erläutert der Erfolgstrainer und Buchautor Gerhard Gieschen in seinem demnächst erscheinenden Handbuch für Freiberufler, Selbstständige und Freie Mitarbeiter "Erfolgreich ohne Chef". Für GULP Leser stellt er aus diesem vorab einige Inhalte zur Verfügung. Die ersten beiden Teile befassen sich mit dem Thema "Finanzen organisieren".

Finanzielle Reichweite ermitteln

Geld ist der Treibstoff jeder Selbstständigkeit. Liquidität, also die Fähigkeit, jederzeit seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen zu können, ist nichts anderes als der Vorrat an diesem Treibstoff. Liquidität ist für Sie lebensnotwendig, denn sobald der Zahlungseingang stockt, leben Sie von Ihren Reserven. Sind diese aufgebraucht, beginnt der Motor zu stottern und Ihre Handlungsfähigkeit wird immer weiter eingeschränkt. Nur ein ausreichendes finanzielles Reservepolster sorgt dafür, dass Sie allen unerwarteten Ereignissen entspannt die Stirn bieten können.

Gleichzeitig erweitern finanzielle Reserven Ihren unternehmerischen Handlungsrahmen. Sie können schlecht bezahlte Aufträge ablehnen oder auslaufen lassen und sich zukünftig auf "Diamanten" konzentrieren. Ausreichende Rücklagen ermöglichen es Ihnen, die entsprechenden Fortbildungen und Veranstaltungen zu buchen und sich strategisch in den richtigen Netzwerken und Zielgruppen zu positionieren. Oder anders gesagt: ausreichende finanzielle Spielräume sind Ihr Turbolader zum Erfolg.

Ermitteln Sie deshalb zuerst Ihre finanzielle Reichweite:

Kassenbestand (Barvermögen)  

____________________ Euro

     
Kurzfristig verfügbare Guthaben

+

____________________ Euro

     
Nicht ausgeschöpfte Kontokorrent-Kredite

+

____________________ Euro

     
=> Flüssige Mittel

=

____________________ Euro

     
Betriebliche Ausgaben (Monat)  

____________________ Euro

     
Private Ausgaben (Monat)

+

____________________ Euro

     
=> Durchschnittliche monatliche Ausgaben  

____________________ Euro

     

Finanzielle Reichweite (Monate) = Flüssige Mittel / Durchschnittliche Ausgaben

Die Relation Ihrer flüssigen Mittel zu den durchschnittlichen monatlichen Ausgaben zeigt Ihnen, wie lange Sie im Falle eines Falles privat und geschäftlich ohne weitere Maßnahmen überleben können. Falls Ihre finanzielle Reichweite weniger als drei Monate beträgt, ist sofortiges Handeln angesagt. Aber auch, wenn Sie sich schon einen ausreichenden finanziellen Spielraum geschaffen haben, sollten Sie die Gelegenheit nutzen, um mit dem einfach umzusetzenden 5-Punkte-Programm Ihre erarbeitete Position zu sichern und Ihre Ertragskraft zu stärken.

Schritt 1: Trennen Sie Privat- und Geschäftskonto

Sollten Sie bisher private Ausgaben über betriebliche Konten laufen lassen oder umgekehrt, stoppen Sie dies sofort. Eine klare Trennung Ihrer privaten und geschäftlichen Konten strukturiert Ihren Zahlungsverkehr und bildet die Ausgangsbasis für Liquiditätsplanung und Vermögensbildung. Führen Sie beide Konten unbedingt bei unterschiedlichen Banken. So bilden Sie mit einfachen Mitteln eine Brandschutzmauer, um unerwartete Zugriffe Dritter auf Ihre Gelder abzuwehren. Außerdem stellen Sie sicher, dass Sie und Ihre Familie im Falle einer Kontensperrung trotzdem nicht hungern müssen. Wenn Sie Gemeinschaftskonten mit Ihrem Lebensgefährten unterhalten, trennen Sie auch diese. Sie können Ihrem Partner – und er Ihnen – ja eine Vollmacht auf das jeweilige Konto des anderen einräumen. So ersparen Sie Ihrem Partner langwierige Prozesse und das Risiko, plötzlich um seine Einnahmen gebracht worden zu sein. Führen Sie diese Trennung sofort durch! Bedenken Sie, dass Ihr wirtschaftliches Überleben davon abhängen könnte, ob die Konten und Zahlungsströme klar verschiedenen Eigentümern zuzuordnen sind.

Schritt 2: Bezahlen Sie sich selbst zuerst

Wirklich erfolgreich sind Sie als Selbstständiger nur dann, wenn Sie so viel verdienen, als wären Sie angestellt und darüber hinaus noch ein Gewinn zur Risikoabdeckung übrig bleibt. Überschlagen Sie nun, wie viel Sie als Angestellter pro Monat verdienen würden. Dieser Betrag ist Ihr fiktiver Unternehmerlohn. Falls Sie sich noch in der Anlaufphase befinden, können Sie mit sich auch ein niedrigeres Entgelt vereinbaren. Aber dann sollten Sie es jedes Jahr so weit es geht anheben, bis Sie das Marktniveau erreicht haben. 90 % Ihres Unternehmerlohns buchen Sie auf Ihr neues Privatkonto. Damit haben Sie zukünftig (wieder) die gleiche Ausgabenkontrolle wie jeder Angestellter. Dieses Geld haben Sie sich verdient – aber mehr steht Ihnen für Ihre Privatausgaben inklusive Krankenkasse, Versicherungen und der Bedienung privater Kredite nicht zur Verfügung. Sollten Sie damit nicht auskommen, müssen Sie Ihre Privatausgaben einschränken. Gleichzeitig setzen Sie sich mit den monatlichen Abbuchungen unter Erfolgsdruck. Von nun an müssen Sie Monat für Monat Ihre betrieblichen Ausgaben und Ihren Unternehmerlohn erwirtschaften, sonst rutscht Ihr Konto ins Minus. Mit einem einzigen Dauerauftrag planen Sie automatisch Ihren Mindestumsatz und budgetieren gleichzeitig Ihre Privatausgaben.

Schritt 3: Erweitern Sie Ihren finanziellen Spielraum

In Krisenzeiten liegt der Schlüssel zum Erfolg in Ihrer Zahlungsfähigkeit. Denn mit gefesselten Füßen können Sie keinen Hundert-Meter-Lauf gewinnen. Jede Maßnahme kostet Geld. Selbst, wenn Sie "nur" Forderungen eintreiben, mit Kreditgebern verhandeln oder neue Aufträge akquirieren, fallen möglicherweise Reisekosten an. Außerdem müssen Sie in Krisenzeiten Ihre Aufmerksamkeit zu 150 % auf neue Projekte konzentrieren und dürfen nicht durch die Suche nach alternativen Einnahmequellen zur Absicherung Ihrer Familie abgelenkt werden. Schlimmstenfalls fällt Ihr Betrieb zeitweise als Einnahmequelle aus. Um dennoch zu überleben und weiter handlungsfähig zu bleiben, müssen Sie vorher ausreichend Reserven aufbauen.

Erstellen Sie deshalb eine Liste mit Ihren privaten Ausgaben und ermitteln, wie viel Geld Sie und Ihre Familie pro Monat benötigen, ohne den Lebensstandard wesentlich einzuschränken. Gehen Sie dazu die Kontoauszüge eines Jahres durch, addieren alle Ausgaben und teilen das Ergebnis durch zwölf. Dieser Betrag ist die Basis zur Ermittlung Ihrer privaten Liquiditätsreserve. Sie sollten mindestens neun Monate ohne Entnahmen aus dem eigenen Unternehmen überleben können. Denn Not macht erfinderisch, es könnte also sein, dass ein Gläubiger den Weg zur Ihren privaten Konten findet. Halten Sie deshalb einen Teil der Reserve in bar vor. Wer wirklich auf Nummer sicher gehen möchte, wendet die 6 + 3 Regel an. D.h. sechs Monatsreserven auf einem Tagesgeldkonto und drei Monatsreserven in bar vorrätig zu halten. Ergänzt wird diese Reserve durch mindestens eine private Kreditkarte. Mit dieser bleiben Sie im Zweifelsfall beweglich, können Flüge buchen, Hotels und Mietwagen nutzen, auch wenn das Portemonnaie gerade leer ist.

Eröffnen Sie also ein Anlagekonto mit täglicher Verfügbarkeit bei einer Direktbank. Sie erhalten dort angemessene Verzinsung, niedrige Kontogebühren und haben 24 Stunden am Tag Zugriff auf die Gelder. Richten Sie von Ihrem Geschäftskonto einen Dauerauftrag ein, mit dem Sie jeweils am Anfang eines Monats mindestens 10 % Ihres Unternehmerlohns übertragen. Zusätzlich mieten Sie sich ein Bankschließfach oder kaufen sich einen Tresor. Wenn Sie zukünftig Bargeld abheben, legen Sie sofort danach ein Fünftel dieses Betrags für Ihre Barreserve beiseite. Heben Sie aber nicht von vorneherein mehr ab, sondern arbeiten Sie daran, sich diese Reserve von den laufenden Ausgaben abzusparen.

An dieser Stelle kommt im Coaching immer wieder der Einwand: "Natürlich leuchtet mir das Vorgehen ein, aber woher soll ich die vielen zusätzlichen Gelder zum Aufbau der Reserven nehmen?". Natürlich ist dieser Einwand berechtigt, aber die Erfahrung zeigt, dass in jedem Betrieb versteckte finanzielle Ressourcen schlummern. Tipps, wie auch Sie Ihren Geldfluss ausbauen und die weiteren Schritte des 5-Punkte-Programms lesen Sie im zweiten Teil "Finanzen erfolgreich organisieren".

 

Als Geschäftsführer einer Betriebsberatung unterstützt Gerhard Gieschen Freiberufler, Selbstständige und Unternehmer bei der Optimierung ihrer betrieblichen Ressourcen und der Steigerung ihrer Gewinne. Seine Erfahrungen gibt er auch als Buchautor wieder, u.a. in seinem aktuellen Ratgeber " Erfolgreich ohne Chef" .

Gerhard Gieschen behält sich alle Rechte am Artikel vor. © 2006